NZZ.at: Gepflegte Langeweile, aber…

Christian Lüscher am Donnerstag den 22. Januar 2015
NZZ

Keine Wortspiele, keine kreativen Schlagzeilen, dafür sehr wenig Werbung.

Gestern startete die NZZ-Gruppe in Österreich ihr Digitalprojekt NZZ.at. Erster Eindruck: spannendes Experiment. Beginnen wir unsere Kritik mit der optischen Aufmachung. Auf dem Smartphone – ich nutze ein iPhone 5S – macht die neue Seite einen flotten Eindruck. Weniger flott sind die Ladezeiten. Ab und zu hängt was. Die technischen Problemchen sollen hier aber nicht so ins Gewicht fallen. Wichtig ist: Die Lust am Entdecken ist da.

Etwas Mühe habe ich mit der Informationsarchitektur. Bewusst haben die Macher auf eine klare Ressortstruktur verzichtet. Das mag bei jungen Medien-Start-ups im Trend liegen. Ein Freund dieser Bewegung bin ich allerdings nicht. Das ewige Scrollen ist auf Dauer mühsam. Ich bevorzuge eine klare Gewichtung, weil ich ein ungeduldiger Leser bin. Suche ich zu lange, komme ich nicht sofort auf meine Kosten, dann machts Klick und ich bin weg. Noch geniesst NZZ.at bei mir Newcomer-Status. Nächste Woche auch noch? Wir werden sehen.

Kommen wir zum Inhalt. Hier sind die Erwartungen hoch. Schauen wir uns an, wie uns die Journalisten ihre Artikel verkaufen. Mein Fazit: Etwas gar unaufgeregt. Keine Wortspiele, keine kreativen Schlagzeilen. Seriös, ohne Reiz, keine Lust am Experiment. Vielleicht ist diese Form von Langeweile Strategie. Und warum verzichten die Autoren auf eigene Standpunkte, auf freche Schreibe? Nun gut, das hat es ja ohnehin schon genug im Netz. Auf NZZ.at wird viel erklärt und eingeordnet. Das machts attraktiv. Von der jungen Redaktion gibt es allerdings noch keinen Artikel, der absolut überzeugt. Da ist zwar dieser gute Text über die EZB-Entscheidung, der mir die wichtigsten Fragen beantwortet. Aber wo sind Texte, die wirklich nah an den Menschen sind? Wo sind die Artikel, die ich auf Facebook teilen möchte? Über die ich diskutieren möchte? Da fällt die Ernte etwas gar dürftig aus. Ein Beispiel: Unter «Phänomene» gibt es das Dossier «Altenrepublik», es geht um den Konflikt der Generationen. Das Thema erscheint mir zu beliebig. Ohne aktuellen Aufmacher. Noch eine Beobachtung: Ist da doch mal ein Artikel, der mich interessiert und den ich zu Ende lese, stammt er von einem NZZ-Autor.

Aber das kann ja alles noch besser werden. Kommen wir zum kommerziellen: Die NZZ.at hat eine harte Paywall. 14 Euro pro Monat verlangen die Macher von ihren Lesern.  10’000 vollzahlende Abos peilt die Redaktion im ersten Jahr an. Finde ich ehrgeizig. Stellt sich die Frage: Würde ich für das Angebot Geld ausgeben? Zuerst dachte ich: Nein, auf keinen Fall! Nach einer Stunde testen kam ich aber zum Schluss: Doch, da sind ein paar richtige Ansätze. Mir scheint, die Redaktion hat eine interessante Debattenstrategie. Die Redaktoren diskutieren mit den Lesern, sind in der Community-Arbeit aktiv und engagiert. Das will ich – schliesslich bin ich für den «Tages-Anzeiger» im Community-Management tätig – aktiv beobachten. Und last but not least: Mit der Zeit habe ich Gefallen an der Nachrichten-Präsentation gefunden. Und an der spärlichen Werbung (es gibt pro Tag nur einen Werbekunden). Das ist angenehm. Wunderbar sogar. Dafür zahle ich gerne.

5 Kommentare zu “NZZ.at: Gepflegte Langeweile, aber…”

  1. […] Produkt NZZ.at eine kurze Notiz: Ich habe das Digitalprojekt Anfang Jahr gelobt. Es machte einen soliden Eindruck. Fünf Monate lang bezahlte ich auch die Abokosten. Aber die […]

  2. […] Werbung trotz Bezahlung Die nzz.at rühmt sich damit, nur spärlich Werbung einzublenden. Allerdings widerspricht dies einem ungeschriebenen Gesetz, welches sich online eingebürgert hat: […]

  3. Andi Meier sagt:

    Zum Glück setzen nicht alle seriös mit “ohne Reiz” gleich. Es ist genau das, was ich von einem Nachrichten-Medium erwarte, unaufgeregt und nüchtern die Fakten zu vermitteln. Was ist passiert, wieso ist es passiert und was können die Folgen sein, das gehört in einen Artikel, wenn aber eine Redaktion Meinungen vermitteln will, soll das in einem separaten Kommentar geschehen.

  4. Thomas Hitz sagt:

    Ich wünschte mir, die TAmedia würde erst mal vor “der eigenen Türe wischen” und eine App wie es die “NZZamSonntag” hat bringen. Für Abonnenten und nicht Appler.

  5. Kaegi sagt:

    Neu, ungewohnt. Doch warum heisst die Zeitung nicht “Neue Wiener Zeitung”?