Schwer verliebt auf Twitter

Christian Lüscher am Mittwoch den 9. September 2015
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100 Tweets als Zeichen gelebter Liebe? Der Co-Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» Werner De Schepper und seine Partnerin, die grüne Ständeratskandidatin Irène Kälin. Fotos: Christian Beutler, Lukas Lehmann (Keystone)

Wann ist es richtig, als Journalist einen Inhalt auf Twitter zu teilen, weiterzuverbreiten – und wann nicht? Um diese Frage geht es in diesem Beitrag.

Wer in Netzwerken wie Twitter etwas teilt, teilt es in einer Mikroöffentlichkeit. Das ist in der Regel harmlos. Wird der Inhalt aber in weiteren Mikroöffentlichkeiten geteilt, nimmt das Publikum zu. Mit Teilen kann Macht aufgebaut werden. Wer glaubt, kommentarlose Weiterverbreitung eines Inhalts sei nicht mit einer Zustimmung gleichzusetzen, irrt. So funktioniert Kommunikation nicht. Teilen ist immer auch ein politischer Akt.

Nun wollen wir das an zwei Beispielen diskutieren. Es geht um die beiden Co-Chefs Werner De Schepper («Schweizer Illustrierte») und Joel Widmer («Blick»). Beide sind engagierte Politjournalisten, bei Ringier tätig und in einer Führungsfunktion. Gemeinsam ist ihnen noch was anderes: Beide sind mit jungen, gescheiten und grünen Frauen zusammen. Widmer ist mit Nationalrätin Aline Trede liiert. De Schepper führt eine Beziehung mit Ständeratskandidatin Irène Kälin.

Nun haben die beiden Journalisten unterschiedliche Strategien, wie sie sich in der Öffentlichkeit und im Beruf als Journalist verhalten. Widmer hält sich in der Wahlkampfphase strikt zurück. Weder im «Blick» noch auf Twitter äussert sich der Journalist zu seiner Frau. Nun zum Kontrapunkt: De Schepper lässt keine Chance aus, seine Partnerin zu unterstützen. Wenns um Kälin geht, hat De Schepper auf Twitter den schnellsten Finger. Kaum wird seine Partnerin irgendwo erwähnt, taucht sie in seinem Feed auf. In den letzten Wochen bereits rund hundertmal.

Ist das nicht heikel? Das ist die Frage. De Schepper ist als Journalist auf Twitter, der sich ausschliesslich mit politischen Themen beschäftigt. Unproblematisch ist die Wahlkampfhilfe also nicht. Es ist zumindest aus Sicht des «Code of Conduct» von Ringier ein Grenzfall. Dieser Verhaltenskodex regelt die Arbeits- und Verhaltensweise der Redaktionen und somit die journalistische Unabhängigkeit jedes Einzelnen. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dem «Code of Conduct» verpflichtet. Ringier schreibt:

«Die Glaubwürdigkeit unserer Publikationen ist das höchste Gut von Ringier. Alle Journalistinnen und Journalisten sind stets bemüht, unabhängig von Personen, Unternehmen und Behörden zu bleiben.»

Ausserdem hält der Kodex fest:

«Wir vermeiden jede Situation, in der es zu Interessenkonflikten zwischen uns oder unseren Angehörigen und Ringier kommen könnte.»

De Schepper sieht die Angelegenheit locker. Via Mail schreibt er: «Ich finde es grundsätzlich nicht wirklich bedenklich und strafbar, die interessanten Gedanken und Aktivitäten meiner Partnerin meinen Followern weiterzureichen. Auf alle Fälle besten Dank für Ihre Zählung. Es freut mich doch zu sehen, dass ich in den letzten Wochen nachweislich fast 100-mal an meine Partnerin gedacht habe. Das ist doch ein schönes Zeichen gelebter Liebe, denke ich.»

Die meisten seiner 4000 Follower dürften von seiner Liebe zu Kälin nichts wissen. Die Beziehung ist für De Schepper und Kälin auf Twitter Privatsache.

Und ganz unheikel ist die Sache auch auf der Redaktion der «Schweizer Illustrierten» nicht. Für die Beilage «SI Green» war jüngst ein Interview mit jungen grünen Frauen geplant. Nebst Mirjam Ballmer und Aline Trede war auch die Teilnahme von Irène Kälin vorgesehen. De Schepper war für Kälin, das Team dagegen. De Schepper begründet das Nichterscheinen des Artikels damit, dass Kälin den Termin nicht wahrnehmen konnte. In der Redaktion ist eine andere Version zu hören: Man habe dem Chef die Idee ausreden müssen.

12 Kommentare zu “Schwer verliebt auf Twitter”

  1. […] Gezwitscher an der Grenze – oder die Frage: Darf ein Chefredaktor seine politisierende Partnerin twitternd unterstützen? – —> Go to a original Source […]

  2. Philipp Kästli sagt:

    Twittert Herr De Schepper denn privat oder im Auftrag der Schweizer Illustrierten? im letzteren Fall ist das eine Frage für seinen Vorgesetzten, im ersteren ist es eben … Privatsache. Wie das Lesen der Tweets übrigens auch.

  3. Iva Marin sagt:

    Das Bonmot eines klugen Mannes besagt: Politik ist das Showbusiness der Hässlichen.
    Journalismus im Grunde ebenfalls.
    Wir haben da also zwei Personengruppen – Politiker und Journalisten – die zwar ästhetisch herausgefordert sind, die es aber gleichwohl ins Scheinwerferlicht zieht.

    Die Ringier-Journalisten unterstützen dabei vornehmlich PolitikerInnen, die zukünftige Homestory-Kandidaten sind. Man nennt es: Journalismus nach dem Gleitcreme-Prinzip.

  4. Christian sagt:

    Als Mitarbeiter des gleichen Unternehmens bin ich persönlich zur Diskretion verpflichtet. Aus meiner Sicht sollte sich Herr De Schepper überlegen, ob er dies als öffentliche Person nicht auch ist….

  5. Mike sagt:

    Die Sache ist in meinen Augen ziemlich einfach: Wenn ein Journalist Augenmass und Sachlichkeit verliert, wenn es um seine Partnerin geht, und das auch nicht einsieht, wenn man ihn darauf hinweist, dann muss ich mich fragen, welche anderen persönlichen Vorlieben ihn sonst noch unsachlich werden lassen. Sprich er ist nicht mehr glaubwürdig, weil ich nicht mehr weiss, wann er sachlich berichtet und wann er sich von irgendwelchen Emotionen leiten lässt. Ist sein Twitter-Account ausschliesslich für seine Privatmeinung gedacht, kann er das ja so deklarieren. Tut er aber nicht.

  6. Kuhn Peter sagt:

    Marcel hat recht: meine Erfahrungen zeigen ebenfalls, dass Twitter für den CRM nutzlos ist (im Gegensatz zu Facebook) und höchstens für eine “ab und zu Profilneurose” oder auch mal “eine Brunnenvergiftung” missbraucht wird!-

  7. Marcel Zufferey sagt:

    In einer vor Jahren einmal heraus gegebenen Twitter-Nutzerstudie kam heraus, dass diese Platform hauptsächlich von Kommunikationsfachleuten benutzt wird. Man ist also unter sich. Das sagt eigentlich alles über Twitter und seine Nutzer aus. Und auch sehr viel über den Qualitätsjournalismus neuerer Prägung, wie dieser Beitrag zeigt: Hier wird in einem überwiegend selbstreferenziellen Mikrokosmos herum gestochert, denn, wie bereits schon gesagt: Man ist ja unter sich und seinesgleichen… Ach ja: Wann dürfen wir wieder einmal etwas über einen neuen Shitstorm erfahren? Praktischerweise werden die ja auch meistens von JournalistInnen oder Kommunikationsprofis selber los getreten…

  8. Anna sagt:

    POLITjournalist bei der Schweizer Illustrierten? lol…. ist das nicht die Zeitschrift für Homestories über Missen, ExMissen, Möchtegern-Missen und sonstigen langweiligen D-Promis? Was macht denn da ein Politjournalist? Artikel über den Weltfrieden, den sich ja alle oben genannten jeweils so sehr wünschen? Oder Homestories über Politiker? Exklusiv bei SI: SVP-Frauen setzen diesen Frühling auf rote Akzente. Die Homestory über die neuen roten Sofakissen von Frau Martullo Blocher finden Sie in der neuen Ausgabe der Schweizer Illustrierten (diese finden Sie wie immer bei Ihrem Coiffeur oder im Wartezimmer Ihres Zahnarztes)….. Wältklass 🙂

  9. Walter A. Kathriner sagt:

    da müsste sofort der zuMaurer mit der besten Armee der Welt einschreiten.

  10. Adrian Wehrli sagt:

    Blick? Schweizer Illu? Wenn interessiert dieser Bodenlose Käse? Und Grün wählen, also eigentlich Melonengrün, weil innen sind die ja tiefrot mit einer Ökoschale drum. Und Twitter? Blogger war gestern, Twitter ist heute, intelligente Leute brauchen mehr als 120 Zeichen um sich politisch zu informieren …

  11. Vvv sagt:

    Es ist aber doch ein Unterschied, ob man Chef einer Tageszeitung ist, die auch über Politik berichtet, oder eines Heftlis, das bestenfalls Homestories über Politiker/innen publiziert.

    • Schären sagt:

      Ja, es ist ein Unterschied: Beim Heftli ist die Anzahl beeinflussbarer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger grösser.

      Anders gesagt: Ich finde es etwas kurz gedacht, nur wegen des – ich sags jetzt mal so – angeblich seichteren Inhalts eines Mediums dessen politische Wirkung anzuzweifeln.
      Politik ist ja nicht nur Wahlberichterstattung und Parlamentsbeschlussanalyse.
      Politik durchdringt – ob wirs wollen oder nicht – unseren Alltag. Und mit uns meine ich uns alle…