Wann begann die Globalisierung?

Kolumbus landet in Amerika: Gemälde von John Vanderlyn «Landing of Columbus».

Kolumbus landet in Amerika: Gemälde von John Vanderlyn «Landing of Columbus», 1837.

Wann immer man sich länger in Asien aufhält, kommt man in der wirtschaftshistorischen Diskussion früher oder später zur Frage, wann die Globalisierung begann bzw. seit wann der Westen die Welt dominiert. Denn man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Westen hat alle aussereuropäischen Kulturen entweder zerstört oder dazu gezwungen, wesentliche Elemente zu übernehmen. Der britische Journalist Martin Jacques schreibt zwar in seinem Bestseller, mit dem Aufstieg Chinas entstehe eine neue, nicht-westliche Moderne. Aber der kulturelle Unterschied zwischen dem modernen China und dem modernen Europa ist verschwindend klein im Vergleich zu kulturellen Unterschieden vor 500 oder 1000 Jahren.

In der Schule lernt man, dass die westliche Dominanz im späten 15. Jahrhundert einsetzte. Der Kolumbus «entdeckte» 1492 Amerika, Vasco da Gama segelte 1498 erstmals von Europa nach Indien.

In der Forschung sieht man die Sache etwas anders. Vor allem die Reise des Portugiesen da Gama betrachtet man heute nicht mehr als grossen Durchbruch. Die portugiesischen Kaufleute schafften es nämlich nicht, ein grösseres Gebiet zu besetzen und den Handel zu kontrollieren. Sie blieben eine Minderheit in einem bereits etablierten überregionalen Handelssystem.

Auch Kolumbus‘ Reise wird heute relativiert. Natürlich war die Verbindung über den Atlantik revolutionär und für die Kulturen des amerikanischen Kontinents verheerend. Man schätzt, dass mehr als drei Viertel wegen den von den Europäern eingeschleppten Krankheiten innerhalb von wenigen Jahrzehnten gestorben sind. Aber die spanische Kolonialverwaltung war wenig effektiv. Sie konzentrierte sich auf den Abbau von Edelmetallen. Es war noch nicht ein effizientes, expandierendes System, das den ganzen Kontinent in die Weltwirtschaft integrierte. Der atlantische Wirtschaftsraum blieb lange Zeit unterentwickelt im Vergleich zu China und Indien.

Die beiden Wirtschaftshistoriker Dennis O. Flynn and Arturo Giráldez behaupten deshalb, dass erst mit der spanischen Besetzung der Philippinen in der Mitte des 16. Jahrhunderts die moderne Weltwirtschaft entstanden ist (hier). Denn über die Philippinen konnte ein weltweiter Fluss von Gütern und Silber in Gang gesetzt werden. Die Silberzahlungen aus den spanischen Kolonien in Amerika nach China waren in der Tat bedeutend. Zeitgenossen berichten, dass die spanische Oberschicht in Mexiko und Südamerika im Austausch gegen Silbere enorme Mengen von Luxusgütern (z. B. chinesische Seide) anhäufen konnten.

Die meisten Wirtschaftshistorikerinnen und -historiker lehnen heute aber auch diese Sicht ab. Sie glauben, dass erst mit der industriellen Revolution in England im späten 18. Jahrhundert die Grundlagen für die Globalisierung bzw. die westliche Dominanz gelegt worden sei. Vor dieser Umwälzung hätten die Europäer schlicht nicht die technischen Mittel gehabt, ihre Lebensweise den dicht bevölkerten Weltregionen wie China und Indien aufzuzwingen. Die Silberflüsse von Amerika nach China seien vernachlässigbar klein gewesen, wenn man sie mit dem globalen Handelsvolumen des 19. Jahrhunderts vergleiche. Am pointiertesten haben diese Meinung Kevin O’Rourke und Jeffrey Williamson vertreten (hier).

Ausserdem hat im Austausch über den Pazifik das chinesische Kaiserreich dominiert, nicht Spanien. Denn China habe seine Güter absetzen können, während Spanien nichts zu bieten hatte. Die chinesische Handelsbilanz blieb bis ins frühe 19. Jahrhundert positiv, als englische Kaufleute begannen, Opium von Indien nach China zu schmuggeln. 1839 brach deshalb der Opium-Krieg aus, 1842 musste China unter Zwang einige seiner Häfen öffnen. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde China wirklich in die Weltwirtschaft integriert.

Die Globalisierung ist also erst 200 Jahre alt. Es gab zwar zuvor immer wieder Kontakte zwischen den Kontinenten, aber sie waren nicht vergleichbar mit der Wucht der modernen Globalisierung. Was seit 200 Jahren läuft, ist neu und singulär. Der Versuch, ein Muster aus der Geschichte abzuleiten, wie es Ian Morris in seinem Buch tut, ist deshalb zum Scheitern verurteilt.

P.S.: «Why the West Rules – For Now» von Ian Morris ist trotzdem eines der besten zum Thema. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.