Das schwächste Glied der Weltwirtschaft

Die Schwellenländer jonglieren zu nah am Abgrund: Ein Fussballspieler vor dem Hintergrund eines brasilianischen Industrieareals. Foto: Antonio Lacerda (EPA/Keystone)

Werden wir bald eine Wiederholung der Asienkrise von 1997–98 erleben? Seit der kleinen Abwertung der chinesischen Währung und dem Einbruch des Shanghai-Index scheint wieder alles möglich zu sein. Bereits wird das Ende der Schwellenländer ausgerufen.

Zur Erinnerung: Die Asienkrise war eine äusserst heftige Finanzkrise, die in Thailand ausgelöst wurde, fast alle ost- und südostasiatischen Länder erfasste und sich über Brasilien und Russland bis an die Wallstreet ausbreitete. Der drohende Kollaps des Hedgefonds LTCM konnte dank einer konzertierten Aktion des New Yorker Fed gerade noch einmal abgewendet werden. Die Gefahr eines temporären Abschmelzens des globalen Finanzsystems war schon damals vorhanden.

Die Ursache der Krise war ein allzu schneller Aufbau von kurzfristigen Dollarkrediten, die in langfristige Projekte investiert wurden. In Thailand war der Auslöser der Krise, weil hier das Ungleichgewicht zwischen Soll und Haben besonders ausgeprägt war. Als der thailändische Immobilienmarkt einbrach, traten bald Liquiditätsengpässe auf. Die ausländischen Anleger reagierten panisch, die Krise breitete sich bald auf die ganze Region aus.

Wie sieht nun heute die Verschuldung in den Schwellenländern aus?

Auf den ersten Blick besteht kein Grund zur Beunruhigung. Die Statistik zeigt klar, dass sowohl die Staaten wie die Banken weniger Dollarkredite in ihren Büchern haben als vor zwanzig Jahren. Aber sobald man die Unternehmen einbezieht, sieht es finster aus.

Eine neue Weltbankstudie zeigt dies deutlich auf, wie die folgenden drei Grafiken zeigen.

  1. Die Firmen haben ihre Obligationenverschuldung seit dem Beginn der Tiefzinspolitik enorm erhöht.
  2. Dieses Wachstum beruht hauptsächlich auf dem Anstieg von ausländischen Geldern, die hauptsächlich in Dollar denominiert sind.
  3. Der Anteil der ausstehenden Obligationen hat sich in allen Regionen dramatisch erhöht.

 

Figure 3 zeigt die regionale Verteilung.

  • Mit Abstand am stärksten verschuldet ist die Region Lateinamerika/Karibik (LCR). Es könnte also durchaus sein, dass wir in absehbarer Zeit dort wieder eine ähnliche Krise wie in den 1980er-Jahren sehen werden.
  • Dahinter folgen Europa/Zentralasien (ECA), wobei dies vor allem die osteuropäischen Länder betrifft, Ostasien/Pazifik (EAP) und Mittlerer Osten/Nordafrika (MNA).
  • Aber selbst in Südasien (SAR) und Afrika südlich der Sahara (AFR) hat die Dollarverschuldung stark zugenommen.
  • Nur in China ist das Niveau immer noch relativ bescheiden, dafür ist die Wachstumsrate sehr hoch.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat die Zusammenhänge der internationalen Verschuldung weiter vertieft (BIS Working Paper 508). Besonders interessant ist, dass die einheimischen Banken ebenfalls von der steigenden Dollarverschuldung der Unternehmen betroffen sind. Denn die Unternehmen haben oft grosse Dollarliquidität im einheimischen Bankensystem deponiert, was für Kredite genutzt worden ist.

Die BIZ zeigt auch klar auf, wie gefährlich ein Zinsanstieg sein wird. Noch ist es nicht so weit. Aber es ist heute schon klar, dass sich die Schwellenländer seit 2009 in eine unmögliche Lage gebracht haben. Sie sind das schwächste Glied der Weltwirtschaft geworden.