Keine Entspannung an der Bankenfront

Christine Lagarde. (Foto: Keystone)

Gemäss IWF hat die Finanzbranche bereits neue Produkte entwickelt, die die angestrebten Banken-Regulierungen umgehen: IWF-Chefin Christine Lagarde. (Foto: Keystone)

Noch immer ist die Krise, die 2008 ihren Anfang nahm, nicht überwunden. Ihren Ursprung hatte sie bei der Finanzbranche. Sie wollte man danach zähmen. Das ist nicht geschehen.

Das ist eine zentrale Botschaft des jüngsten Finanzmarktstabilitätsberichts («Global Financial Stability Report») des Internationalen Währungsfonds, der am Dienstag veröffentlicht wurde. In Kapitel 3 schreibt der Fonds in der Zusammenfassung (Hervorhebungen von mir):

The findings suggest, however, that despite improvements along some dimensions and in some economies, the structure of intermediation remains largely unchanged. The data suggest that financial systems are still overly complex, banking assets are concentrated, with strong domestic interbank linkages, and the too-important-to-fail issues are unresolved. Innovative products are already being developed to circumvent some new regulations. These same traits have been linked to the crisis, suggesting financial systems remain vulnerable. The good news is that there do not appear to have been serious setbacks to financial globalization (despite reversals from some crisis-hit economies); however, this also means that in the absence of appropriate policies, highly integrated economies are still susceptible to harmful cross-border spillovers.

Diese Sätze werden dann in dem 66 Seiten umfassenden Kapitel (PDF) genauer ausgeführt. Weil’s so wichtig ist, hier das Wichtigste daraus:

An der gefährlichen Verwicklung («Intermediation») zwischen Banken, die den Ausfall eines Instituts zu einem Dominoeffekt für die ganze Branche und die Volkswirtschaft werden lässt, hat sich nichts geändert. Dabei unterscheidet der Text zwischen einer traditionellen und untraditionellen («nontraditional») Verwicklung von Bankgeschäften. Im ersten Fall ist die Entgegennahme von Depositen und die Vergabe von Krediten gemeint. Die Banken «verwickeln» hier sozusagen Ersparnisse und Investitionen und profitieren vom Zinsunterschied. Hier haben sie eine volkswirtschaftliche nützliche Mittlerfunktion. Nichttraditionelles Banking baut auf Handelsaktivitäten auf, finanziert sich nicht über Depositen, sondern über andere Finanzinstitute und (zuweilen komplexe) Marktinstrumente («Wholesale Funding»). Dieses Banking erschafft auch neue Finanzprodukte, wie Verbriefungen fast aller Arten von Ansprüchen und Derivate anderer Anlagen und Finanzinstrumente.

Die Gefahren gehen klar vom nichtraditionellen Banking im oberen Sinn aus. Wobei damit nicht gesagt ist, dass diese Art von Banking ausschliesslich schlecht sei. Gefahren drohen aber vor allem dann, wenn die Übersicht über die (für die Volkswirtschaft insgesamt) eingegangenen Risiken verlorengeht: Etwa weil die systemischen Zusammenhänge nicht verstanden werden oder im voraus gar nicht erkannt werden können. Dann ist die Komplexität der Geschäfte, das Ausmass der Verflochtenheit und die Grösse der gefährdeten Institute eine besonders grosses Risiko für die Gesellschaft. Vor allem auch deshalb, weil es sich keine Regierung leisten könnte, hier am Ende nicht rettend einzuspringen, um eine volkswirtschaftliche Katastrophe zu verhindern. Weil das Banker wissen, haben sie zu wenig Anreiz, vorzubeugen: Geht die Rechnung mit den eingegangenen Risiken auf, winken hohe Gewinne, wenn nicht, muss der Staat aufräumen.

Der IWF-Bericht zeigt( in Tabelle 3.1, S.7) die genannten Zusammenhänge anhand von Korrelationen mit finanziellen Stress-Situationen: So ist die Bankgrösse, die internationale Verknüpfung der Institute, die gegenseitige Verknüpfung ihrer Guthaben und Schulden hoch und signifikant mit finanziellem Stress korrelliert. Hohe negative Korrelationen (die Grössen vermindern also deutlich finanziellen Stress) zeigen sich beim Eigenkapitalanteil, und bei der Zinsmarge. Zum Letzteren weiter unten mehr.

Zuerst einige Grafiken aus dem IWF-Bericht, die die genannten Entwicklungen veranschaulichen:

Ein Blick auf die Entwicklung des Bankings seit der Krise – in der oberen der beiden folgenden Grafiken – zeigt: Das Globale Finanzsystem ist absolut weiter gewachsen und ist – wie die untere Grafik zeigt – nur im Verhältnis zum gesamten Wirtschaftsausstoss leicht geschrumpft, was hauptsächlich auf die Aktienmärkte (das heisst einen Rückgang der Marktkapitalisierung) zurückgeht:

Die folgenden Grafiken zeigen die Entwicklung neuer Finanzprodukte: Vor allem die massgeschneiderten bzw. ausserbörslich gehandelten («Over the Counter») Finanzprodukte (bei denen daher auch die Transparenz geringer ist) haben sich in ihrem Umfang seit der Krise kaum verändert. Die entsprechenden Kredit-Derivative (zu denen auch die CDO zählen, die am Ursprung der Krise stehen) sind zwar in ihrem Umfang zurückgegangen, liegen hier aber noch immer weit höher als in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts. Eine deutliche Zunahme haben die «Exchange Traded Products» erfahren (von denen vor allem die Exchange Traded Funds ETF bekannt sind).

Die folgenden Grafiken geben einen Eindruck davon, wie sich die Verknüpfung zwischen den Finanzinstituten, ihre Finanzierung und die Konzentration der Finanzbranche seit der Krise entwickelt hat. Die oberen beiden Grafiken zeigen für ausgewählte Länder und Regionen anhand eines Indexes, dass sich an der Verknüpfung zwischen den Banken innerhalb von Ländern wenig verändert hat. Der Index setzt sich aus Grössen wie dem Anteil der Finanzierung durch das so genannte «Wholesale Funding» (Kapitalmarktinstrumente und Interbankengeschäfte) –  im Gegensatz zur Finanzierung über Kundeneinlagen – und aus der Verschuldung gegenüber anderen Banken zusammen. Die mittleren Grafiken zeigen, dass der Anteil dieses – im Vergleich zur Einlagenfinanzierung – potenziell systemgefährdenderen «Wholesale Funding» fast überall seit der Krise weiter zugenommen hat. Die untersten beiden Grafiken zeigen schliesslich den prozentzuellen Anteil am Gesamtmarkt durch die drei grössten Banken der betrachteten Länder. Auch hier zeigt sich auf den entwickelten Finanzplätzen fast überall eine weitere Zunahme der Konzentration seit der Finanzkrise:

Dass die Bedeutung des nichttraditionellen Bankings ebenfalls kaum zurückgegangen ist, verdeutlichen die folgenden Grafiken:

Die deutliche Zunahme in der Schweiz geht laut dem IWF darauf zurück, dass die Schweizer Banken stärker von der oben erklärten «Wohlesale Finanzierung» abhängig sind.

Die folgenden Grafiken werfen schliesslich einen Blick auf die internationalem Abhängigkeiten der Banken (inklusive gegenüber ihrer eigenen Filialen): Auffällig ist hier der Rückgang bei den Schweizer Banken (zu dem sich der IWF nicht auslässt), ansonsten ist hier ebenfalls kaum ein Rückgang zu erkennen:

Was sind die Gründe dafür, dass aus den hehren Absichten auf dem Höhepunkt der Krise bisher so wenig geworden ist:

  • Wie der IWF selbst schreibt, haben nicht zuletzt die Rettungen der Banken durch Zentralbanken und Regierungen die Konzentration im Bankensektor weiter erhöht, sowie gleichzeitig die Marktdisziplin und die Transparenz unterminiert. Im Zuge der anhaltenden Krise zeigen sich Regierungen ohnehin eher interessiert daran, auch schwache und allein kaum überlebensfähige Banken am Leben zu erhalten, statt eine notwendige Strukturbereinigung entschlossen an die Hand zu nehmen. In den Worten des IWF:

These interventions could result in more concentration, rather than less. Such interventions also obscure market discipline and often detract from transparency.

  • Ja, Rettungsmassnahmen sind und waren in vielen Fällen notwendig, um Schlimmeres zu verhindern. Aber die Banken wurden dafür zu wenig in die Pflicht genommen. Dazu hat sich auch der einstige SNB-Präsident Philipp Hildebrand am Dienstag (zusammen mit Lee Sachs) in der «Financial Times» verlauten lassen. Für die Europäischen Banken will er die Einführung der Standards von Basel III sogar schon auf das nächste Jahr vorziehen. Bis jetzt müssen sie diese erst 2019 erfüllen. Das Argument der beiden:

The conventional wisdom that more robust capital standards constrain lending is borne out by neither economic theory nor the facts… Waiting seven years to adress the banking system’s weaknesses runs the risk of seven more years of weak growth.

  • Einige der komplexen Finanzprodukte sind tatsächlich, wie oben gezeigt, in ihrer Bedeutung zurückgegangen, dafür haben die nach wie vor äusserst innovativen Banker wieder neue erschaffen. Sie dienen zum Teil laut dem IWF direkt dem Zweck, die neuen Regulierungen (wie jene von Basel III) zu umgehen:

For instance, there is some anecdotal evidence that a number of banks have been securitizing derivative counterparty risk to offset the new Basel III credit value adjustment (CVA) capital charge (Cameron, 2011). Most importantly, Basel capital and liquidity rules could be prompting a greater intermediation of new financial products as financial institutions use other avenues to make up for the higher expenses imposed by the Basel rules.

  • Die neuen Regeln laden zur Umgehung durch ihre Komplexität geradezu ein. Warum einfachere weit wirksamer wären, erklärt in diesem Beitrag Kollege Mark Dittli mit Bezug auf eine ausgezeichnete Rede von Andrew Haldane.
  • Die Tiefzinspolitik der Zentralbanken erschwert es den Banken auf dem traditionellen Weg (über das Zinsdifferenzgeschäft) Gewinne zu erwirtschaft. Wie der IWF betont, führt das verstärkt dazu, dass die Finanzinstitute andere Wege der Profitabilität suchen. Daraus erklärt sich die weiter oben erwähnte signifante negative Korrelation der Zinsmarge mit erhöhtem Stress im Finanzsystem.
  • Allerdings sind die Vorstellungen der Branche und ihrer Analysten, wie profitabel die Finanzinstitute sein sollen, ebenfalls durch die Party vor der Krise verzerrt. Wird wieder die alte Profitabilität angestrebt, drohen auch wieder die alten Risiken. Dazu der IWF:

One of the key elements determining the future of the financial structure is how the pressure on profitability will play out. If investors in financial institutions continue to demand precrisis levels of return on equity, will the institutions achieve that by restructuring existing business lines, or will they be tempted to engage in new, risky activities in the search for return?

Der Ökonom Simon Johnson, der sich (unter anderem in diesem ausgezeichneten Buch) vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt hat, geht in diesem Kommentar darauf ein, dass die Banker wenig Anreize haben, ihre bevorzugte Position und die damit verbundenen faktischen Subventionen aufzugeben. Diese sichern sie sich gerade durch den Umstand, dass sie zu gross und zu komplex sind, als dass man sie im Krisenfall ohne Unterstützung durch Steuergelder untergehen lässt. Komplexität und Grösse ist daher ganz in ihrem Interesse:

….diese Herrscher des Universums verdienten dieses Geld mit massiver Unterstützung der Regierung. Da sie als «systemrelevant» eingeschätzt werden, profitieren ihre Banken von einem staat­lichen Sicherheitsnetz. Sie können dadurch grössere Risiken eingehen und ihr Geschäft mit mehr Fremd- und weniger Eigenkapital führen. Sie kassieren höhere Renditen, wenn alles gut läuft, und staatliche Unterstützung, wenn ihnen das Glück nicht hold ist: Bei Kopf gewinnen sie, bei Zahl verlieren wir… Schliesslich war die Entstehung globaler Megabanken kein Ergebnis von Markt­entwicklungen. Diese Banken sind staatlich gesponserte, subventionierte Unternehmen, die von den Steuerzahlern gestützt werden. Das trifft in Europa heute übrigens genauso zu.