Beiträge mit dem Schlagwort ‘NZZ’

Schreibverbot für zwei langjährige NZZ-Journalisten?

Christian Lüscher am Donnerstag den 20. August 2015

Soll Schreibverbot haben: Der langjährige NZZ-Journalist Jürg Dedial. Foto: Manuela Matt, ZSP

Jürg Dedial, Oswald Iten und ehemalige NZZ-Kollegen trafen sich im April in einer Beiz. Sie gründeten eine Gruppe, die sich inoffiziell als «die wahren Freunde der NZZ» bezeichnete. Eine Anspielung auf die Aktionärsgruppe «Freunde der NZZ». Die Generalversammlung stand an und man wollte Zeichen setzen. In einer Flugblattaktion vor dem Kongresshaus forderten Jürg Dedial und seine Leute den Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod.

In ihren Augen verdienten der Verwaltungsrat und die Unternehmensleitung nach dem historischen Somm-Manöver das Vertrauen der Aktionäre nicht mehr. «Diese Organe haben die NZZ in eine Krise geführt, der Lächerlichkeit preisgegeben und unverantwortbaren Risiken ausgesetzt», schrieben sie. Sie wollten den Führungsgremien die Entlastung verweigern, die Wiederwahl des Präsidenten verhindern, eine ausserordentliche Versammlung fordern und einen neuen Verwaltungsrat beauftragen, CEO Veit Dengler abzusetzen.

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NZZ-Journalist Oswald Iten ist mehrfach preisgekrönt. Foto: Peter Fromenwyler, Keystone/Zuger Presse

Das Flugblatt hatte für Dedial Konsequenzen. Der im März ernannte Chefredaktor Eric Gujer richtete dem Journalisten aus, dass er ihn aus der Autorenliste im Impressum entfernen liess. Als Begründung gab Gujer eine «Verletzung der Loyalitätspflicht gegenüber der NZZ» an. Gemeint war seine Rolle bei der besagten Flugblattaktion.

Und nun soll Gujer auch ein generelles Schreibverbot gegen Dedial und Kollege Iten erlassen haben.

Das schreibt Jürg Dedial in einem Mail an Branchenkollegen:
«Der Entschluss des Chefredaktors zu einem Schreibverbot aus nichtjournalistischen Gründen ist gleichwohl ein vermutlich präzedenzloser Vorfall in der jüngeren Geschichte der NZZ. Er irritiert umso mehr, als ich es war, der Eric Gujer im September 1987 (und nicht 1986) als Mentor in die Geheimnisse der NZZ einführte und für ihn auch während seiner Berliner Korrespondentenjahre in der Redaktion verantwortlich war. Seit dieser Zeit hat sich bei der NZZ einiges verändert. Eine Diskussion über den Inhalt des Flugblattes und die Frage, warum die Autoren damit illoyal gegenüber der NZZ gewesen sein sollen, hat leider nie stattgefunden.»

Die Pressestelle der NZZ bestätigt Guyers Schreibverbot nicht: «Eric Gujer erlässt keine Schreibverbote. Neben unseren festen Redaktorinnen und Redaktoren gibt es einen wechselnden Kreis freier Autorinnen und Autoren, die für die «Neue Zürcher Zeitung» schreiben. Diesen Kreis überprüfen wir selbstverständlich laufend, um unsere hohen Qualitätsstandards sicherzustellen.»

Der Qualitätshinweis erstaunt in diesem Zusammenhang: Autor Iten ist mehrfach preisgekrönt und weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Und Dedial machte sich als Auslandredaktor und Hüter der gepflegten Sprache einen Namen.

SRF, Migros, NZZ, «Blick», Buzzfeed

Christian Lüscher am Dienstag den 24. Februar 2015
Festhalten, Raser am Werk: Gehört «Top Gear USA» zum Service public? Foto: PD

Festhalten, Raser am Werk! Gehört «Top Gear USA» zum Service public? Foto: PD

Zum Titel eine kurze Erklärung. Dahinter steckt Kalkül. Textet man eine Schlagzeile mit einem dieser bekannten Markennamen, erhöht man die Klickquote um gefühlte 50 Prozent. SRF, Migros, NZZ, «Blick», Buzzfeed: Im Onlinegeschäft sind das Reizwörter, auf die der Leser anspricht, auf die er reagiert und die er sofort anklickt.

Ich habe diese Namen allerdings nicht einfach aus Spass in den Titel gesetzt. Ich habe auch was zu erzählen.

Beginnen wir mit Migros

Kürzlich traf ich einen Werber in einer Zürcher Szenebeiz. Werber sind interessante Gesprächspartner, weil sie stets hervorragend informiert sind. Ausgesprochen gut ist die Stimmung in der Werbebranche derzeit nicht. Schuld ist der starke Franken. Seit SNB-Chef Thomas Jordan die Frankenuntergrenze aufgehoben hat, geht es bei den Werbern drunter und drüber. Mein Kollege berichtet von Panikreaktionen auf Kundenseite. Werbeausgaben würden drastisch gedrosselt, Kampagnen verschoben oder ganz eingestellt. Über Nacht wurden die Leistungen der Schweizer Werbeagenturen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz um 20 Prozent teurer.

Zu reden gibt in der Branche die Migros. Vor ein paar Wochen hat die Tochter Interio nämlich eine Schweizer Werbelegende zu Grabe getragen. Interio kündete ihre Verträge mit der langjährigen Werbeagentur Neuen LGK, die nun ihre Tore schliessen muss. Dafür macht nun die Münchner Agentur Fashioncom neu Werbung für Interio. Das ist natürlich legitim. Und hat vermutlich wenig mit dem Frankenkurs zu tun. Irritierend ist allerdings ein Interview mit Migros-Chef Herbert Bolliger in der «SonntagsZeitung». Er sagte: «Es gibt viele Leute, die gehen aus Prinzip nicht über die Grenze einkaufen, weil sie das einheimische Gewerbe unterstützen wollen. Dazu gehöre auch ich. Ich lebe in diesem Land, zahle hier Steuern und konsumiere auch in der Schweiz.» Interio verdient gutes Geld mit einer Kundschaft, die ausschliesslich in der Schweiz zu Hause ist.

Kommen wir zu SRF

Letzte Woche war ich in den Bergen Ski fahren. Wir hatten in St. Moritz perfekte Schneeverhältnisse. Dafür kein Internet. Weil ich auf der Zugfahrt ins Engadin mit Youtube-Videos mein Datenkontingent aufgebraucht hatte, musste ich mich via Fernsehen auf dem Laufenden halten. Aufgefallen ist mir die Sendung mit dem Namen «Winter Challenge». Obwohl schon vor einem Jahr ausgestrahlt, zeigte SRF kürzlich eine Episode, in der drei Extremskifahrer die Nordostflanke des Schreckhorns runterschwingen. Ziemlich gefährlich. SRF machte aus der Übung eine Heldengeschichte. Die Leistung der drei Amateurfahrer wurde verherrlicht, obwohl bei den Dreharbeiten die Skifahrer mit dem Heli ausgeflogen werden mussten, wie mein TA-Kollege Stefan Häne dokumentierte.

Ich fragte mich: Gehören solche Sendungen überhaupt zum Service public? Was haben solche Risikoübungen im Programm zu suchen? Die «Winter Challenge» ist auch kein Einzelfall. SRF zeigt auch Autotester, die das Rasen mit Sportwagen verherrlichen. Oder nehmen wir die Sendung «Das Experiment». Auch hier begeben sich Teilnehmer in Extremsituationen, indem sie zum Beispiel von Felswänden runterspringen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier die Einschaltquoten im Vordergrund stehen. Wo bleibt aber die Verantwortung? Ich kam zum Schluss, dass die SRG sich am Vermitteln von Informationen orientieren und das Drehen von Extremskiübungen Red Bull überlassen soll. Oder was denken Sie?

Noch was zur NZZ

Hier mache ich es kurz. Seit Wochen ist die NZZ das dominierende Stadtgespräch. Es wird spekuliert, wer nun auf Markus Spillmann folgen wird. Der neue Chefredaktor wird allerdings nicht wie erwartet Ende Februar bestimmt. Wie man hört, sollen der neue Chefredaktor und der Leiter Neue Publizistik (Digitalchef) erst Mitte oder Ende März bestimmt werden. An der Favoritenlage hat sich aber wenig geändert. Es bleibt also noch eine Weile spannend an der Falkenstrasse.

Und zum Schluss zu «Blick» und Buzzfeed

Kürzlich haben wir hier über die Pläne von Marc Walder berichtet. Die «Blick»-Gruppe wird bald einen Digital-Crack aus den USA erhalten. Er soll die Marke in die Digitalära führen. Was das heisst? Einen Vorgeschmack kriegt man auf der Mobile-Version von Blick.ch. Wer sie nutzt, hat neuerdings Zugriff auf Buzzfeed-Inhalte. In einer eigenen Sektion werden den Usern Videos des berühmten US-Portals aufgetischt. Zum Beispiel Videos mit dem Titel «Why Tea Is Better than Coffee». Da fällt mir nur ein Kommentar ein: Aufgewärmter Kaffee schmeckt immer bitter.

NZZ.at: Gepflegte Langeweile, aber…

Christian Lüscher am Donnerstag den 22. Januar 2015
NZZ

Keine Wortspiele, keine kreativen Schlagzeilen, dafür sehr wenig Werbung.

Gestern startete die NZZ-Gruppe in Österreich ihr Digitalprojekt NZZ.at. Erster Eindruck: spannendes Experiment. Beginnen wir unsere Kritik mit der optischen Aufmachung. Auf dem Smartphone – ich nutze ein iPhone 5S – macht die neue Seite einen flotten Eindruck. Weniger flott sind die Ladezeiten. Ab und zu hängt was. Die technischen Problemchen sollen hier aber nicht so ins Gewicht fallen. Wichtig ist: Die Lust am Entdecken ist da.

Etwas Mühe habe ich mit der Informationsarchitektur. Bewusst haben die Macher auf eine klare Ressortstruktur verzichtet. Das mag bei jungen Medien-Start-ups im Trend liegen. Ein Freund dieser Bewegung bin ich allerdings nicht. Das ewige Scrollen ist auf Dauer mühsam. Ich bevorzuge eine klare Gewichtung, weil ich ein ungeduldiger Leser bin. Suche ich zu lange, komme ich nicht sofort auf meine Kosten, dann machts Klick und ich bin weg. Noch geniesst NZZ.at bei mir Newcomer-Status. Nächste Woche auch noch? Wir werden sehen.

Kommen wir zum Inhalt. Hier sind die Erwartungen hoch. Schauen wir uns an, wie uns die Journalisten ihre Artikel verkaufen. Mein Fazit: Etwas gar unaufgeregt. Keine Wortspiele, keine kreativen Schlagzeilen. Seriös, ohne Reiz, keine Lust am Experiment. Vielleicht ist diese Form von Langeweile Strategie. Und warum verzichten die Autoren auf eigene Standpunkte, auf freche Schreibe? Nun gut, das hat es ja ohnehin schon genug im Netz. Auf NZZ.at wird viel erklärt und eingeordnet. Das machts attraktiv. Von der jungen Redaktion gibt es allerdings noch keinen Artikel, der absolut überzeugt. Da ist zwar dieser gute Text über die EZB-Entscheidung, der mir die wichtigsten Fragen beantwortet. Aber wo sind Texte, die wirklich nah an den Menschen sind? Wo sind die Artikel, die ich auf Facebook teilen möchte? Über die ich diskutieren möchte? Da fällt die Ernte etwas gar dürftig aus. Ein Beispiel: Unter «Phänomene» gibt es das Dossier «Altenrepublik», es geht um den Konflikt der Generationen. Das Thema erscheint mir zu beliebig. Ohne aktuellen Aufmacher. Noch eine Beobachtung: Ist da doch mal ein Artikel, der mich interessiert und den ich zu Ende lese, stammt er von einem NZZ-Autor.

Aber das kann ja alles noch besser werden. Kommen wir zum kommerziellen: Die NZZ.at hat eine harte Paywall. 14 Euro pro Monat verlangen die Macher von ihren Lesern.  10’000 vollzahlende Abos peilt die Redaktion im ersten Jahr an. Finde ich ehrgeizig. Stellt sich die Frage: Würde ich für das Angebot Geld ausgeben? Zuerst dachte ich: Nein, auf keinen Fall! Nach einer Stunde testen kam ich aber zum Schluss: Doch, da sind ein paar richtige Ansätze. Mir scheint, die Redaktion hat eine interessante Debattenstrategie. Die Redaktoren diskutieren mit den Lesern, sind in der Community-Arbeit aktiv und engagiert. Das will ich – schliesslich bin ich für den «Tages-Anzeiger» im Community-Management tätig – aktiv beobachten. Und last but not least: Mit der Zeit habe ich Gefallen an der Nachrichten-Präsentation gefunden. Und an der spärlichen Werbung (es gibt pro Tag nur einen Werbekunden). Das ist angenehm. Wunderbar sogar. Dafür zahle ich gerne.

Die Angst vor dem Shitstorm

Christian Lüscher am Mittwoch den 5. November 2014
«Der Artikel war eine Fehlleistung»: NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann. (Bild: Keystone)

«Der Artikel war eine Fehlleistung»: NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann. (Bild: Keystone)

Was würden Sie tun, wenn plötzlich ein Shitstorm an Ihrer Internettür klingelt?

Nun, die meisten von uns würden versuchen, ihn möglichst schnell loszuwerden. Man entschuldigt sich, versucht die Meute zu beruhigen, verteilt Gummibärchen. Man hat ja schliesslich nicht viele Optionen.

Am letzten Freitag geriet die NZZ beinahe in einen Shitstorm. Es ging um das Outing des Apple-CEO vom Donnerstag. Eine Journalistin kommentierte im Wirtschaftsbund, dass Tim Cooks Schritt aus persönlicher Perspektive nachvollziehbar, aus einer professionellen Perspektive hingegen ein Fehltritt sei. Den ausführlichen Kommentar lesen Sie hier. Der Kommentar erntete im Web umgehend Kritik. Schliesslich reagierte Chefredaktor Markus Spillmann auf Twitter: «Unser Kommentar ist Fehlleistung. Kontrolle versagt. Bedaure das. Sexuelle Orientierung ist Menschenrecht. Auch für Apple-Chef.» In der Kommentarspalte ging seine Erklärung weiter: Tim Cook sei eine öffentliche Person, demnach sei es nachvollziehbar, dass seine sexuelle Orientierung ein Thema sein könne. «Die Argumentation, dass Apple-Chef Cook ‹Machtmissbrauch› begehe, wenn er sich zu seinem Schwulsein bekennt, ist absurd.» Die Publikation des ­Artikels sei ein Fehler gewesen, schrieb Spillmann.

Seine Reaktion war Shitstorm-Management nach Lehrbuch: Kommunikation ist Chefsache, Fehler eingestehen, Mea Culpa.

Aber Hand aufs Herz, war sie denn auch richtig? Ich fürchte nicht. Sie war eine Fehlleistung.

Markus Spillmann reagierte als Journalist zu impulsiv. Bis am letzten Freitag galt für die NZZ und insbesondere für ihre Chefs das Dogma der Unfehlbarkeit. Noch nie hat sich ein NZZ-Chef für einen Kommentar entschuldigt. Gabs nicht. Es ist natürlich richtig und vorbildlich, wenn Journalisten Fehler in Artikeln korrigieren. Zum Beispiel Fakten. Aber eine Meinung als Fehlleistung zu bezeichnen? Die von der leitenden Redaktion autorisiert wurde? Nein. Ein guter Chef schützt die Meinungsfreiheit seiner Mitarbeiter gegen aussen, auch wenn sie ihm inhaltlich nicht passt. Die Kritik der Kollegin am Coming-out dieses Topmanagers mag nicht mehrheitsfähig gewesen sein. Aber unzulässig war sie nicht.

Für mich gibt es nur eine Erklärung, warum Spillmann sich zu diesem Schritt gezwungen sah: vorauseilender Gehorsam, die Angst vor einem heftigen Shitstorm. Wer nur schon im Verdacht steht, homophob zu sein, muss mit Gegenwind rechnen. Der muss was aushalten. Und Spillmann musste schon bei der fragwürdigen #selfiegate-Story einiges aushalten. Gut möglich, dass er hier aus einem Reflex Gegensteuer geben wollte. Vermutlich aber wollte Spillmann den Imageschaden auch aus anderen Gründen begrenzen. Denn es steht mit NZZ.at die Expansion nach Österreich an. In ein Land notabene, das laut Eurobarometer-Umfrage zu den aufgeschlossenen Ländern der EU gegenüber den Rechten von Schwulen und Lesben gehört. 49 Prozent der Österreicher befürworten die gleichgeschlechtliche Ehe. Und vielleicht wollte Spillmann ja auch einen Geschäftspartner nicht verärgern. Seit einigen Tagen verkauft die NZZ das iPhone 6. Man hat eine Kooperation mit Apple.

Zu Details und Interna wollte sich Spillmann auf Anfrage nicht äussern. Wir können also nur vermuten, warum er am Freitag eine Mitarbeiterin öffentlich einer Fehlleistung bezichtigte, was ihm intern übrigens Kritik eingebracht hatte. Rückblickend wäre es journalistisch besser gewesen, wenn Spillmann mit einem eigenen Kommentar Gegenposition bezogen hätte, statt eine Kollegin zu rügen. Gegen aussen muss sich ein Chef vor seine Mitarbeiter stellen, selbst wenn der Kommentar daneben ist.

Journalisten dürfen den Shitstorm nicht fürchten. Sonst machen Sie sich erpressbar. 

Luzern übernimmt in St. Gallen

Christian Lüscher am Freitag den 24. Oktober 2014
SONNTAGSZEITUNG, ZEITUNG, PRESSE,

Wie weiter mit der «Ostschweiz am Sonntag»? Das Gründungsteam begutachtet die Zeitung nach dem Andruck am 3. März 2013. Foto: Keystone

Wie gut ist eigentlich die Stimmung in den regionalen Fürstentümern der NZZ-Gruppe? Also in St. Gallen und Luzern? Kurz gesagt: Es herrscht Konsternation. Zumindest in St. Gallen.

Die NZZ-Gruppe will die Medien Ost- und Zentralschweiz neu unter einem einheitlichen Management zusammenfassen. Dabei gibts einen klaren Gewinner und einen klaren Verlierer. Daniel Ehrat, seit 2011 verantwortlich für alle Medien der St. Galler Tagblatt AG sowie Mitglied der Unternehmensleitung der NZZ-Gruppe, verlässt das Unternehmen per sofort. An seiner Stelle übernimmt Jürg Weber, Geschäftsleiter der «Neuen Luzerner Zeitung». Überspitzt formuliert: Die Luzerner haben neu das Sagen in St. Gallen.

Das ist bemerkenswert. Denn bis dato genossen beide Regionalmedien ihre Unabhängigkeit. Die St. Galler machten, was sie wollten. Ebenso die Luzerner. Es gab je eine Geschäftsleitung, je einen Verwaltungsrat, je einen eigenen publizistischen Kurs. Damit ist Schluss. Dass sich die Luzerner durchgesetzt haben, ist womöglich auf den finanziellen Taucher der St. Galler Tagblatt AG zurückzuführen. Seit 2011 sank der Gewinn merklich. Mit der Lancierung einer eigenen Sonntagsausgabe «Ostschweiz am Sonntag» im Frühling 2013 sind die Finanzen vollends aus dem Ruder gelaufen.

Das Prestigeprojekt, lanciert von Daniel Ehrat, startete mit einer stolzen Auflage von 120’000. Der Verlag setzte das Ziel, die 90’000 nicht zu unterschreiten. Publizistisch war die Zeitung ein Erfolg und wurde in der Medienlandschaft weit stärker beachtet als das «Tagblatt». Kommerziell entwickelte sich die Sonntagszeitung aber zum Flop. Viele Abonnenten reagierten verärgert. Einerseits, weil sie die siebte Ausgabe ungefragt zugestellt erhielten, andererseits, weil die Tagblatt-Medien gleichzeitig die Preise für sämtliche Abos erhöhten. Also auch für jene Kunden, die weiterhin nur sechs Ausgaben wollten. Inzwischen ist die Auflage bei 55’000 angelangt.

Auch in der Redaktion ist die Krise augenfällig: Die Mehrheit der Sonntagsmannschaft ist weg. Von den neun Gründungsmitgliedern der Kernmannschaft sind nur noch zwei Redaktionsmitglieder übrig. Auch der grosse Hoffnungsträger, Christian Ortner, für teures Geld von den «Vorarlberger Nachrichten» geholt, ging. Er arbeitet heute als Projektplaner für NZZ-CEO Veit Dengler.

Für die St. Galler dürfte die nächste Zeit – sagen wirs mal so – spannend werden. NZZ-CEO Dengler schreibt in einer Mail an die Belegschaft von einer weiteren Konsolidierung, die der Luzerner Jürg Weber vorantreiben soll. Man will die Zusammenarbeit zwischen den Redaktionen intensivieren. Im Klartext: Künftig werden Inhalte nicht nur gelegentlich ausgetauscht, sondern es wird vertieft zusammengearbeitet. Die regionale Unverwechselbarkeit soll aber nicht verloren gehen.

Und das ist das Problem. Dem Vernehmen nach hat ein Grossteil der «Tagblatt»-Redaktion Bedenken, ob das denn gut kommt. Man befürchtet den Verlust der Eigenständigkeit. Und einen Verlust der Qualität. Tatsächlich verfügt das «St. Galler Tagblatt» über ein weit edleres Layout als die «Neue Luzerner Zeitung» und versucht so, einen Anspruch als Qualitätszeitung zu markieren. Dass die St. Galler wenig zu melden haben werden, ist vielleicht auch eigene Schuld. In der Vergangenheit war ihr Kooperationswille in der Gruppe schwach ausgeprägt. Man stellte sich – anders als die Luzerner – oft quer. Mit der Berufung Webers sind die Karten neu verteilt. In einer Mail unterstreicht Dengler, dass Weber in den nächsten Tagen ein Team bilden werde, um weitere Konsolidierung der Regionalmedien vorzubereiten und Strukturen, Prozesse und eine effiziente Aufbauorganisation zu definieren.

NZZ: Das Jahr mit Veit Dengler

Christian Lüscher am Montag den 8. September 2014
Off The Record

Spricht gerne über seine Visionen: NZZ-CEO Veit Dengler, hier an einer Medientagung im Juli 2014. Foto: Keystone

Da gibt es eine Anekdote, die man sich an der Falkenstrasse gerne und oft erzählt. Als Veit Dengler sich im Oktober 2013 der NZZ-Belegschaft vorstellte, bezeichnete er sich selbst als Early Peaker, als einer, der im Leben schon immer schnell vorankam und schnell Fortschritte erzielte. Seither nennt man ihn in NZZ-Kreisen: Early Peaker.

Wir fragen uns: Wie sieht Denglers Leistungsausweis nach einem Jahr als CEO aus? Hat er schnelle Fortschritte erzielt? Ohne Zweifel. Beginnen wir mit seiner Medienpräsenz, die zu den Highlights seiner Amtszeit gehört. So viel wohlwollende PR hatte ein Schweizer Medienchef selten. Kaum im Amt, war die Fach– und Publikumspresse voll mit Porträts und Interviews. Dengler konnte sich ankündigen, sich als vitalen Manager positionieren.

Nach einem halben Jahr dann sein Gesellenstück. Er brachte das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung» ganz in den Besitz der NZZ. Die Zürcher Mediengruppe übernahm die Anteile der Publigroupe. Der Kauf spricht aus zwei Gründen für Denglers Qualitäten als Medienmanager: Er strafte Brancheninsider Lügen, die von einem Verkauf der Regionalmedien ausgingen. Und die NZZ bezahlte offenbar einen Schnäppchenpreis («Finanz und Wirtschaft»).

Seit Dengler der NZZ-Gruppe vorsteht, wächst das Management. Da wäre die Unternehmensleitung. Sie ist von acht auf elf Mitglieder gewachsen. Statt mit heimischen Medienmanagern verstärkte er die Geschäftsleitung mit Branchenfremden. Aber auch die Redaktion der NZZ profitierte. Musste Vorgänger Albert P. Stäheli unpopuläre Sparrunden durchziehen, verstärkte Dengler das Kader mit mehreren gewichtigen Neuzugängen: Colette Gradwohl, Peer Teuwsen, Balz Bruppacher und Peter Sennhauser. Und vergessen wir seine Expansion nach Österreich nicht. Für den geplanten NZZ-Satelliten im Nachbarland betraute er mit Michael Fleischhacker einen prominenten Journalisten mit dem Prestigeprojekt. Wer hat ihm das vor seinem Antritt zugetraut? Eben.

Denglers Impulse tun der NZZ-Gruppe gut. Sie sind aber auch ein Risiko.

Trotz der wohlwollenden Publicity konnte Dengler bis heute nicht glaubwürdig darlegen, wie er aus der Gruppe ein Unternehmen formen will, das sich im Medienwandel behaupten kann. Im Zentrum steht die Publizistik. Aber wie will er Geld verdienen? Das bleibt sein Geheimnis. Im Moment bleibt das Bild haften, dass der neue CEO keine Kosten scheut und grosszügig in Inhalte investiert. Wo die neuen Ertragsquellen sind, darüber rätselt und staunt die Branche, die notabene selbst nach Lösungen sucht. Dengler ist im Ankündigen von Ideen gut. Resultate sind noch nicht sichtbar. Das hat den früheren Tamedia-Chef Martin Kall bereits zu einer amüsanten Äusserung hinreissen lassen: «Wir müssen in unserer Branche einfach mehr tun und weniger darüber reden, was vielleicht zu tun wäre.»

Denglers Personalentscheide sind mutig, bergen jedoch auch Gefahren. Sie sind nämlich kostspielig. Es sind teure Leute, die Dengler da holte. Und sind es auch die besten? Aus der Branche ist zu vernehmen, dass Dengler viele Spitzenleute angegangen ist, aber viele Absagen erhielt. Wer Betroffene direkt nach den Gründen fragt, hört immer das Gleiche: zu hohes Risiko.

Dengler hatte mit seinen Personalentscheiden auch nicht immer eine glückliche Hand. Das zeigte der Fall eBalance. Der angeheuerte McKinsey-Berater verliess samt Entourage nach nur kurzer Zeit die NZZ. Um den Fall einzuordnen: Dengler erklärte das Thema eBalance zur Chefsache und plante ein 10-Millionen-Business. Stattdessen gabs Uneinigkeiten in der Strategie, viel Unruhe, lang verdiente Mitarbeiter verliessen das Unternehmen. Heute arbeiten die ehemaligen eBalance-Kader an einem Konkurrenzprodukt zur NZZ.

Das hat sich herumgesprochen. Dengler muss aufpassen, dass das Betriebsklima nicht zum Risiko wird. Auch wenn die Verlagsspitze im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» von einem guten Klima spricht, häuft sich die Kritik. Einzelne Kader stehen Denglers Beratergarde skeptisch gegenüber. Vor allem im Verlag und in der Administration ist die Unsicherheit gross. Der Chef wolle zu viel auf einmal.

Tatsächlich hat Dengler gleich ein paar Baustellen eröffnet. Da wären der Newsroom, die Reorganisation der Redaktion (Shift), die Einführung eines neuen Redaktionssystems, eine neue Paywall und die Weiterentwicklung der gedruckten NZZ. Zu viel? Möglicherweise. Mit dem Aufbau eines Newsrooms konnte Dengler zwar ein Zeichen setzen. Nehmen wir aber das ambitionierte Zeitungsprojekt «Neo». Es ist in Rücklage geraten. Die neue Zeitung war für Herbst 2014 geplant. Doch nun soll es Frühling 2015 werden. Auf Anfrage heisst es: Wir haben dabei keine Eile – Qualität und Sorgfalt stehen im Vordergrund. Womöglich hat man den Aufwand unterschätzt. Man muss nochmals über die Bücher. Bei den älteren Lesern erhielt man solide Noten, dafür fiel die neue Zeitung bei den jüngeren Lesern durch.

Dass das Tempo die Belegschaft irritiert, ist kein Geheimnis. Dengler selbst geht in einem internen Memo darauf ein und begründet dies mit einer Notwendigkeit. Die Entwicklung im Medienbusiness verlaufe derart schnell, dass man sich kein Nacheinander erlauben könne. Um zu einem Schluss zu kommen: Wie gut hat sich der neue CEO der NZZ in den letzten 12 Monaten geschlagen? Nun, Dengler kennt die Dossiers gut und konnte mit seinen Visionen und seiner Hingabe ein paar Pflöcke einschlagen. Doch jetzt zählen Resultate, denn die sind noch nirgends sichtbar.