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Jung, wild, desaströs

Blog-Redaktion am Mittwoch den 3. Februar 2016

Ein Beitrag von Flavia Forrer und Simon Eppenberger *

Am Thema vorbei diskutiert: Nik Schwab, Clarissa Haller, Reto Lipp, Luzia Tschirky, Rainer Stadler und Frank A. Meyer. (Medienbeobachtung Bluereport.net)

Am Thema vorbei diskutiert: Nik Schwab, Clarissa Haller, Reto Lipp, Luzia Tschirky, Rainer Stadler und Frank A. Meyer. (Medienbeobachtung Bluereport.net)

Am Dienstagabend ereignete sich an der ETH Zürich ein Desaster. Die Instanzen der Kommunikationsbranche, der Zürcher Presseverein und PR Suisse, hatten zum «Communication Summit 2016» geladen und Hunderte Verbandsmitglieder angelockt.

Die Frage des Abends war spannend: Wie geht man mit den aufmüpfigen und kreativen Geistern um, welche die Branche wachhalten und voranbringen? Darüber der vielsagende Titel: «Junge Wilde: Visionen und Realitäten». Ins Thema führte dann ein 72-Jähriger ein: Ringier-Schwergewicht Frank A. Meyer.

Ein geübter Redner, der Blochers Medienmacht kritisierte, ohne dessen Namen zu nennen – und kluge Zitate gescheiter Menschen in den Saal hinausbrüllte, um am Ende Folgendes zu sagen: Fragen stellen, das sei für die Demokratie sehr, sehr wichtig. Ein Fazit, so überraschend wie Nebel in London. Bereits während des Anlasses ging ein kleines Gewitter auf Twitter nieder.

Auf Frank A. Meyer folgte eine Diskussion, die ebenfalls nichts Neues aufs Tapet brachte. Anlass für eine Nachbetrachtung aus zwei Perspektiven. Im Saal sassen Flavia Forrer (26), ZHAW-Absolventin, Praktikantin Social Media bei Tagesanzeiger.ch, und Simon Eppenberger (37), MAZ-Absolvent, Stv. Ressortleiter Zürich, seit 2006 beim Tagi, davon acht Jahre bei Tagesanzeiger.ch.

Simon Eppenberger: Zu dieser Veranstaltung finde ich folgenden Tweet noch den positivsten:

Wie ist es dir als «junge Wilde» ergangen?

Flavia Forrer: Genau das ist das Problem in der Medienbranche: Häufig sitzen die alten Männer oben und nehmen die Jungen gar nicht ernst. Dabei haben zwar weder die Alten noch die  Jungen langfristige Lösungen, um den Journalismus in die Zukunft zu führen. Aber man könnte die Jungen wenigstens fragen, was sie für Ideen haben. Ernst genommen werden sie nicht, sie sind ja oft nur die Praktikanten.
SE: Es war ja eine langjährige Praktikantin auf dem Podium. Ich fand das sehr treffend für die heutige Lage: Junge mit Hochschul- oder Uniabschluss arbeiten erst mal für wenig oder gar kein Geld.

FF: Das störte mich. Luzia Tschirky wurde vom Moderator als die Dauerpraktikantin dargestellt. Dabei machte sie nicht nur Kaffee, sondern war unter anderem im Moskauer Büro des Deutschen Magazins «Spiegel».

SE: Aber ist das die Vision, die im Titel versprochen wurde: Praktikant sein für unbestimmte Zeit? Was stellst du dir für deine Zukunft vor?

FF: Nein, das ist keine Vision, geschweige denn eine Zukunft. Aber: Um im Journalismus Fuss zu fassen, muss man da durch. Das wird dir bereits im Studium eingetrichtert. Sonst geht man halt in die Kommunikationsbranche.

SE: Das Ergebnis hat man an der Teilnehmerliste gesehen: Etwa 15 Journalisten sassen mit 150 Kommunikationsmenschen im Saal. Die Visionen haben dabei gefehlt. Leider war das mit der im Titel ebenfalls erwähnten Realität genau gleich. Zu dieser Realität gehört in erster Linie, dass es immer weniger Geld für Qualitätsjournalismus gibt. Da hätte ich mir ein, zwei Visionen erhofft, wie man dieses Problem angehen will.

FF: Hier könnte man die Jungen fragen. Sie wissen, was auf sie zukommt, wenn sie Journalist werden: schwere Jobsuche, Stress, sparen. Trotzdem wollen sie diesen Beruf ausüben und haben Ideen und Visionen, wie sie künftig arbeiten wollen. Leider werden wir aber nicht gefragt, geschweige denn ernst genommen.

SE: Was sind denn deine Visionen?

FF: Ich würde konsequent ins Digitale investieren – auch wenn sich das nicht sofort rentiert. Im aktuell grossen Wandel würde ich trotzdem viel mehr tun in diesem Markt. Ich bin überzeugt: Das zahlt sich langfristig aus. Und vor allem: Neues ausprobieren! Es bleibt uns doch eigentlich gar nichts anderes übrig.

SE: Was denn ausprobieren?

FF: Grundsätzlich frage ich mich: Muss man immer der Schnellste sein und damit mehr Fehler riskieren, als wenn man auf Qualität setzt? Ich glaube, letzteres setzt sich langfristig durch. Ich wünsche mir mehr grosse, digitale Produktionen mit tollen Bildern und relevantem Inhalt. Das gibt es als Ausnahme und ist dann etwas Spezielles. Wieso ist das nicht Alltag? Und ich würde die Interaktion mit den Lesern überdenken. Wieso gibt man den Autoren nicht zwei Stunden Zeit, um sich mit den Lesern auszutauschen, in einem direkten Dialog auf digitalen Kanälen? Sag mal: Hast du noch Visionen?

SE: Bei solchen grossen Produktionen bin ich sofort dabei. Und ich gebe dir recht: Ich würde auch gerne mehr wissen darüber, was die Leute, also die Leser und User, tatsächlich bewegt. Ich weiss, dass sie sich in Zürich fürs Wohnen und einige andere grosse Themen sehr interessieren. Aber was sonst in ihren Lebenswelten relevant ist, da wissen wir viel zu wenig. Mehr Interaktion: Ja gerne! Vielleicht finanziert ein Werbepartner solche Formate.

 

Flavia Forrer* Flavia Forrer (26) ist ZHAW-Absolventin und Praktikantin Social Media bei Tagesanzeiger.ch.

 

 

Simon*Simon Eppenberger (37) ist MAZ-Absolvent, Stv. Ressortleiter Zürich und seit 2006 beim Tagi, davon acht Jahre bei Tagesanzeiger.ch.

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