Beklemmung im Steilwald


Du bist allein im Steilwald des Mattenbannes, und es ist – nein, es ist nicht totenstill. Im Gegenteil! Der Fallenbach tobt und tost, dass es dir Angst macht. Als du gestartet bist, war der Himmel düster, aber es regnete nicht. Nun schüttet es. Mulmig ist dir auch, weil du kurz vorher an zwei Gedenktafeln vorbeigekommen bist für Leute, die in der Umgebung verunglückten: «Wanderer, bete ein Vater unser!»

Begonnen hat die Wanderung anderthalb Stunden zuvor am Bahnhof Brunnen: Als erstes Ziel setzt du dir den Gätterlipass; via Wylenstrasse zottelst du auf das Rigimassiv zu, das mit seinen Zacken droht. Die Hochfluh ragt vor dir auf wie Lord Voldemorts Burg. Du querst auf einer alten Holzbrücke die Muota und bist nun am Fuss des Hanges. Da steht ein Wanderwegweiser. Du biegst ein in die Urmibergstrasse Richtung Gätterli und Bärfallen.

Brutale Heimatliebe

Auf der Strasse, später auf einem Pfad gewinnst du Höhe. Du betrachtest dabei all die Kräne und Visiere und das Siedlungsgewucher in der Ebene von Brunnen. Und du denkst, dass die Schwyzer als heimatliebend in gesteigertem Masse gelten und doch ihren Boden in aller Brutalität verbauen. Weiter oben wird es besser. Der verdunstete Vierwaldstättersee beginnt zu dominieren und sein südlicher Arm, der Urnersee. Und gegenüber hast du Seelisberg mit dem Niederbauen. Deine Augen schwelgen.

Doch nun setzt heftig der Regen ein. Gut, bist du unter dem Dach der Bäume. Durch den Mattenbann hältst du Richtung Bärfallen, bis du den lärmenden Fallenbach überschritten hast. Die neue Holzbrücke leuchtet im dunklen Wald und sieht aus, als würde sie der Bach bald wegreissen. Das reissende Gewässer ist eine Art Dachkännel der Natur, das Geschiebe rechts und links zeugt von Jähzorn. Sofort nach dem Bach nimmst du den Steig rechts aufwärts. Die Tritte sind hoch. Du gehst langsam, hältst dich am Seil, kommst einmal aus dem Wald, passierst ein verwunschenes Ferienhaus. Dann wieder Wald und vermooste Findlinge.

Die Erleichterung danach

Und endlich bist du oben auf der Egg. Da steht eine Alphütte mit Milchgeschirr vor der Tür, du atmest auf. Nun siehst du hinab zum Lauerzersee, machst weit vorne links die Silhouette der Rigi mit der Antenne aus, hast die Hochfluh ganz nah. Und das Gehen wird dir leicht. Das Wegstück zum Gätterlipass führt durch sumpfiges Gelände. Auf dem Pass ist die Wirtschaft zu. Nass glänzen die Holzbänke. Du rastest kurz, trinkst etwas, bist stolz und froh, die Gefahrenpassage im Wald gemeistert zu haben.

Nun willst du hinunter nach Gersau. Und es kommt als Geschenk, dass du bald nach dem Gätterlipass bei der Talstation der Burggeist-Seilbahn die Bauernwirtschaft «Obergschwend» offen vorfindest. Die Wirtsfrau ist freundlich, und das Schweinsgeschnetzelte mundet. Und als du später weiterziehst, hat der Regen aufgehört; der Rest des Abstieges ist Freude. Ein abschüssiger Pfad führt dem Teuffibach entlang, der mit Wasserfällen und Nagefluhwänden nicht geizt. Dutzende Kinder keuchen dir auf dem Weg zum Ferienlager entgegen und fluchen auf ihren Lehrer.

Endlich bist du in Gersau. Es war eine tolle Wanderung. Auf dem Schiff nach Brunnen denkst du allerdings, den Hang deiner Beklemmung ein letzes Mal musternd, dass dies keine Tour war, die man alleine im Regen machen sollte.

Route: Bahnhof Brunnen – Wylenstrasse – Holzbrücke über die Muota – Urmibergstrasse Richtung Bärfallen – Fallenbach-Brücke – Egg – Gätterlipass – Obergschwend – Rotzingel – Gersau.

Karte: Landeskarte 1: 25 000 Nr. 1151 «Rigi» und 1171 Rigi «Beckenried».

Gehzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: Je 850 Meter auf- und abwärts.

Einkehr: Gätterlipass, Mo und Fr zu, ansonsten offen bei gutem Wetter. Obergschwend, Ruhetag Do. Am Freitag ab 12 offen.

Charakter: Anstrengende Bergwanderung. Auf- und abwärts sehr steile Passagen. Trittsicherheit vonnöten.

Höhepunkte: Der stille Mattenbann, tief unten der See. Die Annäherung an die Rigi-Hochfluh. Der steile Steig dem gezähmten Teuffibach entlang zum Schluss.

Tipp: Von Gersau mit dem Schiff heim – das ideale Supplément zur Wanderung.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag: www.echtzeit.ch.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com .

15 Kommentare zu «Beklemmung im Steilwald»

  • Otto Liebschitz sagt:

    Danke für die Beizentipps. Die sind dort ja urgemütlich und die Aussicht unschlagbar. Aber wenn die Bahn immer noch nicht da hoch fährt, muss ich wohl doch selber hinaufsteigen.

  • Zünd sagt:

    Die Schweizer sind eben nicht nur heimatliebend, sie mögen auch das Geld. Und müssen sie zwischen Heimat und Stutz wählen, haben sie sich noch stets für das letztere entschieden. So einfach ist das.

  • wandermüller sagt:

    tönt gut, aber lord voldemort hatte im fall keine burg :-) google würde jetzt schreiben „meinten sie: sauron“ sorry, off theme

  • Pedro sagt:

    Schön und direkt geschriebener Wanderbeschrieb. Leicht zu lesen. Nun, sooo gefährlich ist die Wanderung nicht. Bei trockenem Wetter alledings, und wenn man ausgerüstet ist und gut bei Kräften. Das alles trifft bei Herrn Widmer sicher zu. Ein kleiner Schönheitsfehler hat der Bericht. Er trichtert dem geneigten Leser nicht ins Gehirn, dass man (auch auf dem Rigimassiv) nie und nimmer alleine unterwegs sein sollte. Viele „gestandene“ Bergsteiger sind es eben doch. Schade. Denn zu zweit sind Beklemmungen im Steilwald Nebensache. Und froh, heil am Ziel anzukommen ist man immer und jedesmal.

    • Thomas Widmer sagt:

      Lieber Pedro, du hast schon recht. War mir des Problems beim Schreiben auch bewusst – aber hey, ehrlich, manchmal geht man dann halt spontan los, und niemand will mit. Schlau ist es nicht, passiert halt dann und wann.

  • Andrew Gamma sagt:

    Danke für den Beitrag. Auf jeden Fall lohnt sich ein kurzer Abstecher zur Bärfallen. Von der Holzbrücke über den Fallenbach sind noch gut fünf Minuten zu gehen. Mit etwas Glück wird man in diser Oase der Ruhe über dem Vierwaldstättersee auch noch toll bewirtet.

  • Antoni Stankiewicz sagt:

    Ebenso eindrücklich, schön und „mulmig“-gefährlich bei feuchten Verhältnissen sind einzelne Abschnitte der Strada Alta zwischen Airolo und Biasca, sie empfiehlt sich nur bei trockenem Wetter. In den Wanderführern werden diese Gefahren nicht erwähnt. Unbedingt ein gut geladenes Handy dabei haben! Am besten mit GPS, um sich selbst und anzufordernde Hilfe bei einem Unfall besser lokalisieren zu können.

    • Adam Gretener sagt:

      Genau das. Man weiss, es ist gefährlich. Aber easy, wir nehmen ein Handy mit und wenn wir müde sind, rufen wir die Rega. Kostet ja nur 80 Stutz im Jahr. Ich kann da echt nur den Kopf schütteln. Gehen Sie mal mit den Bergrettern mit, Frau Stankiewicz, wenn sie leichen Bergen müssen. Total lustig, auch ohne GPS und Handy…

      • Cindy Rost sagt:

        Frau Stankiewicz schreibt doch gar nichts von der Rega. Man sollte sich die heutige Technik zu Nutze machen und diese im Ernstfall auch zu nutzen. Je schneller man geortet wird, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit als Leiche geborgen werden zu müssen. Da im Wanderführer anscheinend nichts steht, könnte es schnell mal passieren, das jemand ausrutscht und verunglückt. Daher finde ich Ihren Beitrag wesentlich wertvoller als Ihren Herr Gretener.

  • Patricia Galli sagt:

    Dieser Beitrag ist wieder einmal ein angenehm wohltuender Kontrast zu manch anderen Outdoor Beiträgen im Namen des Kampfes, dem Kapmf gegen den inneren Schweinehund, dem Kampf gegen das Übergewicht, dem Kampf um jugendlliche Schöhneit, den Streit mit den Hündelern, störende Wanderer auf Wanderwegen die zu Biketrails gemacht werden (obwohl sich die Mountainbiker weder an Erstellung noch Pflege der Wege beteiligen), anonyme Biker die in Selbstjustiz Veloverbotstafeln abmontieren … einfach schön wenn man wie bei diesem Beitrag wieder einmal unbeschwert in Gedanken in die Natur eintauchen kann, auch wenn man gerade nicht draussen sein kann.

    • Jakko sagt:

      Dem kann ich einfach nur aus vollem Herzen beipflichten.

      • daniel sagt:

        ich kann nur zu zeile 1 beipflichten, ab zeile 2 ist es pure polemik ;-(
        btw: ich war heute grad im nationalpark wandern, genial ;-)

        • Karl sagt:

          pure Polemik? – nein, es ist der Stil der selbsgerechten Outdoor-Publizisten! War gestern im Engadin – massenhaft Mountainbiker. Wenn die doch vielleicht kurz mal ihre Veloglocke ertönen lassen würden, wenn sie einen sehen – „Ping!“ – statt mit bloss 10 cm Abstand neben einem runter zu rasen – dann hätte man als Wanderer noch die Möglichkeit, sich auf die Situation einzurichten und einen, zwei Schritte zur Seite zu gehen. Und übrigens: bei älteren Leuten hilft nur abbremsen oder warten – die hören meist auch die Veloglocke nicht mehr.

          PS: im Nationalpark wandern? Wohl nur zwangsweise weil dort biken verboten ist! :-D

          • daniel sagt:

            mein sportprogramm besteht in etwa aus 40% Berglauf, 20% Wandern, 20% Biken (vornehmlich mutterseelenallein im Jura) und 20% Schwimmen. Bergbiker bin ich nicht, ist mir zu heiss. Bikerhorden und rasende Biker auf Wanderwegen finde ich besch… aber auch nicht angeleinte Hundegruppen auf Radwegen oder Wanderer die mich als Läufer mit Stöcken zu Fall bringen. Zu 99% habe ich es aber mit friedliebenden Mitmenschen zu tun, man grüsst sich und ist anständig zu einander. Für die restlichen 1% Griesgramen übe ich mich in Zen ;-)

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.