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Roger Schawinskis 105-Probleme

Christian Lüscher am Donnerstag den 19. November 2015
Radio-1 Gruender Roger Schawinski informiert die Medien am Montag, 9. November 2009, in Zuerich. Radio 1 hat am Montag um 9 Uhr den Sendebetrieb ab Uetliberg aufgenommen. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Verstösst Roger Schawinski gegen die Konzession? Dem Bakom muss er Auskunft über den Personalbestand von Planet 105 geben. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Erinnern Sie sich an den Zürcher Radiokrieg im Januar 2014? Das war eine ziemlich schmutzige Angelegenheit. Es ging um das Jugendradio 105, welches bekanntlich pleiteging. Während Tagen lieferten sich Dani Büchi von der Energy-Gruppe und Roger Schawinski eine Schlammschlacht. Sie können alles nachlesen, wenn Sie auf Google «Totengräber», «Schnäppchenjäger» und «Scaglione» eingeben. Am Schluss konnte Schawinski den Jugendsender nach einem nervenaufreibenden Auktionsverfahren kaufen. Mit 1,585 Millionen Franken bezahlte er aber einen deutlich zu hohen Preis.

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als Roger Schawinski den Zuschlag bekam. In seinem Büro erzählte er mir und einem Journalistenkollegen von seinem Triumph. Die negative Publicity der letzten Tage störte ihn nicht. Im Gegenteil: Sie würden ihm und seinen Plänen letzten Endes nützen. Wie damals bei Radio 24. Stolz trug er einen 105-Pin auf der Brust. Er servierte uns Champagner, ein «Pol Roger». Die Stimmung im Studio war fröhlich. Man feierte.

Heute, fast zwei Jahre später, ist den 105-Machern das Lachen vergangen. Schawinskis Jugendradio steckt in der Krise, und dies aus verschiedenen Gründen.

Baustelle I: Die Hörerzahlen

Roger Schawinski hat mit Planet 105 und Radio 1 zwei Radios. Im Januar 2014 hatte der Radiounternehmer eine kumulierte Hörerschaft von 260’000. Heute sind es etwa 190’000. Er hat heute weniger Hörer als Radio Zürisee und knapp mehr als Radio Top. Insbesondere sein Jugendradio verlor sehr viele Hörer. Im Januar 2014 übernahm Schawinski bei 102’000. Seither hat er zwischen 30 und 40 Prozent der Hörer verloren.

Baustelle II: Das Personal

Gleich mehrere Schlüsselmitarbeiter haben den Sender in den letzten Monaten verlassen. Aushängeschild Jan Müller wechselte im Sommer 2014 zu Radio 24. Mehrere langjährige Mitarbeiter verliessen den Sender in Richtung Energy Zürich, also zur direkten Konkurrenz. Morgenmoderator Sascha Wanner, den Schawinski von Energy zu Planet 105 holte, geht nach einem kurzen Gastspiel wieder zurück zu Dani Büchi und Team. Andere Radiokollegen sollen ebenfalls kurz vor dem Absprung stehen.

Baustelle III: Die Marke

Schawinskis härtester Konkurrent ist Giuseppe Scaglione. Dieser ist seit ein paar Monaten mit My105 im Markt präsent. Nicht auf UKW, sondern auf DAB. Es buhlen zwei 105-Radiomarken um die Gunst der jungen Hörer. Laut einer von Scaglione in Auftrag gegebenen Hörermessung zählt seine Streaming-Plattform My105 doppelt so viele Hörer wie Roger Schawinskis Planet 105. Das Verhältnis zwischen den beiden Radiounternehmern ist so angespannt, dass Schawinski seinen Mitarbeitern verbot, an Scagliones letzter Lancierungsparty teilzunehmen.

Baustelle IV: Verstoss gegen Konzession?

Als Schawinski die Konzession von Radio 105 übernahm, versicherte der Radiomann in einem Schreiben ans Bundesamt für Kommunikation (Bakom) mit dem Titel «Übertragung einer Konzession mit Leistungsauftrag», dass für Moderation, Redaktion, Layout, Homepage und Technik im Vollausbau eine Zahl von 9 bis 11 Mitarbeitern vorgesehen sei. Dabei werden – entsprechend den bundesrätlichen Vorgaben – auch mehrere junge Praktikanten ins Metier eingeführt. Nun kann Schawinski aber aufgrund von mehreren Kündigungen und Entlassungen diese Anforderungen womöglich schwer erfüllen. Auf der Homepage von Planet 105 weist der Radiounternehmer zwar ein grosses Team aus, darunter fungieren aber zahlreiche internationale DJs, Musiker und Radio-1-Mitarbeiter. Zählt man die Redaktoren von Radio 1 ab, arbeiten heute weniger als 11 Personen für Planet 105. Gemäss dem ursprünglichen Konzessionsgesuch von Radio 105 müssten für das Jugendradio sieben Newsredaktoren und acht Moderatoren im Einsatz stehen.

Ist das ein Verstoss gegen die Konzession? Auf Anfrage teilt das Bakom mit, dass die Veranstalter verpflichtet seien, Auskunft über die Anzahl Programmschaffender zu geben. Bei der Überprüfung stellte das Bakom fest, dass die entsprechende Angabe von Planet 105 fehlte. Nun muss Schawinski diese nachreichen. Liegt ein Verstoss vor, sieht das RTVG (Art. 89) eine Reihe von Massnahmen vor, die von der Herstellung des rechtmässigen Zustands bis hin zum Entzug einer Konzession reicht.

Laut Schawinski blieb das von ihm nach dem Konkurs übernommene Team zum allergrössten Teil beim Sender. Die Programmleistungen würden in der bisherigen Form erbracht. Jeder, der den Sender höre, könne dies bestätigen. Das Bakom schreibt auf Anfrage, dass bisher keine Meldungen aus dem Publikum eingegangen seien, die darauf hingewiesen hätten, dass der Leistungsauftrag nicht erfüllt sei.

Das Luxusproblem der «NZZ am Sonntag»

Christian Lüscher am Samstag den 18. Oktober 2014
Eine Sorge, die sonst kaum eine Zeitung kennt: Die «NZZ am Sonntag» kämpft mit Übergewicht. Foto: Flickr

Eine Sorge, die sonst kaum eine Zeitung kennt: Die «NZZ am Sonntag» kämpft mit Übergewicht. Foto: Flickr

Man liest in diesen Tagen auffallend oft Krisenreportagen und Sterbeanalysen zum Thema Zeitung. Es ist en vogue, sich zum bemitleidenswerten Zustand der Papiertechnologie zu äussern. Meinetwegen. Ich setze mal einen Kontrapunkt: Ich lobe eine Zeitung, und ausgerechnet eine der Konkurrenz.

Ich habe den Eindruck, dass die Kollegen der «NZZ am Sonntag» vieles richtig machen. Inhaltlich setzt sich die Sonntagsausgabe aus dem Hause NZZ von den anderen sechs Wettbewerbern ab: Man legt Wert auf Hintergrund und Meinung. Die Redaktion hat einen hohen Anspruch, recherchiert präzis und kommentiert klug und überraschend. Chefredaktor Felix E. Müller hat eine publizistische Kultur entwickelt, die unverkennbar ist. Man verweigert sich den branchenüblichen Standards wie der Primeurbolzerei, dem Verschenken von Inhalten im Web oder dem Servieren von Enten.

Der Kurs zahlt sich aus. Die «NZZ am Sonntag» ist die sympathischste Zeitungsmarke im Wirtschaftsraum Zürich. Auch meine Kollegen aus der Werbebranche bestätigen diese Beobachtung. Und jetzt wirds spannend: Obwohl die «NZZ am Sonntag» wie alle anderen Zeitungen in den vergangenen Monaten im Lesermarkt einbüsste – im Werbemarkt ist sie ein Juwel.

Die Zeitung ist erstens voller Beilagen. Und zweitens voller Werbung. Ein Blick in die Inseratestatistik der Wemf AG für Werbemedienforschung beweist es. Lange führte der «SonntagsBlick» die Statistik an. Neuerdings trocknet die «NZZ am Sonntag» (598 Seiten, seit Januar 2014) den «SonntagsBlick» (546 Seiten) ab.

Kommen wir zu einer hübschen Anekdote, die den Anlass für diesen lobenden Blogbeitrag lieferte. Die Zeitung kämpft seit drei Wochen mit einem Luxusproblem: Weil die «NZZ am Sonntag» voller Beilagen, Magazine («Stil», «Bücher am Sonntag», «Z», «Residence», «Frame») und Werbung ist, kämpft die Druckerei mit dem Gewicht. Die dicken und schweren Ausgaben fielen aus den Halterungen. Als Folge musste das Immobilienmagazin «Residence» auf zwei Sonntagsausgaben verteilt werden. Der Vorfall ist ein Kompliment an den Chef und an sein Zeitungskonzept.

Die Zeitung in der Krise? Bei der «NZZ am Sonntag» trifft das offensichtlich nicht zu.