Einer konnte nicht klettern, der andere nicht fliegen

Babu Sunuwar ist ein begnadeter Gleitschirmpilot und Kajakfahrer

Inhaber des Höhenrekords für Gleitschirmpiloten: Babu Sunuwar.

Keine Frage: Jeder, der einen Achttausender besteigt, hat meinen Respekt. Aber die zwanghafte Rekordjagd im Himalaja geht auch auf die Nerven. Eben stieg der erste mit 1,5 Beinen auf einen Gipfel. Ein halbes Bein musste ihm vor einiger Zeit amputiert werden, weil er einen Bergunfall hatte. Insgesamt standen diesen Frühling 680 Personen auf einem Achttausender-Gipfel. Davon 500 auf dem Mount Everest. Die vielen Meldungen und Statisktiken, die ich in den vergangenen Wochen bekommen habe, finde ich langweilig, einfach nur langweilig.

Die spannendste Geschichte dieses Himalaja-Frühlings:

Babu und Lakpa

Zwei Nepalesen fliegen mit dem Gleitschirm 30 Meter über den Everest-Gipfel. Der abenteuerlichste Rekord dieser Himalaja-Saison. Bild: www.appifly.org

Ein einziges Abenteuer habe ich  fasziniert und amüsiert mitverfolgt. Die Protagonisten sind zwei Nepalesen. Einer konnte nicht klettern, der andere nicht fliegen – aber gemeinsam schafften sie es erst auf den Everest, danach flogen sie mit dem Tandem-Gleitschirm hinunter. Aber nicht nur das: Sie flogen sogar 30 Meter über den höchsten Gipfel der Erde, diese Höhe hatte vorher noch nie ein Gleitschirmpilot erreicht.

Ihr Flug dauerte 42 Minuten, er führte durch das Everest-Tal am Nuptse (7861 Meter) und am Ama Dablam (6856 Meter) vorbei, nach 31 Kilometern landeten sie in der Nähe des Sherpa-Dorfs Namche Bazaar auf dem Berg-Flugplatz (3750 Meter).

Noch ist ihr Abenteuer nicht zu Ende: Zu Fuss, per Bike und Duo-Kajak sind sie derzeit unterwegs zum Golf von Bangladesch, sie wollen auf dem Fluss bis zum Meer, obschon einer der beiden noch nie im Leben schwimmen war.

Beim Aufstieg die Sauerstoffflasche verloren

Der 29-jährige Babu Sunuwar ist ein begnadeter Gleitschirmpilot und Kajakfahrer, war aber vorher noch nie richtig Bergsteigen. Sein Partner Lakpa Tshering ist Bergführer und erfolgreicher Gipfelstürmer, hatte davor noch nie etwas mit Gleitschirmfliegen zu tun. Ihre verrückte «Para-Bergsteiger»-Idee kam ihnen spontan, die Kosten decken sie weitgehend aus ihrem bescheidenen Ersparten.

Einzige Komplikation bisher: Beim Aufstieg auf den Everest verlor Gleitschirmpilot Babu auf 7900 Meter Höhe seine Sauerstoffflasche. Damit er weiter steigen konnte, musste ihm Bergführer Lakpa seine geben. Lakpa hatte danach keinen künstlichen Sauerstoff mehr, auch nicht während des Tandem-Flugs. Möglicherweise erklärt das, weshalb er da so lustig singt (siehe Video). Mit ihrem Schirm sind sie auf der Nordseite des Bergs abgehoben, nachdem sie via Nord-Col in neun Stunden auf den Gipfel gelangten und auf der anderen Seite wieder etwas absteigen mussten. Rund eine Stunde haben sie einen geeigneten Startplatz gesucht. Die Wind-Verhältnisse seien weder gut noch schlecht gewesen, rapportierten sie.

Lakpa kann nicht schwimmen, aber er vertraut Babu

Gleitschirmpilot Babu zeigt auch philosophischen Spirit. Auf die Frage, weshalb er vom Everest bis ans Meer wolle, antwortete er: «Es bedeutet mir viel. Von da wo das Wasser kommt, von der höchsten Quelle der Welt, bis dahin, wo sich Wasser vermischt, wo alle Flüsse eins werden mit dem Meer.»

Babu und Lakpa beim Aufstieg auf den Everest. Foto: www.appifly.org

Die zwei Nepalesen sind nicht die ersten, die mit dem Gleitschirm vom Everest hinunterflogen. Aber noch nie ist es jemandem gelungen, den Peak 30 Meter zu überfliegen, und noch nie hat es einen Versuch gegeben, auf dem Luft-, Land- und Wasserweg vom höchsten Gipfel der Erde (8848 Meter) bis auf Meereshöhe abzusteigen. Und obschon Lakpa nicht schwimmen kann, will er das Abenteuer nicht abbrechen. Er vertraue Babu, der auch als Kajak-Führer arbeite.

Babu und Lakpa – sie sind meine ganz persönlichen Helden dieses Himalaja-Bergsteigerfrühlings. Zwei einfache, aber fröhliche Nepalesen, die die Berge und die Natur lieben.

Babu Sunuwar

Fliegen mit Kajak: Babu Sunuwar, begeisterter Gleitschirmpilot und Kajak-Fahrer kombiniert die Sportarten. Vor einem Jahr durchflog er ganz Nepal, 850 Kilometer in 30 Tagen. Seinen zweiten Sohn (4 Monate alt) taufte er «Himalaja». Foto: www.appifly.org

Ihre Meinung interessiert mich.

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11 Kommentare zu «Einer konnte nicht klettern, der andere nicht fliegen»

  • Joachim Adamek sagt:

    Endlich mal wieder ein lesenswerter Bericht, der sich angenehm vom Informationsmüll unserer Tage abhebt. Babu und Lakpa, zwei “Nobodies im global Ranking”, zeigen, was man mit wenigen Mitteln erreichen kann. Trotz leerer Taschen vom Dach der Welt zum Golf von Bengalen! Einfach grossartig.
    Ich musste beim Lesen mehr als einmal schmunzeln, erst recht als ich dieses eine Foto sah: Mit dem Kajak durch die Lüfte! Das nenne ich Mut, Einfallsreichtum und Zuversicht. Vielleicht sollten wir Europäer, die wir immer wieder unter der Last des Fortschritts ächzen, uns die beiden ab und an zum Vorbild nehmen. Dann nämlich, wenn uns die Phantasie auszugehen droht.
    Übrigens: Auch im Sommer bleibt der Alpin-Blog meine Lieblingskolumne.

  • Hans Müller sagt:

    Interessant, in der Tat. Am meisten würde mich interessieren wie eine am Gleitschirm befestigte Kamera im Flug um die beiden Gleitschirmflieger herumfliegen kann. Zuerst von vorne rechts und am Ende von hinten links…

    • Lorrenz sagt:

      Na ja, man sieht doch ziemlich deutlich, wie der hintere Mann die Kamera (an einem Teleskopstock befestigt) hält. Und den Handwechsel von vorne rechts nach hinten links siehr man doch auch sehr deutlich.

  • rolf huber sagt:

    gratuliere den zwei! das ist doch einfach traumhaft und braucht noch viel auf dieser höhe überhaupt wegzukommen (e. erfa)
    es muss wunderbar sein die 5000 höhenmeter zu „vernichten“ und erst noch sehr angenehm runterzukommen – wir haben dabei auch oft gesungen ;) vor freude und dankbarkeit

  • Anita sagt:

    Bemerkenswert – vorallem mit kleinstem Budget und keinen grossen Sponsoren. Eben der Leidenschaft zuliebe…

  • Marcel sagt:

    „diese Höhe hatte vorher noch nie ein Gleitschirmpilot erreicht“

    …eine Gleitschirmpilotin aber schon:

    http://www.faz.net/artikel/C30602/ewa-wisnierska-birdy-moechte-bald-wieder-gleitschirm-fliegen-30022011.html

    Ewa war auf knapp 10’000 :-)

    • Martin sagt:

      …bei ihr wars aber nicht ganz absichtlich und kontrolliert. ausserdem hat sie ab ca. 6000m nichts mehr mitbekommen

  • erich meier sagt:

    Einfach wundervoll, dieser Idealismus und diese Leistungsbereitschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass man das in Zukunft auch bei uns tun kann, dass die Natur offen bleibt für alle. Beim gegenwärtigen Trend, Sportler aus immer mehr Naturschutzgebieten und Nationalparks hinauszuschützen, ist das alles andere als selbstverständlich.

    • Dani sagt:

      Klar und alles nur für ein paar egozentrische Sportler! Genau diese Typen erfordern mehr gesetzliche Regelungen.

      • Daniel de Lange sagt:

        lol, alles was einem nicht passt gleich mit Gesetzen erschlagen! Irgendwie scheint das die neue Trendsportart zu sein. Ich bin da antizyklisch; zuerst mal das Gespräch suchen. Vielleicht hat mein Gegenüber etwas übersehen und lässt er sich umstimmen. Vielleicht liege auch ich daneben und muss meine Meinung anpassen. Und sonst müssen wir halt schauen das wir mit verschiedene Meinungen leben können. Aber gleich die Gesetzeskeule schwingen oder meinen, nur ich habe recht ist vielleicht populär aber meiner Meinung nach nicht richtig.

        Und zum Video: Der singt ja wirklich lustig :-)

  • Loïc sagt:

    Das ist doch Teamgeist. Bemerkenswert.

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