NZZ: Das Jahr mit Veit Dengler

Christian Lüscher am Montag den 8. September 2014
Off The Record

Spricht gerne über seine Visionen: NZZ-CEO Veit Dengler, hier an einer Medientagung im Juli 2014. Foto: Keystone

Da gibt es eine Anekdote, die man sich an der Falkenstrasse gerne und oft erzählt. Als Veit Dengler sich im Oktober 2013 der NZZ-Belegschaft vorstellte, bezeichnete er sich selbst als Early Peaker, als einer, der im Leben schon immer schnell vorankam und schnell Fortschritte erzielte. Seither nennt man ihn in NZZ-Kreisen: Early Peaker.

Wir fragen uns: Wie sieht Denglers Leistungsausweis nach einem Jahr als CEO aus? Hat er schnelle Fortschritte erzielt? Ohne Zweifel. Beginnen wir mit seiner Medienpräsenz, die zu den Highlights seiner Amtszeit gehört. So viel wohlwollende PR hatte ein Schweizer Medienchef selten. Kaum im Amt, war die Fach– und Publikumspresse voll mit Porträts und Interviews. Dengler konnte sich ankündigen, sich als vitalen Manager positionieren.

Nach einem halben Jahr dann sein Gesellenstück. Er brachte das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung» ganz in den Besitz der NZZ. Die Zürcher Mediengruppe übernahm die Anteile der Publigroupe. Der Kauf spricht aus zwei Gründen für Denglers Qualitäten als Medienmanager: Er strafte Brancheninsider Lügen, die von einem Verkauf der Regionalmedien ausgingen. Und die NZZ bezahlte offenbar einen Schnäppchenpreis («Finanz und Wirtschaft»).

Seit Dengler der NZZ-Gruppe vorsteht, wächst das Management. Da wäre die Unternehmensleitung. Sie ist von acht auf elf Mitglieder gewachsen. Statt mit heimischen Medienmanagern verstärkte er die Geschäftsleitung mit Branchenfremden. Aber auch die Redaktion der NZZ profitierte. Musste Vorgänger Albert P. Stäheli unpopuläre Sparrunden durchziehen, verstärkte Dengler das Kader mit mehreren gewichtigen Neuzugängen: Colette Gradwohl, Peer Teuwsen, Balz Bruppacher und Peter Sennhauser. Und vergessen wir seine Expansion nach Österreich nicht. Für den geplanten NZZ-Satelliten im Nachbarland betraute er mit Michael Fleischhacker einen prominenten Journalisten mit dem Prestigeprojekt. Wer hat ihm das vor seinem Antritt zugetraut? Eben.

Denglers Impulse tun der NZZ-Gruppe gut. Sie sind aber auch ein Risiko.

Trotz der wohlwollenden Publicity konnte Dengler bis heute nicht glaubwürdig darlegen, wie er aus der Gruppe ein Unternehmen formen will, das sich im Medienwandel behaupten kann. Im Zentrum steht die Publizistik. Aber wie will er Geld verdienen? Das bleibt sein Geheimnis. Im Moment bleibt das Bild haften, dass der neue CEO keine Kosten scheut und grosszügig in Inhalte investiert. Wo die neuen Ertragsquellen sind, darüber rätselt und staunt die Branche, die notabene selbst nach Lösungen sucht. Dengler ist im Ankündigen von Ideen gut. Resultate sind noch nicht sichtbar. Das hat den früheren Tamedia-Chef Martin Kall bereits zu einer amüsanten Äusserung hinreissen lassen: «Wir müssen in unserer Branche einfach mehr tun und weniger darüber reden, was vielleicht zu tun wäre.»

Denglers Personalentscheide sind mutig, bergen jedoch auch Gefahren. Sie sind nämlich kostspielig. Es sind teure Leute, die Dengler da holte. Und sind es auch die besten? Aus der Branche ist zu vernehmen, dass Dengler viele Spitzenleute angegangen ist, aber viele Absagen erhielt. Wer Betroffene direkt nach den Gründen fragt, hört immer das Gleiche: zu hohes Risiko.

Dengler hatte mit seinen Personalentscheiden auch nicht immer eine glückliche Hand. Das zeigte der Fall eBalance. Der angeheuerte McKinsey-Berater verliess samt Entourage nach nur kurzer Zeit die NZZ. Um den Fall einzuordnen: Dengler erklärte das Thema eBalance zur Chefsache und plante ein 10-Millionen-Business. Stattdessen gabs Uneinigkeiten in der Strategie, viel Unruhe, lang verdiente Mitarbeiter verliessen das Unternehmen. Heute arbeiten die ehemaligen eBalance-Kader an einem Konkurrenzprodukt zur NZZ.

Das hat sich herumgesprochen. Dengler muss aufpassen, dass das Betriebsklima nicht zum Risiko wird. Auch wenn die Verlagsspitze im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» von einem guten Klima spricht, häuft sich die Kritik. Einzelne Kader stehen Denglers Beratergarde skeptisch gegenüber. Vor allem im Verlag und in der Administration ist die Unsicherheit gross. Der Chef wolle zu viel auf einmal.

Tatsächlich hat Dengler gleich ein paar Baustellen eröffnet. Da wären der Newsroom, die Reorganisation der Redaktion (Shift), die Einführung eines neuen Redaktionssystems, eine neue Paywall und die Weiterentwicklung der gedruckten NZZ. Zu viel? Möglicherweise. Mit dem Aufbau eines Newsrooms konnte Dengler zwar ein Zeichen setzen. Nehmen wir aber das ambitionierte Zeitungsprojekt «Neo». Es ist in Rücklage geraten. Die neue Zeitung war für Herbst 2014 geplant. Doch nun soll es Frühling 2015 werden. Auf Anfrage heisst es: Wir haben dabei keine Eile – Qualität und Sorgfalt stehen im Vordergrund. Womöglich hat man den Aufwand unterschätzt. Man muss nochmals über die Bücher. Bei den älteren Lesern erhielt man solide Noten, dafür fiel die neue Zeitung bei den jüngeren Lesern durch.

Dass das Tempo die Belegschaft irritiert, ist kein Geheimnis. Dengler selbst geht in einem internen Memo darauf ein und begründet dies mit einer Notwendigkeit. Die Entwicklung im Medienbusiness verlaufe derart schnell, dass man sich kein Nacheinander erlauben könne. Um zu einem Schluss zu kommen: Wie gut hat sich der neue CEO der NZZ in den letzten 12 Monaten geschlagen? Nun, Dengler kennt die Dossiers gut und konnte mit seinen Visionen und seiner Hingabe ein paar Pflöcke einschlagen. Doch jetzt zählen Resultate, denn die sind noch nirgends sichtbar.

4 Kommentare zu “NZZ: Das Jahr mit Veit Dengler”

  1. alexander saheb sagt:

    ich stimme Herrn stalders Ausführungen zu: was der neue nzz ceo bringt, weiss man erst in ein zwe jahren, wenn die zahklen vorliegen. die sind seine Messlatte. vernutlich ist die nzz da wo tagi mal vor einigen jahren mit kall anfing, gross zu werden. sehr spannend fand ich, dass man beim kauf eines neuen Samsung tablets im media markt jhetzt 6 Monate nzz digital gratis bekommt:) anfüttern:) making Readers paying Readers…

  2. Gernot Bühler sagt:

    Die Auflagen der NZZ, wie aller anderer Zeitungen, sinken jedenfalls weiter.

  3. Gisela Blum sagt:

    Vieles an diesem Artikel könnte auch 1975 verfasst worden sein, als die Gratiszeitungen die «etablierten», zu einem Drittel mit Abo-Einnahmen finanzierten Zeitungen bedrängten. Was Redaktoren schreiben, ist oft mit nichts zu messen. Insofern ist dem NZZ-Präsidenten zuzustimmen, der letzte Woche das Forschungsdefizit der Branche reklamierte. Da aber unter seiner und Dengels Aegide Käufe wie jener Moneyhouse getätigt wurden, kann nicht gesehen werden, was an der Falkenstrasse unter «Qualität» verstanden wird: Schnüffeldienste?. Die NZZ hat in zentralen Märkte eingebüsst, die für ein Wirtschaftsblatt essenziell sind. Um sie müsste sich das Management blutige Finger und Zehen holen. Ohne die Märkte, die die Wirtschaft abbilden, wird die NZZ zum blutleeren Medium. Denn ein Medium nützt dann, wenn es Hilfestellungen zu Transaktionen bietet, und das gilt nicht nur für Wohnungen und ein paar Stellen.

  4. Andreas Stalder sagt:

    Die Frage ist immer, wie man den Erfolg einer Person misst. Noch spezieller ist es, wenn das jemand von der Konkurrenz macht. Da frage ich ich immer, geht es in erster Linie darum, diese schlecht zu reden oder aber auf deren Abgründe und Fallgruben hinzuweisen. Dass eine neutrale Beurteilung kaum möglich ist, steht ausser Frage. Denn Lob würde gar nicht gehen, das wäre ja quasi eine indirekte Bewerbung, was im eigenen Haus kaum gut ankommen dürfte. Hier haben wir eine „nette“ Mischung.
    Zurück zur Beurteilung: ich als Finanzfachmann mache das nicht zuletzt anhand der Geschäftszahlen, auch wenn diese die Vergangenheit zeigen. Dass Veit Dengler dabei auf die Zahlen von 2013 erst wenig Einfluss hat, ist klar. Trotzdem fällt beim Vergleich der Geschäftsberichte zwischen der NZZ Mediengruppe und der Tamedia auf, dass der ehemalige Platzhirsch NZZ am schwächeln ist. Der Umsatz der Tamedia ist gut doppelt so gross und so ist es auch bei der Umsatzrendite. Dafür ist der Eigenfinanzierungsgrad der NZZ höher. Beide mussten Abstriche beim Profit machen, was die Probleme der Branche wiederspiegeln. Was der neue CEO der NZZ wirktschaftlich gebracht hat, wird erst der Jahresbericht 2014 zeigen. Bis März 2015 müssen wir uns gedulden, dann kann wirklich Bilanz gezogen werden.