Zum schönsten Flecken der Schweiz


Der Erfolg der Wanderung über die Fuorcla Crap Alv hängt vor allem davon ab, dass man im Albula-Bahntunnel vor Spinas den «Halt auf Verlangen»-Knopf drückt. Der Rest des Tages birgt kaum Probleme, wenn man vom steilen Aufstieg zur Fuorcla absieht.

Okay, der Zug hält in Spinas. Man ist im Oberengadin. Die Idee ist nun, die Strecke, die man von Preda her fuhr, zurückzulaufen. Natürlich nicht durch den Tunnel! Sondern eben über den Berg. Der Beginn ist die Idealform leichten Wanderns. Neben dem Pfad ins Val Bever hinein schäumt, sprudelt, spritzt der Beverin dem Inn entgegen. Am Horizont türmen sich Felsbastionen: Der Baumbewuchs ist auf 1800, 1900 Metern spärlich, die Berghänge gegen oben nackt, der Blick gleitet immer wieder zum Firmament.

Natursofas und pfützengrosse Seelein

Bei Palüd Marscha zweigt man rechts in den Hang, hat jetzt den Steig zum Pass vor Augen. Zeitweise ist die Halde steil, aber wirklich ausgesetzt geht man nicht. Mit jedem Meter hat man mehr Sicht auf das Val Bever, das immer tiefer unten zurückbleibt. So schraubt man sich in Freud und Leid hoch. Ein Ereignis für sich: die Flora. Es gedeihen an besonnter Lage Schwarzer Männertreu, Alpen-Aster, Schwefel-Anemone und… Okay, ich gebs zu, diese Namen habe ich aus einem schlauen Buch abgeschrieben. Ich bin kein Pflanzen- und Blumenkenner.

Schliesslich am Ende einer mit Wildgras und Moos gepolsterten Geröllrinne, einem Natursofa für die Rast, die Fuorcla Crap Alv. Auf einen Schlag hat man eine neue Sicht gegen Norden, auf den Piz Üertsch und den Piz Muot und andere. Unter Werweissen verläuft daher der Abstieg. Man hält immer wieder an, zückt die Karte, rätselt: Was das wohl für ein Zacken ist? Einer ist klar identifizierbar. Die erste Terrasse unter dem Pass ist mit Seelein bestückt, drei, vier, fünf, je nachdem, was schon als Seelein zählt und was noch als Pfütze. Sie heissen in ihrer Gesamtheit Crap Alv Laiets. Der sie überragende Spitz hat schon fast Matterhornqualität und trägt laut Karte den Namen «Ils Dschimels».

Die Eleganz der Schleifen

Später erscheint die Albulastrasse. Es ist immer wieder faszinierend: Strassen im Flachland sind nur Strassen. Hingegen sind Strassen in den Bergen Kunst. Diese Eleganz der Schleifen! Unterhalb der Autopiste warten wieder zwei Seelein, die freilich am Verlanden sind. Dann erneut die Passstrasse mit einem Gebäude. Das ist die Alp Weissenstein, wie «Crap Alv» auf Deutsch heisst, eine ETH-Station zur Erforschung von Nutztieren.

Der nächste See, wieder eine Ebene tiefer, ist der wichtigste und grösste der Wanderung und berühmt. Der Lai da Palpuogna samt Ambiente wurde 2007 vom Schweizer Fernsehen kraft einer Umfrage zum «schönsten Flecken der Schweiz» erkoren. Zwei weitere Dinge sind zu ihm zu sagen. Erstens hat der Palpuognasee am Grund viele Krater, aus denen Erdgas austritt. Und zweitens verfügt er über einen doppelten Boden, dazwischen befindet sich eine unterirdische Seekammer.

Bald erreicht man nun die Station von Preda, wo man vor ein paar Stunden in den Albulatunnel eintauchte. Schon interessant: Die Sechs-Minuten-Fahrt durch den Tunnel bietet nur Schwärze. Für die gleiche Strecke über den Berg benötigt man mehrere Stunden, kriegt dafür eine Grossportion Schönheit serviert. Über Schnelligkeit und Langsamkeit räsonniert es sich im Preda-Kulm beim Bahnhof über einem Bier vorzüglich.

Route: Station Spinas – Val Bever bis Abzweiger Palüd Marscha – Fuorcla Crap Alv – Crap Alv Laiets – Crap Alv/Weissenstein – Palpuognasee – Preda.
Wichtig: Für die Zugstation Spinas gilt Halt auf Verlangen!

Gehzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 650 Meter aufwärts, 700 abwärts.

Einkehr: Am Schluss im Preda-Kulm.

Charakter: Mittelstrenge Bergwanderung. Viel Abwechslung für Auge und Gemüt mit berühmten Bergen, namenlosen Geröllhalden und träumenden Seelein.

Höhepunkte: Einer folgt dem anderen: Das idyllische Val Bever. Der gewaltige Piz Nair. Die, je nach Zählung, fünf bis zehn Bergseelein. Die Schönheit der Albulastrasse.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag: www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

12 Kommentare zu «Zum schönsten Flecken der Schweiz»

  • Feuerstein sagt:

    Sehr schön geschrieben.
    Bitte mehr davon!

  • Thomas Heiniger sagt:

    Lieber Herr Widmer, es ist in der Tat eine sehr schöne Wanderung! Besten Dank für den Tipp.

    Der Aufstieg hat es aber in sich! Ist wohl gerade für etwas ältere Semester nicht zu unterschätzen.

  • lieber Herr Widmer,habe am 5.Juli diese Wanderung von Preda bis Samedan gemacht schade haben wir uns bei der schönen Bergwiese nicht getroffen haben hätte Ihnen gerne noch ein paar Blumen mit Namen gezeigt. Es ist eine wunderschöne Wanderung.

  • Per sagt:

    Sehr schöner Bericht. Und, ja Franz, da gibt es vor allem Steine.
    War letztes Jahr in der Schweiz und habe ne Menge fotografiert und gerade bei einem Fotowettbewerb mitgemacht. Kann ich nur empfehlen. Vor allem wenn man in der Schweiz ist und sowieso einen Wasserfall in der Nähe hat.
    http://www.aquavia.ch/de/index.htm

  • Franz Oettli sagt:

    ja das Val Bever ist wirklich sehr schön. Obwohl wir damals mit viel Material und unter strenger Führung unterwegs waren, ist mir die Militärzeit dort in guter Erinnerung geblieben. Steine gab’s und wenig Brot.

  • Nicht zu vergessen, ist der Lai da Palpuogna auch der Schauplatz des neuen Mystery Thrillers Biwak der letzten Herbst innerhalb von zwei Wochen gedreht wurde :-)

  • Werner Holliger sagt:

    Eine tolle Wanderung wird hier beschrieben – und für aufmerksame Naturbeobachter gibts dort noch viel mehr zu sehen, beispielsweise kann man dort in der Regel Steinwild en gros und auch den Steinadler antreffen. Also, Feldstecher eingepackt und vielleicht noch das eine oder andere zusätzliche Viertelstündchen zur Wanderzeit hinzu rechnen. Ein kleines Detail: Beim Spitz mit beinahe Matterhornqualität handelt es sich um einen markanten Doppelgipfel, daher auch der Name, welche auf deutsch „die Zwillinge“ bedeutet.

  • Rosmarie Knuchel sagt:

    Ich lese Ihre Wandererlebnisse jede Woche im Tagi. Heute haben Sie erwähnt, dass Sie die Blumen nur aus einem Buch kennen. Schade!! das Tüpfli auf dem i fehlt! Das Wissen über die Wildpflanzen und Raritäten in der Schweiz ist so etwas von interessant!! Kaufen Sie sich die Bibel:“Flora Helvetica“. Sie werden begeistert sein!

  • Ein wunderbares und unvergessliches Bahnerlebnis geniessen diejenigen Gäste, welche nach dem Preda-Stop nochmals in die Rhätische Bahn steigen und runter nach Bergün fahren (1/2-stündige Bahnfahrt). Die Fahrt durch die zahlreichen Kehrtunnels und über Brücken & Viadukte, pendelnd zwischen den beiden Bergflanken, muss man gemacht haben.
    In Bergün würde ich dann zu einer Übernachtung im «Kurhaus Bergün», einem 100-jährigen Jungendstil-Hoteljuwel, raten. Die beiden aufgeweckten HoteldirektorInnen Maya und Christof Steiner werden sie mit einer Hausführung durch das denkmalpflegerisch grossartig sanierte Haus führen. Im hoteleigenen Restaurant „La Paida“ werden sie diesen Ausflug stimmungsvoll ausklingen lassen können. Geheimtipp: Geniessen sie in der Hotelbar einen Schlummertrunk (eine wahre Augenweide! und eine Stimmung, wie vor 100 Jahren).

    • Thomas Heiniger sagt:

      Interessante Anmerkung. Zu empfehlen ist auch, die Strecke von Preda nach Bergün zu wandern. Die Strecke ist „Bahnlehrpfad“ genannt, schlängelt sich sehr schön unter den Viadukten durch und hat immer wieder Infotafeln mit historischen Daten und Fotos zum Bau der Strecke. Wanderzeit: 2 h. Sehr empfehlenswert.

  • Otto Liebschitz sagt:

    Nicht zu vergessen, sich im Gasthaus Val Bever in Spinas zu stärken. Ein saumässig schöner Biergarten haben die nämlich.

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