Was ist nun los am Arbeitsmarkt?

Das Problem sind die immer komplexeren Anforderungen im Arbeitsmarkt: Chefin diskutiert mit ihrem Mitarbeiter. Foto: iStock

Schaut man sich die Berichte über zum Job-Abbau von Unternehmen in der Schweiz an, dann liefern diese ein erschreckendes Bild: 1200 Entlassungen bei General Electric, 300 Stellen weniger bei Migros. Bis zu 1200 gefährdete Jobs beim in der Schweiz gescheiterten Modehändler OVS. Auch Postfinance will bis 2020 fünfhundert Stellen abbauen.

Was ist los? Ist der Arbeitsmarkt total aus dem Lot geraten? Die offiziellen Arbeitslosenzahlen vermitteln genau das gegenteilige Bild: Gemäss der letzten Publikation dazu vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) liegt die Arbeitslosenquote aktuell bei 2,4 Prozent und damit so tief wie seit 10 Jahren nicht mehr. Saisonbereinigt liegt sie mit 2,6 Prozent leicht höher, weil im Sommer gewöhnlich mehr Leute beschäftigt werden können. Noch zu Jahresbeginn 2017 waren fast 165’000 Personen bei einem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) als arbeitslos gemeldet. Aktuell sind es nur noch 109’392 Personen. Anders als die eingangs erwähnten Stellenstreichungen hat aber der Umstand keine Schlagzeilen generiert, dass seit etwas mehr als einem Jahr die auf den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslosen sich um rund 55’000 Personen reduziert haben.

So gut wie schon lange nicht mehr

Dass die Lage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt so gut ist wie schon lange nicht mehr, lässt sich tatsächlich nicht bestreiten. Unternehmen klagen sogar über einen Fachkräftemangel, wobei der Begriff Fachkräfte trotz der vielen Berichte darüber recht schwammig bleibt.

Dennoch: Was ist denn mit anderen Daten aus dem Arbeitsmarkt, wie der Erwerbslosenquote nach den Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO? Diese liegt mit aktuell 5,2 Prozent – saisonbereinigt bei 4,9 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie die vom Seco ausgewiesene Quote.

Der Unterschied besteht in einer komplett anderen Erhebung. Die Erwerbslosigkeit basiert auf einer telefonischen Befragung bei Haushalten, die die Gesamtbevölkerung repräsentiert. Der Vorteil: Hier fliessen auch jene ein, die einen Job verloren haben oder suchen und nicht als arbeitslos gemeldet sind. Der Nachteil: Die Zahl beruht auf freiwilligen unkontrollierten Angaben und einer Hochrechnung

Zwar ist auch die Erwerbslosigkeit im internationalen Vergleich sehr tief, aber erstens schneiden hier andere Länder, wie etwa Deutschland, dennoch besser ab und zweitens ist sie seit der Finanzkrise nicht deutlich zurückgegangen. Im Gegenteil, jüngst ist sie sogar leicht angestiegen. Eine Erklärung dafür konnte der für die Erhebung Zuständige beim Bundesamt für Statistik nicht liefern.

Das Problem der falschen Qualifikation

Die verbesserte Lage auf dem Arbeitsmarkt ergibt sich vor allem aus dem konjunkturellen Aufschwung, in dem sich die Schweiz gegenwärtig befindet. Darauf weist nicht nur die offiziell gemessene Arbeitslosenquote hin, sondern auch andere Erhebungen, wie etwa die Arbeitsmarktkomponenten aus den Einkaufsmanagerindizes (PMI) oder das Arbeitsmarktbarometer des Personalvermittlers Manpower für die Schweiz.

Davon unberührt bleiben aber die strukturellen Faktoren: Wenn etwa die Arbeitssuchenden nicht über die von den Unternehmen verlangten Qualifikationen verfügen, deshalb arbeitslos werden und keine Stelle mehr finden, dann drohen sie irgendwann auch aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik zu fliegen, oder sie erscheinen da gar nicht erst, weil sie sich erst gar nicht auf einem RAV melden.

Zwar ist auch diese strukturelle Arbeitslosigkeit in der Schweiz im internationalen Vergleich gering, aber für Betroffene von Entlassungen ist das ein kleiner Trost. Auch wenn die Arbeitsmarktsituation insgesamt gut ist, sind die Probleme für jene, deren Fähigkeiten nicht mehr nachgefragten werd, kein bisschen kleiner geworden. Und angesichts einer insgesamt guten Lage am Arbeitsmarkt drohen sie noch zusätzlich marginalisiert zu werden.