Warum China den nächsten US-Präsidenten fürchten muss

Dominierend: Die Exporte in die USA entsprechen vier Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Foto: Qilai Shen (EPA, Keystone)

Dominierend: Die Exporte in die USA entsprechen vier Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Foto: Qilai Shen (EPA, Keystone)

China hustet und die Weltwirtschaft erkältet sich. Die leicht abgewandelte Metapher aus den Anfangsjahren der US-Automobilindustrie verwenden Ökonomen gerne, um zu beschreiben, wie abhängig die internationale Konjunktur vom Zustand der Volksrepublik ist. China produziert und exportiert viele Vorprodukte und Rohstoffe, die in der Produktionskette westlicher Konzerne eingesetzt werden. Und es ist ein wichtiger Absatzmarkt mit grosser Zukunft. Grösse und Potenzial lernen den Westen das Fürchten.

Quelle: CICC, Weltbank

Quelle: CICC, Weltbank

Aber die Abhängigkeit verläuft nicht einseitig. Auch China ist auf günstige wirtschaftliche Voraussetzungen im Westen angewiesen. Das wird gerade jetzt im US-Präsidentschaftswahlkampf deutlich. Beide Kandidaten wollen künftig im Handel mit China härter gegen unfaire Praktiken und Tiefpreisimporte vorgehen. Die Demokratin Hillary Clinton drängt auf die Einhaltung der Handelsregeln und verspricht, neue Handelsverträge nur noch dann abzuschliessen, wenn sie «Arbeitsplätze schaffen, steigende Löhne für die US-Beschäftigten nach sich ziehen und die nationale Sicherheit fördern». Für neue «Deals» dürfte es also künftig schwierig werden.

Deutlich weiter geht ihr republikanischer Konkurrent. Donald Trump will China wirtschaftlich eindämmen. Unter anderem will er seinen künftigen Schatzminister anweisen, das Land als Währungsmanipulator zu klassifizieren, es sollen Strafzölle von bis zu 45 Prozent auf Importe aus China verhängt werden. Derzeit beträgt der Zoll durchschnittlich 4 Prozent. Trumps Forderungen gehen, je nach Wahlkampfauftritt, weiter: So sollen die USA aus der Welthandelsorganisation (WTO) austreten und allenfalls auch die Nordamerikanische Freihandelszone (Nafta) verlassen.

Der grösste Handelspartner der USA

Stein des Anstosses ist das riesige bilaterale Handelsbilanzdefizit der USA. China ist der grösste Handelspartner der Vereinigten Staaten und trägt alleine 47 Prozent zum Defizit im Aussenhandel bei.

Quelle: Commonwealth Bank of Australia

Quelle: Commonwealth Bank of Australia

Chinas Erfolg im US-Handel ist zugleich auch seine Achillesferse. Setzen die US-Kandidaten ihre Pläne tatsächlich um, wird China wirtschaftlich zwangsläufig Schaden nehmen.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten exportierte es Güter im Wert von 443 Milliarden US-Dollar in die Vereinigten Staaten; das entspricht 4 Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Geht man realistischerweise davon aus, dass 75 Prozent dieser Güter eine inländische Wertschöpfung aufweisen (also nicht selbst überwiegend im Ausland gefertigt wurden), hängen mindestens 3 Prozent des BIP direkt von der Nachfrage aus den USA ab.

So oder so – das Wachstum sinkt

Die Analysten der australischen Commonwealth Bank, die sich Sorgen um die Marktaussichten im pazifischen Wirtschaftsraum machen, versuchten kürzlich, zu schätzen, wie gross der wirtschaftliche Schaden für die Volksrepublik wäre.

Sollte die nächste Präsidentin Hillary Clinton heissen, dürfte sich das Tempo der Verkäufe in die USA verlangsamen. Es würde das chinesische Wirtschaftswachstum einige Basispunkte kosten. China würde eher 6,3 Prozent pro Jahr wachsen als 6,5 Prozent.

Schlimmer käme es, falls Donald Trump – allen Vorhersagen zum Trotz – gewinnen sollte. Die Bankökonomen blicken hierbei auf das Worst Case Szenario, bei dem Washington auf sämtliche Importe des ungeliebten Handelspartners 45 Prozent Strafzoll verhängt.

Die Erfahrung mit vergangenen Strafzöllen zeigt Folgendes: In 17 der letzten 20 Fälle gingen bei einer Erhöhung der Gebühren die Einfuhren aus China im folgenden Jahr um 40 Prozent zurück. Gleichzeitig stiegen die US-Importe aus anderen Ländern um 30 Prozent. Letztlich ist es also realistisch anzunehmen, dass die chinesischen Exporte in die USA im darauffolgenden Jahr real um 16 Prozent abnehmen.

Ein noch grösserer Einbruch

Wendet man eine reine Modellberechnung anhand von Nachfrageelastizitäten an, ergibt sich ein schärferer Exporteinbruch. Hier wäre mit einem Rückgang der chinesischen US-Exporte um nominal 80 Prozent zu rechnen, verteilt über mehrere Jahre.

Die Bankökonomen gelangen zu dem Ergebnis, dass beim Trump-Szenario Chinas Wirtschaftswachstum mindestens 1 Prozentpunkt  (= 100 Basispunkte) tiefer ausfallen würde. Und hier ist bereits berücksichtigt, dass die Regierung in Peking nicht passiv zuschauen, sondern die Konjunktur stimulieren würde, um den Rückgang abzubremsen. Erstmals seit langem stünde dann eine 5 statt einer 6 vor der Wachstumsrate des chinesischen BIP.

Für die Regierung in Peking wäre das vermutlich zu wenig, um zu verhindern, dass der Unmut in der Bevölkerung zunimmt und die sozialen Spannungen in den Regionen sich verstärken.

China ist beeinflussbar

Nach den Wahlen wird ein härterer Wind aus Washington wehen. Die US-Behörden dürften akribisch Untersuchungen einleiten, um Dumpingvorwürfen beispielsweise in Sachen Subventionierung von Staatsbetrieben nachzugehen und sich gegen die Verletzung anderer Handelsregeln zu wehren – sei es bei der Ausschreibung von Staatsaufträgen, dem Schutz gewerblicher Urheberrechte und des geistigen Eigentums oder der Einhaltung von Umweltstandards.

China ist durch seine Mitgliedschaft in allen wichtigen internationalen Gremien – von der Welthandelsorganisation bis zur Teilnahme des Renminbi an den Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds diesen Monat – inzwischen politisch beeinflussbar. Der künftige Präsident der Vereinigten Staaten wird sich das zunutze machen.