Bizarrer Umgang mit Ungewissheit

Oder: Warum wir einsehen sollten, dass unsere bisher gültigen Modelle und Vorstellungen vom Gang der Dinge nicht mehr gelten.

Erst die Zukunft wird zeigen, ob sie es richtig gemacht haben: Daniel Koch und Alain Berset. Foto: Keystone

Ständige Ungewissheit ist nicht unser Ding. Zwar können wir uns nie vollkommen auf unsere Einschätzungen über die uns umgebenden Entwicklungen verlassen. Aber in gewöhnlichen Zeiten und für die nähere Zukunft sind sie meist verlässlich genug. In der aktuellen Corona-Krise gilt das nicht mehr. Wir wissen zu wenig über die Ausbreitung des Virus und darüber, welche Massnahmen bisher richtig waren und welche es künftig sein werden. Wir haben keine Erfahrung damit, was es bedeutet, wenn die eng verzahnte Weltwirtschaft gleichzeitig weitgehend stillsteht.

Das Ausmass an Unsicherheit für die nächste Zukunft in Bezug auf wesentliche Bereiche unseres Lebens ist vielleicht das dominierende und am schwersten zu ertragende Element dieser Krise. Viele wissen noch nicht einmal, wann und wohin sie in die Ferien reisen oder wieder in der gewohnten Arbeitsumgebung tätig sein können, ob ihr Unternehmen überlebt oder sie ihren Job verlieren.

Nutzlose Prognosen und eine brutale Wahrheit

Und dennoch tun wir so, wie wenn wir uns auf unsere hergebrachten Modelle, Ideologien und Vorstellungen vom Gang der Dinge verlassen könnten. Prognostiker hauen eine Prognose nach der anderen raus. Die Vorsichtigen machen Szenarien. Doch es sind so viele Szenarien für die weitere Entwicklung möglich, dass Prognosen für jedes davon nutzlos wären. Auch die politischen Debatten etwa über Eingriffe in die Wirtschaft werden geführt, wie wenn die gängigen Gewissheiten weiterhin Gültigkeit hätten.

Je nach hergebrachter Ideologie oder Interessenlage werden dann Urteile über das bisherige Vorgehen der Entscheidungsträger im In- und Ausland gefällt – ganz so, wie wenn bereits klar wäre, was richtig war und was jetzt und in Zukunft angezeigt ist.

Die brutale Wahrheit ist: Wir wissen es nicht und können es noch nicht wissen. Der Lockdown, sein Ausmass und seine schrittweise Lockerung sind Versuche, anhand des gerade vorhandenen Wissens für die Gesundheit der Bevölkerung und für die Wirtschaft die besten Lösungen abzuwägen und zu treffen. Erst in Zukunft werden wir wissen – und wissen können – was wir dabei falsch gemacht haben und was besser gewesen wäre. Das ist kein Argument gegen eine transparente kritische öffentliche Debatte. Sie ist angesichts der Unsicherheit sogar besonders wichtig. Aber wir müssen vorerst damit leben, unsere Ansichten dazu, was angemessen war, ist und sein wird, entsprechend neuen Erkenntnissen immer wieder neu anzupassen.

8 Kommentare zu «Bizarrer Umgang mit Ungewissheit»

  • Anh Toàn sagt:

    Ist so ne Sache mit der Ungewissheit: Die sei jetzt grösser, wo das Virus offensichtlich da ist, dabei war vor dem Ausbruch auch klar, dass so ein Virus jederzeit ausbrechen kann und früher oder später auch wird: Neben uns selbst kann dem Menschen nur so ein winzig kleines, wenig entwickeltes Lebewesen den Garaus machen.

    Unsere „Gewissheit“, die Modelle an denen sich die Volkswirte festhalten, sind nicht gewiss, die Unsicherheit ist immer gleich gross, nämlich absolut: Gewissheit ist eine Illusion, die gerne geglaubt und darum gekauft wird, Volkswirte ersetzen heute die Pfaffen, weil Geld ist Gott!

  • Hansueli Wermelinger sagt:

    Es geht nicht darum, Prognosen zu machen, erst recht nicht über schwarze Schwäne. Es geht darum, jederzeit eine fragile Situation zu verhindern. Genau das Gegenteil ist in den letzten 10 Jahren und mehr geschehen, indem die Notenbanken dieser Welt mit ihrer Tiefzinspolitik und der laschen Geldpolitik das Eis immer dünner werden liessen. Nach Murphy’s Law geschieht dann ein Impact wie der Corona-Virus just zu einem Zeitpunkt, wo das Eis hauchdünn ist. Die ganzen Zombie-Unternehmen werden wohl nun komplett ausgelöscht – in einem Schritt. Die Rezession, die man „whatever it takes“ vermeiden wollte, wurde lediglich konserviert und ergiesst sich nun umso heftiger wie Wasser nach einem Dammbruch. Das Schlimme ist, dass die „Experten“ so tun, als hätte man das nicht ahnen können.

  • Claire sagt:

    Ausgerechnet das vielgeschmähte Griechenland mit vielen Problemen angefangen von den Finanzen, kaputtgespartem desolatem Gesundheitswesen, vielen Aelteren und Uebergewichtigen sowie einem akuten Flüchtlingsproblem hat sehr vieles richtig gemacht.
    Der absolute Top Performer im „Club Med“ – 255 Infizierte pro Mio und nur 14 Tote pro Mio!!
    .
    Man möge es den Griechen wünschen, dass sie jetzt auch noch eine halbwegs passable Tourismussaison hinkriegen. Verdient hätten sie es!

    https://www.spiegel.de/politik/ausland/corona-in-griechenland-die-gruende-fuer-das-erfolgreiche-krisenmanagement-a-92e260bd-a47a-4806-bf3f-44938a56b89c

  • Rolf Zach sagt:

    Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert, wo mit Pasteur der Beginn der streng wissenschaftlich fundierten Mikroben-Forschung begann, wissen wir heute einiges mehr, was natürlich sofort diesbezügliche Maßnahmen fordert. Im Gegensatz zur Spanischen Grippe von 1918/19 (auch ein Virus!) wussten damals die Mediziner einiges weniger und trotzdem konnten sich die Reichen und Mächtigen um einiges mehr schützen als noch im Mittelalter. Das Verhalten der Länder in dieser Covid-19 Seuche wird bestimmt durch ihren Reichtum und wie sie ihr öffentliches Gesundheitssystem organisiert haben. Wir in Europa diskutieren am heftigsten. welche Vorgehensweisen die effektivsten sind gegen diesen Virus, der noch nicht vollständig erforscht ist. In Demokratien mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen.

    • Rolf Zach sagt:

      Es ist auch ein Zeichen des westeuropäischen Sozialstaates und seiner sozialen Marktwirtschaft, dass nicht nur das Gedeihen der Volkswirtschaft, der Lage der oberen 10’000, sondern über die Gesundheit der ganzen Bevölkerung diskutiert wird. Sogar über unsere kranken Alten, die wir in vielem lieber tot sähen, sind eine Diskussion wert. Dies ist in autoritären Staaten ohne Transparenz und in Demokratien wie Indien, wo diese nur im Interesse von 10 % der Bevölkerung gilt, nicht der Fall. Alles an Zahlen von Covid-19 was aus Afrika, der islamischen Welt und sowohl Indien und China kommt, ist entweder wegen fehlender administrativer Effizienz nutzlos oder einfach schlichtweg gelogen. So kann man sein eigenes Volk belügen oder wenigsten die Machteliten schützen.

      • Rolf Zach sagt:

        Sogar ein Reisender des 18. Jahrhunderts, der durch Europa, Asien und sogar Afrika reist, hat niemals ein derartiges Gefälle des Pro-Kopf-Einkommens der Völker feststellen können, wie wir dies als heutige Reisende antreffen. Und immerhin das 18. Jahrhundert war bereits der Take-Off von Europa gegenüber der übrigen Welt im Gegensatz zum Mittelalter. Gerade die Covid-19 Seuche wird vielleicht uns Reisenden aus Ländern mit hohen Pro-Kopf Einkommen dazu anhalten, die armen Länder als Touristen nicht mehr zu besuchen, wenigstens solange kein Impfschutz besteht.

    • Claire sagt:

      Zach: Nun damals war bekanntlich immer noch Weltkrieg!
      In massiv überfüllten Kriegsschiffen mit bis zu 9000 Mann und dem Grippevirus konnte jenes auf der Atlantiküberfahrt kräftig gedeihen im Anfang April 1918. Der Bestimmungshafen war Brest F
      .
      Im Juli flaute dann die 1. Welle ziemlich ab, aber am 22. August 1918 legten wiederum u.a. in Brest wieder überfüllte Kriegsschiffe an, diesmal mit einer etwas mutierten und letaleren Virusvariante, die dann in der berüchtigten 2. Welle mündeten.
      .
      Interessant ist, dass es jeweils nach rund 100 Tagen nach Epidemieausbruch sowohl 1918 als auch 2020 rund 200’000 Tote zu beklagen waren/sind.
      Und auch damals wollte Washington wie auch Peking 2019/20 nichts hören. Viele verzweifelte Appelle von Militärärzten damals wurden nicht mal beantwortet

  • Kurt Seiler sagt:

    Wir wissen es nicht.
    Und trotzdem wird jedes Land das von der Europäischen Linie abweicht in Grund und Boden geschrieben.
    Da zählen die Fakten nicht mehr.
    Und genau das lässt hinterlässt einen doch schalen Geschmack.
    Denn es darf einfach nicht sein, dass ein Land mit weniger rigorosen Eingriffen am Schluss auch nicht schlechter da steht als die europäischen Länder.

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