Ubos Finale

Kürzlich bestieg ich das Schnebelhorn, um dort meinen Steuerberater zu treffen. Vor dem Start kehrte ich im Toggenburger Dörflein Libingen mit meinen Wanderfreunden Liliane und Rainer noch kurz ein. Ein riesiger Spitzbub schmückt die Aussenfassade der Bäckereiwirtschaft Rössli. Die Freundlichkeit des Service und die Qualität der Süssware versöhnten mich damit, dass grinsende Süssigkeiten im Monsterformat unheimlich sind. Stephen King im St. Gallischen.

Wir wählten dann die Route via Schindelegg und -berg. Sie führte zu einer lauschigen Lourdesgrotte mit Bethaus, bei deren Entstehung 1887 Libingens Seelsorger Johann Künzle mitwirkte, später berühmt als «Kräuterpfarrer». Danach kam formidables Wanderterrain: abenteuerliche Geländerippen, duftende Blumen, schattenspendender Wald und Hügel sonder Zahl. Am Gasthaus Schindelberg zogen wir vorbei, rasteten erst auf dem Schnebelhorn, dem ungemein aussichtsreichen höchsten Punkt des Kantons Zürich.

Mit der Systematik eines Steuerexperten

Vor dem Gipfelkreuz übte sich Liliane im Planking, der per Internet um die Welt gerasten Trendhandlung. Die Hände an den Körper gelegt wie Simi Ammann im Flug, legte sie sich bäuchlings auf den Grenzstein zwischen St. Gallen und Zürich und schien über dem Horizont zu schweben.

In der Wirtschaft Tierhag unter dem Gipfel fanden wir kurz darauf Urs «Ubo» Bosshard (58), den Mann, der mir die Steuererklärung besorgt. Und jetzt muss ich ausholen: Als ich Ubo im Frühling bei ihm zuhause in Zürich die Steuerunterlagen vorbeibrachte, da zeigte er mir seine vier Wanderkarten des Kantons. Die unzähligen, ein feines Netz bildenden Wege waren sämtlich mit Stabilomarker überstrichen. Ubo hatte sie alle abgewandert. Bis auf zwei kleine Stücke unter dem Schnebelhorn, die vom Stabilo unberührt waren.

Wiederum hat dieses Unterfangen eine Vorgeschichte: Epilepsie-bedingt 1992 aus dem Erwerbsprozess ausgeschieden, bekam Ubo, gelernter Tiefbauzeichner, eine IV-Rente. Er kämpfte sich aber wieder hoch, wandelte sich zum, wie er es nennt, «Allrounder», füllt heute unter anderem Steuererklärungen aus und wirkt als privater Beistand. Zur Zeit der Krankheitskrise begann er zudem systematisch zu wandern. Er schritt vorerst die Stadt Zürich ab, Strasse für Strasse, Weg für Weg. Und anschliessend machte er sich an die kantonalen Wanderwege. Nach 12 Jahren waren gegen 4000 Kilometer gewandert, war auch dieses Projekt beendet.

Das grosse Finale

Bis auf die zwei erwähnten Wegstücke. Unser Wandertag ist der Tag von Ubos Finale. Mit seiner Lebensgefährtin Myrta absolviert er an diesem Tag die fehlenden zwei Kurzstrecken – ein Vorgang so feierlich wie ein Tunneldurchstich. Zusammen steigen wir ab via Sennhütte Strahlegg zur Bachscheidi und erreichen bei der Tössscheidi den Ort, wo Vordere und Hintere Töss sich vereinigen. Was die jugendliche Töss auf den nächsten Kilometern angerichtet hat, ist erregendes Landschaftskino: zehn, zwanzig Meter hohe Nagelfluhwände, wilde Giessen, das Bachbett ein Königreich der herrlichsten Kiesel. Im Winnetou-Setting wandern wir bis zur Ohrüti, sind bald darauf in Steg. Dort stossen wir im Restaurant Bahnhof an. Grossartig Ubo, tolle Leistung, wir gratulieren herzlich!

Route: Libingen Post (Bus ab Bütschwil) – Lourdesgrotte – Schindelegg – Schindelberg – Schnebelhorn – Tierhag – Strahlegg – Bachscheidi – Tössscheidi – Beicher – Chleger – Ohrüti – Bahnhof Steg.

Höhendifferenz: 500 Meter auf-, 600 abwärts.

Einkehr unterwegs: Schindelberg (Mo Ruhetag). Tierhag (Mo, Di). Sennhütte Strahlegg (Mi, Do). Ohrüti (Mi/Do).

Charakter: Anstrengend. Minimale Trittsicherheit nötig. Steile und abschüssige Passagen. Fast die Hälfte im Wald. Abwechslungsreiche, aussichtsreiche Route.

Höhepunkte: Das herzige Libingen am Start. Die Lourdesgrotte. Das Tössbergland und seine wilden Hügel. Die tolle Wirtschaft Tierhag. Das Nagelfluhreich der jungen Töss mit Giessen und hohen Wänden wie bei Winnetou.

Familientipp: Von Steg via Ohrüti bis Bachscheidi kinderwagentaugliche Strecke der jungen Töss entlang. Ab Ohrüti tolle Landschaft, Gelegenheiten zum Brätlen. Hin und zurück gut zweieinhalb Stunden.

Karte: Wanderkarte 1: 50 000 «Rapperswil», 226 T.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag
Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

6 Kommentare zu «Ubos Finale»

  • Brändle Leo sagt:

    Sehr geehrter Herr Widmer

    Herzlichen Dank für die positive und spontane Veröffentlichung unseres Betriebs! Es spornt uns alle an, die Qualität unserer Dienstleistungen laufend zu verbessern. Sollten Sie Libingen wiedereinmal besuchen, dann machen Sie sich bemerkbar, Sie haben eine Gratisverpflegung mit Getränk zu gut. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Spass und Freude auf Ihren Wanderungen und bleiben Sie so wie Sie sind: spontan, kritsch und ehrlich.
    Freundlich grüsst Sie
    Familie Brändle und Personal

  • Ubo sagt:

    Mit dem Auto die (Wander-)Luft verpesten? – unbrauchbar!
    Ubo

  • golinelli beatrice sagt:

    waren sehr begeistert von wanderroute, doch bei der wahl der öffentlichen verkehrsmittel von a nach b zu gelangen, verging unsere freude sehr rasch. nach getaner wanderung müsste man ca 1std37min mit den öv zurück zum auto zurück fahren. schade!!!! und deshalb leider unbrauchbar

  • Alex sagt:

    Zu empfehlen in dieserJahreszeit ist auch, vom Schnebelhorn ins Brüttentobel abzusteigen und dort die seltenen Frauenschüeli (Cypripedium calceolus) zu bestaunen.

  • Peter Don Kleti sagt:

    Landschaftskino an der Töss – wunderbar skizziert.
    Vielen Dank für die Werbung! Und ein Oskar für Sie.

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