Geht es wirklich abwärts?

Christian Lüscher am Donnerstag den 30. Oktober 2014
SOZIOLOGIE, PROFESSOR

Auch nach fünf Jahren stellt er den Medien immer noch ein schlechtes Zeugnis aus: Soziologieprofessor Kurt Imhof. Bild: Keystone

Am Montag präsentierte das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) seine Studie zur Qualität der Schweizer Medien. Der «Tages-Anzeiger» hat über den Befund berichtet. Der Inlandchef kommentierte. Eigentlich ist alles gesagt: Die Studie malt zu schwarz. Trotzdem will ich hier festhalten, warum ich seit Jahren so meine Mühe habe mit diesem Medienforschungsprojekt.

Vor drei Jahren kontaktierte ich den Chef der Untersuchung, den Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof. Ich hatte damals gehört, dass sich die Redaktion des «Blick am Abend» fürchterlich über ihn aufregte. Imhof zog in Interviews über Gratiszeitungen her, speziell über den «Blick am Abend». Der Aufreger war, dass Imhof Aussagen über ein Objekt machte, das er eigentlich gar nie unter die Lupe genommen hatte. Sein Team hatte den «Blick am Abend» aus Kostengründen nicht im Sampling seiner Untersuchung. «20 Minuten» stand stellvertretend für alle Gratiszeitungen.

Das ist in etwa so seriös, wie wenn eine Wirtschaftsredaktion den Zustand des gesamten Schweizer Bankensektors am Beispiel der UBS beschreiben würde. Ich fand das bemerkenswert und wollte mich mit Imhof über dieses Detail unterhalten. Er lehnte allerdings eine fundierte Diskussion am Telefon ab. Ich musste schliesslich mehrere Mails schreiben, bis ich eine befriedigende Antwort bekam. Für jemanden, der das Reflexionsniveau der Branche als tief bezeichnet, empfand ich dieses Verhalten merkwürdig.

Seither bin ich gegenüber Imhof skeptisch. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich begrüsse Studien zur Qualität. Aber im Fall von Imhof und seinem Qualitätsbuch beschleicht mich immer das Gefühl, dass da einer die Qualität der Medien falsch misst. Für mich ist Imhof ein Professor, der jährlich den Notstand der Medien ausruft und sich in dieser Rolle auch noch gefällt. Ich fürchte, die Studie hat ein Marketingproblem.

Trotzdem befasste ich mich mit der 30-seitigen Zusammenfassung der aktuellen Studie. Darin steht im Grunde das, was schon in den Jahren zuvor diagnostiziert wurde: Medienkonzentration, Stellenabbau auf den Redaktionen, Reichweitenbolzerei der klickgetriebenen Onlineredaktionen (Imhof sollte diesen Beitrag lesen), Industrialisierung des Journalismus. Ich finde, die Studie hat vieles richtig erfasst. Nur: Wird es Jahr für Jahr schlimmer mit den Medien? Ich habe eine dezidiert andere Meinung als die Qualitätsforscher. Ich kann sie zwar nicht wissenschaftlich begründen. Aber ich argumentiere als aufmerksamer Medienkonsument mit gesundem Menschenverstand.

Ich fragte mich nach der Lektüre, wie die Medien vor zehn Jahren waren. Besser? Schlechter? Informativer? Klüger?

Da kam mir ein Erlebnis aus dem Jahr 2005 in den Sinn.

Im Sommer 2005 sass ich als junger Journalistenschüler in einer Vorlesung an der damaligen  Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW). Es ging um die Krise der Zeitungen. Der Dozent gab seiner Vorlesung den Titel: «Printmedien und Verlage – Der Selbstmord der Branche». Er zeigte uns eindrücklich, dass die auflagenstarken Zeitungen überkonfektioniert und verlayoutet seien. Schonungslos führte er uns vor Augen, dass sie Plantagen dünner Meinungen, ja, dass viele Redaktionen im Prinzip kriminelle Vereinigungen zur Verhinderung von Substanz seien. Ich war schockiert. Am Schluss dachte ich: Was machen eigentlich die vielen kompetenten Menschen in den Redaktionen den ganzen Tag?

Das war vor fast zehn Jahren. Seither hat die Branche so einiges erlebt. Mehrere Abbauschlachten in den Redaktionen, einige Zeitungen und Magazine verschwanden, Onlineredaktionen entstanden massenhaft, iPad und Facebook kamen auf. Alles Dinge, die Imhof in seinem Befund kritisiert. Die Folgen: Die Medien sind nicht schlimmer geworden. Im Gegenteil: Ich lese heute deutlich mehr und ausgewählter. Und auch mein Umfeld liest deutlich mehr und ausgewählter. Der Journalismus ist in vielen Bereichen überraschender und tiefgründiger geworden. Er findet überall statt. Nicht allein in Zeitungen, sondern auch im Netz.

Die Informationsdichte hat zwar durch die sogenannten «qualitätsniedrigen» Medien zugenommen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass dadurch noch mehr Zusammenhangslosigkeit und Konfusion entstanden ist. Gerade durch Facebook und Twitter stehen mir heute als Leser hervorragende Dienste zur Verfügung, die mir dabei helfen, zu sortieren, auf der ganzen Welt journalistische Perlen zu finden. Und so halten es viele in meinem Umfeld. Es sind keineswegs nur die lustigen Viralhits, die in meinem Newsfeed auftauchen. Freunde empfehlen mir grossartige Reportagen, kluge Meinungsstücke oder lesenswerte Berichte. Speziell bei Abstimmungen zeigt sich, dass die Medien nicht einfältig, sondern nach wie vor vielfältig sind. Meine Freunde auf Facebook machen mich auf Inhalte einer Lokalzeitung aufmerksam, die ich eigentlich nicht lese. Es wird diskutiert. 2005 war das überhaupt nicht der Fall.

Gerade die Verbreitung von Social Media zeigt, dass es nicht reicht, einfach nur die Front- und Einstiegsseiten der Zeitungen zu messen und dann Aussagen darüber zu machen, wie es um die Qualität der Medien steht. Online finden viele tolle Inhalte nicht auf der Frontseite einer Onlineausgabe statt. Oft sind die Perlen versteckt, aber wunderbar abrufbar. Der meistgeteilte Artikel in der Deutschschweiz war ein über 20’000 Zeichen langer Hintergrundartikel von Constantin Seibt zur politischen Lage in Island. Der Artikel war nicht auf der Front von Tagesanzeiger.ch.

Auch die Dauerkritik an «20 Minuten» finde ich öde. Dass die Forscher von «qualitätsniedrigem Journalismus» reden, empfinde ich gar als Beleidigung. Die Kollegen von  «20 Minuten» haben zwar einen ausgeprägten Hang zum Erregungsjournalismus. Aber die Branche kann auch dankbar sein, dass es «20 Minuten» gibt. Schon als ich 2005 in der erwähnten Medienvorlesungen sass, sagte man uns, dass die reine, herkömmliche Information an Wert verliere, dass sie, genau besehen, schon gratis sei. In diesem Markt gewinne der, der am meisten Masse erreiche, also über die grösste Reichweite verfüge, und auf allen Stufen der Herstellung ein wenig abschöpfen könne (der Ökonom spricht von Skalenerträgen).  «20 Minuten» ist heute Leader im Massenmarkt, aber dank des Gratistitels gibt es heute auch einen grösseren Mehrwertmarkt. Viele Redaktionen setzen, um gegen «20 Minuten» zu bestehen, einen Kontrapunkt, fokussieren sich auf Eigenleistungen. Dank «20 Minuten» haben sich sämtliche Medienmarken im Lande neu erfunden. Dank «20 Minuten» haben viele Journalisten begriffen, dass in einer von Technik bestimmten Welt Informationen ein Problem, nicht eine Lösung sind.

Gehts wirklich abwärts mit den Medien? Ich glaube einfach nicht daran.

Empfehlenswert: Der Selbstmord der Branche – und ihre Renaissance. Von Oliver Fahrni. Medientrendjournal 2005 (online nicht verfügbar).