Widmers Wanderfieber

«Jura vom Feinsten. Pferde, Kalkfluhen, mystische Höhen. Und drei Wirtschaften.» Das vermerkte ich letzten August in meinem Routenbüchlein zur Wanderung auf die Wasserfallen. Zusätzlich notierte ich ein subtiles Gruselgefühl. Die Busfahrt von Grellingen zum Startort Nunningen führt durch Seewen. Hier ereignete sich an Pfingsten 1976 in einem Wochenend-Häuschen ein Fünffachmord, der bis heute nicht vollständig geklärt ist.

In Nunningen Post steige ich aus und stelle fest, dass ich meine Mütze vergessen habe. Und es ist jetzt am Vormittag schon heiss. Nun, ein Wanderwidmer lässt sich von so etwas nicht aufhalten. Ich ziehe los Richtung Stierenberg, erfreue mich oberhalb des Dorfes an einem aussichtsreich platzierten Bänkli mit dem gekreuzigten Christus, gerate bald in steilen Wald. Bereits bin ich nicht mehr im Solothurnischen, sondern im Baselbiet.

Welcome to Switzerland

Die Stierenberg-Wirtschaft lasse ich aus, ich will Boden gutmachen, bevor die Sonne noch mehr brennt. Unterdessen wandere ich in einer typischen Jura-Landschaft: sanfte grüne Hügel und viel lichter Wald, aber auch ein paar bösartige Kalkfluhen. Gleich nach Bürten ziehe ich durch eine grasende Pferdeschar. Der Hof Bürten, Zuchtbetrieb und Pferdepension, ist laut historischen Urkunden ein gutes halbes Jahrtausend alt.

Wenig später kommt mir eine multi-ethnische Wanderer-Grossgruppe entgegen. Alles junge Leute, alle sprechen sie Englisch. Das wirkt, als hätte Google Zürich zu einem «Hike in the Swiss Mountains» geladen. Schliesslich erblicke ich vor mir den Kessel unter dem Kamm der Wasserfallen. Vorbei an der Hinteren Wasserfallen, schon wieder einer Wirtschaft, die ich auslasse, weil mein Hunger noch steigerungsfähig ist, halte ich hinab zur Bergstation der Gondel. Dies ist die einzige Bergbahn der Nordwestschweiz. Sie führt auf rührende 928 Meter über Meer, und um sie herum herrscht oft Rummel. Es gibt eine rudimentäre Wirtschaft und einen Waldseilpark, man kann ein Lamatrekking buchen oder mit dem Trottinett zu Tale fahren – und jawohl, ich gebs zu: Wiewohl kein Freund solcher Events, habe ich die Trottifahrt ausprobiert. Sie machte mich mal kurz 40 Jahre jünger, ich war für eine halbe Stunde ein achtjähriger Bub.

Ein Freitag für die Lamas

Beim Wasserfallenhof bin ich wieder allein. Die Lamas auf der Weide dürften die sein, die beim Trekking eingesetzt werden. Offenbar haben sie gerade dienstfrei. Ich freue mich auf die Wirtschaft «Waldweide», denn jetzt bin ich wirklich hungrig und durstig. Aber oh weh, sie ist bis zum letzten Platz besetzt von mit dem Car angereisten Rentnern. Ich ziehe weiter, kaue auf meinem Notriegel herum, trinke laues Leitungswasser von zuhause. Dann das letzte Wegstück: steil hinunter nach Waldenburg. Die Frenke hat einen engen Durchgang in den Jurariegel gesägt. In diesem Schlitz zwischen Richtiflue und Gerstelfluh gründeten die Grafen von Froburg am kürzesten Weg von Basel zum Gotthard ein Städtchen. Es ist mit den Mauern und gepflasterten Gassen, den Brünnen und der Burgruine auf ihrem Felssporn ein atemberaubendes Mittelalternest.

Die Wanderung endet am Bahnhof Waldenburg. Von hier fährt ein Zuckelzüglein nach Liestal. Erst dort, im Baselbieter Kantonshauptort, esse ich. Zuhause stelle ich an mir einen feuerroten Kopf fest, bekomme in der Nacht Fieber, schwitze und friere. Seither habe ich die Mütze nie mehr vergessen.

Route: Nunningen Post – Stierenberg – Ulmet – Grauboden – Bürten – Hintere Wasserfallen – Wasserfallen Bergstation – Waldweide – Richtiflue – Waldenburg Dorf – Waldenburg Bahnhof.

Dauer: viereinhalb Stunden.

Höhendifferenz: 400 Meter auf-, 500 abwärts.

Charakter: Jura-Ambiente. Einige Steilpartien. Doch vor allem Hügelland mit Weitblick, viel Grün und, zur Abwechslung, schroffen Kalkfluhen.

Höhepunkte: Der Blick von der Ulmethöchi. Die Pferde des Bürtenhofs. Das historische Waldenburg an der Engstelle der Hauensteinroute.

Tipp: Von Waldenburg zur Ruine hinauf. Sie ist begehbar, Treppen führen Turmplattform. Einmalige Sicht, Adlerfeeling. Hin und zurück eine Stunde zusätzlich.

Einkehr: Stierenberg, Ruhetage Mo, Di, Mi. www.stierenberg.bretzwil.ch. Hintere Wasserfallen, Mo. www.hinterewasserfallen.ch. Waldweide, Di Mi.

Karte: Praktisch ist die Landes-/Wanderkarte 1: 50 000 «Basel-Laufen-Olten» 5029T.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.
Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

4 Kommentare zu «Widmers Wanderfieber»

  • David sagt:

    Hallo liebes Tagesanzeiger und Outdoor Blog Team, klasse Beiträge habt ihr hier, da steckt wirklich viel Mühe darin, das merkt man dem Ganzen Projekt an :) Weiter so :)

  • A. Müller sagt:

    Ja, und es gibt noch die Beiz auf dem Vogelberg: von Bürten eine Stufe durch den Wald hoch und die nächste Weide ist der Vogelberg. Dort soll es den schönsten Sonnenuntergang vom ganzen Baselbiet geben…
    Lieber Herr Widmer, jetzt muss ich es einfach einmal sagen: I love you! Sie schreiben so launig und liebevoll und amächelig. Wegen Ihnen habe ich vor ein paar Jahren wieder angefangen zu wandern. Ich las damals den Beitrag über Ihre Wanderung durchs Seefeld, und da sagte ich mir: Das will ich mit eigenen Augen sehen! So kam es… Grand Merci für die Anregungen. Und immer gute Heimkehr.

  • Max sagt:

    Die Waldweid ist die beste Beiz auf der Wasserfallen, aber wenn sie voll ist gibts noch die SAC Hütte gleich dahinter. Wir mussten auch schon ausweichen weil auf der Waldweid die Fasnacht immer ernst genommen wird. Wer allerdings Salatsaucen aus der Flasche vom Cash+Carry sucht ist auf der hinteren Wasserfallen gut bedient. Weitersteigen und gleich obendran das Panorama bis in die Berner Alpen bewundern!

  • G. Andreoli sagt:

    Das ‚Zuckelzüglein‘ heisst Waldenburgerbahn (WB) und ist in der Region als Schmalspurbahn sehr bekannt. Ein paar mal im Jahr (oder sicher mindestens einmal) wird die Dampflokomotive eingesetzt.

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