Droht Kolumbus die Abschiebung

Soll entfernt werden: Die Kolumbus-Statue in Barcelona. (Flickr Güldem Üstün)

Soll entfernt werden: Die Kolumbus-Statue in Barcelona. (Flickr/Güldum Üstün)

Jüngst ging die Meldung um die Welt, dass eine linke Splitterpartei die Kolumbus-Statue in Barcelona entfernen will. Die Begründung ist, dass Kolumbus für Kolonialismus und Imperialismus stehe. Solche Menschen hätten keine Statue verdient.

Ohne hier in einen lokalen Streit eingreifen zu wollen: Die Kolumbus-Statue kann einem durchaus zu denken geben. Es ist nämlich kaum ersichtlich, warum sie überhaupt je in Barcelona errichtet worden ist. Denn wer nur ein bisschen über die Sache orientiert ist, weiss: Kolumbus hatte zeit seines Lebens wenig mit der Stadt zu tun.

Denn Barcelona war ein alter Mittelmeerhafen, der zum Königreich Aragón gehörte. Die Idee, den Atlantik als Seeweg zu nutzen, war für die Kaufleute abwegig. Der Handel mit dem östlichen Mittelmeer lief gut, die Stadt war wohlhabend für die damaligen Verhältnisse. Es gab keinen Anreiz, einen Abenteurer wie Kolumbus zu unterstützen. Im Gegenteil, ein neuer Seeweg nach Asien war eher eine Bedrohung für die Stadt, denn er minderte die Bedeutung des Mittelmeerhandels.

Kolumbus stiess bei Isabella, der Königin von Kastilien, auf viel mehr Unterstützung als bei ihrem Gatten Ferdinand, dem König von Aragón. Für das Königreich Kastilien, das den Hafen Sevilla besass, war der Atlantik wichtig als Handelsroute für den Wollexport nach Nordwesteuropa. Die Idee, den Atlantik besser zu nutzen, war durchaus folgerichtig.

Ausserdem konnte Kolumbus auf eine lange Beziehung zwischen Kastilien und seiner Heimatstadt Genua bauen. Die genuesischen Kaufleute und Bankiers waren seit langem die eigentlichen Herren von Sevilla. Sie finanzierten und organisierten den Wollexport nach Nordwesteuropa.

Die Genuesen waren zudem besonders interessiert, einen Seeweg nach Asien zu erschliessen, da Venedig das östliche Mittelmeer und damit auch den Zugang zu den traditionellen Handelsrouten nach Osten kontrollierte. Genua versuchte immer wieder, die Venezianer zu verdrängen, aber unterlag regelmässig.

Aus dieser Perspektive kann man die ganze Geschichte als eine Art «reverse take-over» betrachten. Der kleine Stadtstaat Genua benutzte die aufsteigende Macht Spanien, um einen alten Traum wahr zu machen: die Unabhängigkeit vom venezianischen Monopol.

Wenn Kolumbus so wenig mit Barcelona zu tun hat, warum hat man dennoch eine Statue zu seinen Ehren aufgestellt? Die offizielle Begründung lautet, dass Kolumbus nach seiner ersten Expeditionsreise 1493 Isabella und Ferdinand in Barcelona besucht habe, um über seine Erfahrungen zu berichten.

In Wahrheit war alles viel zufälliger. Antoni Fages i Ferrer, ein vermögender Bürger Barcelonas und grosser Kolumbus-Verehrer, kämpfte jahrelang unentwegt für die Errichtung einer Statue, 1881 wurde der Bau von der Stadt beschlossen, 1888 war sie fertig gebaut, gerade rechtzeitig für die Eröffnung der Weltausstellung in Barcelona. Die Finanzierung erfolgte weitgehend aus privaten Quellen, denn die Bürger Barcelonas waren keineswegs von diesem Projekt begeistert. Werden sie deshalb auch wieder abreissen wollen?

6 Kommentare zu «Droht Kolumbus die Abschiebung»

  • Rolf Zach sagt:

    Der Genuese John Cabot hat unter dem englischen König Heinrich VII Nordamerika kurz nach der Entdeckung Kolumbus entdeckt, hat es Konsequenzen gehabt für die angehende Kolonialmacht England, nicht die Bohne! Englische Siedlungen gab es in Nordamerika erst 100 später und eigentlich zog es erst mit den Pilgerväter an. Man kann es so zusammenfassen,
    Europa interessierte zuerst nur den Handel und die Besiedlung war erst von Interesse 100 bis 150 Jahre später. Hätten die Spanier nicht wohlorganisierte Imperien wie die Azteken und Inkas angetroffen, sie hätten wohl nur an den Küsten gehandelt. Sie haben über diese Annektierung der staatlichen Organisationen überhaupt die Indianer Lateinamerikas unterwerfen können. Die Karibik konnten sie eigentlich nur halten mit dem Import von Negersklaven.

  • Rolf Zach sagt:

    Eine hypothetische Frage ist auch, warum die Wikinger-Route nach Amerika nicht Allgemeingut in Nordeuropa wurde, obwohl sie von der Navigation her ohne Kompass einiges einfacher zu bewältigen war? Und warum interessierten sich die damaligen islamischen Staaten von Nordafrika überhaupt nicht für den Handel über den Atlantik, obwohl der Kompass aus China bei ihnen früher ankam als in Europa? Es war schlichtweg kein Bedarf danach, andere Handelsrouten nach dem inneren Afrikas und seinem Gold waren schlichtweg viel interessanter. Wohl haben die Marokkaner im großen Stiel nach der Entdeckung Amerikas Piraterie betrieben, aber sie haben sie nie über den Atlantik gebracht. Immerhin waren ihre Schirmherren, die Türken bis ca. 1750 eine Weltmacht. Dies gilt noch mehr für Algerien.

  • Rolf Zach sagt:

    Sevilla war damals der Atlantikhafen Kastiliens, weil für die Schiffe mit ihrer damaligen Größe für den Guadalquivir schiffbar waren, so kam Cadiz als direkt am Atlantik gelegen erst im 18. Jahrhundert ins Spiel. Übrigens wurde später von Sevilla aus Spanisch-Amerika und die Philippinen verwaltet, der Casa de Contratación mit ihrem weltberühmten Archiv. Nach der Eroberung von muslimischen Granada 1492 brauchte das kastilische Andalusien neue Exportmärkte, da Barcelona Nordafrika übernahm. Portugal war bereits nach Afrika dominant und versuchte auch Sevilla im Handel nach England und Antwerpen zu verdrängen. So hatten die Kaufleute von Sevilla eigentlich keine andere Wahlen als diesen Irren Kolumbus zu unterstützen. Der Artikel ist in bester Manier nach der Art von Braudel geschrieben.

  • Jürg Steffen sagt:

    Wieso will man immer an der Geschichte „herumschrauben“ ? Das Ding ist nun mal da und soll es auch bleiben.
    Gleiches Thema in Tortosa – ein Denkmal aus Francos Zeiten. Muss es weg oder bleibts?

  • Erwin Hauser sagt:

    Hafen von sevilla? Sevilla liegt doch weit im landesinneren

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