«Hast du General?»

Hey, Freunde, nehmt mal den Fuss vom Gaspedal! Das Tessin beginnt nicht erst nach Bellinzona, die Leventina ab Airolo gehört auch dazu. Durchbricht man mal die eigene Routine und hält an, statt durchzubolzen, kann man viel entdecken. Den mit einer Seilbahn erschlossenen Tremorgiosee etwa, der ein Naturwunder ist durch seine kreisrunde Form.

Der kundige Wanderer verbindet den Namen dieses Sees gemeinhin mit zwei Routen. Erstens mit dem Höhenweg hinüber nach Pesciüm über Airolo. Und zweitens ist da der Campolungo-Pass, über den man vom See nach Fusio im Lavizzaratal gelangt. Für beide Wanderungen ist es momentan noch zu früh. Die Pesciüm-Seilbahn startet erst am 18. Juni. Und der Campolungo auf über 2300 Metern ist noch schneebedeckt.

Der beschilderte Steilhang

Aber meine Wanderung ist schon möglich. Sie führt von Rodi hinauf zum Tremorgiosee – und wer jetzt einwirft, dass man zum See hinauf doch die besagte Seilbahn nehmen kann, der hat recht. Und unrecht hat er auch. Der Bahnpassagier bringt sich um einen Steilhang, der meditatives Gehen, Atmen, Schwitzen erlaubt – man setzt Schritt um Schritt und vergisst dabei so vieles. Die südliche Vegetation zieht in ihren Bann. Zudem ist es toll, wie man im Aufstieg allmählich Sicht gewinnt und das Staubecken von Rodi erblickt, wo sie aus der gefassten Kraft des Tremorgiosee-Wassers Strom machen. Imposant ist bei Rodi auch die Klus der Piottinoschlucht, wo einst am Dazio Grande, dem Zollgebäude, die Weggebühr erhoben wurde.

Und was auch für das Begehen der Route spricht: Während im Tessin die Wege doch bisweilen ein wenig, sagen wir, sparsam ausgeschildert sind, ist dieser vorbildlich signalisiert. Von der Post Rodi aus gibt es bis zum Schluss keinen Zweifel. Der Pfad holt zuerst nach Nordwesten, Richtung Fiesso aus, vollzieht eine Spitzkehre, unterquert die Seilbahn, erreicht die Verzweigung von Marcio und führt in der Schlusspartie dem Druckrohr der erwähnten Wasserfassung entlang.

Folge eines Meteoriteneinschlags

Und dann ist man oben. In der Hütte beim See kann man Polenta essen und Wein trinken. Wobei die Tessiner ja mittlerweile wie die Italiener auch langsam auf Bier umschwenken. Am See sind die Einheimischen oft unter sich, denn eben: Die Deutschschweizer rasen unten in der Leventina alle durch. Sie bringen sich um das Spezialvergnügen, die Füsse in den eiskalten See zu tunken, zu dem es übrigens eine interessante Theorie gibt. 1975 begab sich ein Team der ETH Zürich auf Forschungstour zu ihm; seither gibt es die Theorie, das runde Tremorgio-Bassin sei durch einen Meteoriteneinschlag entstanden. Im Quarz sind Deformationen zu beobachten, die auf einen Einschlag in prähistorischer Zeit hinweisen.

Dies bedenkend, fuhr ich gegen Abend wieder hinab ins verschattete Tal. Zwei Fischer, Schnauzbärte beide, gondelten mit mir. Ich fragte, auf ihre geschlossenen Kübel deutend: Pesce? Sie antworteten grimmig: Niente pesce! Keinen einzigen Fisch hatten sie gefangen. Hernach in Rodi durchwühlte ich beim Einsteigen in den Bus meinen Rucksack nach dem GA. «Hast du General?», fragte mich der Fahrer freundlich.

Route: Rodi Post – Marcio – Tremorgiosee (Hütte, Bergstation). Hinab mit der Seilbahn nach Rodi.

Dauer: 2 ½ Stunden.

Höhendifferenz: 900 Meter aufwärts.

Einkehr: In der Tremorgiohütte. Momentan funktioniert nur die italienische Textvariante.

Charakter: Komfortabler Weg durch einen Steilhang, gefahrlos. Meditativ. Immer aussichtsreicher. Mittlere Anstrengung.

Höhepunkte: Die südliche Vegetation. Die Sicht auf die Berge gegenüber im Ritom-Gebiet. Das Staubecken von Rodi und die Piottinoschlucht zu Füssen. Und vor allem der kreisrunde See.

Karte: Es reicht die Kümmerly + Frey 1: 60 000 «Tessin Sopraceneri».

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag
Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Beliebte Blogbeiträge

5 Kommentare zu ««Hast du General?»»

  • Otto Liebschitz sagt:

    Warum hochlaufen, wenn’s eine Bahn hat? Wer fährt, hat mehr Zeit für die Beiz!

  • Manfred Conradin sagt:

    Sehr schöne Aufnahmen. Wir können im Bündnerland ähnliches bieten (s.u.a. Lai da Rims im Val Müstair). Die meisten dieser Seen sind jedoch Dolinensenken/-Seen – – die „Geschichte“ vom Meteor erachte ich als eher unwahrscheinlich.

  • Toni Dubs sagt:

    Da hat Thomas Widmer aber garantiert etwas falsch verstanden – vor 100 Millionen Jahr gab’s die Alpen noch gar nicht. Artikelueberschrift und Bildunterschrift sind sachlich schlicht voellig falsch.

  • Beat sagt:

    Auch Weiterwandern vom Tremorgiosee ist lohnenswert, z.B.: Lago Tremorgio – Lago di Leit – Passo Vanit – Dalpe
    Unser Bildbericht dazu: http://www.freizeitfreunde.ch/blogs/249

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.