Die Sorgenkinder

Christian Lüscher am Dienstag den 20. Januar 2015
Schawi Voigt Combo

Die Branche schaut gespannt auf die beiden: Roger Schawinski (l.) und Hansi Voigt. Fotos: PD, Keystone

Und der «Off the Record»-Blog sendet wieder. Wir waren in den letzten Wochen an dieser Stelle etwas still. Dafür wirds nun umso spannender. Im Medienbusiness gibt es im Moment zwei akute Sorgenkinder: Roger Schawinski und Hansi Voigt.

Beginnen wir mit dem älteren. Wie gehts Schawinski in diesen Tagen? Journalistisch gesehen hervorragend. Der Talker ist seit der missglückten Sendung mit Andreas Thiel wieder im Gespräch. Zwar nicht mit positiven Schlagzeilen, aber immerhin befassen sich die hiesigen Journalisten mit ihm. Das war vor dem 15. Dezember praktisch nicht der Fall. Schawinski und seine Sendung hatten wenig Resonanz.

Von der gewonnenen Publicity profitiert Schawinski allerdings kaum. Die Quoten seiner gleichnamigen Sendung sind unter dem Jahresschnitt von 2014 geblieben. Auch die Quoten seiner Radioprogramme sind tief. Die Sender
Radio 1 und Planet 105 stecken in einer schweren Hörerkrise. Bald werden die Radiozahlen publiziert, und Schawinski wird verlieren. Was die Nettoreichweiten (15+) betrifft, verliert Radio 1 rund 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dramatischer sieht es bei Planet 105 aus: minus 30 Prozent. Zwar haben alle Radiostationen in der Deutschschweiz Hörer verloren. Aber nicht in diesem Ausmass.

Schawinski hatte als Unternehmer schon bessere Zeiten. Die Frage lautet: Wie wird er Planet 105 zur alten Stärke führen? Immerhin hat er den Sender in einem teuren Auktionsverfahren und im Streit mit Ringier erworben. Es bleibt der Eindruck, dass die Marke 105 unter dem Zürcher Radiostreit enorm gelitten hat. Es bestehen Zweifel, dass der begnadete Radiomacher mit seinem neuen Ibiza-Konzept für Planet 105 auf die Strasse des Erfolgs zurückfinden wird. Kommt hinzu, dass es in den eigenen Reihen rumort. Einige gute Leute, die Schawinski vor einem Jahr noch unterstützten, liefen dem Radiounternehmer in den letzten Monaten davon. Es ist zu hoffen, dass Schawinski aus der Krise findet.

Kommen wir zum jüngeren Sorgenkind: Hansi Voigt. Der Chefredaktor feiert mit seinem Team bald den ersten Geburtstag seines Risikoprojektes Watson. Wir sagen an dieser Stelle kollegial: Happy Birthday! Doch ist den Machern überhaupt zum Feiern zumute? Ich sags mal so: Man war auch schon euphorischer. Inzwischen sind Voigt und sein Team auf dem Boden der Realität angekommen. Das Projekt hat an Fahrt verloren. Die Redaktion macht von aussen einen müden Eindruck. Ein Blick auf die Zahlen zeigt zudem einen Rückgang der Traffic-Zahlen. Eine Entwicklung nach oben ist nicht sichtbar. So sieht die Bilanz in etwa aus.

Wie gehts weiter? Es kursiert bei den AZ Medien folgende Version: Verleger Peter Wanner soll Voigt den Auftrag erteilt haben, innert weniger Monate neue Investoren zu finden. Ansonsten drehe Wanner dem Projekt den Geldhahn zu. Zudem ist aus gut informierten Kreisen zu hören, dass Wanner die Kosten reduziert haben möchte. Gegenwärtig schreibt Watson einen Verlust von monatlich 700’000 bis 800’000 Franken. Wie zuverlässige Quellen berichten, will Wanner die Kosten mit einer verstärkten Zusammenarbeit mit dem Stammhaus im Aargau senken.

Was sind die Folgen? Voigt kriegt mit seinem Projekt eine Gnadenfrist. Schafft er es, neue Investoren an Bord zu holen, wirds für das Team angenehm. Wenn nicht, und wenn die Suche nach Synergien zum Thema wird, dann wird der Sonderfall Watson zum Normalfall. Dann stellt sich die Frage, wie gut und wie lange Voigt seine Anhänger bei Laune halten kann.

Schawinski und Voigt, auf beide schaut die Branche gespannt.

5 Kommentare zu “Die Sorgenkinder”

  1. […] eine Sparübung (Minus 8 Prozent der Kosten). Das überraschte uns nicht. Bereits im Januar hatten wir in diesem Blog berichtet, dass Verleger Peter Wanner die Kosten reduziert haben möchte. Damals ernteten wir für […]

  2. […] kann. Erstens: Das Medien-Start-up ist gar nicht in einer so schlechten finanziellen Verfassung, wie wir Anfang Jahr noch schrieben. Das beweist ein Video. Eine Redaktorin hat an einer Fundsachenversteigerung einen Koffer für 680 […]

  3. Antoine Huwyler sagt:

    Mehrere Redaktoren bereuen heute, dass sie zu Watson gewechselt sind: Schlechte Arbeitsbedingungen wie Wochenend- und Nachtschichten, Überstunden etc. Es verwundert nicht, dass die anfängliche Euphorie der Belegschaft längst Ernüchterung gewichen ist. Irgendwann bröckelt selbst die charmanteste Fassade.

  4. Thomas sagt:

    Das sagt einiges über die schweizer Medienlandschaft. Roger geger Roger und Schawinski gehören für mich zu den besten Sendungen in der Schweiz. Wer sich regelmässig durch den Club oder die Arena kämpft, ist zu bemitleiden!

  5. Andreas Müller sagt:

    Das hiesse dann, Planet 105 hat noch gegen 60’000 Hörer? In der Tat ein Alarmsignal! Der Rückgang der Planet-105-Hörerzahlen ist einerseits überraschend, weil der Rückzug aus DAB+ ja bereits in den letzen Hörerzahlen abgebildet war (und Schawi seit dann mit Digris immerhin ein Mini-Revival auf DAB+ eingeläutet hat). Andererseits: Dass an allen Ecken und Enden gespart wird, das merkt man dem Sender als Hörer einfach an. Das Programm war früher deutlich besser.