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Was die Vorschläge der SRG taugen

Flavia Forrer am Montag den 25. Januar 2016

SRG-Generaldirektor Roger de Weck machte den Verlegern elf Angebote zur Zusammenarbeit. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Mit einem Brief offerierte Roger de Weck den Verlegern eine Zusammenarbeit mit der SRG. Wir haben die Angebote einzeln geprüft:

  1. Videos: Die SRG stellte in der Vergangenheit im Rahmen eines Pilotprojekts den Verlegern Videos zur Verfügung, die sie auf der eigenen Website einbetten konnten. Dieses Projekt weiterzuführen, ist sinnvoll: Gerade Liveübertragungen mit einem Ticker sind ein Mehrwert für die Verlage.
  2. Sport: Roger de Weck macht den Verlagen zwei Angebote: Er will die Hälfte der 20 jährlichen Fomel-1-Rennen privaten TV-Kanälen anbieten. Die andere Hälfte sollen die Zuschauer weiterhin beim SRF verfolgen. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Sender nur die Hälfte aller Rennen überträgt? Ich bezweifle, dass Fans für jedes zweite Rennen wirklich zu den Privaten wechseln. Ausserdem ist noch offen, ob die SRG den Zuschlag für den dreijährigen Vertrag überhaupt erhält. Das andere Angebot, welches de Weck den Privaten macht: Die SRG will in einem Pilotprojekt Cup- und Meisterschaftsspiele der Hallensportarten Basketball, Handball, Unihockey und Volleyball produzieren und im Web live übertragen. Während dreier Jahre könnten auch regionale Privatsender diese Spiele gratis übertragen. Die grossen Sportarten wie Fussball und Tennis spielen in diesem Pilotprojekt allerdings keine Rolle. Zudem: Was passiert nach 2018? Dieses Angebot ist ein Köder: Nach 2018 werden die Privatsender zur Kasse gebeten. Sind sie nicht bereit, für die Sportsendungen zu zahlen, springen die Zuschauer ab – zum SRF.
  3. Ausbildung: Roger de Weck bietet an, die journalistische Ausbildung künftig zusammenzulegen. Allerdings: Jedes Medium benutzt eigene Werkzeuge, hat einen eigenen «Unterrichtsstil», eine eigene Art der Berichterstattung. Wird die Ausbildung vereinheitlicht, braucht es am Ende immer noch eine individuelle Weiterbildung bei den verschiedenen Unternehmen. Eine allgemeine Ausbildung erhalten angehende Journalisten ausserdem heute schon an der Schweizer Journalistenschule MAZ oder an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
  4. HbbTV-Technologie: HbbTV oder Smart TV ist der digitale Nachfolger des Teletexts. Diese Technologie ermöglicht eine Verschmelzung von Fernsehen und Internet. Dass diese Technologie zukunftsweisend ist, sieht Roger de Weck richtig. Sein Vorschlag einer Zusammenarbeit im Bereich HbbTV ist fair und könnte nachhaltig wirken. Aber nur solange die Technologie auf den privaten Medienkanälen angewendet werden kann. Diese müssen technologisch auf dem neusten Stand sein.
  5. Swiss TXT: Eine Zusammenarbeit mit der Tochtergesellschaft der SRG und den privaten Verlegern hält Roger de Weck für möglich. Swiss TXT produziert den Schweizer Teletext. Durch die digitalen Veränderungen hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt und besitzt entsprechendes multimediales Know-how. Eine Kooperation kommt meiner Einschätzung nach ein wenig spät. Die privaten Verlage schlafen nicht: Sie verfügen inzwischen im multimedialen Bereich ebenso über technische Kenntnisse.
  6. Web-Player der SRG für private Sender: Das SRF hat auf seiner Internetseite einen eigenen Web-Player. Der Generaldirektor der SRG bietet den Verlegern an, diesen zu nutzen und so zu mehr Visibilität für ihre Inhalte zu kommen. Private Kanäle sind aber schon lange mit ihren Beiträgen online, auch live. Können sie nun ihre Beiträge über «Play SRF» zeigen, haben sie zwar mehr Visibilität. Das langfristige Ziel müsste aber sein, die Zuschauer auf die Website der Privaten zu bringen. Haben sich die Zuschauer erst daran gewöhnt, alles auf dem SRF-Player ansehen zu können, wird das schwierig. Die Verleger gehen langfristig leer aus.
  7. Gemeinsame Apps: Die SRG kann sich eine gemeinsame Entwicklung von Apps, inhaltlich wie technologisch, vorstellen. Es fehlt eine genaue Beschreibung der Zusammenarbeit, deshalb ist eine Bewertung schwierig. Eine solche Kooperation könnte sinnvoll sein. Die Konsumenten werden überschwemmt an Angeboten verschiedener Apps. Eine App, die Inhalte vereint, spart Speicherplatz und ist praktisch.
  8. Swiss Channel auf Youtube: Ein Schweizer Kanal auf Youtube für mehr internationale Aufmerksamkeit: Das will die SRG, doch wollen das auch die privaten Medienhäuser? Meines Erachtens ist derzeit die grössere Herausforderung, dass die Privaten national anerkannt und gesehen werden. Da scheint die internationale Dimension weit weg zu sein.
  9. SRG-Nachrichtenbulletins für Regionalradios: Privatradios arbeiten teilweise bereits mit der SRG zusammen. Sie erhalten gegen Bezahlung eine bestimmte Anzahl an Nachrichtenbulletins. Diese Kooperation besteht schon länger und ist in diesem Sinne kein neuer Vorschlag.
  10. Überregionale Fenster für das Regionalfernsehen: «Im Rahmen der Public-Private Partnership PresseTV strahlen NZZ, «Basler Zeitung», «Handelszeitung» und «Bilanz» Sendungen auf SRF aus.» PresseTV soll in Zukunft auch auf anderen Kanälen der SRG senden. Das Angebot ist nicht ganz neu, es ist eher eine Folge einer bereits bestehenden Zusammenarbeit.

Bilanz: Die Vorschläge zur Kooperation von Roger de Weck wirken wie Almosen an die Verleger. Die Art und Weise, wie sie der Generaldirektor der SRG kommuniziert hat, ist ebenfalls fragwürdig. Statt im geschlossenen Rahmen das Gespräch mit den Verlegern zu suchen, geht er direkt an die Öffentlichkeit. Keine Frage: Die Verleger und die SRG müssen irgendwann gemeinsam an einen Tisch sitzen, doch bringt sie Roger de Weck mit einem offenen Brief zusammen? Ich teile die Meinung von Roger de Weck, dass ein Umdenken nötig ist. Die Frage ist, ob diese Form das richtige Umdenken ist. Einige Vorschläge taugen kurzfristig etwas, aber nicht für die Zukunft. Die letzte Frage, die sich mir stellt: Das Ziel der SRG ist der internationale Markt – ist es auch das Ziel der Verleger?

Flavia Forrer

* Flavia Forrer arbeitet im Social-Media- und Leserforum-Team des «Tages-Anzeigers».

Wie wir leben, arbeiten und konsumieren

Christian Lüscher am Freitag den 28. November 2014
vordenker

Prägen die globalen Debatten: Die Vordenker. (Grafik: Sanerstudio.com)

Gegen Ende des Jahres gehen die meisten Nachrichtenmagazine mit einer äussert raffinierten Methode auf Leserfang. Sie ködern sie mit Listen der einflussreichsten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Sport, Politik, Forschung und Kultur. Am Kiosk sind solche Spezialausgaben äusserst populär.

Der Vorteil solcher Ranglisten liegt auf der Hand: Man hat in der Regel eine wunderbare Übersicht. Leider gibts auch einen Nachteil: Die Auswahl ist zu oft von den Präferenzen der Autoren geprägt. Es gibt keine Systematik. Sie werden mithilfe von Expertenumfragen erstellt. Oder aufgrund von Verkaufszahlen von Büchern. Wer gerade en vogue ist, hat grosse Chancen, ganz oben zu landen. Die britische Zeitung «The Guardian» hat deshalb entschieden, bei dieser Ranking-Mode nicht mitzumachen.

Diesen Sommer kontaktierte mich ein Vertreter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI). Man plane in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine umfangreiche Netzanalyse, die herausfinden wolle, welche Persönlichkeiten im Internet Spuren hinterlassen, die Debatten prägen und lancieren können. Ich war Feuer und Flamme. Wer hat schon die sogenannten Thought Leaders, die Vordenker der Gegenwart, systematisch ermittelt?

Zusammen mit dem GDI definierte die Redaktion 236 Personen, die über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Auch die «Tages-Anzeiger»-Leserschaft wurde im Juli aufgefordert, Namen und Inputs einzureichen. Dann untersuchte Peter Gloor, Forscher am MIT, während Wochen, wie oft diese Personen in der Blogosphäre, auf Twitter und Wikipedia genannt werden und wie sie weltweit vernetzt sind. Wie die Algorithmen das machten, ist selbst für mich heute noch ein Rätsel. Die Untersuchung ist aber wissenschaftlich nachvollziehbar, umfangreich und eben sehr komplex.

Gloor hat im Netz über Wochen gemessen, wer tatsächlich etwas zu sagen hat. Entstanden ist eine Rangliste ohne Jury. Ohne Präferenzen. Ohne Verkaufszahlen. Ermittelt wurden Personen, die in erster Linie durch Worte Einfluss ausüben, wie sie über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Es entstand eine Liste von Persönlichkeiten, die mit ihren Ideen die globale Infosphäre beeinflussen und Debatten prägen. Es sind auf jeden Fall nicht Personen, die isoliert vor sich hindenken, ohne Freunde, ohne Austausch.

Nun haben Sie zu den vielen Kioskausgaben im Dezember eine spannende Alternative. Betrachten sie die Datenbank als eine Art Seismograf, der Ihnen zeigt, wer uns im Leben tatsächlich beeinflusst. Wie wir leben, arbeiten und konsumieren. Viel Spass.