Wie wir leben, arbeiten und konsumieren

Christian Lüscher am Freitag den 28. November 2014
vordenker

Prägen die globalen Debatten: Die Vordenker. (Grafik: Sanerstudio.com)

Gegen Ende des Jahres gehen die meisten Nachrichtenmagazine mit einer äussert raffinierten Methode auf Leserfang. Sie ködern sie mit Listen der einflussreichsten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Sport, Politik, Forschung und Kultur. Am Kiosk sind solche Spezialausgaben äusserst populär.

Der Vorteil solcher Ranglisten liegt auf der Hand: Man hat in der Regel eine wunderbare Übersicht. Leider gibts auch einen Nachteil: Die Auswahl ist zu oft von den Präferenzen der Autoren geprägt. Es gibt keine Systematik. Sie werden mithilfe von Expertenumfragen erstellt. Oder aufgrund von Verkaufszahlen von Büchern. Wer gerade en vogue ist, hat grosse Chancen, ganz oben zu landen. Die britische Zeitung «The Guardian» hat deshalb entschieden, bei dieser Ranking-Mode nicht mitzumachen.

Diesen Sommer kontaktierte mich ein Vertreter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI). Man plane in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine umfangreiche Netzanalyse, die herausfinden wolle, welche Persönlichkeiten im Internet Spuren hinterlassen, die Debatten prägen und lancieren können. Ich war Feuer und Flamme. Wer hat schon die sogenannten Thought Leaders, die Vordenker der Gegenwart, systematisch ermittelt?

Zusammen mit dem GDI definierte die Redaktion 236 Personen, die über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Auch die «Tages-Anzeiger»-Leserschaft wurde im Juli aufgefordert, Namen und Inputs einzureichen. Dann untersuchte Peter Gloor, Forscher am MIT, während Wochen, wie oft diese Personen in der Blogosphäre, auf Twitter und Wikipedia genannt werden und wie sie weltweit vernetzt sind. Wie die Algorithmen das machten, ist selbst für mich heute noch ein Rätsel. Die Untersuchung ist aber wissenschaftlich nachvollziehbar, umfangreich und eben sehr komplex.

Gloor hat im Netz über Wochen gemessen, wer tatsächlich etwas zu sagen hat. Entstanden ist eine Rangliste ohne Jury. Ohne Präferenzen. Ohne Verkaufszahlen. Ermittelt wurden Personen, die in erster Linie durch Worte Einfluss ausüben, wie sie über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Es entstand eine Liste von Persönlichkeiten, die mit ihren Ideen die globale Infosphäre beeinflussen und Debatten prägen. Es sind auf jeden Fall nicht Personen, die isoliert vor sich hindenken, ohne Freunde, ohne Austausch.

Nun haben Sie zu den vielen Kioskausgaben im Dezember eine spannende Alternative. Betrachten sie die Datenbank als eine Art Seismograf, der Ihnen zeigt, wer uns im Leben tatsächlich beeinflusst. Wie wir leben, arbeiten und konsumieren. Viel Spass.

2 Kommentare zu “Wie wir leben, arbeiten und konsumieren”

  1. Martin Fischer sagt:

    Dass der Guardian und Anverwandte auf diese Namen kommen würden, hätte man auf einem Bierdeckel – ganz ohne Algorithmus – auf die Schnelle runterschreiben können.

    • Christian Duerig sagt:

      Herr Martin Fischer, Sie behaupten etwas, das Sie nicht beweisen können. MIT dagegen ermöglichte dank Fast-Fourier- Transforms Google, die schnellste Suchmaschine der Welt und ermöglicht Netzwerkanalysen, die so viele Daten umfassen, dass die Schweiz so etwas nicht bewerkstelligen kann. Die Schweiz hat nicht einmal Zugang zu all diesen Daten.
      I weiss, dass Sie viel am Stammtisch sitzen.