Deutschlands wahnwitzige Rekordfahrt

Porzellanfiguren in der weltweit tätigen Reichenbach GmbH in Reichenbach. (Keystone/Jens Meyer)

Deutschland ist Weltmeister in der Überproduktion: Porzellanfiguren der Reichenbach GmbH. (Keystone/Jens Meyer)

Deutschland ist auf Rekordkurs. Das Land wird 2016 gemäss Schätzungen des Münchner Ifo-Instituts voraussichtlich einen Leistungsbilanz-Überschuss von 310 Milliarden Dollar erreichen.

Vereinfacht gesagt, wird Deutschland dieses Jahr mit dem Export von Waren und Dienstleistungen also 310 Milliarden Dollar mehr eingenommen haben, als es für den Import von Waren und Dienstleistungen ausgegeben hat. Das ist deutlich mehr als im Vorjahr und entspricht einem neuen Weltrekord: China wird mit einem Leistungsbilanzüberschuss von voraussichtlich 260 Milliarden Dollar auf den zweiten Weltrang abrutschen, vor Japan mit rund 170 Milliarden Dollar.

Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss wird demnach rund 8,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes erreichen, nach 8,5 Prozent im Vorjahr.

Das ist toll, nicht wahr?

Leider nein. Es ist gefährlich und bedenklich. Denn dieser riesige Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass Deutschlands Binnennachfrage viel zu schwach ist und das Land seine Überschussproduktion sowie seine inländische Überschussersparnis dem Rest der Welt aufbürdet.

Hier zunächst zwei Grafiken, die die extreme Entwicklung der Leistungsbilanz Deutschlands im Zeitraum von 1990 bis Ende 2015 verdeutlichen (Quelle: Weltbank):

Die Grafik zeigt den Saldo der Leistungsbilanz von Deutschland in Prozenten des BIP.

Eindrücklich zu sehen: Während der gesamten Neunzigerjahre, also in den Jahren nach der Wiedervereinigung, lag der Saldo der Leistungsbilanz stets leicht im Minus.

Ab dem Jahr 2000, mit der Einführung des Euro, ändert sich das Bild. Seit 2002 ist der Leistungsbilanzsaldo positiv, und er ist seither stetig weiter gestiegen. Im laufenden Jahr wird er wie erwähnt auf 8,9 Prozent des BIP steigen.

Hier noch eine zweite Grafik, die den Leistungsbilanzüberschuss in US-Dollar (zu laufenden Preisen) ausgedrückt zeigt:

Es ist das Pendant zur ersten Grafik: Negativ in den Neunzigerjahren, und seit der Jahrtausendwende stark steigend. Im laufenden Jahr soll der Wert also 310 Milliarden Dollar betragen.

In Deutschland wird diese Entwicklung typischerweise mit der hervorragenden Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft erklärt: Deutschland ist Exportweltmeister!

Doch das ist bestenfalls die Hälfte der Erklärung. Die andere Hälfte lautet: Deutschland spart zu viel. Viel zu viel.

In der Zahlungsbilanzrechnung einer Volkswirtschaft hat die Leistungsbilanz nämlich ein Gegenstück: die Kapitalbilanz. Vereinfacht gesagt: Einem Überschuss in der Leistungsbilanz muss zwingend ein Defizit in der Kapitalbilanz gegenüberstehen.

Das bedeutet am konkreten Beispiel: Deutschland wird im laufenden Jahr in seiner Kapitalbilanz ein Defizit von 310 Milliarden Dollar ausweisen. Oder anders gesagt: 310 Milliarden Dollar fliessen aus Deutschland ins Ausland ab.

Was geht da genau vor?

Betrachtet man nur eine Volkswirtschaft und nimmt man an, diese sei vollständig geschlossen, es gäbe also kein Ausland, dann existierten es in dieser Volkswirtschaft drei Akteure:

  1. Die privaten Haushalte
  2. Die Unternehmen
  3. Die staatlichen Institutionen

Jeder dieser Akteure hat ein Einkommen und laufende Ausgaben (Konsum). Wenn die Einkommen höher sind als die Ausgaben, fällt eine Ersparnis an. Und diese Ersparnis wiederum steht den anderen Akteuren der Volkswirtschaft für Investitionen zur Verfügung.

In einer geschlossenen Wirtschaft muss die Summe der Ersparnisse (S) per Definition der Summe der Investitionen (I) entsprechen (S=I). Die Höhe des inländischen Zinsniveaus stellt sicher, dass sich S und I decken.

Anders ist es jedoch, wenn die Volkswirtschaft offen ist, also wenn Güter, Dienstleistungen und Kapital über die Grenze ins Ausland fliessen können.

Nun ist die Gleichung S=I im Inland nicht mehr gegeben; sind die inländischen Ersparnisse grösser als die Investitionen, fliesst Kapital ins Ausland ab. Und sind die inländischen Investitionen grösser als die Ersparnisse, wird Kapital aus dem Ausland importiert.

Und genau Ersteres ist in Deutschland der Fall. Die inländischen Ersparnisse sind um 310 Milliarden Dollar höher als die inländischen Investitionen, und dieser Saldo fliesst als Kapitalexport ins Ausland.

Der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Länderbericht zu Deutschland abermals auf dieses Missverhältnis zwischen Ersparnissen und Investitionen hingewiesen. Hier der Sachverhalt in graphischer Form (Quelle: IMF):

 

Die blaue Kurve zeigt die Sparquote des deutschen Privatsektors (Haushalte und Unternehmen) in Prozenten des BIP, die rote Kurve zeigt deren Investitionen. Die Lücke wird immer grösser.

Weil auch der dritte Akteur in Deutschland, der Staat, spart und nicht investiert, fliessen die überschüssigen Ersparnisse ins Ausland.

Damit baut Deutschland laufend höhere Forderungen gegenüber dem Rest der Welt auf. Und das sind leider nicht nur einträgliche Forderungen, denn die Überschuss-Ersparnisse flossen in den vergangenen Jahren über das deutsche Bankensystem zu einem grossen Teil in allerlei zweifelhafte Anlagen: Amerikanische Subprime-Kredite, spanische Immobilienhypotheken, Forderungen gegenüber dem Bankensystem Griechenlands, Portugals und Italiens, Forderungen bei Gläubigern in Grossbritannien, Brasilien, der Türkei, Südafrika, und so weiter.

Daher ist ganz wichtig: Ein hoher Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands bedeutet nicht einfach, dass deutsche Produkte auf dem Weltmarkt so wahnsinnig gefragt sind. Er bedeutet vor allem auch, dass Deutschland viel zu viel spart und zu wenig investiert.

Innerhalb der Europäischen Union gilt eigentlich die allgemein akzeptierte Regel, dass hohe Leistungsbilanz-Ungleichgewichte die Stabilität des Wirtschaft- und Finanzsystems gefährden. Der maximal tolerierte Leistungsbilanz-Überschuss wurde innerhalb der EU vor wenigen Jahren auf 6 Prozent des BIP limitiert.

Deutschland liegt mit 8,9 Prozent des BIP massiv über diesem Wert.

Die EU-Kommission, genau wie der IMF, weist regelmässig (zum Beispiel hier) auf den zu hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands hin. In Berlin stösst die Kritik freilich auf taube Ohren.

Doch mal von der Kritik aus Brüssel und Washington sowie von den Gefahren für die internationale Systemstabilität ganz abgesehen: Es ist gar nicht im Interesse der deutschen Bevölkerung, dass derart viel Kapital – 310 Milliarden Dollar in einem Jahr – aus dem Land fliesst.

Der horrende Kapitalabfluss bedeutet nämlich nichts anderes, als dass die deutsche Bevölkerung die Früchte ihrer eigenen, harten Arbeit nicht voll geniessen kann.

Die Lösung wäre simpel: mehr Investitionen und mehr Konsum im Inland.

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, eine einsame Stimme unter den Ökonomen in Deutschland, weist wiederholt darauf hin, dass die inländischen Unternehmen zu wenig investieren (mehr dazu hier).

Besonders aber der Staat, die Bundesländer, die Städte und die Gemeinden hätten einen enormen Bedarf an Infrastruktur-Investitionen im Inland. Schulen, Bahnlinien, Brücken, Strassen, Flughäfen: Deutschlands Infrastruktur ist längst nicht in glanzvollem Zustand.

Nur etwas steht dem im Weg: Der krampfhafte Wille der Bundesregierung, im Haushaltsbudget eine «schwarze Null» respektive sogar einen Überschuss zu erzielen.

Das ist absurd. Wenn jemand in der aktuellen Lage nicht auf Teufel komm raus sparen muss, dann ist es der deutsche Staat. Die inländischen Privathaushalte sparen schon mehr als genug.