Der Facebook-Poet

Christian Lüscher am Mittwoch den 28. Oktober 2015
«Ohne ihn wäre SRF ohne Plan»: Der Newcomer des Jahres 2013 Konrad Weber begeistert Kollegen in der ganzen Branche. Foto: Oscar Alessio (SRF)

«Ohne ihn wäre SRF ohne Plan»: Der Newcomer des Jahres 2013 Konrad Weber
begeistert Kollegen in der ganzen Branche. Foto: Oscar Alessio (SRF)

Vor drei Jahren traf ich SRF-Programmleiter Hansruedi Schoch und Unterhaltungschef Christoph Gebel an einer Medienkonferenz. Wir sprachen über ein neu aufkommendes Rollenbild im Fernsehen: Das Twitter-Tussi. Damals heuerten alle TV-Manager junge Frauen an, die dem Fernsehpublikum zur Primetime erklärten, was im Internet so läuft. Gebel holte Viola Tami als Twitter-Tussi für «The Voice». Heute ist sie Moderatorin der Show. Gott sei Dank.

Auf jeden Fall zeigten sich die beiden Chefs im Gespräch von ihrer selbstkritischen Seite. Ihnen sei schon klar, dass man in Sachen Social Media noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sei. Man werde in nächster Zeit in innovative Konzepte investieren. Und siehe da: Drei Jahre später haben die Verantwortlichen im Leutschenbach tatsächlich ihre Geheimwaffe gefunden: Sie nennt sich Konrad Weber.

Weber, Kürzelcode ^kw, ist kein Twitter-Tussi, er ist Journalist 2.0 (so nennt er sich auch auf seiner Website). Ohne ihn wäre das Schweizer Radio und Fernsehen in der weiten Welt von Facebook & Co verloren. Ohne ihn würde nichts laufen. Keine Live-Berichterstattung. In den Kommentarspalten von srf.ch würde es drunter und drüber gehen. Jüngst sagte ein SRF-Journalist: «Weber ist das Klumpenrisiko. Ohne ihn… ja ohne ihn wäre SRF ohne Plan.»

Zu dieser Einschätzung kam jüngst auch die «NZZ am Sonntag». Inlandredaktor Pascal Hollenstein war von Webers Leistung am Wahlsonntag so sehr beeindruckt, dass er ihm eine Showdown-Kolumne widmete. «Seine Grafiken waren sehr farbig, und er konnte sie mit etwas Herumgetöple am Bildschirm sogar bewegen. Keine Frage, diesen Weber muss man sich merken, der hat eine grosse Zukunft vor sich.»

Hollenstein war von Webers Umgang mit Twitterstatistiken beeindruckt. Wir hingegen finden, dass Webers wahres Talent im Schreiben von Facebook-Teasern liegt. Wenn Weber am Drücker ist für SRF News – der wichtigsten Social-Media-Präsenz der Onlineredaktion –, schiessen die Like- und Share-Raten durch die Decke. Bevorzugtes Thema: Wetterphänomene. Spezialgebiet: Sonnenauf- und Untergänge.

Hier eine «spektakuläre Wasserhose», da ein «spektakulärer Gletscherabbruch», wieder ein «Wetterphänomen der speziellen Sorte», eine Regenbogen-Wolke, ein Sonnenuntergang mit dem Prädikat «Der Himmel brennt», eine «atemberaubende Abendstimmung». Weber ist ein Poet. Und weil die Facebook-Community bekanntlich Serviceleistungen schätzt, bietet er auch Hilfe zur narrensicheren Zeitumstellung. Seine Eselsbrücke: «Frühling füre – Herbst hindere».

Konrad Weber ist immer mit einem Rat zur Stelle. Unserem Chef bot er zwecks Förderung der Frauenquote schon mal sein Adressbuch mit Namen von Journalistinnen an. Wir fragen ihn hier direkt: Lieber Konrad, wir haben ein Nachwuchsproblem. Die Jugend liest öfter «20 Minuten» statt den Tagi. Wir haben kürzlich selbst Teenager befragt, sind allerdings nicht schlauer geworden. Was meinst du: Müssen wir auf Snapchat? Oder alle Ressourcen in Whatsapp stecken? Oder sollen wir einen bento-Klon bauen?

Fragen über Fragen. What would Weber do?

5 Kommentare zu “Der Facebook-Poet”

  1. Hans Wurster sagt:

    Endlich jemand, der das schreibt. Herr Weber ist ein Paradebeispiel für den kriselnden Journalismus. Herren wie er verdienen x-tausende von Franken, haben nie etwas recherchiert – und starke Plattformen wie VICE müssen jeden Rappen umkehren. What should Konny do? Seine Sporen abverdienen. Punkt aus. Fertig.

  2. U. Helm sagt:

    Christian Lüscher, ich gratuliere. Die Ironie und der Sarkasmus sind so in Honig verpackt, dass der Text erst beim vierten Absatz so richtig beisst; und damit die ersten drei erst da seitenhiebig werden. Das ist Texten, das ist Kommentieren – Zeilen, die so ehrlich sind, dass sie nicht alle verstehen. I like!

  3. Hannes Kräuchiger sagt:

    Nur schön die Kirche im Dorf lassen.
    Zugegeben, Konrad Weber verkauft sich gut und wird von seiner Vorgesetzten auch fleissig inhouse gepusht. Aber ihn als “einzigen Socialmedia-Experten” von SRF hinzustellen, ist mehr als übertrieben und wird vielen anderen, sehr kompetenten Leuten nicht gerecht. Guido Berger finde ich persönlich viel kompetenter (v.a. Radio SRF3, teils auch in TV-Beiträgen). Nur einer von vielen, die gute Arbeit leisten, aber nicht so im Vordergrund stehen (müssen? wollen? sollen?).
    Oder ging’s beim Artikel eher darum zu zeigen, dass SRF angeblich rückständig sei und darum “nur einen einzigen” Socialmedia-Experten habe?

  4. Tom Maier sagt:

    Unverständlich dass die Medien Facebook derart pushen. Haben immer noch nicht begriffen, dass Sie damit Ihr eigenes Grab schaufeln.

  5. Daniel sagt:

    Nichts gegen die journalistischen Fähigkeiten von Herrn Weber, aber zuweilen ist es schon sehr offensichtlich, dass da jemand auf Teufel-komm-raus als DER Social-Media-Experte aufgebaut werden soll. Nein, als der Online-Teufelskerl schlechthin! Letztendlich guckt man aber auch auf Qualität, Aussagekraft, Nachhaltigkeit – und nicht auf farbige Diagramme. Gut so!