Die vierte Schuldenwelle

Die Verschuldung in den Entwicklungsländern ist im vergangenen Jahrzehnt stark gestiegen. Braut sich da gerade die nächste Finanzkrise zusammen?

In China hat die Verschuldung besonders stark zugenommen: Blick auf die Metropole Guangzhou. Foto: Dong Tianjian (VCG, Getty Images)

Tiefe Zinsen und ein schwaches Wirtschaftswachstum haben bisher verhindert, dass die meisten Industrieländer ihre Schuldenberge abbauen konnten. Die Höhe der Schulden verharrt unverändert auf hohem Niveau. Das ist bekannt. Weniger Beachtung findet indes die Tatsache, dass ärmere Länder nicht nur ebenfalls unter einer historisch hohen Schuldenlast ächzen, sondern dass diese von Jahr zu Jahr weiter steigt. Die Weltbank spricht das Problem in ihrem soeben erschienenen Weltwirtschaftsbericht an. Es handle sich um das «grösste, schnellste und am breitesten angelegte» Schuldenwachstum der vergangenen fünfzig Jahre, ist dort zu lesen.

Gemäss Weltbank erreichten die Staatsschulden der 28 ärmsten Länder vergangenes Jahr erstmals durchschnittlich 55 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Sie haben damit seit 2013 um 19 Prozentpunkte zugenommen. 12 dieser Länder sind bereits mit Zahlungsschwierigkeiten konfrontiert oder riskieren sie unmittelbar. Weltbank und Weltwährungsfonds bezeichnen diesen Zustand als «debt distress». Schulden müssen nicht nur zurückbezahlt, sondern auch bedient werden, das heisst, es fallen regelmässige Zinszahlungen an den Kreditgeber an. Der Anteil dieser Zinszahlungen am BIP hat sich seit 2013 verdoppelt – und das, obwohl das Zinsniveau seither global drastisch gesunken ist.

Quelle: Weltbank 2020

Aber nicht nur die ärmsten der Armen sind betroffen, sondern auch die übrigen Entwicklungsländer und Schwellenländer (emerging markets and developing economies, EMDE). Bei ihnen spielt das Wachstum der privaten Schulden eine entscheidende Rolle (siehe Chart A oben). Kommt hinzu, dass die Kredite und Darlehen überwiegend dazu verwendet werden, um Konsumausgaben zu finanzieren, und nicht dazu, um Investitionen zu realisieren (Chart B). Genau das Gegenteil wäre wünschenswert: Investitionen erhöhen in der Regel das Wachstumspotenzial eines Landes und stärken damit die Zahlungskraft künftiger Generationen – und damit auch das Vertrauen internationaler Investoren gegenüber dem Land. Konsumausgaben verpuffen dagegen weitgehend wirkungslos.

Quelle: Weltbank 2020

Die vier Wellen

Die Geschichte mahnt zur Vorsicht. In den vergangenen 50 Jahren hat es bereits drei Schuldenwellen in den Schwellen- und Entwicklungsländern gegeben, schreibt die Weltbank. Stets sei am Ende ein finanzieller Kollaps gestanden. Die erste umfasste die 70er- und 80er-Jahre und betraf vor allem Lateinamerika. Sie endete u. a. als Folge des Ölpreisschocks und einer Straffung der Geldpolitik in den USA. 1982 kündigte Mexiko an, seine Bankenkredite nicht mehr bedienen zu können, andere Länder folgten.

Die zweite Schuldenwelle, angefeuert durch die Deregulierung der weltweiten Finanzmärkte, dauerte von 1990 bis zur Jahrtausendwende. Sie erfasste 1997 zunächst Thailand und anschliessend weitere ostasiatische Länder. In den folgenden Jahren waren davon auch Lateinamerika, Russland und die Türkei betroffen. Auch die dritte Schuldenwelle – ein gross angelegter Verkauf von Krediten europäischer und US-amerikanischer Banken – endete abrupt: 2008/09 im Zuge der Finanzkrise.

Für die Weltbank steht fest, dass sich gegenwärtig in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine vierte Schuldenwelle auftürmt. Ähnlich wie ihre Vorgänger wird sie von tiefen Zinsen und finanziellen Innovationen, meist in Verbindung mit einer Deregulierung, gespeist. Die Erfahrung lehrt, dass auch sie schwere Zerstörungen anrichten wird, aber wann und wo, weiss niemand. «In den drei bisherigen Schuldenwellen richteten Finanzkrisen substanzielle wirtschaftliche Schäden an», schreiben die Autoren des Weltbankberichts, «aber das Ausmass variierte je nach Welle und Region.»

Alles halb so schlimm?

Immerhin, so die Experten der Weltbank, scheinen viele Regierungen aus den Erfahrungen gelernt zu haben. So hätten zwei Drittel der Entwicklungs- und Schwellenländer Massnahmen getroffen, um das Kreditwachstum von Unternehmen und Privathaushalten besser zu kontrollieren. Diese sogenannten makroprudenziellen Regeln reichten aber nicht, argumentiert die Weltbank. Da immer seltener Banken mit Sitz in den Industrieländern die Kredite vergeben, sondern Institute vor Ort, müssten vermehrt antizyklische Kapitalpuffer eingesetzt werden, wie sie in der Schweiz gültig sind, oder Obergrenzen für Fremdwährungsdarlehen Anwendung finden.

Auch bleibt das kurz- und mittelfristige Risiko hoch. Denn auf der verzweifelten Suche nach positiven Zinsen und Renditen parken Investoren weltweit ihr Geld ungebremst in den vermeintlich dynamischen Ländern. Deren Verbindlichkeiten fallen daraufhin immer höher aus, während das Wirtschaftswachstum gleichzeitig enttäuscht. Allein 2020 wird es sich in einem Drittel der Entwicklungs- und Schwellenländer gegenüber dem Vorjahr verlangsamen, schätzt die Weltbank.