Visionärer Journaktivismus

Oliver Classen am Mittwoch den 25. März 2015
Leitartikel? Petition! «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger greift zu drastischen Mitteln. Foto: Luke MacGregor (Reuters)

Leitartikel? Petition! «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger greift zu drastischen Mitteln. Foto: Luke MacGregor (Reuters)

Der abtretende Chefredaktor des britischen «Guardian» macht seinem Ruf als Branchenprovokateur nochmals alle Ehre. Und dem Namen seines Blatts gleich mit. Mit einer aufsehenerregenden Abschiedsaktion hat sich Alan Rusbridger nämlich zum ersten publizistischen Hüter des Weltklimas aufgeschwungen. Anfang letzter Woche lancierte der instinktsichere Trendsetter, der sich sonst mit Geheimdiensten und Regierungen anlegt, eine «Keep It in the Ground»-Kampagne, die zwei der weltgrössten Stiftungen unter massiven öffentlichen Druck setzt. Ziel der bereits von über 100’000 Menschen unterzeichneten Petition: die Gates- und die Wellcome-Foundation zum Rückzug ihrer – wie «Guardian-Recherchen» zeigen – beträchtlichen Investitionen in die fossile Energiewirtschaft zu bewegen. Kooperationspartnerin bei diesem Kampagnenjournalismus 3.0 sind die amerikanischen Klimaschützer von 350.org, welche schon über 200 andere Institutionen von ihrer «Divestment»-Strategie überzeugen konnten.

Aber warum greift der Schriftführer eines legendären Leitmediums zu derart drastischen Mitteln und macht sich damit, kurz vor Abschluss seiner ruhmreichen Karriere, gemein mit einer – wenn auch guten – Sache? Seine Antwort: «Üblicherweise starten Zeitungen nur dann eine Kampagne, wenn sie wissen, dass sie sie auch gewinnen. Bei dieser hier ist es aber eine Frage der Zeit, ob wir noch gewinnen können. Daran lässt die Physik keinen Zweifel.» Rusbridger wiederum lässt keinen Zweifel daran, dass verantwortungsvoller Journalismus auf eine epochale, existenzielle Menschheitsbedrohung wie den drohenden Klimakollaps nicht länger nur mit ausgewogener Berichterstattung und herkömmlicher (Pseudo-)Objektivität reagieren darf. Auch meinungsstarke Leitartikel sind bei solch schicksalshaften Themen zu schwache Munition. Gefragt ist heute vielmehr eine klare und konsistente Haltung, die notwendigerweise politisch ist und sich, wenn nötig, auch für Aktivismus nicht zu schade ist.

Meinungen sind gratis und allgegenwärtig, speziell in der Medienwelt. Die kantige, konfrontative und dabei doch sehr coole Haltung des «Guardian» hingegen birgt wohl Risiken, dürfte dem von der Medienkrise nicht verschonten Blatt letztlich aber den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. Wie sagte Jean Ziegler kürzlich so schön zu seinem Interviewer (notabene von der «Basler Zeitung»)? «Sie können nicht sagen: Ich weiss nicht. (…) Wenn Sie Ihre Freiheitsrechte haben, Ihre Informationen, dann müssen Sie Stellung beziehen.»

Der visionäre Journaktivismus des «Guardian» hat Vorbildcharakter. Fragt sich nur, welcher Schweizer Chefredaktor das zuerst erkennt.

Oliver Classen ist Sprecher der Erklärung von Bern (EVB) und ehemaliger Medienjournalist.

11 Kommentare zu “Visionärer Journaktivismus”

  1. julian raich sagt:

    Bin zwar reichlich spät dran, aber: Roger Köppel ist doch die Antwort auf Herrn Classens Schlussfrage, der sieht sich ja auch zu politischem Aktionismus genötigt (ähnlich wie Herr Classen selbst, nur unter umgekehrten Vorzeichen).

  2. Hans Joachim Friederichs sagt:

    ein bisschen off topic:
    können wir endlich das “sich gemein machen”-zitat beerdigen? das war nämlich ganz anders gemeint.
    der zusammenhang war: wie hält man als nachrichtenmoderator die schlimmsten meldungen aus? cool bleiben, sich nicht mit einer sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, so kann man professionell bleiben…am bildschirm, während den nachrichten. dass journalisten keine haltung haben dürfen, davon war nie die rede.

  3. Glücklicherweise reagieren nicht alle Menschen mit Panik, wenn mit einem “Klima-Kollaps” gedroht wird. Es kann keinen geben, jedenfalls nicht in der angenommenen Weise, dass sich die Erde in katastrophalem Masse
    erwärme, weil wir CO2 in die Atmosphäre bringen. Dies Gas erwärmt sich zwar im langwelligen Infrarot, das die Erde abstrahlt. Aber es kühlt sich, wie jeder warme Körper, auch wieder ab. Die Wärme kann nicht sitzen
    bleiben. Das kann man in der Grafik sehen, die das IPCC zum sogenannten “Treibhauseffekt” anbietet: Die Sonne strahlt (umgerechnet) rund 340 W/m2 auf die Erde ein. Etwa 100 W/m2 werden reflektiert (Albedo), ohne
    Schaden oder Nutzen zu bringen. Bleiben circa 240 W/m2. Seit den 1970er Jahren wird gemessen, welche Strahlung von der Erde abgeht. Das ist die sogenannte Outgoing Longwave Radiation, die ausgehende langwellige
    Strahlung, OLR. Da misst man um die 239 W/m2. Diese ungefähre Differenz von 1 W/m2 kann man sich dadurch erklären, dass tatsächlich etwas Wärme auf der Erde zurückbleibt und zwar in den Weltmeeren, deren Spiegel
    seit 180 Jahren leicht angestiegen ist, in der Deutschen Bucht zum Beispiel um die 30 Zentimeter. Dazu kommt, dass diese Leistungswerte angenähert sind. Die sogenannte Solarkonstante von 1370 W/m2 ist keine Konstante.
    Sie bewegt sich zwischen 1325 W/m2 und 1420 W/m2. Schliesslich beobachtet man, dass diese OLR zunimmt, wenn die Einstrahlung der Sonne auf die Erde zunimmt. Kurz: Das bisschen CO2, dessen Anteil an der Atmosphäre
    man mit dem einer Fliege in einem Kühlschrank vergleichen kann, ist nicht in der Lage, die Wärme dauernd (nachhaltig) festzuhalten.

  4. Henri Brunner sagt:

    “Gefragt ist heute vielmehr eine klare und konsistente Haltung, die notwendigerweise politisch ist und sich, wenn nötig, auch für Aktivismus nicht zu schade ist.”
    Gegen eine klare und konsistente Haltung wäre ja nichts einzuwenden, aber dass man sich dann “auch für Aktivismus nicht zu schade ist.” interpretiere ich eher mit Gesinnungspolizei, schwarzen Blöcken, Sturmtruppen, und, zu guter Letzt: niederknüppeln von anderen Meinungen im Dienste der “guten Sache”.
    Schliesslich rechtfertigt ja der gute Zweck alle Mittel, nicht wahr?
    Und dann gute Nacht.

  5. Hanns Castorp sagt:

    Dieser Blog-Beitrag wiederspiegelt in aller Deutlichkeit die Verbandelung von linkem Journalismus und ihrem unkritischen Jubeljournalismus mit der Sozialistischen Internationalen. Der britische Guardian ist das Parteiblatt von Labor, gewerkschaftlich durchseucht von oben bis unten, und deren abgehalfterte alt-Chefredaktor Alan Rusbridge bringt sich hält sich mit populistischem Inszenierungsjournalismus in die Schlagzeilen der Boulevard-Medien. Sein verantwortungsvoller Journalismus ist vorderhand nur behauptet und so politisch bedingt wie das Machwerk “An Inconvenient Truth” von Alan Gore. Angst- und Panikmacherei in der Absicht, ein möglichst grosses rotgrünes Wählerpotential zu generieren.
    Aufschlussreich ist, dass sich hier in der Schweiz die Erklärung von Bern mit einer distanzlosen und unkritischen Würdigung in unseren Linksmedien breitmacht. Denn die EvB gibt sich zwar als “neutral” und verweist auf den religiös-sozialen Ursprung der EvB, verschweigt aber, dass dieser Verein schon kurz nach der Gründung von sozialistischen Kader unterlaufen wurde und heute zu den vorgelagerten Sturm&Kampftruppen der SP Schweiz gehört, gleichwie die SP-Kontrollierte “Konsumentenschutz”, die militanten Gewerkschaften, der Schwarze Block in Zürich und die Berner Reitschule. Der gelobte “Visionärer Journaktivismus” steht in bester Traditon einer meinungsfreiheitsfeindlichen und manipulativen Propagandamaschinerie in der Tradition von Goebbels, Stalin, Mao und Kim Jong-un. Klimawandel-Leugner werden heute gleichgestellt mit Genozid-Leugner und Holocaust-Leugner. Der Unterschied heute ist: es gibt ein Internet, und die Leser sind heute nicht mehr den einseitigen Welt-Deutung von ein paar fundamentalistischen Fanatikern ausgeliefert.

  6. Berti Huber sagt:

    Wieso so ein hässliches Kunstwort erfinden wenn es das schöne alte “Kampagnenjournalismus” gibt? (welches auf wikipedia gleich auf “Medienmanipulation” weiterleitet)

  7. Martin Frey sagt:

    “Visionärer Journaktivismus” als neuer Euphemismus für manipulativen Kampagnenjournalismus?
    Hauptsache, es dient der “richtigen Sache” dann ist ja bekanntlich jedes Mittel recht. Mündigkeit der Bürger/Leser, Sachlichkeit, objektive und gleichwohl kritische Berichterstattung unter Beachtung der journalistischen Ethik? Who cares, wen soll das schon kümmern. Wir sind ja schliesslich auf einer Mission.
    Was aber, wenn andere Parteien, Lobbies, Gruppierungen, Dienste und obskuren Mächte sich derselben dubiosen Methoden bedienen? Ist das in den Augen der EVB dann auch so visionär, mit Vorbildscharakter?
    Man sollte solche Dinge einfach mal zu Ende denken, meine ich. Denn die Unabhängigkeit der Presse als 4. Gewalt im Staat ist ein hohes Gut, zu der man Sorge tragen muss. Dies sollte auch einem ehemaligem Medienjournalist und jetzigen Lobbyisten bewusst sein.

  8. Marcel Senn sagt:

    Eine ausgezeichnete Idee, die aber unter dem Strich leider nutzlos sein wird, da aktuell immer noch etwa 83% unserer Energieproduktion weltweit aus fossilen Brennstoffen (Oel, Gas, Kohle) gewonnen wird und unser ganzer Wohlstand und das benötigte Wachstum darauf basiert! Ein Fass Oel entspricht der Energiemenge von rund 22’000 Stunden menschlicher Arbeitskraft (ink. Energieaufnahme durch Nahrung).
    Zudem ist die Welt heute massivst verschuldet – um etwa das dreifache des Welt-BIP’s und kann (wenn überhaupt) nur mit Wachstum jemals wieder aus diesem Schuldendilemma kommen und Wachstum benötigt sehr viel Energie!
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    Das kapitalistische Schuldensystem verunmöglicht eine Umkehr im Umgang mit fossilen Energien. Erst in einer weitgehend schuldenfreien Welt könnte man sich einer ressourcenbasierten Oekonomie zuwenden, die einen gewissen Nachhaltigkeitslevel herbeiführen könnte. Aber da ist die Menschheit noch Lichtjahre davon entfernt, allenfalls ein sehr schneller Klimawandel wie z.B. das Absetzen des Golfstroms könnte eine Aenderung bringen, auch wenn das Risiko dabei besteht, dass es dann infolge von massiven Klimaflüchtlingswanderungen zu Kriegen kommen könnte.
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    Ich glaube nicht mehr dran, dass die Menschheit dieses Problem im 21. Jh in den Griff bekommen wird. Vielleicht im 22. Jh wenn es kaum mehr fossile Brennstoffe geben wird, aber bis dann wird es eine Unmenge an CO2 in der Athmosphäre haben!

  9. Markus Benz sagt:

    Eine ausgezeichnete Kampagne. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir die Ölwirtschaft chinesischen, russischen und arabischen Multis überlassen würden. Dies ist ein erster Schritt dazu. Wir benötigen ja keine fossilen Brennstoffe und könnten in kürzester Zeit komplett auf Wind- und Solarenergie umstellen.

  10. Hans Gerber sagt:

    Oliver Classen, vielen Dank, dass Sie uns helfen die Kampagne vom Guardian richtig zu bewerten: “…und macht sich damit, kurz vor Abschluss seiner ruhmreichen Karriere, gemein mit einer – wenn auch guten – Sache?…”. Ich hätte nämlich sonst angenommen, dass dies eine Aktion zur Steigerung der Guardian Verkaufszahlen ist.

  11. Remo Brunner-Schori sagt:

    Oh wie schön, wenn man zweifelsfrei von sich behaupten kann, ‘visionär’ und im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Und ausgewogene Berichterstattung gleich mal ausblendet und auf Aktivismus macht. Im Klartext: Zweifler werden ausgemerzt, mundtot gemacht, wenn nötig auch mit Aktivismus (also mit Gewalt), alles im Sinn einer höheren Macht. Das hatten wir schon mehrmals, von den Conquistadores, über die Kreuzzüge, das dritte Reich, die Kulturrevolution und (parallel zu Klima-Fanatikern) zum IS. Demokratie ist für solche Leute nur ein lästiges Hindernis, anders sind die faschistischen Aussagen des Herrn Rusbridge nicht zu deuten. Das cool zu finden, begeistert zu kommentieren, als Vorbild darzustellen, das ist mehr als verwerflich. Und Herr Classen: wenn solche Leute dann ihre Ideen umsetzen sollten sie nicht sagen “ich habe nichts gewusst”!