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Wie Wolfgang Büchner die «Blick»-Gruppe umkrempelt

Christian Lüscher am Donnerstag den 6. August 2015
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Er ist bereits in der Umsetzungsphase: Wolfgang Büchner. (Bild: Keystone)

Seit fast einem Monat ist Wolfgang Büchner als neuer Geschäftsführer der «Blick»-Gruppe tätig. Wer er ist, können Sie in diesem Porträt nachlesen.

Kaum im Amt, gibt Büchner für hiesige Branchenverhältnisse ein ungewohnt hohes Tempo vor. Während sich Medienmanager in der Regel Monate Zeit lassen, um Workflows und Angebote zu analysieren, ist Büchner bereits in der Umsetzungsphase. Der Deutsche weiss genau, wohin er mit der «Blick»-Gruppe will.

Ab Anfang 2016 soll der Newsroom der «Blick»-Gruppe noch stärker auf die Herausforderungen der fortschreitenden Digitalisierung ausgerichtet sein. Ab dann soll der Newsroom Inhalte produzieren, die in erster Linie auf dem Smartphone konsumiert werden. Herzstück wird der Content-Desk. Da wird alles fürs Digitale, für Mobile, Social Media und Video produziert. Auch die beiden Zeitungstitel «Blick» und «SonntagsBlick» sollen ihre Inhalte vom Content-Desk beziehen. Was bleibt: Die Chefredaktoren René Lüchinger («Blick») und Christine Maier («SonntagsBlick») werden dann noch kleine Autorenteams führen, für ihre grossen Geschichten. Dem Vernehmen nach sollen es fünf bis sechs pro Titel sein. Das hat intern schon mal für Aufruhr gesorgt. Das letzte Wort sei aber noch nicht gesprochen.

Büchner legt seinen Fokus auf Smartphones. Logisch, in Zeiten, in denen die Menschen nonstop an diesen Dingern hängen und ihr ganzes Leben mittlerweile damit organisieren, muss das journalistische Angebot angepasst werden. Dass die Zeitungtitel eine untergeordnete Rolle spielen werden, ist naheliegend. Büchner sagte vor versammelter Mannschaft jüngst: «Unsere Produkte sollen journalistische Gadgets sein, die jeder unbedingt haben will.» Damit hat er die Marken gemeint, weniger die gedruckte Zeitung.

Büchners Strategie und Reorganisation geht nicht ohne Abbau, wie wir aus sicherer Quelle erfahren haben. Am Mittwoch wurden bereits vier Angestellte entlassen. Offenbar alles Frauen, was die Frauenbewegung in der Branche nicht freuen wird. Das war aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Laut einem internen Papier, sie wird als «Shortlist» bezeichnet, stehen bei der «Blick»-Gruppe gegen 20 Stellen zur Diskussion. Auf Anfrage wollte die Pressestelle die Zahl nicht bestätigen. Per Mail teilte man uns mit: «Mit weiteren personellen Massnahmen ist zu rechnen, das ist richtig.»

Die Nervosität bei der Belegschaft nimmt verständlicherweise zu. Wen es treffen wird? Überwiegend Angestellte, die wenig Erfahrung im Digitalen haben. Seit Monaten ist im Newsroom der «Blick»-Gruppe eine digitale Taskforce am Werk, geführt vom gebürtigen Kolumbianer Juan Fernando Baron. Wir haben in diesem Blog bereits im Januar geschrieben, dass der Ringier-CEO einen Digitalcrack holen will. Voilà, das ist er also. Der Branche vorgestellt wurde er nicht. Still und heimlich nahm Baron seine Arbeit auf. Selbst im Newsroom der «Blick»-Gruppe wussten Mitarbeiter nicht, dass da einer sitzt, der die Digitalstrategie der «Blick»-Gruppe noch massgeblich beeinflussen wird. Und der die digitalen Fähigkeiten der Belegschaft mitanalysiert.

Wie gehts weiter? Im September soll die zweite Phase von Büchners Plan umgesetzt werden. Jetzt geht er drei Wochen in die Ferien. Allerdings nicht ohne Aufgaben für die Chefredaktoren Lüchinger und Maier.

Wie wir leben, arbeiten und konsumieren

Christian Lüscher am Freitag den 28. November 2014
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Prägen die globalen Debatten: Die Vordenker. (Grafik: Sanerstudio.com)

Gegen Ende des Jahres gehen die meisten Nachrichtenmagazine mit einer äussert raffinierten Methode auf Leserfang. Sie ködern sie mit Listen der einflussreichsten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Sport, Politik, Forschung und Kultur. Am Kiosk sind solche Spezialausgaben äusserst populär.

Der Vorteil solcher Ranglisten liegt auf der Hand: Man hat in der Regel eine wunderbare Übersicht. Leider gibts auch einen Nachteil: Die Auswahl ist zu oft von den Präferenzen der Autoren geprägt. Es gibt keine Systematik. Sie werden mithilfe von Expertenumfragen erstellt. Oder aufgrund von Verkaufszahlen von Büchern. Wer gerade en vogue ist, hat grosse Chancen, ganz oben zu landen. Die britische Zeitung «The Guardian» hat deshalb entschieden, bei dieser Ranking-Mode nicht mitzumachen.

Diesen Sommer kontaktierte mich ein Vertreter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI). Man plane in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine umfangreiche Netzanalyse, die herausfinden wolle, welche Persönlichkeiten im Internet Spuren hinterlassen, die Debatten prägen und lancieren können. Ich war Feuer und Flamme. Wer hat schon die sogenannten Thought Leaders, die Vordenker der Gegenwart, systematisch ermittelt?

Zusammen mit dem GDI definierte die Redaktion 236 Personen, die über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Auch die «Tages-Anzeiger»-Leserschaft wurde im Juli aufgefordert, Namen und Inputs einzureichen. Dann untersuchte Peter Gloor, Forscher am MIT, während Wochen, wie oft diese Personen in der Blogosphäre, auf Twitter und Wikipedia genannt werden und wie sie weltweit vernetzt sind. Wie die Algorithmen das machten, ist selbst für mich heute noch ein Rätsel. Die Untersuchung ist aber wissenschaftlich nachvollziehbar, umfangreich und eben sehr komplex.

Gloor hat im Netz über Wochen gemessen, wer tatsächlich etwas zu sagen hat. Entstanden ist eine Rangliste ohne Jury. Ohne Präferenzen. Ohne Verkaufszahlen. Ermittelt wurden Personen, die in erster Linie durch Worte Einfluss ausüben, wie sie über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Es entstand eine Liste von Persönlichkeiten, die mit ihren Ideen die globale Infosphäre beeinflussen und Debatten prägen. Es sind auf jeden Fall nicht Personen, die isoliert vor sich hindenken, ohne Freunde, ohne Austausch.

Nun haben Sie zu den vielen Kioskausgaben im Dezember eine spannende Alternative. Betrachten sie die Datenbank als eine Art Seismograf, der Ihnen zeigt, wer uns im Leben tatsächlich beeinflusst. Wie wir leben, arbeiten und konsumieren. Viel Spass.