Kam der Erste Weltkrieg wirklich so überraschend?

Gravierende Konsequenzen: Die Ermordung von Erzherzog Ferdinand von Österreich-Ungarn und seiner Gemahlin in Sarajevo. (Bild: Keystone)

Gravierende Konsequenzen: Die Ermordung von Erzherzog Ferdinand von Österreich-Ungarn und seiner Gemahlin in Sarajevo. (Bild: Keystone)

Gemäss der herrschenden Lehre traf der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Zeitgenossen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im Sommer 1914 habe nichts darauf hingewiesen, dass die Ermordung von Erzherzog Ferdinand in Sarajevo derart gravierende Konsequenzen haben würde, heisst es immer wieder.

Vergleicht man die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs mit derjenigen des Zweiten Weltkriegs, mag das stimmen. Spätestens 1938 war allen klar, dass Deutschland die militärische Auseinandersetzung suchte. Das war 1914 nicht so.

Aber die Behauptung, dass der Erste Weltkrieg überraschend kam, ist übertrieben, zumindest aus wirtschaftshistorischer Sicht. Dazu ein paar Belege.

Nimmt man erstens den Transfer von ausländischen Vermögen in die Schweiz als Indikator für die Verunsicherung der Zeitgenossen, so ist bereits vor 1914 ein starker Anstieg bemerkbar. Die Grafik zeigt das Verhältnis zwischen dem Wert der Depottitel, die beim Schweizerischen Bankverein lagerten, im Vergleich zur Bilanzsumme derselben Bank. 1912 steigt der Wert der Depottitel sprunghaft an, während die Bilanzsumme im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum zunimmt. (Die Daten zu den Depottiteln stammen aus Marc Perrenoud et al.: «La place financière et les banques suisses à l’époque du national-socialisme. Les relations des grandes banques avec l’Allemagne (1931–1946)», Zürich 2002.)

Warum stieg der Wert der Depottitel 1912 so schnell? Wir wissen es nicht genau, aber wahrscheinlich handelte es sich um französische Fluchtgelder, die aus Angst vor einem Krieg teilweise in die Schweiz verschoben wurden. Ein Jahr zuvor war es zur zweiten Marokkokrise zwischen Frankreich und Deutschland gekommen. Deutschland sandte auf persönlichen Befehl von Kaiser Wilhelm II. Kriegsschiffe, nachdem französische Truppen zwei marokkanische Städte besetzt hatten. Die internationale Lage spitzte sich gefährlich zu. Es kam zu Massenkundgebungen in Städten Europas. 1912 trafen sich die sozialistischen Parteien in Basel zum Friedenskongress, um vor der Kriegsgefahr zu warnen.

Ein zweiter Beleg: Im selben Jahr 1912 publizierte Adolf Jöhr (1878–1953), Generalsekretär der neu gegründeten Nationalbank, ein Buch mit folgendem Titel:

Die Volkswirtschaft der Schweiz im Kriegsfall: Die schweizerische Volkswirtschaft im Kriege von 1870/71 und die schweizerische Volkswirtschaft in einem künftigen Kriege.

Offenbar machte man sich durchaus Gedanken über einen möglichen grösseren Konflikt auf dem europäischen Kontinent. Jöhr wurde 1915 Mitglied des Direktoriums der Nationalbank, war von 1918 bis 1939 in der Generaldirektion der Schweizerischen Kreditanstalt (heute CS) und wurde 1940 deren Verwaltungsratspräsident.

Und ein dritter Beleg: Wie die Grafik zeigt, nahm der Wert der Depottitel nicht ab, sondern noch einmal leicht zu. Die Angst vor einem Krieg blieb bestehen, zumindest in Frankreich. So schrieb der einflussreiche Pariser Ökonom Paul Leroy-Beaulieu 1913:

Die Schweiz ist ein Land, dessen Neutralität im Falle eines europäischen Krieges viel eher respektiert werden dürfte als jene Belgiens. Schweizer Wertschriften erscheinen daher für Ausländer anziehender als belgische.

Aufgrund dieser Belege muss man die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs nicht neu schreiben. Aber die Behauptung, dass 1913 ein sorgloses Friedensjahr gewesen sei, trifft die damalige Situation nicht. Viele sprachen seit einiger Zeit von einem möglichen Krieg, diskutierten die Gefahren und brachten einen Teil des Vermögens in Sicherheit. Ahnungslose verhalten sich anders.

53 Kommentare zu «Kam der Erste Weltkrieg wirklich so überraschend?»

  • Fritz Mauti sagt:

    Es gibt keine Zufaelle (Ueberraschungen!)….alles hat seine URSPRUNG! Und dieser ist….MACHT und GELD! Die Menschliche entwicklung ist rueckgaengig….und der groesste teil der Menschheit leidet unter diesen kranken UNMENSCHEN, welche vielfach sich noch hinter einer RELIGION verstecken! Ausbeutung, Krieg und Vernichtung und Betruegerei ist IHR Weg, um die WELTHERSCHAFT zu erlangen!

    • susanne willers sagt:

      Mit „social bias“ wird in der modernen Anthropologie die „ultrasoziale“ (Richerson & Boyd 1998) Grundvoreinstellung des modernen Menschen (H. sapiens sapiens) bezeichnet, genauer: dessen extreme soziale Intelligenz und deren Folgeerscheinungen (s. Herrmann et al. 2007).

      Nur die sozial intelligentesten Tiere sind zu kognitiven Höchstleistungen fähig wie Empathie, Theory of Mind, Liebe, Mobbing, Eifersucht, Neid, Hass, etc.

      Kennzeichnend für den social bias sind unhinterfragte Voraussetzungen in Aussagen wie „unser Volk“, „wir Juden“, „die Deutschen wollen…“, „Rothemden vs. Gelbhemden“, „FC-Bayern Fans“, etc. etc.

      Dieser social bias dürfte spätestens mit der Sesshaftwerdung genetisch verankert worden sein (vgl. Blut-und-Boden-Ideologien, Nationalismus, Chauvinismus, Kriege).

      Auch das heutige (2014) mediale Jubelgeschrei (!) anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums (!) des Ausbruchs des 1. Weltkrieges dürfte ein Anzeichen für einen zunehmenden „deutschen“ bzw. „gesamteuropäischen“ social bias sein.

      Literatur

      HERRMANN, Esther et al. (2007): Humans Have Evolved Specialized Skills of Social Cognition: The Cultural Intelligence Hypothesis. Science 317 : 1360-6

      RICHERSON, PJ, BOYD, R. (1998): The evolution of human ultrasociality. In: Ethnic conflict and indoctrination (edited by I. Eibl-Eibesfeldt & F.K. Salter), pp. 71-95, Oxford.

  • Interessant, dass der 1. WK heute unter eine objektivere Lupe genommen wird. Bis vor kurzem war die Entstehung dieses Waffengangs eine der verlogensten Darstellungen der Weltgeschichte. Schon vor 40 Jahren kam ich zu dieser Ansicht. Hätten die Kriegslüsternen jener Jahre auch nur geahnt, dass der Rachefeldzug eines pathologischen Politikers wie Hitler, der gerade zufällig da war, das Ende der europäischen Welthegemonie bedeuten würde, wäre kein Gewehr geölt worden. Hätte es nicht die bösartige Nachkriegspolitik der Sieger gegeben und hätten sich die USA nicht verantwortungslos aus Europa zurückgezogen, wäre die ganz grosse Katastrophe noch zu vermeiden gewesen.

  • Peter sagt:

    Absolut aufschlussreich ist ein Buch von Russell Grenfell, Titel: „Bedingungsloser Hass“ oder auf Englisch „Unconditional Hatred“. Wenn man es noch bekommt. Grenfell zeigt auf, dass Kriegsplanungen zwischen England und Frankreich gegen Deutschland schon ab 1906 durchgeführt wurden.
    Interessant auch „Germaniam esse delendam“, ich weiss nicht ob ich hier einen Link setzen darf, einfach googeln genügt.

    • Karl Achs sagt:

      Mit dem Link würden Sie auf jeden Fall zeigen welcher politischen Richtung Ihr Zeugs entspringt. Sind Sie auch für ein „Verbot der Ideologie der Menschlichkeit“?

  • Josef Marti sagt:

    Frage an das NMTM Team: Wie wäre es mit einem Artikel über die Argentinien Krise? Oder wurde das früher schon mal abgehandelt?

  • Brand sagt:

    Wissen was hinter ! dem Theater abgeht ist sicher nicht das was uns die Systemmedien oder Hofhistoriker auftischen!!!!!!!

  • Manfred Grieshaber sagt:

    Hauptverantwortlich für diese Katastrophe waren der österreichische Generalstabchef Conrad von Hötzendorf und der deutsche Kaiser Wilhelm II. Hötzendorf war einer der Ultranationalisten die schon vor dem Attentat die Parole ausgaben „Serbien muß sterbien“. Der wollte den Krieg um jeden Preis. Der deutsche Kaiser schaltete immer erst sein Gehirn ein nachdem er wieder irgendeinen Unsinn gesagt hatte. In der Julikrise nahm Wilhelm II. an einer deutsch-österreichischen Krisensitzung teil. Dabei legte er wieder seine martialische Attitude an den Tag und forderte ein hartes Vorgehen gegen Serbien. Am gleichen Tag schrieb er den ersten mehrerer Briefe an seinen Cousin, Zar Nikolaus II.. Darin schrieb er von Besonnenheit und von lokaler Eingrenzung des Konflikts. Nach diesen Briefen musste sich Russland vom Kaiser hinters Licht gefühlt aber als kurz darauf Wien die Generalmobilmachung ausrief. Genau wie einige Jahre zuvor in der „Daily Telegraph – Affäre“. Während des Burenkrieges unterbreitete der Kaiser der britischen Regierung in einem Zeitungsinterview Vorschläge wie die Buren am besten zu besiegen seien. Tags darauf empfing er den Buren-Präsidenten in Berlin und zog über England her. Wilhelm II. war eine unsichere Persönlichkeit die ihre Unsicherheit durch martialisches Auftreten zu kaschieren versuchte oder sich unbesonnen bei allen einschleimte und dadurch am Ende zwischen allen Stühlen saß. Seit 1890 fiel des der deutschen Regierung nach jedem Fauxpas des Kaisers immer schwerer die übrigen europäischen Gemüter zu beruhigen.

    • Roland K. Moser sagt:

      Es könnten doch aber auch die Serben die Hauptschuldigen sein? Hätten diese nämlich die Besetzung Serbiens akzeptiert, wäre nichts geschehen. Was meinen Sie dazu?

      Andere Quellen geben den Briten und Franzosen die Hauptschuld. Denn ohne deren Eingreifen wäre die Sache nach 2 bis 3 Wochen beendet gewesen. Was meinen Sie dazu?

      Oder ist Napoloen schuld, weil er die Österreicher nicht ausgerottet hat?

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich sehe es so:
    Dass die Besetzung Serbiens irgendwann zu einem „Aufstand“ führen musste, war klar. Zumindest aus heutiger Sicht. Ich vermute, dass es dannzumals auch klar war.
    Die verschiedenen Beistandsverträge haben dann den Bündnisfall ausgelöst (Der 3.9.1939 (Kriegserklärungen von GB und F an D) lässt grüssen und winkt freudig). Die Frage ist nun, ob es überhaupt einen Schuldigen gibt. Ich glaube nicht. Beim 2. WK sehe ich es genau so.
    Beim 2. Irak-Krieg hatte die NATO panische Angst davor, dass der Irak oder ein anderes Land die Türkei angreift. Dann wäre auch der Bündnisfall zum Zug gekommen. Mit allen Konsequenzen.
    Wenn man Kriege in Europa künftig verhindern will, müssen die europäischen Staaten demokratisiert werden. Aktuell haben die Präsidenten die Macht eines Königs und können nach Belieben Kriege anzetteln. Fehlende Demokratie ist das Stichwort.

  • Historiker sagt:

    … und wer sich für die wirklichen Gründe interessiert, warum sich der 1. WK schon lange abzeichnete und alles andere als überraschend war (ausser dem effektiven Auslöser, der der entscheidende Funke ins Pulverfass war), lese das geniale Werk von Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler: Ein Rückblick.

  • Bernard Black sagt:

    Der Weltkrieg war seit der der zweiten Marokko Krise von 1911 klar absehbar. Das isolierte Deutsche Reich begann auch immer offener mit einem Krieg zu drohen. Das Wettrüsten mit England erreichte 1911 seinen Höhepunkt: der Krieg war unausweichlich. Von Überraschung kann gar nicht die Rede sein.

  • RUEESCH sagt:

    Eine Interessante Lektüre zum Thema der Vorhersehbarkeit ist die Biographie von Felix Somary.
    Danach war der Krieg die logische Konsequenz der damaligen weltpolitischen / -sozialen Gegebenheiten und keineswegs überraschend.

    http://www.nzz-libro.ch/erinnerungen-aus-meinem-leben-1658.html

  • Rolf Schumacher sagt:

    Schade, dass meine Kommentare nicht freigeschaltet werden. Aber wahrscheinlich durchaus gewollt (dogmatisch), so dass die Oekonomie eine sich selbstregulierende, kritikresistente, UBS u. Co. gesponserte Pseudowissenschaft bleibt. Alles gute im neuen Jahr.
    PS: Das liberale Programm beinhaltet(e) den Kampf gegen alle „dogmatischen“ Institutionen und war/ist dabei in der Führung der Elite über das Logenwesen selber extrem dogmatisch. Es sagte den Kampf den Kirchen an. Instrumentalisierte diese aber schamlos und baute im Untergrund eine eigene Kirche (deren Riten wir an olympischen Spielen etc. mitmachen, ohne es zu wollen) auf. Frei sein, heisst vor allem sich nicht vor den Karren der liberalen Orthodoxie spannen zu lassen.
    Ich wünsche Ihnen Mut zur offenen Diskussion, echter Freiheit d.h. UNABHAENGIGKEIT.

  • Jonas Manser sagt:

    Ich höre zum ersten mal, dass der 1. Weltkrieg angeblich überraschend kam. Bisher dachte ich immer, dass die Masse an strategischen und militärischen Bündnissen, die zahlreichen Stellvertreter-Konflikte in Kolonialgebieten und der verbreitete Nationalismus eine ziemlich explosive Mischung darstellte. Es wäre eher überraschend, wenn all diese Umstände allen Ländern damals entgangen sein sollten.

  • Felix sagt:

    Ein sehr interessanter Aspekt dieses Teils der Geschichte. Wer ein bischen zu dem Thema liest, stellt auch schnell fest, dass eine gewisse Lust auf Krieg durchaus in vielen europäischen Ländern verbreitet war. Man ist überall mit Hurragebrüll in den Krieg gezogen.

  • ast sagt:

    Wenn Fluchtgeld als Vorbote kriegerischer Auseinandersetzungen genommen wird, dann müsste man die Lage in Russland, China, Indien und anderen asiatischen Ländern als gefährlicher als noch 2010 einstufen. Umgekehrt wenn man Gold als Fluchtwährung mit einbeziehen würde, dann könnte man meinen dass gerade sehr viele Friedensengel rumfliegen. Und wenn man den Ort mit dem grössten Friedenspotential dank Fluchgeldern festlegen könnte, dann wäre dieser Ort 2013 Deutschland gewesen.

    • K.A. Barett sagt:

      Fluchtgeld ist natürlich nur ein Indikator bezüglich der Wahrscheinlichkeit künftiger kriegerischer Ereignisse. Geld flüchtet selbstverständlich auch aus ganz profanen Gründen. Jede Steueroase erzeugt einen Sog auf Kapital, das nicht zeitnah investiert werden kann oder muss. Durch die verhinderte Schwindsucht als Folge einer vermiedenen Besteuerung im „Quellgebiet“, entstehen wieder unbestreitbare Vorteile. Dies auch ohne Krieg.

  • Thomas Rudolph sagt:

    Ich verstehe die Behauptung, der Krieg sei überaschend gekommen nicht. Das scheint eine rein bürgerliche Sicht zu sein. Weil Zitat: „1912 trafen sich die sozialistischen Parteien in Basel zum Friedenskongress, um vor der Kriegsgefahr zu warnen.“ Aber die Zählen wohl in der gutbürgerlichen Schweiz nicht. Ganz Europa baute Schlachtschiffe um mit der Royal Navi mitrhalten zu können. Die grösste wirtschaftsmacht Europas hat (so gut wie) nichts vom Kolonialkuchen abbekommen – aber hungert nach Macht. Aber hier geht die Mähr um der 1.WK sei überraschend gekommen. Schon seltsam.

  • Richard Manz sagt:

    Gemäss dem Nachrichtendienst B92 wird jetzt zum erstenmal ein Briefgespräch vom 28. Mai 1913 zwischen dem Guverneur von Bosnien-Herzegowina, Herrn Oskar Pocorek und dem damaligen österreich-ungarischen Minister Bjelinski veröffentlicht. Der Brief steht zur Zeit nur in einer Übersetzung zur Verfügung. Aus dem Brief soll ersichtlich sein, dass Wien lange vor Kriegsausbruch den Krieg plante. Der Brief wurde erstmals 1928 in der Sarajever Zeitschrift „Vecernja posta“ veröffentlicht und anschliessend unter Verschluss gehalten. War Franz Ferdinand ein Rassist oder Antisemit, wie Hitler? Wird sich ev. im Brief klären? Abwarten und lesen.

    • SrdjanM sagt:

      Das erwähnte Dokument ist eine Transkription welche im Belgrader Nationalarchiv liegt, und schon mehrmals in den letzten 20 Jahren andiskutiert wurde.
      Das Originaldokument wurde allerdings nie gefunden, und auch der Inhalt ist an einigen Stellen nicht wirklich über alle Zweifel erhaben.
      Falls jemals das Original, oder noch besser, der Brief auf welchen Herr Pocorek antwortet, auftauchen sollte, wäre es eine Sensation.
      So wie es nun präsentiert wurde, ist es nur eine PR Aktion (um noch mehr zahlende Gäste nach Visegrad zu holen?) und sonst nichts.

  • Michael Matter sagt:

    „Gemäss der herrschenden Lehre traf der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Zeitgenossen wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“

    Woher haben Sie denn diesen Unsinn? Dass z. B. gerade die deutsche Militärführung mit einem Krieg rechnete und auch darufhin arbeitete, ist den Historikern seit geraumer Zeit bekannt.

  • Marcel Senn sagt:

    Damals hatte die Welt auch nur bescheidene 1.7 Mrd Menschen – Afrika, Teile Asiens und des Südpazifiks waren noch Spielbälle der damaligen Grossmächte – nur Deutschland ist bei der Kolonisation etwas zu kurz gekommen mit Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Deutsch-Westafrika (Togoland, Kamerun etc.) Deutsch Ostafrika mit Tanzania, Burundi, Ruanda – sowie noch ein paar kleineren Schutzgebieten im Südpazifik – während die Briten das grösste Weltreich aller Zeiten hatten.
    .
    Kein Wunder wollten die Deutschen einen etwas grösseren Anteil vom Kuchen.
    .
    Aber heutzutage sind die Kuchenstücke verteilt – es bestehen überall Nationalstaaten

  • May sagt:

    Die Situation war damals wohl die gleiche wie man sie heute vorfindet, neben all der anderen Aktivitäten und Sorgen, ist es dem Menschen zu mühsam, noch auf die Zeichen der Zeit zu achten und auch noch selber etwas zu tun um das aus dem Ruder laufende Ruder versuchen herum zu reissen, also plätschert man so vor sich hin und überlässt das tun derer die auch einen Plan haben. Selbst wenn dieser einem selber auch in den Abgrund reissen wird, man kann dann ja immer noch behaupten: Nie davon gehört war Blind wie eine Kuh.

  • will williamson sagt:

    Theoretisch ist auch ein Krieg in Europa wieder möglich. Praktisch zumindest vorläufig eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher scheint mir die Möglichkeit von Bürgerkriegen in den von der Austerität gebeutelten Ländern. Wenn wir an einen Krieg in Europa von Land gegen Land denken, muss man sich fragen, wer diesen auslösen soll. Die Schweiz, Österreich, Belgien, die Niederlande, Liechtenstein und Monaco oder Andorra eher nicht. Spanien, Portugal, Italien, Griechenland eher auch nicht. Vom Potenzial her kämen Frankreich, Deutschland oder England in Frage. Frankreich ist vermutlich froh, wenn es seine Engagements in Afrika mit nicht all zu hohen Verlusten übersteht. Die Briten werden wohl eher aus der EU austreten als gegen ein EU-Land Krieg zu führen. Deutschland hat die Truppen stark reduziert. Kriegerische Vorbereitungen würden angesichts der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten schnell entdeckt und könnten vereitelt werden. Gefährlich sind nach meiner Einschätzung die Bestrebungen der EU, sich direkt oder indirekt in der Ukraine festzusetzen. Anschliessend kommt die NATO und will Raketenstationen an der Grenze zu Russland stationieren. Da stellt sich dann die Frage, ob sich die Russen das gefallen lassen.

  • Patrick sagt:

    Und obwohl im Moment viele Studien belegen, dass sich viele Faktoren jetzt und 1914 sehr ähneln, ist doch die Mehrzahl aller Leute, vor allem aus dem links-grünen Lager, der festen Meinung, dass sich ein Krieg nie mehr wiederholen kann, schon gar nicht in Europa. Deswegen wird auch die Armee abgebaut, wo es geht. Wo das hinführt, sah man auch schon 1939, als man sich verwundert die Augen rieb, wie heruntergewirtschaftet die Schweizer Armee war, welche dann eiligst wieder hochgerüstet werden musste.

    • M. Seiler sagt:

      Das hat wohl eher nichts mit dem links-rechts in der Politik zu tun. Die Leute sind heute bedeutend besser informiert als damals. Denken Sie nur an den Alphabetisierungsgrad zu jener Zeit. Ganzer Balkan im Schnitt 30 %, Italien ausserhalb der grossen Städte bis in die 30er Jahre teilweise nur 30 %. Dazu kommen noch die Anzahl Schuljahre und die Verblödung durch religiöse Schulen, die nicht auf eigenständiges Denken ausgerichtet waren.

    • SrdjanM sagt:

      Und so schnell wird aus einem historischen Diskurs ein aktuell-politischer herausgezaubert.
      Dabei war 1914 genau die Über-Militarisierung der beteiligten Nationen das grössere Problem und der Grund für die immensen Zerstörungen.
      Und nun zu behaupten, mehr Militär würde einen neuen Krieg verhindern ist wirklich…

      • Hans Ernst sagt:

        Es kommt eben darauf an, wo das Militär ist. Militär in der Schweiz führt sicher nicht zum Krieg und hat so einen Wert die Unabhängigkeit und den Frieden für das Land zu wahren. Das Problem bei Militärinvestitionen in der Schweiz war eher, dass sie ein Tummelfeld für Hobbymilitärfreunde und Geschäftemacher waren. Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der Schweiz in unglaublichem Ausmass in unsinnige Militärprojekte investiert. Und was heute bleibt sind Ruinen, die eigentlich nie zu etwas nütze waren. Dennoch eine Armee, die wirklich das Land schützen kann, ist für die Schweiz sehr wichtig. Wenn man die Geschichte ansieht kann es eben in ein paar Monaten zu einer andern Lage in einer Region kommen. Der 1. Weltkrieg war eben schon solch ein Ereignis eines schnellen Wandels. Natürlich gab es Anzeichen, aber Anzeichen gibt es häufig und es passiert nichts oder man gehe hartscharf an der Katastrophe vorbei. Ich bin sicher, wenn am 8. Januar 2014 ein grosser Krieg in Europa ausbrechen würde, man würde im Nachhinein auch genügend Anzeichen dafür finden. Trotz allen Anzeichen wäre ohne den Mord in Sarajewo vielleicht der 1. Weltkrieg nicht ausgebrochen. Oder nehmen wir den 11. September. Hätte einer der Hauptverantwortlichen den Flieger verpasst und der Rest der Gruppe hätte sich vielleicht nicht mehr mit der Aktion zu starten getraut und das Worldtradecenter stünde heute noch, vieles in der heutigen Welt wäre sehr anders.

    • Alex Kramer sagt:

      Ich wäre mir da nicht sicher mit der Aussage, dass dies nie mehr passieren kann, aller Bildung und (Des)Information zum Trotz: Es gibt nach wie vor eine erdrückende Mehrheit, die wie getriebenes Vieh vorwärts schaut, und nicht bemerkt, was sie denn (an)treibt:früher waren es irgendwelche Herrscher, Könige, Kaiser, Nationalismus; heute ist es der tägliche Kampf um das Konsumgut und den Ehrgeiz, anders zu sein als alles Andere. Diese Motivation wird uns ja jeden Tag auf’s Neue frisch eingetrichtert von Medien und Werbung.
      Churchill sagte im Anschluss an den 2. WK, dass man in Europa (nicht nur Deutschland!) die Menschenmassen materiell mit Konsumlust befriedigen müsse, damit die Massenmobilisierung (der Arbeitslosen), wie sie im 3.Reich so erfolgreich praktiziert wurde, keine Chance mehr habe: Individualismus anstelle von Uniformismus.
      Ein bequemer Mensch bewegt sich (gesellschaftlich) nicht.
      Ebendiese bequem konsumierende Mehrheit ist aber trotz aller Bildung nicht in der Lage, die Manipulation der Massen zu Gunsten ein paar Weniger, der grossen Profiteure, umfassend zu verstehen. Anstelle von ausländischen Mächten hat man nun global agierende Konzerne – der Feind ist sozusagen schon hier. Darum werden zukünftige Auseinandersetzungen wohl kaum mehr international erfolgen, sondern hier, im Inland. Der Arabische Frühling macht es uns aktuell vor.
      Deshalb hat man in der bAdW schon lange damit begonnen, das Fussvolk auf subsidiäre Einsätze im zu trainieren, gegen das eigene, rebellierende Volk vorzugehen, um die wirtschaftlich wertvollen Strukturen der Grosskonzerne zu schützen. Die Senkung des Dienstalters führt dabei zu einer äusserst gefährlichen Entwicklung, weil die Alten dabei fehlen, jene, die den Jungen Einhalt gebieten würden, bei Befehl bedenkenlos auf Mitbürger & Nachbarn zu schiessen.
      Wie Sie vielleicht selber bei sich beobachten konnten / können, ist es in der Regel sehr viel einfacher, einen 20-jährigen effektiv zu seinen Gunsten zu manipulieren als einen 40-jährigen, und genau das macht die heutige Schweizer Armee XXI gesellschaftlich gefährlich; es fehlt die gesunde Altersdurchmischung.
      Wenn Sie täglich Nachrichten schauen, erkennen Sie genau diese Mechanismen überall dort, wo Mord und Totschlag Vorrang geniessen. Und es sind meistens junge Burschen, welche irgendwelche Parolen grölen, welche sie selbst nicht ansatzweise verstehen und deshalb die Tragweite ihres Tuns und deren Folgen nicht einschätzen können.
      Schliesslich hat die CH-Armee 1918 bei einem „Ernstfall“ namens Generalstreik auf Demontranten geschossen auf dem Zürcher Paradeplatz. Dort, wo die Banken sind.

      • M. Seiler sagt:

        Dass es nie mehr passiert, kann wirklich keiner voraussagen ausser Mike Shiva und Madame Teissier.
        Es ist aber doch auffällig, wenn das Thema gepusht wird zu einem Zeitpunkt, da das Volk wieder einmal die Probleme der Wirtschaft – andere würden wohl militärisch-industrieller Komplex sagen – ausbaden darf. Das „schmeckt“ für mich ein bischen nach einer konzertierten Aktion gewisser „think“-tanks mit dem Ziel, dem Bürger zuzurufen: „Schnauze halten und bezahlen !“
        Denn wer will wirklich noch Krieg ?

      • Josef Anton sagt:

        Bei der Überlegung, ob ein Krieg heute möglich ist, muss man sich dessen bewusst sein, dass darüber in erster Linie durch die entsprechenden Eliten entschieden wird, indem diese gewisse Vorgänge einfädeln, um die Rechtfertigung eines solch schwerwiegenden Schrittes gegenüber dem Volk rechtfertigen zu können. Es geht dabei in erster Linie um die Verteidigung und Erweiterung des persönlichen Machtanspruchs dieser Menschen.

        Da aufgrund der heutigen hohen nicht kontrollierbaren Informationsflut die Entscheidungsträger zunehmend unter dem Druck einer vermehrt unzufriedenen Bevölkerung stehen, erhöht sich einerseits die Gefahr von Unruhen und Kriegen, wobei andererseits das Organisieren von etwelchen Vorfällen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung immer schwieriger wird.

        • Anh Toan sagt:

          Wer sind „die entsprechenden Eliten“?

          Die welche so schlau sind, das dumbe Volk übers Ohr zu hauen (Vorgänge einfädeln um zu rechtfertigen)

          So ist nun mal ein freier Markt, der Stärkere, früher der mit Muskeln, heute der mit Hirn gewinnt, der Schwache verliert.

          Das ist natürlich und frei von zentralplanerischen Eingriffen: Immaculat!

          • Josef Anton sagt:

            Dies ist mit ein Grund, dass die Machtkonzentration einer Regierung, welche im Besitze des Gewaltmonopols ist, klar begrenzt sein muss, damit diese Machtkonzentration nicht via verschiedener Mechanismen der Beeinflussung und der damit gewonnenen Hebelwirkung missbräuchlich einsetzbar wird.

  • M. Seiler sagt:

    Solange wir nicht wissen woher die Fluchtgelder stammen sind Annahmen mit Vorsicht zu geniessen. So investierte Frankreich sehr viel Geld in Serbien, um ein Gegengewicht zur österreichen Annexion von Bosnien-Herzegowina 1908 auszugleichen und die Armee Serbiens in beiden Balkankriegen 1912/13 mit franz. Waffen aufzurüsten.
    Der Beginn des Anstieges 1911 deutet eher darauf hin, dass allen klar war, wie schwer die Störung des labilen Gleichgewichtes durch die italienischen Pläne einer Eroberung des osmanischen Libyen sein wird.

  • steve weber sagt:

    Der Wille zum Krieg war in allen Ländern Europas weit verbreitet, vor allem in Frankreich. Nur haben sich wahrscheinlich die wenigsten vorstellen können, welchen ungeheuren Blutzoll dieser Krieg fordern sollte. Die sehr unruhigen Zeiten vor dem Krieg und die politischen Wirren auf dem Balkan haben dann letztlich die Lunte gelegt. Lesenswert zum Thema: Christopher Clark: Die Schlafwandler: Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog.

    • Rolf Zach sagt:

      Auch gut geschriebene und sehr kluge Bücher können eine Optik aufzeigen, die das wesentliche zuwenig aufzeigt. Die deutsche Elite war das Militär. Überspitzt gesagt konnte jeder adelige Esel schneller Karriere machen als ein tüchtiger Bürgerlicher, zeigt sich sogar bei Ludendorff. In Russland war es ähnlich. Mit Verachtung wurde auf die Unternehmer
      herabgeblickt. Trotzdem die Lunte der Machtpolitik wurde in Deutschland wie Russland für den grossen Krieg angezündet und nur über die Konsequenzen waren sich die Herren nicht klär. Für die Deutschen, es gibt ja nur einen kurzen Krieg und für die
      Russen, mit den Engländern und Franzosen zusammen, können wir auch unsere eigene Anarchie überstehen und die Sache
      erfolgreich gestalten.

  • K.A. Barett sagt:

    Die geopolitische Lage war vor dem Ersten Weltkrieg komplex und simpel gleichzeitig. Komplex, wel die Weltwirtschaft damals in einer Phase der Globalisierung steckte, die vom Kolonialsystem der europäischen Mächte getragen wurde, vorab vom britischen. Simpel, weil das aufstrebende, wilhelminische Deutschland unter einem Parvenu-Komplex litt und unbedingt zur Sonne und zum Licht einer imperialen Grossmacht strebte. Bedingt durch die industrielle Kraft des Deutschen Reiches, schien vieles möglich, bzw. war vieles möglich. Die Sensibilität der Besitzenden, die ihr Kapital verständlicherweise retten wollten und dies mit der Kapitalflucht in die Schweiz auch taten,hatte die Funktion eines Seismographen, der das nahende Unheil ankündigte. Der Besuch von Wilhelm II 1912 in der Schweiz, dessen Hauptgrund der Besuch grossangelegter Manöver der Schweizer Armee war, erfüllte einen bestimmten Zweck. Nämlich: Die Einschätzung der Kampfkraft der Schweizer Armee. Insofern war auch dieser Besuch ein Vorbote des Krieges. Die Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz-Ferdinand am 28. Juli in Sarajewo durch den Studenten Princip hatte einen lokalen und keinen europäischen Hintergrund. Weil die Zeit einfach aus psychopathischen Gründen reif war für einen Waffengang, bot sich das eigentlich (fast) bedeutungsllose Attentat als wohlfeiler Kriegsgrund geradezu an.

    • steve weber sagt:

      „Weil die Zeit einfach aus psychopathischen Gründen reif war für einen Waffengang, bot sich das eigentlich (fast) bedeutungsllose Attentat als wohlfeiler Kriegsgrund geradezu an.“ Diese Aussage ist zu stark vereinfachend, denn das Attentat von Sarajewo war die Folge der Balkanpolitik der Grossmächte, und diese wiederum eine Folge ihrer geopolitischen Ziele. Auch die Ansprüche Deutschlands auf (bescheidenen) Kolonialbesitz kann man nicht rundweg diskreditieren, vor allem wenn man bedenkt, dass die anderen Länder schon fast den ganzen Globus unter sich aufgeteilt hatten. Man könnte eher argumentieren, dass die Grossmächte, insbesondere England, beunruhigt über das wirtschaftliche Aufstreben Deutschlands war und versucht hat, diesem Wachstum rechtzeitig die Grundlage zu entziehen. Aus heutiger Sicht beunruhigend ist die Tatsache, dass sich die Bündnisblöcke in einen Krieg ungeheuren Ausmasses hineinziehen liessen, ohne das gross zu hinterfragen oder durch diplomatische Aktivitäten zu verhindern.

      • K.A. Barett sagt:

        Ich stimme Ihnen natürlich zu, dass die Vorgeschichte des Attentats zu berücksichtigen ist. Insofern war meine Aussage in diesem Kontext „vereinfachend“. Aber das Ereignis an sich war von lokaler Bedeutung. Die Kettenreaktion in die Apokalypse wäre mittels diplomatischer Aktivitäten (wahrscheinlich) zu verhindern gewesen. Es ist auch völlig richtig, dass man dem damaligem Deutschland unter Berücksichtigung der damals gültigen Maxime der Grossen Politik die Gelegenheit hätte geben müssen, sein Recht auf einen bescheidenen Kolonialbesitz durchzusetzen. Allerdings kann man das alles nur im Konjunktiv schreiben. Jede Interessenpolitik scheitert immer an der grossen Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit und wird dadurch zwangsläufig zur Interessen-Konflikt-Politik. Genau an diesem Punkt beginnen die Kriegsrisiken.

        • Rolf Zach sagt:

          Herr Barett, ich stimme Ihrer Aussage zu, dass die Ermordung Franz Ferdinands und die Konsequenzen, die Österreich daraus zog, nicht unbedingt zu einem Weltkrieg führen mussten. Erstens wurde der Erzherzog von den Ungarn in Sarajevo miserabel geschützt, kein Vergleich mit dem damals am besten geschützten Monarchen der Welt, nämlich den russischen Zaren Nikolaus II. Die Ungarn trauerten dem Erzherzog keine Träne nach, er hegte die Gedanken von einem Bundesstaat der Donaumonarchie und war gegen eine Verstärkung der Magyarisierung. Serbien akzeptierte praktisch vollumfänglich das österreichische Ultimatum und Russland war trotz Mobilmachung sehr zögerlich mit der Unterstützung Serbiens. Die Donaumonarchie wollte einen Krieg auf den Balkan gegen Serbien begrenzt mit Deutschland im Rücken, aber mehr auch nicht. Russland aber hatte sich aber genial in seiner Aussenpolitik gegen die Zentralmächte durch das Bündnis mit Frankreich (Furcht vor einer Niederlage à la 1870/71 und nicht die Rückgabe Elsass-Lothringens) und des Britischen Weltreichs abgesichert. Wenn behauptet wird Russland sei nicht gerüstet in den Weltkrieg hineingeplumpst, entspricht das nicht den Tatsachen. Die Kriegsbereitschaft war nicht beendet und es wurde zu früh gestartet. Aber die
          Gelegenheit den Türken, Deutschen und Österreicher gegenüber zutreten mit Hilfe der Briten und Franzosen war zu
          verlockend. Die Deutschen waren der Meinung, jetzt sei ihre optimale Stärke erreicht, vier Jahre später sei Russland
          zu stark aufgerüstet und die Briten treten nie in einen Krieg ein auf Seiten der Russen. Das ein Krieg länger als ein Jahr dauern könnte, war für die militärische Elite Deutschlands ein lachhafte Vorstellung. Deutschland hätte schon 1915 wegen Munitionsmangel aufgeben müssen, konnte aber wegen dem Haber-Bosch Verfahren den Krieg fortsetzten. Dieses Verfahren wurde aber nicht wegen Munitionsherstellung, sondern wegen der befürchteten Düngelmittelknappheit privat von der BASF selbstfinanziert entwickelt. Haber war übrigens ein extrem jüdischer deutscher Patriot und konnte nicht
          genug Bosheiten entwickeln (Nervengas etc.). Hätte er länger gelebt, hätte ihn Hitler vergast, ein Mann der für Deutschland buchstäblich über Leichen ging.

          • K.A. Barett sagt:

            Ihre Analyse stimmt, Herr Zach. Tatsache ist, dass jede der damals relevanten Mächte in Europa die (scheinbare) Gunst der Stunde, das heisst, die (vermutete) Schwäche des oder der potenziellen Krigesgegner zum eigenen Vorteil nutzen wollte. Diese Fehleinschätzung ist für alle Beteiligten zum veritablen Rohrkrepierer geworden. Die politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Eliten waren verblendet und schauten nur noch gebannt auf den erhofften Kriegsgewinn, der sich dann als gewaltiger Verlust an Menschenleben, gesellschaftlicher und politischer Stabilität und Produktions- und Transportkapazitäten erwies.

    • Martin Holzherr sagt:

      Deutschland wollte zu den damaligen Grossmächten aufschliessen und von ihnen als gleichwertig behandelt werden, schiesslich war es schon damals die grösste Industrienation. Das war die Konstellation, die zum Krieg führte. Dies jedenfalls ist die Ansicht von Nial Ferguson. Nial Ferguson ist der Ansicht erst heute mit der Eurokrise habe Deutschland die Rolle in Europa bekommen, die ihm eigentlich schon zu Beginn des ersten Weltkrieges zugestanden hätte. Wäre Deutschland dannzumal mehr eingebunden worden in das damalige Machtssystem wäre es nach Ferguson nicht zum Krieg gekommen.

      • K.A. Barett sagt:

        Ich kann Ihnen, bzw. Nial Ferguson, nur zustimmen. Die Gefahr, die von einem aufstrebenden, aber vom damaligen Establishment der Grossmächte nicht anerkannten Deutschland ausging, wurde völlig unterschätzt. Das Verhalten des imperialen Grossbritannien und des sich ebenfalls imperial gebenden Frankreich war strategisch alles andere als brillant.
        Bereits hier wurde der Grundstein für den 8. Mai 1945 gelegt, dem Tag der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Der Versailler Vertrag war kein Friedens-, sondern ein Waffenstillstandsvertrag. Die Siegermächte führten ihre verheerende Politik fort und provozierten das Auftreten Adolf Hitlers auf der Bühne der Weltgeschichte. Die US-Amerikaner sahen die Risiken, konnten sich aber nicht durchsetzen. Ferguson dürfte auch damit recht haben, dass Deutschland heute jene Rolle in Europa spielen kann, die seiner Bedeutung angemessen ist. Niemand kann natürlich voraussagen, was sich daraus entwickeln wird.

  • beat sagt:

    Die Jahrhundert Saga von Ken Follett, zeigt sehr inteligent auf, wie beide Weltkriege entstanden sind.

  • Roger Klein sagt:

    Ein vergleichbares Bild zeigt sich, wenn man Äusserungen von bekannten deutschen Historikern zum britischen Weltreich und dessen Stabilität untersucht: bis 1911 zeichneten sie sich durch grosses Detailwissen, aber auch Bewunderung für die britische Kolonialpolitik aus. Ab diesem Jahr wechselten sie zu Propaganda, welche wider besseres Wissen vorgab, dass das britische Empire auf tönernen Füssen stehe und beim ersten richtigen Schlag drauf auseinander falle.

    • will williamson sagt:

      Der erste Weltkrieg war dann tatsächlich der Anfang vom Ende des britischen Weltreiches, weil mit kämpfende Soldaten aus den Kolonien feststellen konnten, dass der weisse Mann nicht unbesiegbar war.

  • will williamson sagt:

    Die Ausgangslage zum WK1 war sicher komplexer und weniger klar als die zum WK2. Aber aufmerksame Beobachter der politischen Entwicklungen waren vermutlich schon in der Lage, zumindest die Möglichkeit eines bevorstehenden Krieges zu sehen. Der Funke für den WK1 wurde gezündet durch die Ermordung des österreichischen Prinzen Ferdinand und seiner Gattin in Sarajewo. Der Funke für den WK2 entstand im Hirn eines Österreichers aus Braunau am Inn, der nach einer unglaublichen Laufbahn zum Kanzler des Deutschen Reiches erkoren wurde. Es gibt allerdings Kreise, die darauf hinweisen, er sei von an der Kriegswirtschaft (Waffenproduktion, IG Farben) gepuscht oder zumindest unterstützt worden. Eher unbegreiflich ist, dass das Volk in der ganzen Breite, inkl. Intelligenz, den Wahnsinn mitgetragen hat.

    • Josef Anton sagt:

      „Eher unbegreiflich ist, dass das Volk in der ganzen Breite, inkl. Intelligenz, den Wahnsinn mitgetragen hat.“

      Sehen wir nicht heute auch ein ähnliches Verhalten der Bevölkerungen in vielen Staaten, indem es zugelassen wird, dass die Regierungen via entsprechenden Gesetzen sich immer mehr Macht zuschanzen und die Bürokratie immer stärker zulasten der persönlichen Freiheit und Eigenverantwortung wächst? In echten Demokratien fürchten sich Regierungen vor dem Volk und nicht umgekehrt. Einzig weil eine Entwicklung schleichend und unbemerkt abläuft und die Bevölkerung unter Verwendung verschiedener Drohkulissen schrittweise entsprechend konditioniert wird, verändert dies an der Situation wenig. In der Schweiz fällt diese Entwicklung aufgrund der direkten Demokratie bisher verhältnismässig schwach aus, aber man erkennt die gleichen Tendenzen beim Bund.

      • will williamson sagt:

        Die Tendenz scheint mir auch in die Richtung zu gehen, die sie vermuten. Insbesondere in der EU fällt seit längerer Zeit auf, dass gesetzliche Grundlagen wiederholt missachtet oder mit irgend welchen Tricks umgangen werden. Da das Volk nur alle 4 Jahre im wörtlichen Sinne seine Stimme bei den Wahlen abgeben kann, hat es während dieser Zeit nichts mehr zu sagen, sondern kann sich höchstens noch mit Petitionen oder Demos bemerkbar machen. Da haben wir in der Schweiz sicher noch etwas mehr Möglichkeiten dank der direkten Demokratie. Man hat aber durchaus den Eindruck, dass dies „denen in Bern“ auch nicht mehr gefällt. Diktatorische Bestrebungen werden jedoch zum Glück durch den Föderalismus (noch) verhindert. Und das ist gut so!

      • K.A. Barett sagt:

        Ja, da haben Sie weitgehend recht. Je höher der Anteil „sortenreiner“ Machtpolitik an der Gesamtpolitik ist, desto mehr Eigendynamik entwickelt jene und läuft Gefahr, ausser Kontrolle zu geraten. Der Politiker an sich ist ein besonderes Wesen. Im Idealfall ausgestattet mit einem legalen demokratischen Wählerauftrag hantiert er mit ihm von den Bürgern anvertrauten (Steuer-) Geldern und ebensolchen absoluten Machtmitteln. Die direkte Demokratie ist die beste aller bekannten Herrschaftsformen, bzw. das kleinste aller bekannten Machtübel. Leider ist staatliche Macht auch ein notwendiges Übel.

    • Josef Anton sagt:

      „Eher unbegreiflich ist, dass das Volk in der ganzen Breite, inkl. Intelligenz, den Wahnsinn mitgetragen hat.“

      Sehen wir nicht heute auch ein ähnliches Verhalten der Bevölkerungen in vielen Staaten, indem es zugelassen wird, dass die Regierungen via entsprechenden Gesetzen sich immer mehr Macht zuschanzen und die Bürokratie immer stärker zulasten der persönlichen Freiheit und Eigenverantwortung wächst? In echten Demokratien fürchten sich Regierungen vor dem Volk und nicht umgekehrt. Einzig weil eine Entwicklung schleichend und unbemerkt abläuft und die Bevölkerung unter Verwendung verschiedener Drohkulissen schrittweise entsprechend konditioniert wird, verändert dies an der Situation wenig. In der Schweiz fällt diese Entwicklung aufgrund der direkten Demokratie bisher verhältnismässig schwach aus, aber man erkennt die gleichen Tendenzen beim Bund.

  • Peter Huber sagt:

    MIt ein Grund für das Ansteigen der Depot-Titel von Franzosen in der Schweiz dürfte gewesen sein, dass Frankreich umfangreich Kredite an Serbien gegeben. Und dies obschon jederman klar war, dass Serbien diese nicht wird zurückzahlen können. Dahinter steckte der Ziel Österreich-Ungarn durch ein starkes Serbein an seiner Südflanke bedrohen zu können. Zur Fluchtgeldbewegung kam es nicht zwingend aus Angst vor Krieg, sondern eher aus Angst vor einem Staatsbankrott mit entsprechend einschneidennen Massnhamen für das Privatvermögen in Frankreich. Empfehlenswerte Lektüre „Die Schlafwandler“ auch wenn hier die wirtschaftliche Thematik nur gestreift wird.

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