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Was die Vorschläge der SRG taugen

Flavia Forrer am Montag den 25. Januar 2016

SRG-Generaldirektor Roger de Weck machte den Verlegern elf Angebote zur Zusammenarbeit. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Mit einem Brief offerierte Roger de Weck den Verlegern eine Zusammenarbeit mit der SRG. Wir haben die Angebote einzeln geprüft:

  1. Videos: Die SRG stellte in der Vergangenheit im Rahmen eines Pilotprojekts den Verlegern Videos zur Verfügung, die sie auf der eigenen Website einbetten konnten. Dieses Projekt weiterzuführen, ist sinnvoll: Gerade Liveübertragungen mit einem Ticker sind ein Mehrwert für die Verlage.
  2. Sport: Roger de Weck macht den Verlagen zwei Angebote: Er will die Hälfte der 20 jährlichen Fomel-1-Rennen privaten TV-Kanälen anbieten. Die andere Hälfte sollen die Zuschauer weiterhin beim SRF verfolgen. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Sender nur die Hälfte aller Rennen überträgt? Ich bezweifle, dass Fans für jedes zweite Rennen wirklich zu den Privaten wechseln. Ausserdem ist noch offen, ob die SRG den Zuschlag für den dreijährigen Vertrag überhaupt erhält. Das andere Angebot, welches de Weck den Privaten macht: Die SRG will in einem Pilotprojekt Cup- und Meisterschaftsspiele der Hallensportarten Basketball, Handball, Unihockey und Volleyball produzieren und im Web live übertragen. Während dreier Jahre könnten auch regionale Privatsender diese Spiele gratis übertragen. Die grossen Sportarten wie Fussball und Tennis spielen in diesem Pilotprojekt allerdings keine Rolle. Zudem: Was passiert nach 2018? Dieses Angebot ist ein Köder: Nach 2018 werden die Privatsender zur Kasse gebeten. Sind sie nicht bereit, für die Sportsendungen zu zahlen, springen die Zuschauer ab – zum SRF.
  3. Ausbildung: Roger de Weck bietet an, die journalistische Ausbildung künftig zusammenzulegen. Allerdings: Jedes Medium benutzt eigene Werkzeuge, hat einen eigenen «Unterrichtsstil», eine eigene Art der Berichterstattung. Wird die Ausbildung vereinheitlicht, braucht es am Ende immer noch eine individuelle Weiterbildung bei den verschiedenen Unternehmen. Eine allgemeine Ausbildung erhalten angehende Journalisten ausserdem heute schon an der Schweizer Journalistenschule MAZ oder an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
  4. HbbTV-Technologie: HbbTV oder Smart TV ist der digitale Nachfolger des Teletexts. Diese Technologie ermöglicht eine Verschmelzung von Fernsehen und Internet. Dass diese Technologie zukunftsweisend ist, sieht Roger de Weck richtig. Sein Vorschlag einer Zusammenarbeit im Bereich HbbTV ist fair und könnte nachhaltig wirken. Aber nur solange die Technologie auf den privaten Medienkanälen angewendet werden kann. Diese müssen technologisch auf dem neusten Stand sein.
  5. Swiss TXT: Eine Zusammenarbeit mit der Tochtergesellschaft der SRG und den privaten Verlegern hält Roger de Weck für möglich. Swiss TXT produziert den Schweizer Teletext. Durch die digitalen Veränderungen hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt und besitzt entsprechendes multimediales Know-how. Eine Kooperation kommt meiner Einschätzung nach ein wenig spät. Die privaten Verlage schlafen nicht: Sie verfügen inzwischen im multimedialen Bereich ebenso über technische Kenntnisse.
  6. Web-Player der SRG für private Sender: Das SRF hat auf seiner Internetseite einen eigenen Web-Player. Der Generaldirektor der SRG bietet den Verlegern an, diesen zu nutzen und so zu mehr Visibilität für ihre Inhalte zu kommen. Private Kanäle sind aber schon lange mit ihren Beiträgen online, auch live. Können sie nun ihre Beiträge über «Play SRF» zeigen, haben sie zwar mehr Visibilität. Das langfristige Ziel müsste aber sein, die Zuschauer auf die Website der Privaten zu bringen. Haben sich die Zuschauer erst daran gewöhnt, alles auf dem SRF-Player ansehen zu können, wird das schwierig. Die Verleger gehen langfristig leer aus.
  7. Gemeinsame Apps: Die SRG kann sich eine gemeinsame Entwicklung von Apps, inhaltlich wie technologisch, vorstellen. Es fehlt eine genaue Beschreibung der Zusammenarbeit, deshalb ist eine Bewertung schwierig. Eine solche Kooperation könnte sinnvoll sein. Die Konsumenten werden überschwemmt an Angeboten verschiedener Apps. Eine App, die Inhalte vereint, spart Speicherplatz und ist praktisch.
  8. Swiss Channel auf Youtube: Ein Schweizer Kanal auf Youtube für mehr internationale Aufmerksamkeit: Das will die SRG, doch wollen das auch die privaten Medienhäuser? Meines Erachtens ist derzeit die grössere Herausforderung, dass die Privaten national anerkannt und gesehen werden. Da scheint die internationale Dimension weit weg zu sein.
  9. SRG-Nachrichtenbulletins für Regionalradios: Privatradios arbeiten teilweise bereits mit der SRG zusammen. Sie erhalten gegen Bezahlung eine bestimmte Anzahl an Nachrichtenbulletins. Diese Kooperation besteht schon länger und ist in diesem Sinne kein neuer Vorschlag.
  10. Überregionale Fenster für das Regionalfernsehen: «Im Rahmen der Public-Private Partnership PresseTV strahlen NZZ, «Basler Zeitung», «Handelszeitung» und «Bilanz» Sendungen auf SRF aus.» PresseTV soll in Zukunft auch auf anderen Kanälen der SRG senden. Das Angebot ist nicht ganz neu, es ist eher eine Folge einer bereits bestehenden Zusammenarbeit.

Bilanz: Die Vorschläge zur Kooperation von Roger de Weck wirken wie Almosen an die Verleger. Die Art und Weise, wie sie der Generaldirektor der SRG kommuniziert hat, ist ebenfalls fragwürdig. Statt im geschlossenen Rahmen das Gespräch mit den Verlegern zu suchen, geht er direkt an die Öffentlichkeit. Keine Frage: Die Verleger und die SRG müssen irgendwann gemeinsam an einen Tisch sitzen, doch bringt sie Roger de Weck mit einem offenen Brief zusammen? Ich teile die Meinung von Roger de Weck, dass ein Umdenken nötig ist. Die Frage ist, ob diese Form das richtige Umdenken ist. Einige Vorschläge taugen kurzfristig etwas, aber nicht für die Zukunft. Die letzte Frage, die sich mir stellt: Das Ziel der SRG ist der internationale Markt – ist es auch das Ziel der Verleger?

Flavia Forrer

* Flavia Forrer arbeitet im Social-Media- und Leserforum-Team des «Tages-Anzeigers».

Service public: Die Generation Y geht vergessen

Blog-Redaktion am Mittwoch den 6. Januar 2016

Ein Beitrag von Flavia Forrer*

(Keystone/Christof Schuerpf)

Zuhause vor dem TV? Generation Y konsumiert Medien vorwiegend unterwegs. (Keystone/Christof Schuerpf)

Die Debatte um den Service public kocht. Nicht nur wegen der neuen Werbeallianz zwischen SRG, Ringier und Swisscom. Überwiegendes Thema im Service-public-Diskurs ist das bereits bestehende Programm von SRF. Heisse Fragen sind: Welche Sendungen sollen abgeschafft werden? Was ist bei den einzelnen Programmpunkten nicht in Ordnung? Wieso zählt jene oder diese Sendung nicht zum Service public?

Doch was wirklich untergeht bei der ganzen Diskussion, ist die Zukunft der Medien. Wie lange gibt es lineares Fernsehen überhaupt noch? Die sogenannte Generation Y schaut kaum noch pünktlich um 19.30 Uhr die «Tagesschau» oder um 20.05 Uhr die Unterhaltungssendung «Top Secret» mit Roman Kilchsperger. Letztere Sendung kann SRF sowieso getrost aus dem Programm streichen, nebenbei bemerkt. Ich zähle mich zu denjenigen, die hauptsächlich über das Web Medien konsumieren. Eine Fernsehsendung schaue ich – so wie viele andere in meinem Alter – online. Dann, wenn gerade Zeit und Lust vorhanden sind. Radiosendungen höre ich nicht analog. Da helfen Podcasts, welche ebenfalls nur mit Internetzugang funktionieren. Kurz: It’s all about the web. Das Internet ersetzt in naher Zukunft den Fernseher, das Radio, die Printzeitung. Dieses Thema geht in der Service-public-Debatte unter. Eigentlich absurd, wenn man bedenkt, dass auch Smartphone- und Laptop-Besitzer die Billag-Gebühren bezahlen.

SRF macht es sich noch einfach mit dem Internet: Sendungen stellt es eins zu eins auf die Website. Online konsumieren kann man sie erst nach der Ausstrahlung im TV. Oder die Web-User schauen/hören das aktuelle Programm «live» mit. Für junge Konsumenten schlicht ein Graus. Im Internet wird anders TV geschaut. Besonders in der Schweiz, dem Pendlerland schlechthin, werden vor allem unterwegs Medien konsumiert. Unterwegs ist es kaum möglich, eine über einstündige «Arena»-Sendung zu schauen. Zu lang. Die meistbefahrene Strecke von Bern nach Zürich dauert knapp eine Stunde. Ist es nicht Aufgabe des Service public, alle Konsumenten angemessen zu versorgen? SRF überlegt sich bereits, Sendungen anders zu produzieren. In der Digitalstrategie von SRF ist vermerkt, dass beispielsweise «Einstein»-Sendungen anders für die junge Zielgruppe produziert werden müssen. Mein Vorschlag für die restlichen Sendungen: zusätzlich eine Zusammenfassung – sozusagen das Best-of der Sendung für den Onlineauftritt.

Ein weiteres Problem ist, dass man unterwegs kaum problemlos konsumieren kann. Immer wieder hängt die Sendung, wird nicht richtig geladen. Die Signalverstärker, welche die SBB in den Zügen einbauen, sind verbesserungsfähig. Es ist zudem kompliziert, die Sendungen auf der mobilen Version von Srf.ch zu erreichen. So schleppe ich gar ein Buch mit, damit ich im Zug beschäftigt bin. Das funktioniert wenigstens. Ein gutes Internetnetz innerhalb der Schweiz gehört auch zum Service public.

Höchste Zeit, das Problem einer besseren Internetverbindung in Angriff zu nehmen. Eine Lösung liegt auf der Hand: Die Werbeallianz zwischen Ringier, Swisscom und dem Schweizer Fernsehen wird zu einer Internetallianz erweitert. In meinem Traumszenario arbeiten die SBB in dieser Allianz mit. Bereits heute kooperieren SBB und Ringier beim Railcity-Netz. Wieso also nicht mit Swisscom und SRF? Das bringt gute Verbindungen und ein tolles Nutzererlebnis im Zug. Auch die zukünftig gemeinsame, individuelle Werbung kommt ohne Stocken beim Konsumenten an. Und die Billag-Gebühren werden für einen wirklichen Service public eingesetzt, welcher auch der zahlenden Generation Y dient.

Flavia Forrer* Flavia Forrer (26) ist Praktikantin im Social-Media- und Leserforum-Team des «Tages-Anzeigers».

Diese zehn Sendungen kann Roger de Weck streichen

Christian Lüscher am Mittwoch den 7. Oktober 2015

SRG-Generaldirektor Roger de Weck musste am Dienstag die Sparpläne erklären. 250 Stellen sollen abgebaut werden. «Wir werden uns bemühen, die Qualität zu halten, aber das Angebot wird etwas kleiner sein», kündete er an. Die Zuschauer und -hörer würden künftig vielleicht die eine oder andere Sendung «vermissen».

De Weck schliesst also einen Abbau im Programm nicht aus. Welche Sendungen es betrifft, wollte er nicht sagen. Seine Mitarbeiter haben allerdings einen Monat Zeit, um Sparvarianten einzubringen. Die SRG hat dafür extra eine Hotline eingerichtet. Da wir nicht anrufen können, machen wir hier einen Sparvorschlag. Er schiesst bewusst über das Ziel. Das hat aber Kalkül. Mit Sparvorschlägen ist es wie mit Offerten. Wenn sie nicht beim ersten Mal zurückgewiesen werden, waren sie nicht gut. Los gehts:

«10 vor 10»
Die Sendung profilierte sich viele Jahre als Gegenentwurf zur «Tagesschau». Seit geraumer Zeit geht es mit «10 vor 10» allerdings journalistisch abwärts. Die Redaktion hat den Biss verloren, die Berichterstattung reduziert sich weitgehend auf die protokollarische Wiedergabe der Tagesaktualität. Eigene Themensetzungen und Recherchen zu harten Themen sind selten geworden. Das hat intern auch zu Diskussionen geführt. Weil einigen Journalisten der gegenwärtige Kurs zu soft erscheint, kam es zu prominenten Weggängen (wir berichteten). Auch «Weltwoche»-Kolumnist Kurt W. Zimmermann schrieb in diesem Jahr, dass sich «10 vor 10» totgelaufen habe. Die Sendung, dürftig wie sie sei, brauche es nicht mehr. Man müsse sie einstellen. Herr de Weck, einverstanden?

«Schawinski»
Wie gut sind eigentlich die Einschaltquoten von Roger Schawinskis gleichnamiger Sendung? Sie sind seit der Lancierung grösstenteils unter den Erwartungen geblieben. Zwar kann der Talkmaster immer mal wieder gute Zahlen ausweisen. Den 18-Prozent-Marktanteil kann Schawinski oft nicht knacken. Das war bei der Lancierung der Sendung aber insgeheim das Ziel. Ausserdem konnte die Sendung inhaltlich wenig Akzente setzen. Schawinski wird kaum zitiert, fällt mit seinen Gästen kaum auf. Die Leader aus Wirtschaft und auch Bundesräte meiden den Talk sogar. Das Interesse blieb bis heute weitgehend unter den Erwartungen.

«Arena»
Wie lange wollen die SRF-Oberen an der Politsendung festhalten? Seit Jahren ist die «Arena» eine Baustelle. Die Sendung stagniert. Auch der Neustart hat bis heute wenig gebracht. Durchschnittlich schalteten im ersten Halbjahr 2015 noch 179’000 Zuschauer ein. Letztes Jahr lag der «Arena»-Schnitt bei 190’000. De Weck muss sich auch fragen, ob der Aufwand noch im Verhältnis zum Nutzen steht. Ein Vergleich: Der «SonnTalk» von Markus Gilli hat seit Beginn dieses Jahres einen Schnitt von 150’000 Zuschauern. Dabei stehen Gilli längst nicht die redaktionellen Mittel von «Arena»-Moderator Jonas Projer zur Verfügung. Die «Zeit» schrieb jüngst sogar, dass viele Politiker nach ihren Auftritten im «SonnTalk» mehr Rückmeldungen erhielten als nach der «Arena». Wir sehen bei der «Arena» Sparpotenzial. Die Sendung hat so oder so das Ambiente einer Spielshow. Das Studio wirkt wie ein überdimensionierter Käfig. Weniger wäre mehr.

«Aeschbacher»
«Etwas mehr Mut zur intelligenten Provokation würde auch heute dem Programm guttun», sagte TV-Fossil Kurt Aeschbacher jüngst. Seine grosse Abrechnung mit dem TV erschien im «Blick». Wir fragen uns: Wie mutig und provokativ ist Kurt Aeschbacher in seiner gleichnamigen Sendung? Eben. Aeschbacher sagte im Interview auch: «Es bringt nichts, die Vergangenheit zu verklären und dabei die Zukunft zu vergessen.» Es ist Zeit für etwas Neues.

«Glanz & Gloria»
Wann immer Politiker oder Journalisten den Service-public-Begriff enger zu definieren versuchen, kommt die Idee der Abschaffung von «Glanz & Gloria» auf. Dann wehren sich die Macher. Das Fernsehen würde an Farbe verlieren, und Geld sparte man damit kaum. «Glanz & Gloria» sei die Redaktion mit den knappsten Mitteln am Leutschenbach. Von Abschaffen soll hier also keine Rede sein. Die Sendung brauchts. Wie wärs aber mit einem Outsourcing an die People-Spezialisten von Ringier? Immerhin gehen Ringier und die SRG in der Vermarktung bald gemeinsame Wege.

«Kilchspergers Jass-Show»
Die Mutter aller volkstümlichen Unterhaltungssendungen ist der 1968 von Kurt Felix erfundene «Samschtig-Jass» und sein sommerliches Pendant, der «Donnschtig-Jass». Traditionen müssen gepflegt und bewahrt werden. Braucht es mit «Kilchspergers Jass-Show» aber eine dritte Jass-Sendung? Nein. Die Streichung der Show wäre auch eine wunderbare Chance, ein Zeichen zu setzen und ein Format für das urbane und mobile Publikum zu entwickeln.

«Sommer/Winter Challenge» und «Tacho – das Automagazin»
Mit Ski das Schreckhorn runter, mit dem Porsche mit 120 Sachen durch Los Angeles rasen, von gefährlichen Klippen springen? Da fragt man sich als Zuschauer: Gehört das denn wirklich zum Service public der SRG? Was haben solche Risikoübungen im Programm zu suchen? Oder nehmen wir die Sendung «Das Experiment». Auch hier begeben sich Teilnehmer in Extremsituationen, indem sie zum Beispiel von Felswänden runterspringen. Hier stehen eindeutig Einschaltquoten im Vordergrund. Wo bleibt aber die Verantwortung? Die SRG kann diese Sendungen getrost aus dem Programm streichen und das Filmen von Risikosportarten Red Bull überlassen.

«The Voice of Switzerland» und «Die grössten Schweizer Talente»
Last, but not least zum Klassiker: Gehören Unterhaltungsendungen wie diese ins Programm der SRG? Eigentlich ja. Die SRG ist laut Konzession dazu verpflichtet, einen angemessenen Anteil von Aufträgen an die «veranstalterunabhängige schweizerische audiovisuelle Industrie zu vergeben». Entsprechend vergibt die SRG Auftragsproduktionen im Bereich Unterhaltungssendungen. Aber: Die SRG hat diese Formate im Ausland eingekauft. Zu diskutieren ist die Praxis, teure Lizenzen im Ausland einzukaufen und Produktionsaufträge ins Ausland zu vergeben. Das führt so oder so regelmässig zu Dissonanzen (hier und hier). Diese teuren Produktionen können kostengünstiger realisiert werden. Nebenbei ist auch neues Modell zu prüfen: Ist die BBC ein Vorbild?

Ein Schweizer Schwergewicht im Werbemarkt

Christian Lüscher am Dienstag den 18. August 2015
Der SRG-Chef macht sich fit für die Onlinewerbung: Roger De Weck auf Besuch bei Tamedia. Foto: Reto Oeschger

Der SRG-Chef macht sich fit für die Onlinewerbung: Roger De Weck Ende März auf Besuch bei Tamedia. Foto: Reto Oeschger

Es war ein gut gehütetes Geheimnis: Den Zusammenschluss von Ringier, SRG und Swisscom hat selbst in der Branche niemand erwartet. Ein bekannter Medienmanager fasst es am Telefon so zusammen: «Ein unerwarteter Schlag.»

Dass ausgerechnet diese drei Unternehmen einen Werbepakt eingehen und künftig ihre Angebote gemeinsam vermarkten wollen, ist für Schweizer Verhältnisse spektakulär. Zwei staatsnahe Betriebe und eines der grössten Verlagshäuser der Schweiz wollen künftig im Werbemarkt den Takt angeben. Offiziell wird der Schulterschluss damit begründet, dass man sich gegen Konkurrenten wie Google und Facebook rüsten will.

Sind die US-Internetkonzerne tatsächlich bereits so mächtig? Mit Blick auf die Onlinewerbung lautet die Antwort: Ja. Sie haben zusammen einen Marktanteil von gegen 50 Prozent im digitalen Schweizer Werbemarkt. Dieser macht allerdings nur einen kleinen Teil des Gesamtmarkts aus. Und auch wenn die US-Konzerne im Verkauf von Onlinewerbung stark sind, im TV- und Radiogeschäft sind sie praktisch inexistent. Kommt hinzu, dass weder SRG noch Swisscom die Amerikaner fürchten müssen: Die SRG ist über Gebührengelder finanziert. Und auch die Swisscom verdient ihr Geld nicht primär mit Werbung.

Grosser Profiteur der Allianz ist Ringier – auch wenn das Medienhaus auf dem Papier der schwächste Partner ist. Zwar bringt Ringier mit den vorhandenen Onlineangeboten viel Reichweite in die Kooperation ein. Was die Vermarktungs- und Technologiepower betrifft, haben SRG und Swisscom in den letzten Jahren aber viel investiert. Die beiden Unternehmen pflegen zudem bereits auf zahlreichen Gebieten eine Zusammenarbeit.

Interessant an dem Zusammenschluss ist vor allem der Fundus an Daten, der dabei zusammenkommt. Die Nutzungs- und Profildaten der 1,2 Millionen Swisscom-TV-Abonnenten sind laut Experten eine Goldgrube. Hinzu kommen die Nutzerdaten der SRG aus ihren TV-, Internet- und Radioangeboten mit jeweils einer hohen Reichweite – die sie nur beschränkt in Werbung ummünzen kann. Ringier wiederum hat über 20 Onlineportale im Angebot sowie ein enormes Werbeinventar. Ein Datenschatz, wie er schweizweit einzigartig sei, sagt ein Medienexperte.

Martin Schneider, designierter Chef des neuen Unternehmens, hat bereits durchblicken lassen, dass die Reise genau in diese Richtung gehen soll. Mit den anonymen Daten, die User auf SRG-, Swisscom- und Ringier-Angeboten hinterlassen, will der neue Vermarktungsgigant noch genauer Werbung ausliefern und mit einer im Schweizer Markt einzigartigen Interaktivität verknüpfen. Und: Je präziser die Daten, desto höhere Preise können die Partner verlangen.

Wie reagiert die Konkurrenz?

Aus Branchensicht ist der Knackpunkt allerdings ein anderer. Mit dem Engagement sucht die SRG in Sachen Onlinewerbung die Nähe zu einem privaten Medienhaus. Nach der Abstimmung über die Radio- und TV-Gebühren und der damit einhergehenden Debatte über den Service public dürfte die SRG damit erneut in die Schusslinie der Verleger geraten. Diese versuchen, zu verhindern, dass die SRG ins Onlinewerbegeschäft einsteigt. Auch wenn die Beteiligten es gestern dementierten – im Prinzip macht sich die SRG mit der Partnerschaft fit für die Onlinewerbung. Dass ausgerechnet Ringier-Konzernchef Marc Walder die Kooperation mit SRG-Chef Roger de Weck sucht, wird im Verband Schweizer Medien mit Sicherheit wenig Freude auslösen.

Zwar steht die Kooperation auch weiteren Medienbetrieben offen – allerdings nur als Kunden und nicht als gleichwertige Partner. Das dürfte die Verlage dazu animieren, ebenfalls Kooperationen einzugehen und der neuen Vermarktungsallianz so die Stirn zu bieten. Eine Variante, die diskutiert wird: Tamedia (die unter anderem den «Tages-Anzeiger» herausgibt) und der TV-Vermarkter Goldbach. Zwar wurde ein solcher Zusammenschluss oft dementiert – und wird es noch, wie Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer gestern festhielt: «Wir setzen bewusst auf Eigenvermarktung, eine Auslagerung der Vermarktung ist deshalb für uns kein Thema.» Trotzdem könnte er durch die aktuelle Entwicklung neue Relevanz erhalten.

Roger de Weck im Faktencheck

Christian Lüscher am Freitag den 31. Oktober 2014

Im «Medienclub» am Dienstag diskutierte SRG-Chef Roger de Weck über den Service public. Es war eine sprunghafte Diskussion. Womöglich lag das an der Teilnehmerauswahl. Weil mit Roger de Weck der Generaldirektor der SRG mitdiskutierte, hörte ich ganz genau hin. Es ist nämlich so: In der Branche zweifelt man an der Richtigkeit von de Wecks Aussagen, wenn es um Geld und Inhalt des Service public geht. Deshalb unterziehen wir hier einige seiner Aussagen aus der Sendung einem Faktencheck.

Das Sorgenbarometer der Credit Suisse stellt Radio und Fernsehen als zwei der glaubwürdigsten Institutionen dar.

Ist nicht falsch, aber auch nicht richtig. Die Aussage stimmt für die ländlichen Regionen in der Schweiz. In den städtischen Gebieten vertrauen die Menschen dem Bundesgericht, der Polizei, dem Bundesrat und dem Nationalrat mehr. Auf dem Land ist es sogar so, dass die bezahlte Zeitung mehr Vertrauen geniesst als das Fernsehen. Man könnte stundenlang darüber debattieren, welche Institutionen nun am meisten Vertrauen geniessen. Betrachten wir die Entwicklung des Vertrauens gegenüber allen Medienakteuren, fällt auf, dass sämtliche Medien, also Internet, Radio, Fernsehen, bezahlte Zeitungen und Gratiszeitungen, an Vertrauen gewonnen haben, nachdem dieses seit 2010 geschwunden war. Hier gehts zum Sorgenbarometer.

In Sachen Qualitätsmanagement wird bei der SRG mehr getan als in jedem anderen Medienhaus, für das ich gearbeitet habe.

Es ist so: Die SRG tut bezüglich Qualitätsmanagement tatsächlich sehr viel, wenn nicht am meisten. Allerdings: Führt mehr Qualitätsmanagement auch zu besserem Journalismus? Der Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss schreibt auf Anfrage: «Bis heute kann unter Rückgriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse eine solche Kausalbeziehung noch nicht schlüssig nachgewiesen werden.» Das heisst: Mehr Qualitätskontrolle heisst nicht zwingend mehr Qualität. Wir müssen uns gedulden, bis die Stiftung Medienqualität Schweiz die Qualität der Medien neutral und fair bewertet in Form eines Ratings. Roger de Wecks Aussage ist aber korrekt.

In Deutschland gibt es nach 20 Uhr keine Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wenn man Gebührengelder von 80 Millionen Menschen erhält, kann man ohne Werbung ein Programm finanzieren. Bei uns sieht die Situation anders aus. Wir machen ein Programm für 8 Millionen Menschen, und das für vier Sprachregionen. Wir sind auf Werbung angewiesen, um ein attraktives Programm anzubieten.

Ob die SRG auch ein attraktives Programm ohne zusätzliche Erträge aus Werbung bieten kann, weiss man nicht. Der Gegenbeweis wurde noch nie erbracht. Es ist eine Behauptung de Wecks. Tatsächlich gibt es aber in Nordeuropa Service-public-Modelle, die ohne TV-Werbung auskommen. Und die skandinavischen Länder sind ebenso vielsprachig: Finnland (dreisprachig), Schweden (zweisprachig) und Norwegen (zweisprachig). Und nebenbei: Auch Belgien ist ein kleines Land mit drei Sprachregionen (Flämisch, Französisch, Deutsch) und somit drei öffentlich-rechtlichen TV-Sendern. 

Irland, Österreich, Belgien und die Schweiz haben als kleine Länder grosse gleichsprachige Nachbarn mit mächtigen Fernsehstationen.

Wie mächtig sind denn diese Fernsehstationen? Und machen ARD, ZDF, RTL u. a. der SRG wirklich das Leben schwer? Zuerst zur SRG: Der Marktanteil ihrer Programme befindet sich im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld. Im Gegensatz zu den Marktanteilen der öffentlich-rechtlichen Sender in den meisten umliegenden Ländern, die in den vergangenen zehn Jahren mehrheitlich eine deutlich sinkende Tendenz aufweisen, ist der Marktanteil in der Schweiz weniger stark geschrumpft oder – wie in der italienischen Schweiz – sogar gewachsen. Das lässt die Aussage zu, dass die Schweizer Zuschauer der SRG sehr treu sind.  Kommen wir zu den mächtigen Fernsehstationen im Ausland, schauen wir uns die Deutschschweiz an. Hier zeigt sich, dass der Marktanteil der SRG-Konkurrenz seit Jahren ebenfalls konstant ist. Er war vor 20 Jahren sogar deutlich höher. Und die neuen TV-Daten zeigen, wie zwei TV-Profis auf Anfrage erklären, dass die TV-Nutzung besonders deutscher Sender wie RTL geringer geworden ist. Fazit: Alles halb so schlimm. Die SRG hat zwar mächtige Fernsehstationen aus dem Ausland als Konkurrenz. Aber sie leidet kaum darunter. 

In der Schweiz haben ausländische Angebote zwei Drittel Marktanteil.

Roger de Weck macht die Werbefenster gern zum Thema. Sie schöpften Schweizer Werbegelder ab, die dann nicht in der Schweiz in Journalismus reinvestiert werden. Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt? Die ausländischen Sender haben in der Deutschschweiz einen Marktanteil von 62 Prozent. 1993 hatten sie 68 Prozent Marktanteil. Zugenommen haben die Schweizer Privaten. Sie verfügen heute über 7 Prozent Marktanteil. 2003 waren es noch 4 Prozent. De Weck stellt die SRG so dar, als sei sie in einer schwachen Position: Tatsächlich kann die SRG ihre Führung im TV-Markt gegen eine stetig wachsende Zahl an Konkurrenzprogrammen behaupten.

Wenn wir ein reines Radio- und Fernsehhaus bleiben, werden wir auf Dauer marginalisiert. Vor zehn Jahren haben drei Viertel unser Programm konsumiert, heute sind es zwei Drittel.

Es geht hier im Kern darum, was die SRG künftig im Netz machen darf und wie sich der lineare TV-Konsum entwickelt. Tatsächlich gerät die SRG unter Druck. Durch die neuen technischen Möglichkeiten nimmt die Zahl Zuschauer zu, die nicht mehr nur linear Fernsehen schauen, sondern Dienste wie Youtube, Apple TV und Netflix ansteuern. Von einer Marginalisierung zu sprechen, ist allerdings übertrieben. Die Zukunft als reines Radio- und Fernsehhaus könnte für die SRG vorteilhafter nicht sein. Die Generation der 14- bis 29-Jährigen nutzt laut der Mediennutzungsstudie MUI ihr mobiles Endgerät bereits heute am häufigsten für den Videokonsum. Videos werden auch beim Newskonsum wichtiger: 2014 gaben 30 Prozent der US-Nutzer an, dass sie in der vorhergehenden Woche Onlinenews auch als Video konsumiert hatten. In Europa ist der Wert bei 15 Prozent. Tendenz stark steigend.

Die zwei grössten Plattformen der Schweiz sind Facebook und Google. Die eigentliche Konkurrenz der SRG kommt aus dem Ausland.

Die Welt wird globaler. Das ist eine Tatsache. Und die erwähnten US-Firmen verdienen gutes Geld im Schweizer Onlinewerbemarkt. Aber sind diese Unternehmen tatsächlich eine Bedrohung? Wohl kaum. Sie sind im Vertrieb von Inhalten zuständig. Davon profitiert auch die SRG, die dank Google und Facebook das junge Publikum erreicht, zu dem sie über die traditionellen Kanäle keinen Draht mehr hat. Die einzig wahre Konkurrenz der SRG sind allerdings Schweizer Medien, die primär in der Alpenrepublik präsent sind. Wie der Schweizer Kuchen verteilt wird, bleibt auch in einer globalisierten Welt existenziell. Schweizerische Inhalte werden von Schweizer Medien produziert, und diese stellen auch künftig die Basis des eigenen Geschäftsmodells dar.

Wenn es keine SRG gäbe, würde es in Graubünden nur ein massgebliches Verlagshaus geben, auch in der Romandie, ebenso in Bern.

Die SRG als Hüterin der Medienvielfalt? De Wecks Aussage stimmt nur zur Hälfte. In Graubünden gibt es das «Bündner Tagblatt», das zumindest formell nicht Somedia (vormals Südostschweiz Medien) gehört. In Bern gehören die Radio- und TV-Sender den AZ Medien, Ringier und den Zürichsee-Medien. Und in der Romandie ist Ringier neben Tamedia auch aktiv. 

In Grossbritannien ist kein grosses Verlagshaus mehr in britischer Hand.

Falsch. Der «Guardian» ist im Besitz der britischen Stiftung Scott Trust Limited, die das Hauptziel verfolgt, die journalistische und finanzielle Unabhängigkeit der Zeitung zu sichern. Zudem gibt es auch noch die Medien-Beteiligungen der Barclay-Brothers mit «Telegraph», «Spectator» etc. Viel britischer kann man gar nicht sein.

Bloss noch vier Service-public-Anbieter in Europa haben den Anspruch, ein globales Korrespondentennetz zu betreiben. BBC, ARD/ZDF, France Télévisions und die im Vergleich kleine SRG.

Stimmt. Aber nicht ganz. Auch das schwedische Radio und Fernsehen haben rund um den Globus Korrespondenten stationiert.

Niemand kann ausser der SRG attraktive Unterhaltungssendungen machen.

De Weck bringt dazu gerne das Beispiel von 3+. Der Sender schafft es nicht, die Eigenproduktionen im Markt ohne Verlust zu kommerzialisieren. Dagegen gibt es allerdings auch das Beispiel des Jugendsenders Joiz. Mit beträchtlich weniger Mitteln als die SRG schafft es das Team, profitabel ein Unterhaltungsprogamm zu produzieren. Und das für eine Zielgruppe, welche die SRG nur schwer erreicht.

 

Update:

Die Medienwoche schrieb im Februar 2012 ebenfalls über den Generaldirektor und die Fakten: 

Wenn Roger de Weck belegen will, weshalb die SRG zu den ebenso herausragenden, wie auch effizienten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zählt, nennt der SRG-Generaldirektor immer wieder das Beispiel mit den Auslandkorrespondenten: Nur noch BBC, ARD/ZDF und eben die SRG unterhielten noch ein weltweites Netz von Berichterstattern. Alle anderen hätten sich ins Lokale zurückgezogen. Das hat de Weck so am Communication Summit vor einer Woche in Zürich gesagt und nun heute Abend auch wieder an einer Veranstaltung der Neuen Helvetischen Gesellschaft in Bern. Klingt eindrücklich, ist es aber nicht. Allein in Europa gibt es zumindest in Schweden (SR/SVT), Frankreich (France 24) und Österreich (ORF) Radio- und Fernsehsender, die sich ein weltumspannendes Korrespodentennetz leisten. Überhaupt schleichen sich im Repertoire de Wecks immer wieder Fehler ein. So ordnete er The Observer, eine sonntägliche Qualitätszeitung in England, kurzerhand dem Boulevard zu. Und der Guardian, so meint de Weck, erscheine nur noch online. Schliesslich noch der Klassiker: Facebook ist etwas für die Jungen.