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Was die Vorschläge der SRG taugen

Flavia Forrer am Montag den 25. Januar 2016

SRG-Generaldirektor Roger de Weck machte den Verlegern elf Angebote zur Zusammenarbeit. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Mit einem Brief offerierte Roger de Weck den Verlegern eine Zusammenarbeit mit der SRG. Wir haben die Angebote einzeln geprüft:

  1. Videos: Die SRG stellte in der Vergangenheit im Rahmen eines Pilotprojekts den Verlegern Videos zur Verfügung, die sie auf der eigenen Website einbetten konnten. Dieses Projekt weiterzuführen, ist sinnvoll: Gerade Liveübertragungen mit einem Ticker sind ein Mehrwert für die Verlage.
  2. Sport: Roger de Weck macht den Verlagen zwei Angebote: Er will die Hälfte der 20 jährlichen Fomel-1-Rennen privaten TV-Kanälen anbieten. Die andere Hälfte sollen die Zuschauer weiterhin beim SRF verfolgen. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Sender nur die Hälfte aller Rennen überträgt? Ich bezweifle, dass Fans für jedes zweite Rennen wirklich zu den Privaten wechseln. Ausserdem ist noch offen, ob die SRG den Zuschlag für den dreijährigen Vertrag überhaupt erhält. Das andere Angebot, welches de Weck den Privaten macht: Die SRG will in einem Pilotprojekt Cup- und Meisterschaftsspiele der Hallensportarten Basketball, Handball, Unihockey und Volleyball produzieren und im Web live übertragen. Während dreier Jahre könnten auch regionale Privatsender diese Spiele gratis übertragen. Die grossen Sportarten wie Fussball und Tennis spielen in diesem Pilotprojekt allerdings keine Rolle. Zudem: Was passiert nach 2018? Dieses Angebot ist ein Köder: Nach 2018 werden die Privatsender zur Kasse gebeten. Sind sie nicht bereit, für die Sportsendungen zu zahlen, springen die Zuschauer ab – zum SRF.
  3. Ausbildung: Roger de Weck bietet an, die journalistische Ausbildung künftig zusammenzulegen. Allerdings: Jedes Medium benutzt eigene Werkzeuge, hat einen eigenen «Unterrichtsstil», eine eigene Art der Berichterstattung. Wird die Ausbildung vereinheitlicht, braucht es am Ende immer noch eine individuelle Weiterbildung bei den verschiedenen Unternehmen. Eine allgemeine Ausbildung erhalten angehende Journalisten ausserdem heute schon an der Schweizer Journalistenschule MAZ oder an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
  4. HbbTV-Technologie: HbbTV oder Smart TV ist der digitale Nachfolger des Teletexts. Diese Technologie ermöglicht eine Verschmelzung von Fernsehen und Internet. Dass diese Technologie zukunftsweisend ist, sieht Roger de Weck richtig. Sein Vorschlag einer Zusammenarbeit im Bereich HbbTV ist fair und könnte nachhaltig wirken. Aber nur solange die Technologie auf den privaten Medienkanälen angewendet werden kann. Diese müssen technologisch auf dem neusten Stand sein.
  5. Swiss TXT: Eine Zusammenarbeit mit der Tochtergesellschaft der SRG und den privaten Verlegern hält Roger de Weck für möglich. Swiss TXT produziert den Schweizer Teletext. Durch die digitalen Veränderungen hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt und besitzt entsprechendes multimediales Know-how. Eine Kooperation kommt meiner Einschätzung nach ein wenig spät. Die privaten Verlage schlafen nicht: Sie verfügen inzwischen im multimedialen Bereich ebenso über technische Kenntnisse.
  6. Web-Player der SRG für private Sender: Das SRF hat auf seiner Internetseite einen eigenen Web-Player. Der Generaldirektor der SRG bietet den Verlegern an, diesen zu nutzen und so zu mehr Visibilität für ihre Inhalte zu kommen. Private Kanäle sind aber schon lange mit ihren Beiträgen online, auch live. Können sie nun ihre Beiträge über «Play SRF» zeigen, haben sie zwar mehr Visibilität. Das langfristige Ziel müsste aber sein, die Zuschauer auf die Website der Privaten zu bringen. Haben sich die Zuschauer erst daran gewöhnt, alles auf dem SRF-Player ansehen zu können, wird das schwierig. Die Verleger gehen langfristig leer aus.
  7. Gemeinsame Apps: Die SRG kann sich eine gemeinsame Entwicklung von Apps, inhaltlich wie technologisch, vorstellen. Es fehlt eine genaue Beschreibung der Zusammenarbeit, deshalb ist eine Bewertung schwierig. Eine solche Kooperation könnte sinnvoll sein. Die Konsumenten werden überschwemmt an Angeboten verschiedener Apps. Eine App, die Inhalte vereint, spart Speicherplatz und ist praktisch.
  8. Swiss Channel auf Youtube: Ein Schweizer Kanal auf Youtube für mehr internationale Aufmerksamkeit: Das will die SRG, doch wollen das auch die privaten Medienhäuser? Meines Erachtens ist derzeit die grössere Herausforderung, dass die Privaten national anerkannt und gesehen werden. Da scheint die internationale Dimension weit weg zu sein.
  9. SRG-Nachrichtenbulletins für Regionalradios: Privatradios arbeiten teilweise bereits mit der SRG zusammen. Sie erhalten gegen Bezahlung eine bestimmte Anzahl an Nachrichtenbulletins. Diese Kooperation besteht schon länger und ist in diesem Sinne kein neuer Vorschlag.
  10. Überregionale Fenster für das Regionalfernsehen: «Im Rahmen der Public-Private Partnership PresseTV strahlen NZZ, «Basler Zeitung», «Handelszeitung» und «Bilanz» Sendungen auf SRF aus.» PresseTV soll in Zukunft auch auf anderen Kanälen der SRG senden. Das Angebot ist nicht ganz neu, es ist eher eine Folge einer bereits bestehenden Zusammenarbeit.

Bilanz: Die Vorschläge zur Kooperation von Roger de Weck wirken wie Almosen an die Verleger. Die Art und Weise, wie sie der Generaldirektor der SRG kommuniziert hat, ist ebenfalls fragwürdig. Statt im geschlossenen Rahmen das Gespräch mit den Verlegern zu suchen, geht er direkt an die Öffentlichkeit. Keine Frage: Die Verleger und die SRG müssen irgendwann gemeinsam an einen Tisch sitzen, doch bringt sie Roger de Weck mit einem offenen Brief zusammen? Ich teile die Meinung von Roger de Weck, dass ein Umdenken nötig ist. Die Frage ist, ob diese Form das richtige Umdenken ist. Einige Vorschläge taugen kurzfristig etwas, aber nicht für die Zukunft. Die letzte Frage, die sich mir stellt: Das Ziel der SRG ist der internationale Markt – ist es auch das Ziel der Verleger?

Flavia Forrer

* Flavia Forrer arbeitet im Social-Media- und Leserforum-Team des «Tages-Anzeigers».

Service public: Die Generation Y geht vergessen

Blog-Redaktion am Mittwoch den 6. Januar 2016

Ein Beitrag von Flavia Forrer*

(Keystone/Christof Schuerpf)

Zuhause vor dem TV? Generation Y konsumiert Medien vorwiegend unterwegs. (Keystone/Christof Schuerpf)

Die Debatte um den Service public kocht. Nicht nur wegen der neuen Werbeallianz zwischen SRG, Ringier und Swisscom. Überwiegendes Thema im Service-public-Diskurs ist das bereits bestehende Programm von SRF. Heisse Fragen sind: Welche Sendungen sollen abgeschafft werden? Was ist bei den einzelnen Programmpunkten nicht in Ordnung? Wieso zählt jene oder diese Sendung nicht zum Service public?

Doch was wirklich untergeht bei der ganzen Diskussion, ist die Zukunft der Medien. Wie lange gibt es lineares Fernsehen überhaupt noch? Die sogenannte Generation Y schaut kaum noch pünktlich um 19.30 Uhr die «Tagesschau» oder um 20.05 Uhr die Unterhaltungssendung «Top Secret» mit Roman Kilchsperger. Letztere Sendung kann SRF sowieso getrost aus dem Programm streichen, nebenbei bemerkt. Ich zähle mich zu denjenigen, die hauptsächlich über das Web Medien konsumieren. Eine Fernsehsendung schaue ich – so wie viele andere in meinem Alter – online. Dann, wenn gerade Zeit und Lust vorhanden sind. Radiosendungen höre ich nicht analog. Da helfen Podcasts, welche ebenfalls nur mit Internetzugang funktionieren. Kurz: It’s all about the web. Das Internet ersetzt in naher Zukunft den Fernseher, das Radio, die Printzeitung. Dieses Thema geht in der Service-public-Debatte unter. Eigentlich absurd, wenn man bedenkt, dass auch Smartphone- und Laptop-Besitzer die Billag-Gebühren bezahlen.

SRF macht es sich noch einfach mit dem Internet: Sendungen stellt es eins zu eins auf die Website. Online konsumieren kann man sie erst nach der Ausstrahlung im TV. Oder die Web-User schauen/hören das aktuelle Programm «live» mit. Für junge Konsumenten schlicht ein Graus. Im Internet wird anders TV geschaut. Besonders in der Schweiz, dem Pendlerland schlechthin, werden vor allem unterwegs Medien konsumiert. Unterwegs ist es kaum möglich, eine über einstündige «Arena»-Sendung zu schauen. Zu lang. Die meistbefahrene Strecke von Bern nach Zürich dauert knapp eine Stunde. Ist es nicht Aufgabe des Service public, alle Konsumenten angemessen zu versorgen? SRF überlegt sich bereits, Sendungen anders zu produzieren. In der Digitalstrategie von SRF ist vermerkt, dass beispielsweise «Einstein»-Sendungen anders für die junge Zielgruppe produziert werden müssen. Mein Vorschlag für die restlichen Sendungen: zusätzlich eine Zusammenfassung – sozusagen das Best-of der Sendung für den Onlineauftritt.

Ein weiteres Problem ist, dass man unterwegs kaum problemlos konsumieren kann. Immer wieder hängt die Sendung, wird nicht richtig geladen. Die Signalverstärker, welche die SBB in den Zügen einbauen, sind verbesserungsfähig. Es ist zudem kompliziert, die Sendungen auf der mobilen Version von Srf.ch zu erreichen. So schleppe ich gar ein Buch mit, damit ich im Zug beschäftigt bin. Das funktioniert wenigstens. Ein gutes Internetnetz innerhalb der Schweiz gehört auch zum Service public.

Höchste Zeit, das Problem einer besseren Internetverbindung in Angriff zu nehmen. Eine Lösung liegt auf der Hand: Die Werbeallianz zwischen Ringier, Swisscom und dem Schweizer Fernsehen wird zu einer Internetallianz erweitert. In meinem Traumszenario arbeiten die SBB in dieser Allianz mit. Bereits heute kooperieren SBB und Ringier beim Railcity-Netz. Wieso also nicht mit Swisscom und SRF? Das bringt gute Verbindungen und ein tolles Nutzererlebnis im Zug. Auch die zukünftig gemeinsame, individuelle Werbung kommt ohne Stocken beim Konsumenten an. Und die Billag-Gebühren werden für einen wirklichen Service public eingesetzt, welcher auch der zahlenden Generation Y dient.

Flavia Forrer* Flavia Forrer (26) ist Praktikantin im Social-Media- und Leserforum-Team des «Tages-Anzeigers».

Der Facebook-Poet

Christian Lüscher am Mittwoch den 28. Oktober 2015
«Ohne ihn wäre SRF ohne Plan»: Der Newcomer des Jahres 2013 Konrad Weber begeistert Kollegen in der ganzen Branche. Foto: Oscar Alessio (SRF)

«Ohne ihn wäre SRF ohne Plan»: Der Newcomer des Jahres 2013 Konrad Weber
begeistert Kollegen in der ganzen Branche. Foto: Oscar Alessio (SRF)

Vor drei Jahren traf ich SRF-Programmleiter Hansruedi Schoch und Unterhaltungschef Christoph Gebel an einer Medienkonferenz. Wir sprachen über ein neu aufkommendes Rollenbild im Fernsehen: Das Twitter-Tussi. Damals heuerten alle TV-Manager junge Frauen an, die dem Fernsehpublikum zur Primetime erklärten, was im Internet so läuft. Gebel holte Viola Tami als Twitter-Tussi für «The Voice». Heute ist sie Moderatorin der Show. Gott sei Dank.

Auf jeden Fall zeigten sich die beiden Chefs im Gespräch von ihrer selbstkritischen Seite. Ihnen sei schon klar, dass man in Sachen Social Media noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sei. Man werde in nächster Zeit in innovative Konzepte investieren. Und siehe da: Drei Jahre später haben die Verantwortlichen im Leutschenbach tatsächlich ihre Geheimwaffe gefunden: Sie nennt sich Konrad Weber.

Weber, Kürzelcode ^kw, ist kein Twitter-Tussi, er ist Journalist 2.0 (so nennt er sich auch auf seiner Website). Ohne ihn wäre das Schweizer Radio und Fernsehen in der weiten Welt von Facebook & Co verloren. Ohne ihn würde nichts laufen. Keine Live-Berichterstattung. In den Kommentarspalten von srf.ch würde es drunter und drüber gehen. Jüngst sagte ein SRF-Journalist: «Weber ist das Klumpenrisiko. Ohne ihn… ja ohne ihn wäre SRF ohne Plan.»

Zu dieser Einschätzung kam jüngst auch die «NZZ am Sonntag». Inlandredaktor Pascal Hollenstein war von Webers Leistung am Wahlsonntag so sehr beeindruckt, dass er ihm eine Showdown-Kolumne widmete. «Seine Grafiken waren sehr farbig, und er konnte sie mit etwas Herumgetöple am Bildschirm sogar bewegen. Keine Frage, diesen Weber muss man sich merken, der hat eine grosse Zukunft vor sich.»

Hollenstein war von Webers Umgang mit Twitterstatistiken beeindruckt. Wir hingegen finden, dass Webers wahres Talent im Schreiben von Facebook-Teasern liegt. Wenn Weber am Drücker ist für SRF News – der wichtigsten Social-Media-Präsenz der Onlineredaktion –, schiessen die Like- und Share-Raten durch die Decke. Bevorzugtes Thema: Wetterphänomene. Spezialgebiet: Sonnenauf- und Untergänge.

Hier eine «spektakuläre Wasserhose», da ein «spektakulärer Gletscherabbruch», wieder ein «Wetterphänomen der speziellen Sorte», eine Regenbogen-Wolke, ein Sonnenuntergang mit dem Prädikat «Der Himmel brennt», eine «atemberaubende Abendstimmung». Weber ist ein Poet. Und weil die Facebook-Community bekanntlich Serviceleistungen schätzt, bietet er auch Hilfe zur narrensicheren Zeitumstellung. Seine Eselsbrücke: «Frühling füre – Herbst hindere».

Konrad Weber ist immer mit einem Rat zur Stelle. Unserem Chef bot er zwecks Förderung der Frauenquote schon mal sein Adressbuch mit Namen von Journalistinnen an. Wir fragen ihn hier direkt: Lieber Konrad, wir haben ein Nachwuchsproblem. Die Jugend liest öfter «20 Minuten» statt den Tagi. Wir haben kürzlich selbst Teenager befragt, sind allerdings nicht schlauer geworden. Was meinst du: Müssen wir auf Snapchat? Oder alle Ressourcen in Whatsapp stecken? Oder sollen wir einen bento-Klon bauen?

Fragen über Fragen. What would Weber do?

SRF, Migros, NZZ, «Blick», Buzzfeed

Christian Lüscher am Dienstag den 24. Februar 2015
Festhalten, Raser am Werk: Gehört «Top Gear USA» zum Service public? Foto: PD

Festhalten, Raser am Werk! Gehört «Top Gear USA» zum Service public? Foto: PD

Zum Titel eine kurze Erklärung. Dahinter steckt Kalkül. Textet man eine Schlagzeile mit einem dieser bekannten Markennamen, erhöht man die Klickquote um gefühlte 50 Prozent. SRF, Migros, NZZ, «Blick», Buzzfeed: Im Onlinegeschäft sind das Reizwörter, auf die der Leser anspricht, auf die er reagiert und die er sofort anklickt.

Ich habe diese Namen allerdings nicht einfach aus Spass in den Titel gesetzt. Ich habe auch was zu erzählen.

Beginnen wir mit Migros

Kürzlich traf ich einen Werber in einer Zürcher Szenebeiz. Werber sind interessante Gesprächspartner, weil sie stets hervorragend informiert sind. Ausgesprochen gut ist die Stimmung in der Werbebranche derzeit nicht. Schuld ist der starke Franken. Seit SNB-Chef Thomas Jordan die Frankenuntergrenze aufgehoben hat, geht es bei den Werbern drunter und drüber. Mein Kollege berichtet von Panikreaktionen auf Kundenseite. Werbeausgaben würden drastisch gedrosselt, Kampagnen verschoben oder ganz eingestellt. Über Nacht wurden die Leistungen der Schweizer Werbeagenturen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz um 20 Prozent teurer.

Zu reden gibt in der Branche die Migros. Vor ein paar Wochen hat die Tochter Interio nämlich eine Schweizer Werbelegende zu Grabe getragen. Interio kündete ihre Verträge mit der langjährigen Werbeagentur Neuen LGK, die nun ihre Tore schliessen muss. Dafür macht nun die Münchner Agentur Fashioncom neu Werbung für Interio. Das ist natürlich legitim. Und hat vermutlich wenig mit dem Frankenkurs zu tun. Irritierend ist allerdings ein Interview mit Migros-Chef Herbert Bolliger in der «SonntagsZeitung». Er sagte: «Es gibt viele Leute, die gehen aus Prinzip nicht über die Grenze einkaufen, weil sie das einheimische Gewerbe unterstützen wollen. Dazu gehöre auch ich. Ich lebe in diesem Land, zahle hier Steuern und konsumiere auch in der Schweiz.» Interio verdient gutes Geld mit einer Kundschaft, die ausschliesslich in der Schweiz zu Hause ist.

Kommen wir zu SRF

Letzte Woche war ich in den Bergen Ski fahren. Wir hatten in St. Moritz perfekte Schneeverhältnisse. Dafür kein Internet. Weil ich auf der Zugfahrt ins Engadin mit Youtube-Videos mein Datenkontingent aufgebraucht hatte, musste ich mich via Fernsehen auf dem Laufenden halten. Aufgefallen ist mir die Sendung mit dem Namen «Winter Challenge». Obwohl schon vor einem Jahr ausgestrahlt, zeigte SRF kürzlich eine Episode, in der drei Extremskifahrer die Nordostflanke des Schreckhorns runterschwingen. Ziemlich gefährlich. SRF machte aus der Übung eine Heldengeschichte. Die Leistung der drei Amateurfahrer wurde verherrlicht, obwohl bei den Dreharbeiten die Skifahrer mit dem Heli ausgeflogen werden mussten, wie mein TA-Kollege Stefan Häne dokumentierte.

Ich fragte mich: Gehören solche Sendungen überhaupt zum Service public? Was haben solche Risikoübungen im Programm zu suchen? Die «Winter Challenge» ist auch kein Einzelfall. SRF zeigt auch Autotester, die das Rasen mit Sportwagen verherrlichen. Oder nehmen wir die Sendung «Das Experiment». Auch hier begeben sich Teilnehmer in Extremsituationen, indem sie zum Beispiel von Felswänden runterspringen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier die Einschaltquoten im Vordergrund stehen. Wo bleibt aber die Verantwortung? Ich kam zum Schluss, dass die SRG sich am Vermitteln von Informationen orientieren und das Drehen von Extremskiübungen Red Bull überlassen soll. Oder was denken Sie?

Noch was zur NZZ

Hier mache ich es kurz. Seit Wochen ist die NZZ das dominierende Stadtgespräch. Es wird spekuliert, wer nun auf Markus Spillmann folgen wird. Der neue Chefredaktor wird allerdings nicht wie erwartet Ende Februar bestimmt. Wie man hört, sollen der neue Chefredaktor und der Leiter Neue Publizistik (Digitalchef) erst Mitte oder Ende März bestimmt werden. An der Favoritenlage hat sich aber wenig geändert. Es bleibt also noch eine Weile spannend an der Falkenstrasse.

Und zum Schluss zu «Blick» und Buzzfeed

Kürzlich haben wir hier über die Pläne von Marc Walder berichtet. Die «Blick»-Gruppe wird bald einen Digital-Crack aus den USA erhalten. Er soll die Marke in die Digitalära führen. Was das heisst? Einen Vorgeschmack kriegt man auf der Mobile-Version von Blick.ch. Wer sie nutzt, hat neuerdings Zugriff auf Buzzfeed-Inhalte. In einer eigenen Sektion werden den Usern Videos des berühmten US-Portals aufgetischt. Zum Beispiel Videos mit dem Titel «Why Tea Is Better than Coffee». Da fällt mir nur ein Kommentar ein: Aufgewärmter Kaffee schmeckt immer bitter.

Die Sorgenkinder

Christian Lüscher am Dienstag den 20. Januar 2015
Schawi Voigt Combo

Die Branche schaut gespannt auf die beiden: Roger Schawinski (l.) und Hansi Voigt. Fotos: PD, Keystone

Und der «Off the Record»-Blog sendet wieder. Wir waren in den letzten Wochen an dieser Stelle etwas still. Dafür wirds nun umso spannender. Im Medienbusiness gibt es im Moment zwei akute Sorgenkinder: Roger Schawinski und Hansi Voigt.

Beginnen wir mit dem älteren. Wie gehts Schawinski in diesen Tagen? Journalistisch gesehen hervorragend. Der Talker ist seit der missglückten Sendung mit Andreas Thiel wieder im Gespräch. Zwar nicht mit positiven Schlagzeilen, aber immerhin befassen sich die hiesigen Journalisten mit ihm. Das war vor dem 15. Dezember praktisch nicht der Fall. Schawinski und seine Sendung hatten wenig Resonanz.

Von der gewonnenen Publicity profitiert Schawinski allerdings kaum. Die Quoten seiner gleichnamigen Sendung sind unter dem Jahresschnitt von 2014 geblieben. Auch die Quoten seiner Radioprogramme sind tief. Die Sender
Radio 1 und Planet 105 stecken in einer schweren Hörerkrise. Bald werden die Radiozahlen publiziert, und Schawinski wird verlieren. Was die Nettoreichweiten (15+) betrifft, verliert Radio 1 rund 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dramatischer sieht es bei Planet 105 aus: minus 30 Prozent. Zwar haben alle Radiostationen in der Deutschschweiz Hörer verloren. Aber nicht in diesem Ausmass.

Schawinski hatte als Unternehmer schon bessere Zeiten. Die Frage lautet: Wie wird er Planet 105 zur alten Stärke führen? Immerhin hat er den Sender in einem teuren Auktionsverfahren und im Streit mit Ringier erworben. Es bleibt der Eindruck, dass die Marke 105 unter dem Zürcher Radiostreit enorm gelitten hat. Es bestehen Zweifel, dass der begnadete Radiomacher mit seinem neuen Ibiza-Konzept für Planet 105 auf die Strasse des Erfolgs zurückfinden wird. Kommt hinzu, dass es in den eigenen Reihen rumort. Einige gute Leute, die Schawinski vor einem Jahr noch unterstützten, liefen dem Radiounternehmer in den letzten Monaten davon. Es ist zu hoffen, dass Schawinski aus der Krise findet.

Kommen wir zum jüngeren Sorgenkind: Hansi Voigt. Der Chefredaktor feiert mit seinem Team bald den ersten Geburtstag seines Risikoprojektes Watson. Wir sagen an dieser Stelle kollegial: Happy Birthday! Doch ist den Machern überhaupt zum Feiern zumute? Ich sags mal so: Man war auch schon euphorischer. Inzwischen sind Voigt und sein Team auf dem Boden der Realität angekommen. Das Projekt hat an Fahrt verloren. Die Redaktion macht von aussen einen müden Eindruck. Ein Blick auf die Zahlen zeigt zudem einen Rückgang der Traffic-Zahlen. Eine Entwicklung nach oben ist nicht sichtbar. So sieht die Bilanz in etwa aus.

Wie gehts weiter? Es kursiert bei den AZ Medien folgende Version: Verleger Peter Wanner soll Voigt den Auftrag erteilt haben, innert weniger Monate neue Investoren zu finden. Ansonsten drehe Wanner dem Projekt den Geldhahn zu. Zudem ist aus gut informierten Kreisen zu hören, dass Wanner die Kosten reduziert haben möchte. Gegenwärtig schreibt Watson einen Verlust von monatlich 700’000 bis 800’000 Franken. Wie zuverlässige Quellen berichten, will Wanner die Kosten mit einer verstärkten Zusammenarbeit mit dem Stammhaus im Aargau senken.

Was sind die Folgen? Voigt kriegt mit seinem Projekt eine Gnadenfrist. Schafft er es, neue Investoren an Bord zu holen, wirds für das Team angenehm. Wenn nicht, und wenn die Suche nach Synergien zum Thema wird, dann wird der Sonderfall Watson zum Normalfall. Dann stellt sich die Frage, wie gut und wie lange Voigt seine Anhänger bei Laune halten kann.

Schawinski und Voigt, auf beide schaut die Branche gespannt.

Roger de Weck im Faktencheck

Christian Lüscher am Freitag den 31. Oktober 2014

Im «Medienclub» am Dienstag diskutierte SRG-Chef Roger de Weck über den Service public. Es war eine sprunghafte Diskussion. Womöglich lag das an der Teilnehmerauswahl. Weil mit Roger de Weck der Generaldirektor der SRG mitdiskutierte, hörte ich ganz genau hin. Es ist nämlich so: In der Branche zweifelt man an der Richtigkeit von de Wecks Aussagen, wenn es um Geld und Inhalt des Service public geht. Deshalb unterziehen wir hier einige seiner Aussagen aus der Sendung einem Faktencheck.

Das Sorgenbarometer der Credit Suisse stellt Radio und Fernsehen als zwei der glaubwürdigsten Institutionen dar.

Ist nicht falsch, aber auch nicht richtig. Die Aussage stimmt für die ländlichen Regionen in der Schweiz. In den städtischen Gebieten vertrauen die Menschen dem Bundesgericht, der Polizei, dem Bundesrat und dem Nationalrat mehr. Auf dem Land ist es sogar so, dass die bezahlte Zeitung mehr Vertrauen geniesst als das Fernsehen. Man könnte stundenlang darüber debattieren, welche Institutionen nun am meisten Vertrauen geniessen. Betrachten wir die Entwicklung des Vertrauens gegenüber allen Medienakteuren, fällt auf, dass sämtliche Medien, also Internet, Radio, Fernsehen, bezahlte Zeitungen und Gratiszeitungen, an Vertrauen gewonnen haben, nachdem dieses seit 2010 geschwunden war. Hier gehts zum Sorgenbarometer.

In Sachen Qualitätsmanagement wird bei der SRG mehr getan als in jedem anderen Medienhaus, für das ich gearbeitet habe.

Es ist so: Die SRG tut bezüglich Qualitätsmanagement tatsächlich sehr viel, wenn nicht am meisten. Allerdings: Führt mehr Qualitätsmanagement auch zu besserem Journalismus? Der Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss schreibt auf Anfrage: «Bis heute kann unter Rückgriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse eine solche Kausalbeziehung noch nicht schlüssig nachgewiesen werden.» Das heisst: Mehr Qualitätskontrolle heisst nicht zwingend mehr Qualität. Wir müssen uns gedulden, bis die Stiftung Medienqualität Schweiz die Qualität der Medien neutral und fair bewertet in Form eines Ratings. Roger de Wecks Aussage ist aber korrekt.

In Deutschland gibt es nach 20 Uhr keine Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wenn man Gebührengelder von 80 Millionen Menschen erhält, kann man ohne Werbung ein Programm finanzieren. Bei uns sieht die Situation anders aus. Wir machen ein Programm für 8 Millionen Menschen, und das für vier Sprachregionen. Wir sind auf Werbung angewiesen, um ein attraktives Programm anzubieten.

Ob die SRG auch ein attraktives Programm ohne zusätzliche Erträge aus Werbung bieten kann, weiss man nicht. Der Gegenbeweis wurde noch nie erbracht. Es ist eine Behauptung de Wecks. Tatsächlich gibt es aber in Nordeuropa Service-public-Modelle, die ohne TV-Werbung auskommen. Und die skandinavischen Länder sind ebenso vielsprachig: Finnland (dreisprachig), Schweden (zweisprachig) und Norwegen (zweisprachig). Und nebenbei: Auch Belgien ist ein kleines Land mit drei Sprachregionen (Flämisch, Französisch, Deutsch) und somit drei öffentlich-rechtlichen TV-Sendern. 

Irland, Österreich, Belgien und die Schweiz haben als kleine Länder grosse gleichsprachige Nachbarn mit mächtigen Fernsehstationen.

Wie mächtig sind denn diese Fernsehstationen? Und machen ARD, ZDF, RTL u. a. der SRG wirklich das Leben schwer? Zuerst zur SRG: Der Marktanteil ihrer Programme befindet sich im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld. Im Gegensatz zu den Marktanteilen der öffentlich-rechtlichen Sender in den meisten umliegenden Ländern, die in den vergangenen zehn Jahren mehrheitlich eine deutlich sinkende Tendenz aufweisen, ist der Marktanteil in der Schweiz weniger stark geschrumpft oder – wie in der italienischen Schweiz – sogar gewachsen. Das lässt die Aussage zu, dass die Schweizer Zuschauer der SRG sehr treu sind.  Kommen wir zu den mächtigen Fernsehstationen im Ausland, schauen wir uns die Deutschschweiz an. Hier zeigt sich, dass der Marktanteil der SRG-Konkurrenz seit Jahren ebenfalls konstant ist. Er war vor 20 Jahren sogar deutlich höher. Und die neuen TV-Daten zeigen, wie zwei TV-Profis auf Anfrage erklären, dass die TV-Nutzung besonders deutscher Sender wie RTL geringer geworden ist. Fazit: Alles halb so schlimm. Die SRG hat zwar mächtige Fernsehstationen aus dem Ausland als Konkurrenz. Aber sie leidet kaum darunter. 

In der Schweiz haben ausländische Angebote zwei Drittel Marktanteil.

Roger de Weck macht die Werbefenster gern zum Thema. Sie schöpften Schweizer Werbegelder ab, die dann nicht in der Schweiz in Journalismus reinvestiert werden. Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt? Die ausländischen Sender haben in der Deutschschweiz einen Marktanteil von 62 Prozent. 1993 hatten sie 68 Prozent Marktanteil. Zugenommen haben die Schweizer Privaten. Sie verfügen heute über 7 Prozent Marktanteil. 2003 waren es noch 4 Prozent. De Weck stellt die SRG so dar, als sei sie in einer schwachen Position: Tatsächlich kann die SRG ihre Führung im TV-Markt gegen eine stetig wachsende Zahl an Konkurrenzprogrammen behaupten.

Wenn wir ein reines Radio- und Fernsehhaus bleiben, werden wir auf Dauer marginalisiert. Vor zehn Jahren haben drei Viertel unser Programm konsumiert, heute sind es zwei Drittel.

Es geht hier im Kern darum, was die SRG künftig im Netz machen darf und wie sich der lineare TV-Konsum entwickelt. Tatsächlich gerät die SRG unter Druck. Durch die neuen technischen Möglichkeiten nimmt die Zahl Zuschauer zu, die nicht mehr nur linear Fernsehen schauen, sondern Dienste wie Youtube, Apple TV und Netflix ansteuern. Von einer Marginalisierung zu sprechen, ist allerdings übertrieben. Die Zukunft als reines Radio- und Fernsehhaus könnte für die SRG vorteilhafter nicht sein. Die Generation der 14- bis 29-Jährigen nutzt laut der Mediennutzungsstudie MUI ihr mobiles Endgerät bereits heute am häufigsten für den Videokonsum. Videos werden auch beim Newskonsum wichtiger: 2014 gaben 30 Prozent der US-Nutzer an, dass sie in der vorhergehenden Woche Onlinenews auch als Video konsumiert hatten. In Europa ist der Wert bei 15 Prozent. Tendenz stark steigend.

Die zwei grössten Plattformen der Schweiz sind Facebook und Google. Die eigentliche Konkurrenz der SRG kommt aus dem Ausland.

Die Welt wird globaler. Das ist eine Tatsache. Und die erwähnten US-Firmen verdienen gutes Geld im Schweizer Onlinewerbemarkt. Aber sind diese Unternehmen tatsächlich eine Bedrohung? Wohl kaum. Sie sind im Vertrieb von Inhalten zuständig. Davon profitiert auch die SRG, die dank Google und Facebook das junge Publikum erreicht, zu dem sie über die traditionellen Kanäle keinen Draht mehr hat. Die einzig wahre Konkurrenz der SRG sind allerdings Schweizer Medien, die primär in der Alpenrepublik präsent sind. Wie der Schweizer Kuchen verteilt wird, bleibt auch in einer globalisierten Welt existenziell. Schweizerische Inhalte werden von Schweizer Medien produziert, und diese stellen auch künftig die Basis des eigenen Geschäftsmodells dar.

Wenn es keine SRG gäbe, würde es in Graubünden nur ein massgebliches Verlagshaus geben, auch in der Romandie, ebenso in Bern.

Die SRG als Hüterin der Medienvielfalt? De Wecks Aussage stimmt nur zur Hälfte. In Graubünden gibt es das «Bündner Tagblatt», das zumindest formell nicht Somedia (vormals Südostschweiz Medien) gehört. In Bern gehören die Radio- und TV-Sender den AZ Medien, Ringier und den Zürichsee-Medien. Und in der Romandie ist Ringier neben Tamedia auch aktiv. 

In Grossbritannien ist kein grosses Verlagshaus mehr in britischer Hand.

Falsch. Der «Guardian» ist im Besitz der britischen Stiftung Scott Trust Limited, die das Hauptziel verfolgt, die journalistische und finanzielle Unabhängigkeit der Zeitung zu sichern. Zudem gibt es auch noch die Medien-Beteiligungen der Barclay-Brothers mit «Telegraph», «Spectator» etc. Viel britischer kann man gar nicht sein.

Bloss noch vier Service-public-Anbieter in Europa haben den Anspruch, ein globales Korrespondentennetz zu betreiben. BBC, ARD/ZDF, France Télévisions und die im Vergleich kleine SRG.

Stimmt. Aber nicht ganz. Auch das schwedische Radio und Fernsehen haben rund um den Globus Korrespondenten stationiert.

Niemand kann ausser der SRG attraktive Unterhaltungssendungen machen.

De Weck bringt dazu gerne das Beispiel von 3+. Der Sender schafft es nicht, die Eigenproduktionen im Markt ohne Verlust zu kommerzialisieren. Dagegen gibt es allerdings auch das Beispiel des Jugendsenders Joiz. Mit beträchtlich weniger Mitteln als die SRG schafft es das Team, profitabel ein Unterhaltungsprogamm zu produzieren. Und das für eine Zielgruppe, welche die SRG nur schwer erreicht.

 

Update:

Die Medienwoche schrieb im Februar 2012 ebenfalls über den Generaldirektor und die Fakten: 

Wenn Roger de Weck belegen will, weshalb die SRG zu den ebenso herausragenden, wie auch effizienten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zählt, nennt der SRG-Generaldirektor immer wieder das Beispiel mit den Auslandkorrespondenten: Nur noch BBC, ARD/ZDF und eben die SRG unterhielten noch ein weltweites Netz von Berichterstattern. Alle anderen hätten sich ins Lokale zurückgezogen. Das hat de Weck so am Communication Summit vor einer Woche in Zürich gesagt und nun heute Abend auch wieder an einer Veranstaltung der Neuen Helvetischen Gesellschaft in Bern. Klingt eindrücklich, ist es aber nicht. Allein in Europa gibt es zumindest in Schweden (SR/SVT), Frankreich (France 24) und Österreich (ORF) Radio- und Fernsehsender, die sich ein weltumspannendes Korrespodentennetz leisten. Überhaupt schleichen sich im Repertoire de Wecks immer wieder Fehler ein. So ordnete er The Observer, eine sonntägliche Qualitätszeitung in England, kurzerhand dem Boulevard zu. Und der Guardian, so meint de Weck, erscheine nur noch online. Schliesslich noch der Klassiker: Facebook ist etwas für die Jungen.