Wie kann ein Land aus dem Euro austreten?

200 Kronen mit ungarischem Stempel kurz nach Auflösung der Währungsunion.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Kronezone aufgelöst: 200 Kronen mit ungarischem Stempel kurz nach Auflösung der Währungsunion.

Ist es machbar, den Euro zu verlassen und die Drachme wieder einzuführen? Viele argumentieren, dass diese Operation rein technisch unmöglich wäre, so nach dem Motto: Versuchen Sie mal ein Rührei in ein Spiegelei zu verwandeln.

Aufgrund von historischen Beispielen kommt man jedoch schnell zum Schluss, dass die Rührei-Analogie wenig hilfreich ist. Auf die Aufsplitterung der Rubelzone habe ich schon einmal hingewiesen (hier). Gemäss dem US-Ökonomen Ed Dolan lassen sich drei Lehren aus historischen Beispielen ableiten:

  1. Es ist empfehlenswert, eine temporäre Währung einzuführen, die keine komplizierten Sicherheitsstandards erfordert und deshalb schnell gedruckt werden. Weil sie nur kurze Zeit zirkuliert, lohnt es sich nicht, sie zu fälschen. In einem zweiten Schritt kann man dann endgültig zur neuen Währung übergehen. Griechenland könnte also zunächst eine Art Griechen-Euro einführen, bevor es wieder zur Drachme zurückkehrt.
  2. Es ist kein Problem, wenn die alte Währung weiter zirkuliert. Im Falle Griechenlands wäre es nicht nötig, alle Euros sofort zum Verschwinden zu bringen. Die deutsche Währungsreform von 1948, bei der die Reichsmark vollständig durch die D-Mark ersetzt wurde, ist eine Ausnahme. In ärmeren Ländern ist es ohnehin auch in normalen Zeiten üblich, dass mehrere Währungen kursieren (z. B. Dollar im Nahen Osten).
  3. Beim Problem der drohenden Zahlungsunfähigkeit ist es besser, wenn ein Land möglichst früh die Bedienung der Schulden einstellt, dafür nachher schnell wieder ein zuverlässiger Schuldner wird. Viele Länder haben den Fehler gemacht, dass sie die endgültige Zahlungsunfähigkeit hinausgeschoben haben, was die Krise nur unnötig verschärft hat. Falls Griechenland zur Drachme zurückkehren sollte, müsste es sofort seine Zahlungen einstellen.

Wären damit alle Probleme gelöst? Natürlich nicht. Griechenland bräuchte zum Beispiel sofort Kredite, um die Landesversorgung sicher zu stellen. Ich stelle mir aber vor, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Weltbank zu Hilfe eilen würde. Auch die EU könnte kein Interesse daran haben, Griechenland nach dem Austritt aus dem Euro im Stich zu lassen. Der Reputationsschaden für Brüssel wäre enorm.

Die Auflösung der Kronezone nach dem Ersten Weltkrieg ist ebenfalls illustrativ (hier). Österreich-Ungarn wurde  1919 aufgeteilt in eine Reihe von Nationalstaaten, aber die österreichisch-ungarische Krone blieb einstweilen überall das gesetzliche Zahlungsmittel. Erst mit einer gewissen Verzögerung entschieden sich die neuen Staaten, eine neue Währung einzuführen. Am besten gelang dies der Tschechoslowakei – es kam nicht einmal zu einer Inflation. Die wichtigsten Schritte der Umwandlungsaktion, die vom 3. bis 9. März 1919 dauerte, waren die folgenden:

  • Nach Bekanntgabe der Währungsreform wurden die Grenzen militärisch besetzt, um die Kapitalausfuhr zu verhindern.
  • Der Überweisungsverkehr der Banken und Postämter wurde für zwei Wochen eingestellt.
  • Die obligatorische Abstempelung der alten Banknoten dauerte eine Woche. Als die neuen Banknoten gedruckt waren, musste man die abgestempelten Banknoten eintauschen.
  • Die Währungsreform wurde mit einer Sanierung der Staatsfinanzen kombiniert, indem nur die Hälfte der alten Banknoten gestempelt wurden. Der Rest wurde für staatliche Zwangsanleihen verwendet. Später wurden die Bürger für die zwangsweise erfolgte Abgabe mit Steuererleichterungen entschädigt.

Kurz und gut: Wer glaubt, ein Austritt aus dem Euro sei nicht machbar, irrt. Und wer mit der Geschichte von Finanzkrisen vertraut ist, weiss auch, dass ab einer gewissen Eskalationsstufe ohnehin alles weggefegt wird, was noch vor kurzem für sicher gehalten wurde. Die Eier-Frage erledigt sich dann von selbst, weil sich auch die Hühner längst in Deckung begeben haben.