Babysitting-Ökonomie reloaded

Tagesmutter mit Kindern.

Wenn Babysitting-Gutscheine zu einer Währung werden, unterliegen sie den gleichen Gesetzmässigkeiten wie echtes Geld: Eine Babysitterin erzählt eine Geschichte.

«Free Exchange», ein Blog des «Economist»  macht sich hier neue Gedanken zu einem viel beachteten Text von Paul Krugman aus den 90er-Jahren über den tieferen ökonomischen Sinn der Erfahrungen einer Babysitting-Genossenschaft. Krugmans Vergleich hat wahrscheinlich nicht nur mir als Wirtschaftsdozent (eine Nebenbeschäftigung) wertvolle Dienste geleistet, um eher technisch anmutende  Zusammenhänge eingängiger als mit den üblichen Modellen zu vermitteln.

Worum geht es? Eine real existierende Babysitting-Genossenschaft hauptsächlich unter Anwaltsfamilien in Washington hat mittels Gutscheinen versucht, für einen Ausgleich von Babysitting-Tätigkeit und kinderfreiem Ausgang unter den Mitgliedern der Genossenschaft zu sorgen. Bei diesem Versuch ist der Genossenschaft das Äquivalent einer Rezession wiederfahren. Die Gründe dafür waren laut Krugman dieselben, die auch zur Rezession einer ganzen Volkswirtschaft führen können. Auch die mögliche Lösung zeigt Krugman an diesem Beispiel auf. Hier mehr Details – gleich auch in einen verdaulichen Ökonomenslangübersetzt:

  • Die Genossenschaftsmitglieder, die ausgehen wollen, sind die Nachfrager nach dem einzigen Gut der Genossenschaft: der Babysitting-Dienstleistung. Das nachgefragte Produkt erfordert nur einen Produktionsfaktor: die Arbeit des Babysittens.
  • Für ihre Nachfrage mussten die Ausgehwilligen Gutscheine bezahlen.  Diese hatten also die Funktion des Geldes. Die Arbeitsanbieter – andere Genossenschaftsmitglieder – hatten einen Anreiz, solche Gutscheine zu verdienen, um selber Kaufkraft zu erlangen, um sich das Genossenschaftsgut Babysitting leisten zu können.
  • Wer viel konsumiert (wer viel ausgeht), dem geht mit der Zeit das  Geld (Gutscheine) aus. Um wieder Kaufkraft (die Möglichkeit des Ausgehens) zu erlangen, muss man erst dafür arbeiten (babysitten). Der über die Gutscheine vermittelte Tausch zwischen Arbeit und Gütern entspricht in einer simplen Form dem Kreislauf jeder Wirtschaft, wo alle Anbieter von Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital und Ressourcen) mit den Erlösen daraus letztlich die Nachfrager nach den Produkten sind, die mit diesen Faktoren erzeugt werden.
  • Nun ist es in dieser Babysitting-Genossenschaft geschehen, dass die Zirkulation an solchen Gutscheinen durch die Art der Administration des Systems verknappt wurde. Wichtig für den Zusammenhang und «ökonomisch» gesagt ist hier nur von Bedeutung, dass eine Verknappung der umlaufenden Geldmenge stattgefunden hat.
  • Diese Verknappung hatte dramatische Konsquenzen: Die Paare wollten zwar nach wie vor gerne in den Ausgang gehen, doch durch die Verknappung der Gutscheine waren diese den Genossenschaftern nun mehr wert und sie gaben sie weniger gerne aus, um sich nicht um künftige Ausgeh-Gelegenheiten zu bringen. Die anfängliche Verknappung verschärfte sich weiter. Ins «Ökonomische» übersetzt führte die Geldverknappung zu einem steigenden Geldwert (einer Deflation), weshalb die Genossenschafter das Geld horteten.
  • Für die ganze Genossenschaft entpuppte sich dieses Verhalten als Katastrophe. Kaum jemand hat mehr Arbeit (Babysitting) nachgefragt, obwohl das Bedürfnis ohne Kinder auszugehen nach wie vor gegeben war. Übersetzt war das Resultat eine unfreiwillige Arbeitslosigkeit und eine Produktion unter dem Potenzial (Output-Gap) der Genossenschaft und damit eine Rezession.
  • Die Lehrbuch-Lösung eines solchen Problems liegt darin, dass wieder genügend Gutscheine geschaffen werden. Damit verlieren die gehorteten Gutscheine an Wert, so dass sie wieder ausgegeben werden und das Babysitting wieder nachgefragt wird. Übersetzt: Die Zentralbank erhöht die Geldmenge (gleichbedeutend: senkt die Leitzinsen), was die Deflation behebt oder sogar zu einer leichten Inflation führt. Unter diesen Umständen macht es keinen Sinn mehr, Geld zu horten. Es wird wieder zum Konsum verwendet, was die Nachfrage nach Arbeit erhöht, die Arbeitslosigkeit senkt und ebenso den Output-Gap beseitigt.

Tatsächlich war das Drucken von Geld (Gutscheinen) aber nicht die Lösung, die die Genossenschaft anfänglich in ihrer «Rezession» angestrebt hat. Zuerst haben die Mitglieder sich selbst schlicht einen vermehrten Ausgang ohne Kinder vorgeschrieben – eine für Krugman typische Lösung von Anwälten. Erst nachdem das gescheitert ist, haben sie «Geldpolitik» betrieben und allen Genossenschaftern zusätzliche Gutscheine ausgehändigt.

Doch damit haben sie es übertrieben und ein neues Problem trat ein: Nun waren die Gutscheine den Genossenschaftern zwar wie erwünscht weniger wert und sie gaben diese vermehrt für Babysitting aus. Doch nun überstieg die Nachfrage nach Babysitting die Bereitschaft der Genossenschafter zu dieser Dienstleistung. Übersetzt setzte eine Inflation ein, die (Gesamt-)Nachfrage der Genossenschaft stieg über das Produktionspotenzial der Genossenschaft hinaus und die Arbeitsmärkte waren überhitzt.

Bisher zeigt die Geschichte praktisch einen Konjunkturkreislauf – mit der Bewegung von einer Rezession zur Hochkonjunktur – immer vermittelt durch die Verfügbarkeit an Geld.

Der eingangs erwähnte Blogbeitrag von «Free Exchange» legt nun den Finger darauf, dass das Problem der Genossenschaft weniger in technischen Details wie der Geldversorgung, als im Grundvertrauen der Genossenschafter gelegen habe. Zum Beispiel sei es die anfängliche Angst gewesen, keine Gutscheine mehr verdienen zu können, die dafür verantwortlich war, dass am Ende die Nachfrage nach Babysitting tatächlich einbrach und keine Gutscheine mehr zu verdienen waren.

Tatsächlich liegt auch in einer Liquiditätsfalle das Problem darin, dass die simple Lehrbuchlösung mittels einer Erhöhung der Geldmenge schlicht nicht funktioniert. Ein Grund dafür ist, dass zusätzliches Geld angesichts von hohen Schulden und Zukunftssorgen noch eher gehortet, als ausgegeben wird. Die einzige Möglichkeit, die der Geldpolitik theoretisch bliebe, besteht darin, die Erwartung einer Geldentwertung zu schüren. Wenn dies aber allgemein mit einem Akt des Teufels gleichgesetzt wird, kann das nicht gelingen. Wenn aber die Geldpolitik nicht mehr greift, dann muss  die Regierung mit einer vernünftigen Ausgabenpolitik wieder für die nötige Nachfrage sorgen. Vernünftig sind zum Beispiel Ausgaben durch eine Neuverschuldung in der Krise für langfristig benötigte Infrastrukturanlagen, während gleichzeitig Sparpläne für wieder bessere Zeiten vorbereitet werden.

Doch in Europa und in den USA verweigert sich die Politik gleich beidem: sowohl einer Geldpolitik wie auch einer Fiskalpolitik, die aus der wirtschaftlichen Misere führen würde.