Mehr Lohn trotz Krise?

Weil Unternehmen vor Lohnsenkungen zurückschrecken, werden die Reallöhne angesichts sinkenden Preisniveaus steigen. Doch die Sache hat einen Haken.

Erfreuliche Konsequenz? Sinkt das Preisniveau, kann man sich auch bei einem unveränderten Nominallohn mehr leisten. Foto: iStock

Wie es auf dem Arbeitsmarkt angesichts der Coronakrise weitergeht, bleibt vorerst ein Rätsel. Beim Seco rechnet man jedenfalls nicht – wie anfänglich weitum befürchtet – mit Massenentlassungen gegen Ende Jahr. Und zur Lohnrunde geben angefragte Verbandsvertreter erwartungsgemäss noch keine Auskunft. Angesichts der Krise rechnet allerdings niemand mit generellen Lohnerhöhungen. 

Schon jetzt ist aber klar, dass die Gehälter im laufenden Jahr zulegen, wenn man statt auf die Nominallöhne – also die ausbezahlten Beträge – auf die Reallöhne schaut. Sie messen die Kaufkraft der Löhne. Sinkt das Preisniveau in der Schweiz, kann man sich auch bei einem unveränderten Nominallohn mehr leisten.

Laut Einschätzung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sinkt das Preisniveau im laufenden Jahr um 0,7 Prozent, das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco erwartet sogar eine Reduktion um 0,9 Prozent und auch im nächsten Jahr soll die Teuerung leicht negativ bleiben. Allerdings ist das generelle Preisniveau nicht für alle Beschäftigten repräsentativ. Je nach Bedarf und Konsumgewohnheit unterscheidet sich deshalb diese Reallohnentwicklung.

Ein Beispiel aus der jüngsten Geschichte

Ein sinkendes Preisniveau hat bereits in den Jahren 2012 bis 2016 insgesamt zu einem Reallohnwachstum geführt, das teilweise deutlich über einem Prozent lag, obwohl die Nominallöhne nur 0,8 Prozent und weniger angestiegen sind. Das war eine positive Folge der massiven Frankenaufwertung. Am deutlichsten hat sich das im Jahr 2015 gezeigt – als Folge der Aufhebung der Kursuntergrenze durch die SNB: Während die Nominallöhne in diesem Jahr angesichts der Wirtschaftsschwäche um mickrige 0,4 Prozent zugelegt haben, stiegen sie damals real mit 1,5 Prozent um mehr als das Dreifache davon an.

Wie aber steht es um das Risiko einer Nominallohnsenkung, zum Beispiel im Ausmass des rückläufigen Preisniveaus? In diesem Fall würde immerhin die Kaufkraft erhalten bleiben. Auch das erwartet kaum jemand. Eine jüngst erschienene Studie von Anne Kathrin Funk von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (Kof) und Daniel Kaufmann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Neuenburg, kommt zum Schluss, dass eine Reduktion der Nominallöhne auch in der Schweiz eine Seltenheit sind.

Wieso Nominallöhne selten gesenkt werden

Das zeigt sich weltweit und dafür gibt es zwei Gründe: Erstens halten Beschäftigte Nominallohnsenkungen für besonders unfair. Deshalb würden sie ihre Arbeitgeber mit einer geringeren Produktivität «bestrafen». Zweitens kündigen dann vor allem die produktivsten Arbeitnehmer mit den besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In der Ökonomie nennt man das eine «adverse Selektion». Das wollen Unternehmen möglichst vermeiden.

Während Beschäftigte eine Senkung des Nominallohns als sehr negativ empfinden, selbst wenn der Reallohn bei einer gleichzeitigen Preisniveaureduktion unverändert bleibt, akzeptieren sie umgekehrt eher einen ausbleibenden oder fehlenden Ausgleich einer (positiven) Teuerung. Dabei sinkt hier der reale, also kaufkraftbereinigte Lohn. In der Ökonomie nennt man diese übermässige Orientierung am Nominallohn statt an dessen Kaufkraft eine Geldillusion. Dieses Verhalten ist ein wesentlicher Grund dafür, warum Ökonominnen und Ökonomen eine geringe Teuerung für nützlich halten – weil das die Lohnflexibilität auf den Arbeitsmärkten erhöht.

Die andere Seite der Geschichte

Doch zurück zur Reallohnerhöhung, die für dieses Jahr und wahrscheinlich auch für das nächste angesichts nach unten fixierten Nominallöhnen und einem sinkenden Preisniveau zu erwarten ist. Einen Haken hat die gute Nachricht: Die höheren Reallöhne bedeuten höhere Arbeitskosten für die Unternehmen und viele von ihnen stehen schon jetzt unter grossem wirtschaftlichen Druck.

Statt Löhne zu senken, entlassen Unternehmen deshalb eher Beschäftigte. Anne Kathrin Funk und Daniel Kaufmann haben in der erwähnten Studie aufgrund einer früheren Episode errechnet, dass in der Schweiz bei einem um ein Prozent sinkenden Preisniveau angesichts der nach unten fixen Nominallöhne die Arbeitslosigkeit um 2,11 Prozent steigt und die Arbeitseinkommen deshalb dennoch um 0,97 Prozent sinken.