Das Übel des Euro in acht Minuten

Screenshot aus dem Video

Screenshot aus dem Video von David McWilliams (siehe unten).

Was hat Mario Draghi mit Salvatore Ferragamo zu tun? Um was geht es eigentlich in der Eurokrise? Und wie wird das Kapitel dereinst enden?

Anstelle vieler Worte zeigen wir wieder mal ein aktuelles Video. David McWilliams, selbst ernannter «Punk»-Ökonom aus Dublin, beantwortet all diese Fragen und noch viele mehr innerhalb von acht Minuten. Persönlich teile ich seine Meinung in einigen Punkten zwar nicht, aber das Video ist toll gemacht und lohnt sich auf jeden Fall (es ist in Englisch):

In diesem Blogbeitrag haben wir McWilliams übrigens schon einmal vorgestellt. Und wer noch mehr sehen will: Hier seine Website.

Und jetzt, ich kanns nicht lassen, kommen doch noch einige Worte.

Der Aufruf des US-Finanzministeriums und des Internationalen Währungsfonds an Deutschland, seinen riesigen Leistungsbilanzüberschuss abzubauen, hat in Berlin und vielerorts im Land eine Welle der Empörung ausgelöst. Das Bundeswirtschaftsministerium liess verlauten, die Kritik sei nicht nachvollziehbar. Schliesslich seien die Handelsüberschüsse Ausdruck der starken Wettbewerbsfähigkeit. Der Bundesverband der Deutschen Industrie liess verlauten, die Exportstärke sei das Ergebnis innovativer Produkte, die in der ganzen Welt beliebt seien. Die Forderung, Deutschland solle seine Exporte drosseln, sei nicht nachzuvollziehen, sagte Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter (CDU) gegenüber «Spiegel online». Auch der Kommentator in der «NZZ am Sonntag» schrieb, es sei falsch, von den Deutschen zu verlangen, sie sollten weniger exportieren.

Mit Verlaub: Diese Aussagen zeugen von wenig Verständnis, worum es eigentlich geht.

Mein Kollege Markus Diem Meier hat sich in diesem sehr empfehlenswerten Beitrag schon mit dem Thema auseinandergesetzt, und in den letzten Monaten haben wir es hier, hier und hier schon eingehend behandelt. Daher an dieser Stelle nur kurz:

Das Thema der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse wird viel zu emotional diskutiert. Zunächst: Weder das US-Finanzministerium noch der IWF haben gesagt, Deutschland solle weniger exportieren. Sie haben gesagt, der Leistungsbilanzüberschuss sei zu gross. Das ist nicht das Gleiche. Viel wichtiger aber: Argumente wie «Deutschlands Industrie ist halt enorm wettbewerbsfähig», «Niemand zwingt die Ausländer, unsere Produkte zu kaufen» oder «Die hohen Ersparnisse in Deutschland sind eine Tugend» haben in dieser Debatte nichts zu suchen.

Es geht nicht um Tugenden, Nationalstolz oder Moral, sondern ganz simpel um Buchhaltung. Kalte, emotionslose Buchhaltung. Es genügt, sich drei unumstössliche Identitäten vor Augen zu führen:

  1. Die Leistungs- und die Kapitalbilanz eines Landes müssen sich ausgleichen. Ist die Leistungsbilanz positiv (werden vereinfacht gesagt mehr Waren exportiert als importiert), muss die Kapitalbilanz negativ sein (Kapital fliesst aus dem Land ab).
  2. Die Differenz zwischen den gesamten inländischen Ersparnissen und den gesamten inländischen Investitionen entspricht dem Saldo der Leistungs- respektive Kapitalbilanz. Sind die inländischen Ersparnisse also höher als die inländischen Investitionen, wird dieses Überschusskapital ins Ausland exportiert.
  3. Alles, was ein Land produziert, muss entweder konsumiert oder gespart werden.

Weist nun Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von (je nach Berechnungsmethode) rund 240 Milliarden Dollar aus, bedeutet das erstens, dass entsprechend viel Kapital von Deutschland ins Ausland fliesst; und zweitens, dass die inländischen Ersparnisse um diesen Betrag höher sind als die inländischen Investitionen.

Wie kann nun dieser Leistungsbilanzüberschuss (der zwangsläufig dem Leistungsbilanzdefizit anderer Länder entspricht) abgebaut werden?

Ganz einfach: Entweder muss der inländische Konsum steigen (wodurch automatisch die inländischen Ersparnisse sinken), oder die inländischen Investitionen müssen steigen (wodurch sich die Differenz zwischen den Ersparnissen und Investitionen verringert). Das wiederum kann erreicht werden, indem die Löhne steigen oder indem über steuerliche Anreize der inländische Konsum oder die inländischen Investitionen erhöht werden.

Als zwingende Folge davon wird Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss sinken – und das ohne jede Selbstbeschränkung der deutschen Exportindustrie.

(Nebenbei bemerkt: Hätte Deutschland noch die D-Mark, wäre sie in den vergangenen Jahren dermassen erstarkt, dass sich der Leistungsbilanzüberschuss über den Währungseffekt korrigiert hätte.)

Hier noch vier Links in eigener Sache:

  • Was haben die USA im Jahr 1929, die Sowjetunion 1960, Brasilien 1970, Japan 1989 und China heute gemeinsam? Die Antwort darauf liefert der in Peking lehrende Ökonom Michael Pettis in diesem Kommentar zur aktuellen wirtschaftlichen Situation in China.
  • Unsere Serie zu den Altmeistern unter den Ökonomen hat Zugang erhalten: Wer verstehen will, weshalb sich die heutigen Notenbanken so verzweifelt gegen die Deflation wehren, findet die Antworten bei ihm: Irving Fisher.
  • Mein Redaktionskollege Alexander Trentin zeigt in diesem Beitrag, weshalb die US-Notenbank möglicherweise noch viel länger an ihrer Nullzinspolitik festhalten wird. Zwei Studien vom Ökonomenteam des Fed geben entsprechende Anhaltspunkte.
  • Und noch unsere aktuelle Online-Umfrage: Finden Sie, die Schweizer Grossbanken haben in den fünf Jahren seit der Lehman-Pleite genügend Kapital aufgebaut? Hier geht’s zur Abstimmung.