Mein Goldschuhtag

Wie doch der Frühling letzte Woche prunkte, mit Blumenwiesen, Vogelgezwitscher, Sonne, 26 Grad und heuenden Bauern – es war eigentlich schon Sommer! Ich fuhr nach Erstfeld, hatte mir rudimentär eine Route zurechtgelegt: vorerst mal aufs Haldi, die Terrasse über Schattdorf. Dort gibt es ein Gasthaus.

Vom Bahnhof Erstfeld ging ich vorbei an der «Milchküche», wie die Bähnler des SBB-Dorfes ihre Kantine nennen, auf der Hauptstrasse retour. Das dauerte wohl zehn Minuten. Nach dem Hotel-Restaurant «Albert» bog ich rechts ein, passierte die planmässig gebauten Häuser der Eisenbahner-Baugenossenschaft «Kolonie», sah Palmen in den Gärten. Dann der Wegweiser zur Strengmatt und – meine Richtung – zum Brandtritt.

Mit Hilfe der heiligen Maria

Das Wort «Tritt» heisst in der Regel, dass man auf seinen Tritt achten muss. Ich geriet tatsächlich in eine steile, von Felsen durchsetzte Waldflanke. Auf einer Plattform direkt über der Neat-Baustelle pausierte ich. Deren Lärm entsprach der Grösse des Werkplatzes. Es folgten wirklich schwierige Stellen. Eine Geröllrunse war zu queren, auf der einen Seite lauerte der Abgrund. Dann die Schlüsselstelle: rechts die Wand, links die Fluh, dazwischen schmal der Pfad. Ich mochte das Geländer und fand die Anrufung der Gottesmutter in einer Nische angebracht: «Hl. Maria, schütze uns Bergwanderer!»

Geschafft! Beim Brand sah ich weit vor mir auf lieblicher Matte das Haldi, erreichte ganz problemlos diese Terrasse mit Sicht auf den Urnersee und die Berge rundum. Im Gasthaus ass ich deftig, Rösti mit Wurst-Fleischsalat. Zu gut war nun meine Gehlaune, um abzubrechen und nach Schattdorf niederzufahren. Die Fortsetzung, formuliert über dem Kaffee, während zwei Meter neben mir ein Güggel permanent krähte, dass ich ihm den Kochtopf wünschte: hinüber nach Spiringen im Schächental.

Auf dem rechten Pfad

«Gammerschwand» stand auf dem Wegweiser, ich landete wieder im Wald. Die Signalisation verwirrte mich, irgendwann war von «Gammerschwand» nicht mehr die Rede, sondern von «Schrannen». Die 25’000er-Karte verschaffte mir Klarheit, wie ich nach Spiringen käme. Man muss zuerst hinab ins Riedertal und über den Bach. Das tat ich und erahnte höher am Hang im dichten Blattwerk die Wallfahrtskapelle des Tals. Eine historische, von Steinmauern gefasste Wiesengasse führte mich zu ihr.

Die Riedertal-Kapelle ist gross, gemessen an der Einsamkeit, in der sie liegt. Aber natürlich macht die Wildheit seiner Natur den Urner bedürftig nach Heiligkeit und Heiligung. Ich verharrte lange. Dann nahm ich auf der Talseite der Kirche den rot-weissen Bergpfad. Der folgende Aufstieg war fast so lang wie der vom Morgen. Auf dem Eggenbergli war ich verwirrt, wo waren die Wegzeichen? Immerhin sah ich in der Tiefe das Schächental und vor mir den Klausenpass, kannte also die Richtung.

Zwei Bauernfrauen erklärten mir den Weg: immer abwärts, von Hof zu Hof. Man könne aber auch, sagten sie, die Seilbahn Eggenbergli – Witterschwand nehmen. Tatsächlich waren da Masten. Ich lief lieber und langte am Ende bei der verschatteten Sägerei «Holzboden» an der Klausenstrasse an. Die Bushaltstelle war öd, doch fehlte mir die Energie, ins nahe Spiringen aufzusteigen. In 15 Minuten würde ohnehin mein Bus kommen. Nun stach mir die Farbe meiner Wanderschuhe ins Auge. Sie hatten, weil ich durch die Maienblumen gegangen war, eine edle Gelb-Patina angenommen – dies war mein Goldschuhtag.

Route: Erstfeld Bahnhof – auf der Hauptstrasse das Dorf hinab und gleich nach dem Hotel «Albert» rechts hinauf; durch die Kolonie, dann Wanderwegweiser – Brandtritt – Brand – Figstuel – Haldi Bergstation – Gammerschwand – Schrannen – Kapelle Riedertal – Eggenbergli – Spiringen Holzboden (Bus).

Dauer: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 1100 Meter auf-, 750 abwärts.

Einkehr unterwegs: Auf dem Haldi. www.berggasthaus-haldi.ch

Bahnen: Zwei Seilbahnen liegen an der Route. Schattdorf – Haldi und Witterschwanden (Schächental, Bushaltstelle) – Eggenbergli. www.seilbahnen-uri.ch

Sicherheit: Das Stück Erstfeld – Brandtritt – Brand ist leicht ausgesetzt und will Trittsicherheit. Kinder muss man im Auge behalten. Bei Nässe ist es zu gefährlich.

Charakter: Abwechslungsreich. Gewaltige Panoramen. Heikel am Anfang. Lieblich in der Mitte. Anstrengend durch den zweiten Aufstieg.

Höhepunkte: Die Neat-Baustelle aus der Vogelschau. Die Anrufung der Muttergottes beim bösen Brandtritt. Die Prachtsterrasse der Haldi-Wirtschaft. Die Kapelle im Riedertal. Die Berge über dem Schächental.

Karte:Hilfreich ist, vor allem für die zweite Etappe Haldi – Holzboden, die 25’000er-Karte 1192 «Schächental».

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

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5 Kommentare zu «Mein Goldschuhtag»

  • Thomas Widmer sagt:

    Lieber Herr Zimmermann. Entschuldigen Sie, ich sehe das erst jetzt. Ich bin skeptisch. Das Wort „ängstlich“ macht es aus. Machen Sie doch besser etwas anderes in der Gegend, zum Beispiel von Bürglen oder Schattdorf aufs Haldi… Herzlichen Gruss, Thomas Widmer.

  • Peter Zimmermann sagt:

    @Thomas Widmer: Ich muss mich den Worten von Herr Küttel anschliessen. Ihre Beschreibung macht gluschtig. So gluschtig, dass ich mich bei der Überlegung ertappt habe, meine Ex-Partnerin und Mutter unserer gemeinsamen Tochter anzurufen und zu fragen ob wir den ‚Spazier‘ zusammen machen wollen. Was mich zu meiner Frage bringt: Ist die Eingangs Ihrer Beschreibung erwähnte Geröllhalde zu gefährlich für ein bald 11jähriges Mädchen? Sie wandert zwar gerne, ist aber doch eher ängstlich wenn es gefährlich zu werden droht. Danke für Ihre Antwort.

  • monika sagt:

    Eine abwechslungsreiche und interessante Route, aber keine, welche ich alleine gehen möchte….und der letzte Satz gefällt mir am allerbesten..

  • Daniel Küttel sagt:

    Ich geniesse es immer ihre Blogs zu lesen Herr Widmer. Ich teile zwar die Faszination des Wandern nicht unbedingt, aber wenn ich ihre Blogs lese dann macht es mich doch gluschtig. Man spürt ihre Freude und Begeisterung für die älteste Art des Reisens :o) Immer wieder lese ich zuerst den Text und lasse mir durch den Kopf gehen wie das wohl sein muss, dann betrachte ich ihre Bilder und muss schmunzeln dass eben die eine Kapelle aus meinem Kopf nicht eine alte, verwucherte und verwitterte Kapelle darstellt (wie aus meinem Gedankenbild) sondern ähnlich still daher kommt wie die Umgebung aber dennoch wohl gepflegt. Ich bin schon gespannt auf Ihre nächsten Berichte.

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