Der Bergpieper klingt wie ein Rasensprinkler

Den Kronberg, 1663 Meter hoch und mit einer Seilbahn erschlossen, kennt jeder Durchschnittswanderer. Das nahe Spitzli hingegen, 1520 Meter hoch, ist weitgehend unbekannt. Diese Ungerechtigkeit will meine heutige Kolumne beseitigen. Wir ersteigen beide Gipfel in einer Wanderung und schaffen Wissen. Und dann entscheide jeder selbst, welcher ihm besser gefällt.

Vom Bahnhof Urnäsch müssen wir kurz hinauf ins Dorf, gut so, die schmucken Fassaden wollen beschaut und bewundert werden. Dann der Abgang Richtung Süden, unser erstes Ziel ist die Blattendürren. Wir erreichen sie via Chräg, wo ein Schopf neben dem Altersheim zur Sternwarte umgebaut wurde. Weil die Initiative dazu vom St. Galler Arzt Marcel Baer kam, heisst sie «Grosser Baer». Der Weg führt hernach durch sumpfiges Wiesland mit exquisiten Pflanzen, und ich muss klarstellen, dass das «wir» dieser Kolumne neben mir Mathias und Nicole umfasst. Das Paar teilt eine botanische, biologische und zoologische Leidenschaft, schwärmt speziell für Orchideen. Ich erfahre an unserem Wandertag so einiges, was ich nicht wusste: Ich lerne das Manns-Knabenkraut kennen. Ich höre von der sogenannten Wollgraswiese. Und mir wird beigebracht, dass der Vogel, der wie ein Rasensprinkler klingt, ein Bergpieper ist.

Auf das Spitzli

Dann die Blattendürren, eine Bauernwirtschaft. Wir kehren nicht ein, haben dafür noch nicht genug geleistet. Als Einheimischer bin ich hier oft gewesen, die Blattendürren sei allen empfohlen, sie ist, soweit man das in Zeiten der zwanghaften Dekonstruktion und permanenten Identitätsproblematisierung sagen darf, ein typisches Stück Appenzellerland von den Gästen (viele Bauern und Einheimische) über die Essware (Pantli) bis zum Service (herzlich-persönlich).

Vor uns haben wir nun das Spitzli. Wir gehen an der Grossdürren vorbei, queren ein Töbeli, nehmen danach aber nicht die Direttissima, sondern biegen vorher ab zur Unteren Petersalp. Denn dort hat es gleich bei den Alpgehütten einen Wasserfall, den man sehen muss. Danach steigen wir steil auf zur Alp Spitzli, deren Kanzel Weitblick bietet: Speer, Stockberg, Spicher – angesichts der Bergherrlichkeit sind wir bereit, den Töfflärm von der Schwägalpstrasse zu ignorieren. Kurz darauf, nach eneutem Aufstieg, erreichen wir das Spitzli. Es trägt ein kleines Kreuz aus Metall. Ein Gipfelbuch in einer Gamelle ist da auch, wir tragen uns ein.

Krönender Abschluss auf dem Kronberg

In der Passage zur Hoch Petersalp zeigt sich das Markenzeichen der Gegend: lange, schnurgerade, nackte Nagelfluhbänder; mitten im Grün des Waldes und der Wiesen sind sie von bizarrer Brutalität. Im Übrigen haben wir bisher auf der Wanderung nur einen Menschen gesehen, eine Frau. Plötzlich, zur Dorwees, wird alles anders. Wir sind nun auf einem «Top 12 Wanderweg» von Schweiz Tourismus, und es sind doch einige Leute auf ihm unterwegs. Auf dem Kronberg kehren wir ein, essen, blicken zurück auf unsere Route – und nun müsste das Fazit kommen, dass das einsame Spitzli nach Punkten klar siegt. Aber eine Bergwirtschaft mit Appenzeller Siedwürsten ist auch fein. Auf dem Kronberg wirtet man mit Niveau. Und die Bahnfahrt hinab zum Jakobsbad ist komfortabel. Ich bin geneigt, die Sache unentschieden ausgehen zu lassen.

Route: Urnäsch Bahnhof – Dorf – Chräg – Osteregg – Blattendürren – Untere Petersalp – Alp Spitzli – Spitzli – Hoch Petersalp – Gross-Betten – Nusshalden – Dorwees – Kronberg (Seilbahn hinab zum Jakobsbad)

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1100 Meter aufwärts, 250 abwärts.

Einkehr: Blattendürren, Mi Ruhetag, www. blattenduerren.ch – und auf dem Kronberg, www.kronberg.ch

Charakter: Anstrengend, weit, sichtig, luftig, lustig. Abwechslungsreiche Appenzellerei.

Höhepunkte: Die Bauernwirtschaft Blattendürren. Das einsame Spitzli. Die Nagelfluh-Bänder in der Umgebung. Das Gipfelfeeling auf dem Kronberg.

Bergpieper: Die Vogelwarte Sempach liefert zu jedem Vogel ein Audiofile mit O-Ton.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag: www.echtzeit.ch.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

1 Kommentar zu «Der Bergpieper klingt wie ein Rasensprinkler»

  • Karin Gut sagt:

    Ich verstehe nicht, wieso sich die Biker anmassen, den Ferienorten die anderen Gäste zu vergraulen, eigentlich müssten die Biker für die grosszügigen Geschenke dankbar sein. Ein Wanderer zahlt z.B. für die Bergfahrt Flims – Naraus 21 Fr. Und Biker+Bike? 2 belegte Plätze = 42 Fr.? Nein, Tageskarte 37 Fr.! Für gerade einmal 14 Fr. Aufschlag auf eine Einzelfahrt können Biker das Bike mitnehmen und 3, 5 oder 10 Mal hochfahren.

    Es kommt noch schlimmer: Für die Biker wurde die 8km lange Naraus-Bikeabfahrt eingerichtet. Haben dafür die Wanderer und beim Wandern nun ihre Ruhe? Nein, denn Flims wirbt mit 330km Biketrails. Wo haben sie denn die gebaut? Nicht gebaut, einfach die Biker auf die Wanderwege losgelassen (Wanderwege die teilweise unentgeltlich vom Verein Wanderwege gepflegt werden). Flims und andere Orte dürfen sich dann einfach nicht wundern, wenn nach und nach die Generation 50+ immer mehr fernbleibt.

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