Schicksalsmonate für Italien

NMTM

Wer bestimmt die nahe Zukunft Italiens? Premier Matteo Renzi (links) oder eher Oppositionsführer Beppe Grillo? Fotos: Keystone, Reuters

Es ist still geworden um die Eurokrise. An den Finanzmärkten jedenfalls ist das Thema so gut wie begraben.

Einige Beispiele:

  • Die Finanzmärkte haben den Schock nach der Brexit-Abstimmung in Grossbritannien Ende Juni bemerkenswert rasch weggesteckt.
  • Die nationalen Wahlen in Frankreich und Deutschland finden erst nächstes Jahr statt – genug weit in der Zukunft, damit sich die Märkte noch keine allzu grossen Sorgen machen müssen.
  • Kaum jemand interessiert sich noch dafür, dass Spanien seit bald zehn Monaten keine Regierung hat.
  • Griechenland bleibt Griechenland. Doch Schlagzeilen produziert das weiterhin in der Depression stehende Land längst nicht mehr.
  • Und Österreich? Ach, Österreich bekundet seine eigenen, partikulären Probleme in der Organisation der Präsidentschaftswahlen. Stoff für die Glossen? Ja. Sorgenquelle für die Märkte? Nein.

Es scheint fast so, als habe die Europäische Zentralbank mit ihrer ultralockeren Geldpolitik jegliche Sorgen ertränkt.

Doch ein Land der Eurozone steht vor einem besonders heissen Herbst. Und möglicherweise unterschätzen die Finanzmärkte das politische Risiko, das von diesem Land für die gesamte Europäische Währungsunion ausgeht: Italien.

Worum geht es?

Ministerpräsident Matteo Renzi, dem Italien in jüngster Vergangenheit einige wichtige Wirtschaftsreformen zu verdanken hat, hat seine politische Zukunft an den Erfolg einer von ihm ausgearbeiteten Verfassungsreform gekettet.

Vereinfacht gesagt, ist das Ziel der Verfassungsreform, die Macht der kleinen Parlamentskammer, des Senats, zu beschneiden und die grosse Kammer, das Repräsentantenhaus, mit mehr Entscheidungskompetenz auszustatten. Dadurch soll Italien besser regierbar werden, denn die von zahlreichen Parteien fragmentierten Kammern haben sich in der Vergangenheit oft gegenseitig blockiert.

Weil diese Verfassungsreform im Parlament nicht von den nötigen Mehrheiten verabschiedet werden konnte, wird sie in einem Referendum dem Volk vorgelegt. Das Datum des Referendums ist noch nicht bekannt, es muss jedoch vor dem 11. Dezember dieses Jahres erfolgen – höchstwahrscheinlich irgendwann in der zweiten Novemberhälfte.

Renzi hat schon mehrmals durchblicken lassen, dass er als Ministerpräsident zurücktreten würde, falls er das Referendum verliert.

Und leider sieht es momentan genau danach aus.

Die Ökonomen von Morgan Stanley haben aus der Auswertung von zehn Umfragen errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines «Ja» beim Referendum momentan nur etwa bei 35 Prozent liege.

Die folgende Grafik zeigt, wie die Zustimmung für Renzis Pläne seit dem Frühjahr stetig abgenommen hat und erst seit Ende Juli wieder leicht gestiegen ist (Quelle: Morgan Stanley).

 

Was wären die Szenarien, wenn es zu einem Nein käme?

Die folgende Grafik gibt einen Überblick, was geschehen könnte (Quelle: Morgan Stanley):

 

Gehen wir kurz durch die einzelnen Szenarien, falls das Referendum scheitern sollte:

  • Die nächste Frage ist, ob Renzi dann tatsächlich zurücktritt. Die Ökonomen von Morgan Stanley gehen mit 45 Prozent Wahrscheinlichkeit davon aus, dass er seine Drohung nicht wahr macht und doch bleibt. In diesem Fall bleibt Italien im Status quo.
  • Sollte Renzi aber zurücktreten (55 Prozent Wahrscheinlichkeit), stellt sich die Frage, ob es vorgezogene Neuwahlen im Land geben wird.
  • Hier gehen die Auguren mit recht grosser Wahrscheinlichkeit (80 Prozent) davon aus, dass es nicht dazu kommen wird, sondern dass eine Technokraten-Übergangsregierung gebildet wird, die ein neues Wahlrecht ausarbeitet und Italien bis zu den nächsten Wahlen im Jahr 2018 führt. Das Resultat auch hier: Status quo.
  • Pikant wird es, wenn Renzi zurücktritt und es zu vorgezogenen Neuwahlen kommt. Dann besteht eine nicht zu unterschätzende Wahrscheinlichkeit, dass die Protestbewegung Cinque Stelle mit einer expliziten Anti-Euro-Kampagne antritt und die Wahlen gewinnt (30 Prozent Wahrscheinlichkeit).
  • Das Resultat wäre eine schwere politische Krise in der drittgrössten Volkswirtschaft der Eurozone.

Wie gesagt: Eine Krise mag derzeit zwar unwahrscheinlich erscheinen, aber als Risiko für die Märkte sollte es definitiv auf dem Radar sein. In Umfragen liegt Cinque Stelle (gelbe Kurve) nämlich nahezu gleichauf mit der Demokratischen Partei von Renzi (rote Kurve), wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: Morgan Stanley).

 

Die Empfänglichkeit für eine Anti-Euro-Kampagne im Volk sollte in Italien zudem nicht unterschätzt werden. Gemäss Umfragen zählen Italiens Einwohnerinnen und Einwohner zu den skeptischsten in ganz Europa.

Die folgende Grafik verdeutlicht diesen Sachverhalt (Quelle: Morgan Stanley).

 

Einige Erklärungen dazu. In einer Erhebung des Umfrageinstituts Ipsos Mori wurden in mehreren Mitgliedsländern der Europäischen Union zwei Fragen gestellt. Erstens: Wünschen Sie ein Referendum zur Mitgliedschaft Ihres Landes zur EU? Und zweitens: Würden Sie dann dafür stimmen, die EU zu verlassen?

Die Grafik zeigt das Resultat. Die gelben Balken stehen für die erste Frage, die blauen Balken für die zweite. Demnach wünschen sich fast 60 Prozent der Italiener ein Referendum über den Verbleib ihres Heimatlandes in der EU. Und fast die Hälfte würde in diesem Fall dafür stimmen, die EU zu verlassen. Das ist der höchste Wert in der gesamten Umfrage.

Natürlich ist das als hypothetische Fragestellung zu betrachten. Doch das Niveau der Euroskepsis, gekoppelt mit der Präsenz einer bereits starken Protestpartei im Gewand der Cinque Stelle, sollte zu denken geben.

Aber wieso ist das so? Weshalb sind die Italiener so kritisch, was die EU respektive den Euro betrifft?

Eine mögliche Antwort liefert die folgende Grafik (Quelle: Morgan Stanley).

 

Die blaue Kurve zeigt die jährliche Wachstumsrate des italienischen Bruttoinlandproduktes (BIP) von 1961 bis heute. Die gelben, horizontalen Linien zeigen das durchschnittliche Wachstum im jeweiligen Jahrzehnt.

In den Sechzigerjahren expandierte Italiens Wirtschaft mit durchschnittlich 6 Prozent pro Jahr, in den Siebzigern mit 4 Prozent, in den Achtzigern mit 3 und in den Neunzigern mit immerhin 2 Prozent.

Entscheidend ist das Bild seit der Jahrtausendwende, also seit der Einführung des Euro: Italiens Wirtschaft ist nicht mehr gewachsen, sie kommt seit nunmehr 16 Jahren nicht vom Fleck.

Nun kann man argumentieren, dass diese Stagnation selbst verschuldet ist, weil Italien nie harte, angebotsseitige Wirtschaftsreformen angepackt und dadurch laufend an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Man kann aber auch argumentieren, dass die Volkswirtschaft mit dem Euro in ein Korsett gepresst wurde, die Souveränität über ihre Geldpolitik verloren hat und besonders vom Unionsnachbarn Deutschland gegen die Wand gedrückt wurde.

Cinque Stelle wird die zweite Argumentation wählen.

54 Kommentare zu «Schicksalsmonate für Italien»

  • Marcel Senn sagt:

    Wieder mal ein neues Heilmittel für Italien und auch sonst die Weltwirtschaft von „Starökonom“ Rogoff, der in einer weltweiten koordinierten Aktion Negativzinsen bis zu 6% fordert und dazu Abschaffung des Bargeldes.
    .
    Das Gebastel nimmt immer grössere Dimensionen an. Aber Zinseszinssysteme haben nun mal die Eigenschaft, dass die irgendwann aus dem Ruder laufen – so wie alle Exponentialfunktionen, wenn der steile Teil der Kurve mal erreicht wird.

    http://www.focus.de/finanzen/banken/kenneth-rogoff-star-oekonom-fordert-sechs-prozent-negativzinsen_id_5954368.html

    • Maiko Laugun sagt:

      “.. um Kriminalität und Steuerhinterziehung zu bekämpfen” … steht da im Artikel.

      Mit Betonung auf UND: Als ob Steuerhinterziehung als solches – (ausser im Heidiland, in welchem zwischen Hinterziehung und Betrug unterschieden wird) – nicht schon in den meisten Ländern kriminell wäre.

      Dem „Starökonom“ scheinen die ablenkenden Argumente für seine wahre Intention ausgegangen zu sein.

    • Maiko Laugun sagt:

      Starökonomen sind nicht zu dumm, um die Mathematik des „Zinseszinssystems“ zu verstehen. Sie sind sogar so klug, um zu wissen, dass das durch sie selbst vertretene pervertierte System (inkl. Bargeldabschaffung) beim gemeinen kleinen – und je länger je mehr – gläsernen Erbsenzählers nicht mal mehr den Wunsch nach gut begründeten Lügen auslöst.

      • Marcel Senn sagt:

        Maiko: Aber so clever wie er meint ist der Herr „Starökonom“ eben auch nicht!
        In seiner Studie „Growth in a Time of Debt“ hat er doch „vorgerechnet“, dass sich Staaten angeblich maximal bis 90% verschulden können und nachher gäbe es kaum noch Wachstum!
        Und die doofen Politiker angefangen von Schäuble haben das wie biblische Glaubenswahrheiten aufgesogen und weiterdoktriniert.
        Bis dann ein Student kam und in den Excel-Files einige Fehler entdeckte, dass die Schlüsse die Rogoff gezogen hat schlichtweg falsch sind — das war dann aber schön peinlich für den Herrn Superökonomen…

        http://www.zeit.de/2013/27/staatsverschuldung-rechenfehler-thomas-herndon

        • Maiko Laugun sagt:

          @Marcel: Bei Schäuble bin ich mir sicher, dass er dies sehr wohl durchschaut, jedoch zu seinen Zwecken missbraucht. Das ist wie bei McKinsey und ihren Ppt-Folien, durch das Management gezielt angeheuert, um den eigenen Bonus zu sichern, durch Abschiebung der Verantwortung.

          (P.S. Danke für die Erinnerung durch den Link.)

        • Johnny Smith sagt:

          Der Fehler (bzw. sogar ‚die‘ Fehler) in der Studie von RR sind ja mittlerweile legendär. Eigentlich eine separate Diskussion wert, wie so etwas in einer veröffentlichten Studie passieren kann…

          An anderer Stelle hier (http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/39784/der-iwf-relativiert-den-neoliberalismus/#comment-865521) aber bereits diskutiert:

          Die Korrektur der Fehler hat die Grundaussage nicht falsifiziert, wohl aber abgeschwächt. Und als weitere Abschwächung wie praktisch immer bei volkswirtschaftlichen Studien: Kausalität ungleich Korrelation.

          Als Grundaussage aber bleibt: Wirtschaftliches Wachstum ist bei hohen Staatsschulden tendenziell tief.

  • Greg sagt:

    Es ist doch schon lustig, ohne Geldmengenwachstum durch Verschuldung kann kein „montäres Wachstum“ entstehen. Insofern ist jegliche Austerität schlicht schizo ….

    Man darf sich bald über die nächste sozialisierte Bankenrettung freuen, die durch die technokratische Bankenwelt herbeigeführt wird.

    des Pudels Kern bleibt so alternativlos, solange man die Nebenschauplätze bewirtschaftet …

  • Josef Marti sagt:

    Stiglitz schreibt:
    By 2015, non-eurozone Europe had a GDP some 8.1 percent higher than 2007, in comparison to the 0.6 percent increase within the eurozone; no country using the euro came near the success of Poland (28 percent growth) or Romania (12 percent growth). Yet the US’s recovery though anemic, is much stronger than that of the eurozone. From 2007 to 2015, while eurozone output stagnated, US output grew be almost 10 percent. Per capita GDP between 2007 and 2015 shows a more than 3 percent increase for the United States and a 1.8 percent decline for the eurozone.
    Somit kommt man zum Schluss dass man im Euroland freiwillig auch mit Schrumpfung ganz gut leben kann, viele Menschen wollen gar nicht das uns ständig aufgezwungene Wachstum.

  • W Blättler sagt:

    Heiner Flassbeck folgen, der erklärt Ihnen allen wie Deutschland mit ihrer Austeritätspolitik den Süden in die Schulden gebracht hat, mit Ihrem imensen Exportüberschuss. Darunter leiden nicht nur gewisse Südländer der EU, sondern auch die ganze restliche Weltwirtschaft.

  • mario sagt:

    Warum kommt es zu einer politischen Kriese wenn die Movimento 5 Stelle die Wahlen gewinnen?

    • gmaximo sagt:

      eine politische krise im sinne, dass das alte, korrupte, masslos gierige, mafiöse und verschwenderische politische etablishment weggeputzt wird…. vor dieser krise haben sie angst. und der überpeinliche renzi würde versagt haben, seinen herren gegenüber den auftrag nicht erfüllt zu haben…..

  • Peter Müller sagt:

    Es heisst nicht dass die deutsche Handelsbilanz total ausgeglichenen sein muss aber dermassen übermässige Überschüsse sind Konsumverzicht um die Wettbewerbsfähigkeiten zu steigern, damit beginnt die Abwärtsspirale für Italien und den Süden von Europa, was zu immer härtern Reformen zwingt, wie in dem Artikel.

    • Ulrich Konrad Schweizer sagt:

      Sollen doch die Griechen ihre Kühlschränke und Autos selber produzieren und kaufen. Die werden dann natürlich teurer sein, als die von D importierten.

      • Marcel Senn sagt:

        Schweizer: Der grösste griechische Hafen in Piräus gehört eh schon einer chinesischen Reederei – da macht es doch auch noch Sinn die Kühlschränke und Autos direkt aus China liefern zu lassen – die sind eh günstiger und qualitativ auch nicht mehr viel schlechter als die Germanenware…
        Dann haben die Deutschen wieder den schwarzen Peter…

        • Anh Toàn sagt:

          „qualitativ auch nicht mehr viel schlechter “

          Crash Test?

          In Vietnam werden Roller produziert, unter Honda Lizenz. Manchmal wird noch fünf Jahre das Vorgängermodell produziert, manchmal wird das Vorgängermodell produziert mit der Verkleidung des aktuellen (z.B. Thailand) Modells, auf der Webseite werden frech die Spezifikationen des aktuellen Modells aufgeführt. Aber grundsätzlich funktionieren tun die schon. Dann gibt es Kopien der Honda Modelle, aus Indonesien, Philippinen, was weis ich, die sind gefährlich, plötzlich gibt das Ding Vollgas, die Gabel lässt sich von Hand verwinden, die Felgen brechen bei einem Schlagloch, die Stossdämpfer sind bereits ohne Sozius überfordert, die Bremsen sind Anhaltehilfen, das Licht eine Funzel.

          • Maiko Laugun sagt:

            @Ahn: Habe schon mehr als eine Business-Anfrage aus der CH für den Import von Electro-Scootern aus China aus Gewissensgründen abgelehnt, weil ich hier selber so ein Ding fahre und froh bin, dass es noch an jeder Ecke einen Töff-Mech gibt.

          • Marcel Senn sagt:

            Maiko / Anh: Habe von den Autos geschrieben — all die Great Walls, Donfengs, Effa, BYD etc etc. die hier in Uruguay so rumkurven machen nicht wirklich so einen schlechten Eindruck – gut für mich mit 1.92 meist zu klein. Mein Chevy Agile ist auch nicht gerade das gelbe vom Ei.
            .
            Gut die vielen Töffs die hier rumkurven sind glaub auch v.a. Chinesen (muss mich mal erkundigen) und es gibt viele Verkehrstote – dafür jetzt 0.0 Alkohl und die machen viele Kontrollen – die fahren auch teilweise wie die Irren rum, dazu oft noch ohne Licht und zu viert mit zwei Kleinkindern und noch dem Hund auf einem 125er oder noch kleinerem Pfupfli.
            Wieviel Tote auf schlechte Töffqualität zurückzuführen sind kann ich nicht beurteilen.

    • Stefan Wiesendanger sagt:

      Die Deutschen haben den Lohn-Gürtel 2x enger geschnallt: 1990, um Ost-D nicht abzuhängen und 2000, um die industrielle Basis nicht an die Länder der EU-Osterweiterung zu verlieren. Deutschland tickt korporatistisch. Das macht dieses Vorgehen verständlich: zusammenstehen und „wir schaffen das“.
      Südeuropa hat während 25 Jahren nicht darauf reagiert! Wie blind kann man sein?

  • Anh Toàn sagt:

    Vielleicht sollte man sich eher Gedanken machen, was passiert, wenn die Amis Trump wählen.

    Hier werden nun schon zehn Jahre immer neue Gründe angeführt, warum die EU und der Euro auseinanderbrechen sollte: Bevor es keinen Euro mehr gibt, gibt es, da bin ich ziemlich sicher, zumindest keine gedruckte Ausgabe des Tagesanzeigers mehr.

    • Maiko Laugun sagt:

      @Anh: Als richtiger Bundesstaat hätte ich keine Bedenken, als loser Staaten-VERbund schon.

    • Hermann Dornauer sagt:

      Ich glaube den Tagi gibt es seblbt dann noch wenn der Euro und die EU Geschichte sind.

    • Anh Toàn sagt:

      @Maiko: Meines Erachtens ist das entscheidende Kriterium um einen Staatenbund von einem Bundesstaat zu unterscheiden, das Sezessionsrecht. (China-Taiwan) Solange ein Sezessionsrecht nicht eine Vertiefung der Integration verunmöglicht, ist eine Gemeinschaft vielleicht stabiler, gerade weil es das Sezessionsrecht gibt: Solange man ein Sezesssionsrecht hat, ist man frei und souverän und unabhängig. Das Sezessionsrecht findet seine elementarste Konkretisierung darin, dass es keine Armee der Gemeinschaft, sondern nur Armeen der Teilstaaten gibt. Mir ist die EU „lieber“ ohne Armee.

      Ich war mal der Meinung, die EU müsse formell ein Bundesstaat werden, heute denke ich, vielleicht sogar besser, wenn nicht. Eine Vertiefung der Gemeinschaft (Bankenunion) und eine bessere …

      • Anh Toàn sagt:

        …demokratische Legitimierung (mehr Macht von der Kommission zum Parlament) ist auch ohne Bundesstaat möglich, auch für weitere Ausgleichsmechanismen wie europäische existenzsichernde Rente (wie CH AHV) und nationale Zusatzrenten ist ein Bundesstaat keine zwingende Voraussetzung.

        Wenn die Möglichkeit, aus einer Gemeinschaft auszutreten besteht, kann man ja auch noch später austreten, besteht die nicht, würden nationale Kräfte sofort darauf hinarbeiten, diese zu schaffen.

        Der Brexit hat die Stimmen von der diktatorischen EU nicht verstummen lassen, aber weniger wurden es. Der Ackermann redet noch immer davon, dass der EUR wie eine Besatzungsarmee wirke: Der Schäuble hat den Griechen gedroht, die „Besatzungsarmee“ abzuziehen, die haben gesagt, lieber nicht.

        • Josef Marti sagt:

          Bei den Griechen der älteren Generation hat man das Gefühl, die Zitrone ist gar noch nicht richtig ausgequetscht; am Schluss ziehen die eine freiwillige Infantilisierung im KZ bei Wasser und Brot der Freiheit vor, denn sonst müssten sie ja noch selber arbeiten gehen ohne dass jemand da wäre der bereit ist ständig den Takthammer zu schwingen.

      • Maiko Laugun sagt:

        @Anh: Ich sehe Ihre Punkte, Danke. Trotzdem 3 Argumente:
        A) keine gemeinsame Aussenpolitik.
        B) „..die EU „lieber“ ohne Armee.“ Ich mag keine US-Nato in Europa.
        C) Im Middle East wurde ich von Saudis, Syrern, Palästinensern etc immer mit folgendem Satz konfrontiert: „Europa ist nur noch mit sich selbst beschäftigt.“ Europa wird als schwach wahrgenommen, jedoch als stark erwünscht. Ich teile deren Meinung. Distanz ergibt einen anderen Blickwinkel.

      • Maiko Laugun sagt:

        Stets wiederkehrende Beiträge über Italien, Griechenland, EU/EUR-Zone etc. in diesem Blog sind Indiz genug.

      • Maiko Laugun sagt:

        Selbstbeschäftigungs-Therapie 🙂

        • Anh Toàn sagt:

          Es ist gut, dass Europa mit sich selbst beschäftigt ist:

          Es gibt Leute, die behaupten, die EU führe eine aggressive Expansionspolitik, ich sehe Beitrittsgesuche und eine EU die stöhnt, jetzt müssen wir uns schon wieder mit einem Land beschäftigen, dass beitreten will, ist schon jetzt kompliziert genug, wir wollten doch die Integration vertiefen usw. usw.

          Die EU ist ohne Aussenpolitik attraktiver, ich bin überzeugt, die Russen würden in der Mehrheit beitreten wollen, aber Putin will höchstens einer von Russland geführten EU beitreten und darum ist dort Stillstand: Die EU sagt, wir haben ohne anderes zu tun, als neue Ländern aufzunehmen.

          Bin echt gespannt, ob die Briten bis Ende Jahr tatsächlich diesen Brief nach Brüssel senden.

          • Maiko Laugun sagt:

            @Ahn: Ein kluger, starker und unabhängiger europäischer Bundesstaat hätte längst Brücken gen‘ Osten geschlagen, anstatt Handlanger für die USA zu spielen.

            Interessiert ein Italiener oder Grieche der kantonale Steuerausgleich im Heidiland?

            In einem europäischen Bundesstaat wäre der aktuelle Beitrag hier bei NMTM gar nie geschrieben worden; oder höchstens unter dem Titel *Regierungsratskrise im Kanton Tessin*.

        • Anh Toàn sagt:

          Letztlich beobachte ich einfach:

          Als der Euro eingeführt wurde, hiess es während Jahren „Totgeburt“. Mittlerweile verwenden selbst die kritischsten Gegner des Euro den Begriff nicht mehr, ist echt zu lange her seit seiner Einführung.

          Dann lese ich der Euro bricht auseinander, wegen den Griechen, den Spaniern, den Italiern dann den Briten, den Flüchtlingen aber immer werden die Krisen überwunden, Lösungen von mir aus Provisorien und „kicking the can down the road“ gefunden, Warum, weil alle ein Interesse am Erhalt haben.

          • Josef Marti sagt:

            Von wegen auseinanderbrechen, das sind billige Wunschvorstellungen. Aus einer selbstgebastelten Mausefalle gibt es kein so einfaches Entrinnen, gefangen im Euro wie H.W. Sinn gesagt hat. Das ganze Establishment und die Politiker müssten ja gemeinsam Harakiri machen. Dazu wären diese kriminellen Heuchler und Parasiten ohnehin viel zu feige da sie ja als Europäer verweichlicht, verhätschelt und durch die USA gerettet, wohlstands- und sicherheitsverwöhnt sowie demzufolge hoffnungslos dekadent sind, sind ja schliesslich keine Japaner.

    • Anh Toàn sagt:

      Wenn ich rechnen kann (Graphik 7), beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass es in Italien zu einer politischen Krise kommt, gerade mal 2.1 Prozent:

      War Italien politisch je stabiler?

      • Marcel Senn sagt:

        Anh: Richtig gerechnet mit den obenerwähnten Wahrscheinlichkeitswerten wirkt Italien wirklich stabil und mit fast 970 Tagen am Stück ist Renzi auch schon sehr standhaft für Italien – im Vergleich zu mancher der 62 Vorgängerregierungen seit WK II.
        Im All Time Ranking liegt der „Verschrotter“ nach Amtsdauer (inkl. mehrfachen) nun schon auf Rang 9.
        Spitzenreiter ist immer noch Berlusconi mit 3297 Tagen – allerdings in total 4 Regierungszeiten.

      • Maiko Laugun sagt:

        Was bedeutet stabil?

        Nord-Süd-Gefälle, Schattenwirtschaft, Halbwelt, Mafia, Korruption; alles stabil und unverändert?

        Italien also unregierbar stabil?

    • Maiko Laugun sagt:

      @Anh: „..keine gedruckte Ausgabe des Tagesanzeigers mehr.“

      Wie erschlage ich dann beim Lesen lästige Fliegen? Mit dem Compi und mobilen Geräten geht’s nicht. Hab’s schon versucht!

  • Beat Schenker sagt:

    Was den Rücktritt von Renzi betrifft ist eigentllich klar dass wen die Reform nicht durchkommt er den Hut nehmen muss. Unabhängig davon ob Er es an das Resutat gebunden hat.
    Sollte er das nicht tun, dann wird er das nächste Misstrauens Votum nur Überstehen mit Stimmen der Opposition, eben derer die diese Reform mit allen Mitteln bekämpfen und bei der ersten Durchgang dafür gestimmt haben.

  • Gerhard Engler sagt:

    Ich habe in Italien den Eindruck erhalten, dass die Bevölkerung den Euro als Währung eindeutig bevorzugt gegenüber der früheren Lira. Wenn den Italienern klar wird, dass sie bei einem EU-Austritt wieder die Lira einführen müssen, dann wird wohl die Mehrheit gegen einen Austritt stimmen.

    • Marco Müller sagt:

      Kann ich – aufgrund meinen Verwandten in Italien – überhaupt nicht bestätigen. Im Gegenteil. Die Regnation ist riesengross.

      • Gerhard Engler sagt:

        @Müller: Ich habe keine italienischen Verwandten. Darum eine ernsthafte Frage: haben Ihre italienischen Verwandten nichts dagegen einzuwenden, dass die Lira wieder eingeführt würde?

        • Linus Huber sagt:

          @ Gerhard

          Ihre Frage ist vielleicht ein wenig zu eng gefasst. Die Währung in sich mag eine sekundäre Rolle spielen, sondern es besteht sehr wahrscheinlich ein zunehmender Verdruss gegenüber dem Status Quo und der diesen verteidigenden Regierung.

    • Josef Marti sagt:

      Das sehe ich auch so. Varoufakis schreibt:
      Following the Nixon Shock, and the great inflationary bouts that followed in the 1970’s, the elites in place like Milan and Athens grew tired of currency devaluations. Their yachts, smart town houses, countryside mansions, shares in local businesses, as well as the contents of their domestic bank accounts, constantly lost value when accounted for in dollars and deutsche marks.
      Every time they visited London for the theater season or went skiing in Switzerland, they realized the net worth of their domestic fortune had diminished. Their recourse was to liquidate assets at home and find ways of violating their nation’s capital controls to export capital to Geneva, London, Wall Street or Frankfurt.

    • Anh Toàn sagt:

      Die reichen Engländer haben bei der Pfund Abwertung nach dem Brexit viel mehr verdient (in Pfund) mit ihrem Vermögen im Ausland, als verloren, mit dem, was in Pfund denominiert ist.

      Wie entzieht man sich der Inflation: Immobilien, am besten im Ausland oder zumindest einem internationalen Markt (In London sanken die Immobilienpreise in USD gerechnet nur wenig durch den Brexit und die Pfund Abwertung, irgendwo in einer mittelenglischen Kleinstadt sieht es wohl anders aus) Yachten, Oldtimer, Kunst.

      Die Engländer welche mit kleiner Rente / Vermögen in Südostasien leben, weil es woanders nicht zum Leben reicht, haben heftig verloren, die reichen Engländer mit zweit und dritt und viert Villen in Verbier und auf Ibiza haben gewonnen.

      • Anh Toàn sagt:

        „the net worth of their domestic fortune had diminished“ schreibt Varoufakis. Was er nicht schreibt ist, dass deren non domestic fortune viel grösser ist als deren domestic fortune, und damit, verglichen mit ihren Landsleuten, sie auf ihr Vermögen im Ausland mehr Gewinne erzielten, als sie auf ihr Vermögen zu Hause verloren, verglichen mit ihren Landsleuten die nur zu Hause Vermögen haben, wurden sie nochmals ein ganzes Stück reicher.

        • Anh Toàn sagt:

          Gerade bei den Superreichen in London ist dies besonders ausgeprägt, England besteuert von Zuziehenden nur das Vermögen und die Erträge darauf, das nach England gebracht wird, was im Ausland belassen wird, ist steuerfrei. Kommt wohl aus der Kolonialzeit. Die Reichen in London haben den grössten Teil ihres Vermögens im Ausland.

        • Josef Marti sagt:

          Genau das wird ja gesagt; ……….if only the hard deutsche mark were everyone’s currency, all these cares would disappear.

        • Josef Marti sagt:

          genau das wird ja gesagt; …..if only the hard deutsche mark were everyone’s currency, all these cares would disappear.

  • Peter Müller sagt:

    Das sehe ich auch so, die Deutschen haben mit ihrer Wirtschaftsmacht und Sparpolitik die Länder im Süden von Europa ruiniert. Die Lösung für die EU liegt in Deutschland, weil die Wirtschaft innerhalb der EU wird sich erst erholen wenn Deutschland die EU verlässt, da bringen Renzi’s Reformen nicht viel.

    • Josef Marti sagt:

      D würde niemals den Euro verlassen weil dann die DM oder der NordEuro durch die Decke gehen würde und die Exportüberschüsse plötzlich einbrechen würden. Der Euro hatte ursprünglich zum Zweck, den Süden zum Deutschtum zu erziehen; da das nicht funktioniert nimmt man dafür gerne die Vorteile des Merkantilismus entgegen. Die neoliberale Ideologie rechtfertigt anhaltende Exportüberschüsse gerne mit marktwirtschaftlichen Argumenten, blendet aber aus, dass diese Überschüsse ohne planwirtschaftliche Wechselkurspolitik gar nicht möglich sind.

      • Johannes Frank sagt:

        „Den Süden zum Deutschtum erziehen“, welch wieder mal von Wortwahl und Bedeutungsgenauigkeit schlichter Unsinn. Deutschtum wird nun sicher nicht anwendbar sein auf wirtschaftliche Abläufe. Man kann natürlich jede Entwicklung mit allem Begründen. Aber an der Entwicklung von Italien, kann man schon noch ein paar andere Gründe feststellen, welche ausser einem angeblichen neoliberalen Deutschland vorliegen. Interessant wird es, wenn man mit jungen Italienern redet, welche länger in der Schweiz oder in Deutschland zu Studienaufenthalten sind. Die berichten über ein vollkommen anderes Bild von der persönlichen Bereitschaft, gesellschaftliche Gepflogenheiten, etwa für Dienstleistungen zu zahlen, mit trickreichem Verhalten zu umgehen. Dies würde ihnen aber erst durch den Blick von Aussen auf Italien richtig deutlich. Und das Ergebnis bei vielen Gesprächspartnern ist, dass sie diese Gepflogenheiten inzwischen deutlich ablehnen. Wenn man über Entwicklungen diskutieren will, ist es sinnvoll, das erst bei den direkt Verantwortlichen, also den Italienern selbst, eine Analyse einsetzt. Die Abwälzung von Verantwortung auf andere Länder kann nicht das Kernargument für eine Verbesserung von Verhältnissen sein. Meinen sie eigentlich, die Unterschiede kommen nur und ausschliesslich durch die Mitgliedschaft in einem Währungsraum? Warum sind dann in den Jahren, welche in den obigen Statistiken für Italien besser aussehen, zigtausende Menschen aus Italien ausgewandert um woanders bessere Verhältnisse zu finden? Und da hatte Italien noch die Möglichkeit seine eigene Währung abzuwerten.

        • Josef Marti sagt:

          Steht zu meiner Schlussfolgerung in keiner Weise im Widerspruch. Die Vision war mit einer single currency die standards of living anzugleichen, das ist zwar im Prinzip zuerst mal gescheitert, wird aber schlussendlich ermöglicht durch stillen Transfer zulasten des deutschen Dummwählers, welcher seine gerechte Strafe erhält indem er Mutti, Schäuble und die anderen Blindgängerkonsorten von der SPD wählt da ja alternativlos. Auf der anderen Seite profitieren logischerweise die Export- und Finanzindustrie, deren vorgefasste Lobbystatements darf Mutti dann im Bundestag Wort für Wort vorlesen.

      • Ulrich Konrad Schweizer sagt:

        Die versprochenen blühenden Landschaften in der EU in wirtschaftlicher Hinsicht werden nur kommen, wenn alle hart arbeiten. Wenn die Südländer immer mehr auf Kosten der reicheren Länder leben wollen dann wird die EU immer dahindümpeln.

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