Das Wunder von Lettland

Draghi in Lettland. (Keystone)

EZB-Präsident Mario Draghi, EU-Kommissar Olli Rehn, der lettische Finanzminister Andris Vilks, der lettische Nationalbank-Chef Ilmars Rimsevics und Lettlands Premierminister Valdis Dombrovskis (v.l.n.r.) während der Euro-Konferenz in Riga, 12. September 2013. (Keystone/Valda Kalnina)

Lettland hat für die Analyse der Eurokrise eine ähnliche Bedeutung, wie es der Fund eines aussergewöhnlichen Knochens für die Evolutionstheorie haben kann: nämlich dann, wenn besondere Merkmale dieses Knochens mit den gängigen Erklärungsmustern nicht übereinstimmen.

Die Bevölkerung von Lettland umfasst gerade mal 2 Millionen Personen. Doch Ökonomen interessieren sich brennend für das kleine Land: In den letzten Tagen hat der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard mit anderen eine Studie dazu veröffentlicht, auf den sich sogleich der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, sowie der «Economist» in seiner aktuellen Ausgabe gestürzt haben.

Für die Wirtschaftspolitiker der EU und insbesondere für die Euro-Politik Deutschlands ist Lettland der Knochen, der beweisen soll, dass harte Sparmassnahmen in der Krise die Lage eines betroffenen Landes eben doch verbessern und dass sich dessen Wettbewerbsfähigkeit auch durch innere Abwertung – also mit Lohnsenkungen statt einer Währungsabwertung, die in der Währungsunion nicht möglich ist – bewerkstelligen lassen.

Diese Sichtweise hat ansonsten sowohl in der ökonomischen Wissenschaft, wie auch in der Praxis einen sehr schweren Stand. In aller Kürze die Hauptargumente: Staatliche Sparmassnahmen mitten in der Krise senken in den Euro-Peripheriländern die ohnehin schwache Gesamtnachfrage weiter und  können nicht durch eine angemessene Geldpolitik oder eine schwächere Währung kompensiert werden. Die innere Abwertung über Lohnsenkungen mindert die Tragbarkeit der sehr hohen privaten Schulden und drückt dadurch auch auf den Konsum. So war es wenig überraschend, dass solche Massnahmen die wirtschaftliche (und politische) Lage der Euro-Peripherie weiter verschlechtert haben.

Bei Lettland scheint nun alles anders zu sein. Das kleine Land ist zwar nicht Mitglied der Eurozone. Das Land verfügt mit dem Lats über eine eigene Währung. Doch Lettland hat seine Währung freiwillig an den Euro gebunden, so dass es – wie die Euroländer – die Vorteile einer unabhängigen Währung aufgegeben hat. Im nächsten Jahr will EU-Mitglied Lettland dem Euro-Raum beitreten. Ähnlich wie Irland, Spanien oder Griechenland verzeichnete Lettland bis zur Finanzkrise einen Wachstumsrausch, der dann jäh eingebrochen ist und durch eine eigentliche Depression abgelöst wurde. Dazu gleich mehr.

Die folgende Grafik aus der Studie von Blanchard und Kollegen zeigt die Entwicklung der Arbeitslosenquote (blaue Linie, linke Skala) und des (indexierten) Wachstums des Bruttoinlandprodukts BIP (rote Linie, rechte Skala).

Growth and UnemplIn der kurzen Zeit von Ende 2007 bis Anfang 2010 ist die Arbeitslosenquote des kleinen Landes von 6 auf 21 Prozent praktisch explodiert. Das war die Folge eines Wachstumseinbruchs von 25 Prozent zwischen Ende 2007 und 2009.

Der Rausch vor dem Absturz zeigt in Lettland ähnliche Merkmale wie in den Peripherieländern : ein sehr hohes Konsum- und Investitionswachstum (besonders im Immobilienbereich) und in der Folge immer grössere Leistungsbilanzdefizite, die sich aber anfänglich problemlos durch wachsende kurzfristige Kapitalzuflüsse zu tiefen Zinsen finanzieren liessen. Treiber war auch in Lettland die Erwartung einer raschen Angleichung der Einkommen an den Westen («catch up effect») angesichts der Mitgliedschaft in der EU und der Absicht, auch der Währungsunion beizutreten. Der Boom führte allerdings zu ansteigenden Inflationsraten, was sich insbesondere in höheren Lohnstückkosten und damit in einer tieferen Wettbewerbsfähigkeit niedergeschlagen hat.

Wie in Irland oder Spanien (anders aber als in Griechenland, wo sich vor allem der Staat verschuldete) gab es bei den Staatsfinanzen vorderhand angesichts des (zu) starken Wirtschaftswachstums scheinbar keinen Grund zur Sorge. Im Jahr 2007 verzeichnete das Land einen Budgetüberschuss.

Der grosse Unterschied zur Entwicklung der Europeripherie zeigt sich nach dem Wirtschaftseinbruch. Während etwa die Volkswirtschaften Griechenlands oder Spaniens auch fünf Jahre nach der Krise faktisch im Zustand der Rezession verharren – mit Arbeitslosenquoten von 27 Prozent–, hat in Lettland nach einem drastischeren Einbruch eine viel stärkere Erholung eingesetzt. Die dem «Economist» entnommene Grafik zeigt das lettische Wunder im Vergleich zur Entwicklung ausgewählter Länder indexiert auf 100 im Jahr 2007, als in den USA die Finanzkrise ihren Anfang nahm:

Economist

Der Grund für die Freude an dieser Entwicklung bei den EU-Politikern: Tatsächlich hat Lettland in dieser Krise die beiden Dinge gemacht, die sonst nirgendwo funktioniert haben:

  1. Der lettische Staat hat trotz Krise gespart.
  2. Obwohl Lettland die eigene Währung – den Lats – hätte abwerten können, hat es an der Anbindung an den Euro festgehalten und es ist zu einer starken internen Abwertung gekommen, das heisst die Lohnstückosten sind stark gesunken.

Damit wird die Bedeutung von Lettland als der unerklärte Knochen in der Auseinandersetzung zur Europolitik offensichtlich. Fragt sich bloss, ob die Massnahmen auch tatsächlich für die Verbesserung der lettischen Lage verantwortlich sind.

Prüfen wir also, ob das lettische Wunder tatsächlich als gelungenes Beispiel für die Politik von EU und Deutschland gegenüber den Ländern der Euro-Peripherie taugt.  Damit gehen wir in Details, wie sie Blanchard und seine Kollegen präsentiert haben:

Was hat die Krise ausgelöst?

  • Der Einbruch der Wirtschaft Ende 2007 wurde nicht durch Sparmassnahmen des Staates beschleunigt, die es damals noch kaum gab. Ein Grund war der plötzlich unterbrochene Kapitalzufluss («Sudden Stop») zur Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite und damit des Booms der Binnenwirtschaft. Diese kurzfristigen Finanzströme liefen hauptsächlich über die Banken. Die lettischen Banken sind zum grössten Teil Tochtergesellschaften skandinavischer Institute. Zwischen dem Jahr 2000 und 2007 stiegen die Bankverbindlichkeiten von 30 Prozent gemessen am lettischen Bruttoinlandprodukt auf fast 90 Prozent. Zu zwei Dritteln finanzierten sich die lettischen Tochterbanken über ihre ausländischen Mutter-Institute. In der Krise kam es zu einem Run auf die Banken, worauf diese ihre Kreditvergabe praktisch einfroren. Die Bank Parex – keine ausländische Tochterinstitution – musste sogar durch den Staat gerettet werden. Heute exisitert sie nicht mehr.
  • Der zweite wichtige Grund für den Einbruch in Lettland war die Weltwirtschaftskrise. Als sehr kleine und sehr offene Volkswirtschaft wurde Lettland davon besonders hart getroffen.

Was hat Lettland geholfen

  • Lettland verfügt über ein Ventil, dass grösseren Volkswirtschaften nicht in diesem Ausmass zur Verfügung steht: Ein relativ grosser Teil der Bevölkerung verliess während der Krise das Land. Die Grafik unten – sie stammt aus der Studie – zeigt die Entwicklung. Die Autoren schreiben, dass die Arbeitslosenquote ohne diese Abwanderung bis zu 6 Prozent höher ausgefallen wäre. Diese Abwanderung hat zwar die Lage etwas entspannt, doch für die Zukunft des Landes ist sie schädlich. Die Studienautoren schreiben, dass es sich bei den Abgewanderten hauptsächlich um jüngere und besser ausgebildete Personen handelt und dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie zurückkommen, gering ist.
  • EmigrationDie Tatsache, dass die meisten lettischen Banken Töchter ausländischer Institute waren, kam dem Land schliesslich zugute. Diese Muttergesellschaften steckten die Verluste weg, die sonst das Überleben ihrer Ableger in Lettland gefährdet hätte. Diese Finanzhilfe aus dem Ausland hat letztlich die Kreditverknappung wieder gelöst. Einen solchen Vorteil haben die Banken in den Euro-Peripherieländern in der Regel nicht.
  • Auch wenn sich die lettische Notenbank ihre Geldpolitik fast ausschliesslich der Aufgabe verschrieben hat, die eigene Währung Lats an den Euro zu binden, hat sich ihre grundsätzliche Unabhängigkeit doch sehr vorteilhaft ausgewirkt- Vorteile, die den Europeripherieländern ohne eigene Notenbank fehlen. So war die lettische Notenbank bei der Rettung der Bank Parex beteiligt, was deutlich gemacht hat, dass sie im schlimmsten Fall als «Lender of last Resort» zur Verfügung steht. Das alleine schafft Vertrauen und verhindert eine Zinsexplosion, wie sie sich in den Peripherieländern gezeigt hat. Diese hätte fast zum Auseinanderbrechen der Eurozone geführt bis die  Europäische Zentralbank die Lage mit dem Versprechen wieder beruhigt hat, notfalls gegen Bedingungen unbeschränkt Staatsanleihen zu kaufen.

Welche Rolle hat die interne Abwertung gespielt       

  • Lettland ist es tatsächlich gelungen, die Lohnstückkosten drastisch zu senken, was der Wiederherstellung seiner Wettbewerbsfähigkeit zugute kam. Doch das geschah nicht auf dem Weg von Lohnkürzungen – was mit einer internenen Abwertung sonst stets gemeint ist– sondern über Produktivitätsfortschritte. Wie diese zustande kamen, ist für Blanchard und seine Mitautoren ein Rätsel. Sie verweisen auf den Stellenabbau (weniger Leute produzieren die gleiche Menge). Doch sie stellen auch fest, dass die interne Abwertung per Lohnkürzungen in den Ländern der Europeripherie die Produktivität sogar gebremst hat. Eine direkte Lehre aus der lettischen internen Abwertung lässt sich daher für andere Länder nicht ziehen.
  • Die Löhne der Staatsangestellten wurden zwar in Lettland deutlich gesenkt. Doch bei den Beschäftigten in der Exportindustrie haben sie sich kaum bewegt, wie die Grafik unten aus der Studie mit indexierten Zahlen zeigt. Für die Wettbewerbsfähigkeit zählen aber nur diese Löhne. Der generelle Druck auf die Löhne hat aber wohl dazu geführt, dass diese Beschäftigten nicht von den Produktivitätsfortschritten profitiert haben.

Loehne ULC ProductivityWelche Rolle haben die Sparmassnahmen des Staates gespielt

  • Der Staat begann erst mit drastischen Sparübungen, als die Wirtschaft bereits ihren Tiefpunkt erreicht hatte. Im Jahr 2009 betrugen die Sparmassnahmen rund 8 Prozent am BIP, im Jahr 2010 weitere 5,4 Prozent und 2011 2,3 Prozent. Doch damals haben die erwähnten stützenden Faktoren bereits ihre Wirkung zu entfalten begonnen: Die Abwanderung, das nachlassen der Kreditbeschränkung, tiefe Zinsen. Die Autoren der Studie kommen daher zum Schluss, dass die Sparmassnahmen für sich alleine genommen, dem Wachstum wohl geschadet hätten, die hilfreichen anderen Faktoren aber stärker waren:

…the impulse for growth may well have been strong enough to offset the adverse direct effect of the consolidation.

Fazit:

Die Entwicklung von Lettland bleibt beeindruckend und – vor allem mit Bezug auf die Produktivitätsfortschritte – auch ein Rätsel. Sie belegt aber keineswegs, dass harte Sparmassnahmen mitten in der Krise zu einer Verbesserung führen oder dass eine innere Abwertung über drastische Lohnkürzungen in einem Land mit hoher privater Verschuldung und Arbeitslosigkeit  ein angemessenes Mittel zur Besserung ist. Damit taugt Lettland nicht zur Rechtfertigung der EU-Politik gegenüber den Ländern in der Euro-Peripherie.

75 Kommentare zu «Das Wunder von Lettland»

  • Simon sagt:

    @Marius Lohri (Teil II): Das Probleme Griechenlands hingegen – bezogen auf das immernoch fallende BIP und nicht etwa die möglichen strukturellen Probleme für langfristig hohe Wachstumsraten – sind spiegelbildlich, die noch immer hohen Werte an „faulen“ Krediten im grichischen Bankenwesen, welche (1) eben nicht verschwunden sind und (2) die schon vollzogene Abschreibung von Krediten nicht zulasten des Auslandes, sondern zum Großteil zulasten des griechischen Staates (vermittelt über Hilfskredite aus dem Ausland).
    Griechenland hatte 2012 eine Staatsquote von 50,29%, Lettland hingegen von 36,87%. Nun kann man über die höhere Staatsquote Griechenlands denken was man möchte, Fakt ist aber, dass die griechische Wirtschaft viel stärker von der Nachfrage des Staates nach Gütern und Dienstleistungen, aber auch Arbeitskräften abhängt.
    Damit hängt aber auch die private Nachfrage gleich doppelt stark vom Staat ab. (1) Durch die Gewinne der verkauften Dienstleistungen/Güter an den Staat und (2) durch die vom Staat bezahlten Löhne. Fallen diese unterschiedlichen Nachfrageposten nun aber aufgrund von Kürzungsprogrammen immer niedriger aus, sinkt das BIP.
    Abhilfe könnten nur eine (1) stärkere Verschuldung der Privaten zugunsten höherer Nachfrage (Banken sind aber wenig liquide->Gegensatz zu Lettland, wo geschehen), (2) steigende Nachfrage aus dem Ausland (unwahrscheinlich bei stagnierender EU-Wirtschaft) oder (3) mehr Direktinvestitionen (fraglich bei schrumpfendem Absatzmarkt) bringen.

  • Simon sagt:

    @Marius Lohri: Wenn Sie den Artikel gelesen hätten wäre Ihnen aufgefallen, dass in Lettland bereits Mitte 2008 die Talsohle des einbrechenden BIP erreicht war und daraufhin ein moderates Wachstum folgte. Aber erst im Jahre 2009 wurden starke Sparbemühungen unternommen. Bis Mitte 2008 waren die Löhne der Staatsbediensteten „noch nicht einmal“ um 5% gefallen. Wo Sehen Sie dort eine sofortige Reaktion in Ihrem Sinne?
    Wird der Aspekt der zeitlichen Reihenfolge berücksichtigt, sind wie in dem Artikel genannt, Wachstum generierende Faktoren zum einen die bereits im Jahr 2008 verstärkte Auswanderung (senkte die Arbeitslosenzahl und (1) verringerte so den Druck auf die Löhne, welcher zu einem weiteren Nachfrageausfall geführt hätte. (2) wurden die Sozialkosten des Staates verringert), sowie einer Übernahme von „faulen“ Krediten druch das Ausland (ausländische Muttergesellschaften), was zu stark steigender Liquidität der lettischen Banken führe (wir erinnern uns: Ende 2007 / Anfang 2008 war die Kreditvergabe durch die Banken quasi eingestellt), welche nun über Kreditvergabe wieder steigende Nachfrage und damit BIP-Wachstum generieren konnten. Wenn Sie den Verlauf der privaten Schulden in Lettland betrachten, werden Sie feststellen, dass genau diese (vermittelt über die wieder angesprungene Kreditvergabe) in Investitionen und privaten Konsum flossen und mal dem Multiplikatoreffekt einen Großteil des BIP-Wachstums erklären. Wir leben nun einmal in einer Geld- und nicht Naturalwirtschaft

  • Christoph Buser sagt:

    Ich war letztes Jahr in Riga und habe gestaunt wie intakt die Immobilien in der Stadt waren (sehr gepflegt) ebenso Parks usw. Das Preisnievau für Essen, Kleidung usw. war hoch, ähnlich wie bei uns. Viele Touristen und Geschäftsleute waren unterwegs. Es kann fast nicht sein, dass Riga die ganze Stadt innert kurzer Zeit renovieren konnte mit legalen Möglichkeiten, ich vermute einen hohen Einfluss von schwarzen Geldern aus dem östlichen Bereich in Riga (Zypern lässt grüssen). Die vielen Bonzenfahrzeuge und reichen vergnügungssüchtigen Ausländer legen diesen Schluss nahe – viele ältere Herren mit auffallend jungen sehr hübschen Frauen (in Pelz und Schmuck) eine grosse dekatente Schickeria inkl. Schattenwirtschaft …

  • Marius Lohri sagt:

    In der Grafik „Pride after the fall“ sieht man, dass das BIP in Lettland zu Beginn der Krise viel schneller gesunken ist als in Griechenland. Gemäss den Statistiken der OECD ging der Privatkonsum in Griechenland erst ab 2010 stark zurück. Auch die Arbeitslosigkeit ist in Lettland fast sofort explodiert, während sie sich in Griechenland zu Beginn nur langsam bewegt hat.

    Was ich sehe, ist folgender Zusammenhang: Wer auf externe Schocks sofort reagiert, hat kurzfristig Schmerzen, und kann sich dann wieder auf Konstruktives konzentrieren. Wer den Schock zu Beginn ignoriert, zum Beispiel über eine hohe Anzahl von unkündbaren Staatsangestellten, darf sich auf eine lange Leidenszeit ohne Perspektive einstellen.

  • Josef Anton sagt:

    Wenn natürlich andere Staaten weiter mit enormen Defiziten operieren, lohnt es sich alleweil, selber zu sparen, da die Weltwirtschaft aufgrund der allgemein defizitären Finanzpolitik noch recht gut floriert. Wenn jedoch überall gespart würde, dürfte die Angelegenheit ein wenig anders aussehen.

  • P. du Plex sagt:

    Ich finde den Beitrag über Lettland sehr interessant. Ein Differenziertes Bild über diese Erfolgsgeschichte bereichert die Diskussion. Auf der anderen Seite finde ich die unterschwellige Kritik an der „deutschen“ Sparpolitik. Eine Konjunkturbelebung wäre in der jetzigen Lage sicher nützlich. Ob dies aber bei rekordhoher Verschuldung durch betroffene Länder überhaupt möglich ist oder es (stattdessen) dem deutschen Steuerzahler zugemutet werden kann bleibt für mich die zentrale Frage. Der Nutzen einer Konjunkturbelebung bei gleichzeitiger Beibehaltung maroder Wirtschaftsstrukturen kann zumindest in Frage gestellt werden. Das Beispiel Lettland bleibt deshalb ein Hoffnungsschimmer, dass die Eurokrise auch ohne Zusammenbruch des Euros gelöst werden kann.

  • Anh Toan sagt:

    Wann erkennen die Volkswirte, den Unterschied zwischen Lettland und den USA?

    Machen die Amis Defizite wie wild, muss die Welt noch immer Dollars halten und kaufen, sprich die Defizite finanzieren.

    Ausser den Letten muss niemand lettische Kreuzer kaufen oder irgendwie in Lettland investieren. Macht der lettische Staat vertrauensgefährdende Defizite, wollen die in- und ausländischen Investoren abhauen mit ihrem Kapital. Die private Devestition und fehlende Neuinvestition muss durch staatliche ersetzt werden, was die Defizite weiter erhöht, was das Vertrauen weiter gefährdet usw usw. bis eines Tages die lettischzen Kreuzer so weit abgewertet sind, dass kein Oel mehr gekauft werden kann um Strom zu produzieren, und dann ist dunkel in Lettland. Gamer over.

  • Linus Huber sagt:

    Was wichtig sein mag, liegt darin, dass der Staat die Gehälter der Staatsangestellten massiv senkte (empfehlenswert für alle Staaten) und zugleich wohl auch die Verantwortung zu einem gewissen Grade auf die persönliche Ebene zurückführte. Die verstärkte Vergemeinschaftlichung der Kosten des Risikos, welche ansonsten fast überall betrieben wird, löst die Probleme nicht, sondern verschiebt diese in die Zukunft. Die gegenwärtige Staatsgläubigkeit ist noch sehr hoch und viele Menschen glauben, dass der Staat für sie sorgen wird. Diese tief verwurzelte und über Jahrzehnte einkonditionierte Einstellung führt unweigerlich zu einer nicht nachhaltigen Entwicklung. Es wird vergessen, dass der Staat nichts produziert sondern einzig verteilen kann, was er von andern gestohlen, sorry über Steuern eingetrieben, hat.

    • Josef Marti sagt:

      Sie überschätzen den Staat massiv. Der Nationalstaat ist zumindest im Westen praktisch schon abgeschafft und in Geiselhaft gesetzt worden, es gibt ja keine Grenzen mehr. Die mulitnationalen Unternehmen haben – auch mithilfe der von Ihnen geliebten Zentralbanken – dank Globalisierung in einer weltweiten Zangenbewegung alle Staaten in die Knie gezwungen indem sie die Pollitiker kauften / erpressten und als ihre alleinigen Interessenvertreter für Profitmaximierung einspannten. Regierungen und Parlamente sind nichts anderes als mit Hampelmännern und -frauen bestückte Feigenblätter. Diesen Interessen haben sich alle gebeugt; die Fiskalpolitik zeigt das eindrücklich indem alles unternommen wird um das Volk via Verlagerung auf Konsumsteuern und Abgaben auszuplündern; gleichzeitig wird eine grenzenlose in der Geschichte noch nie gesehene Mehrwertabschöpfung sowie Sklaverei und modererner Kolonialismus betrieben.

      • Linus Huber sagt:

        Die Zentralbanken sind Teil des Staates.

        Je höher die Regulierungsdichte, desto höher ist die Möglichkeit der Lobbyisten die Spielregeln zugunsten der Grosskonzerne und Banken zu beeinflussen. Aber ich stimme Ihnen natürlich zu, dass die heutige Politik (insbesondere Geldpolitik) kläglich versagt, indem sie einerseits zunehmend stärker in die persönlichen Angelegenheiten der Bevölkerung einmischt und sich zu einem immer stärkeren Instrument der Elite degradiert. Der Drang nach immer stärkere Zentralplanung basiert auf der natürlichen Tendenz jedes einzelnen in einem Verwaltungsapparat seine persönliche Zukunft abzusichern, ein Umstand, dessen wir uns bewusst sein müssen um dagegen zu wirken. Leider erkennen dies viele Menschen nicht.

        Einzig durch die Reduktion staatlicher Eingriffe kann man auch die teilweise darauf beruhenden monopolistischen Vorteile von Banken und Grossfirmen schwächen. Ohne Zentralbanken und die staatliche Einlagegarantie wären die heutigen an indirekte Subventionen gewohnten Grossbanken schon lange Teil der Geschichte. Geldentwertung erfüllt dabei eine hohe Bedeutung, wobei der damit erfolgte Umverteilungseffekt zugunsten der Elite von den meisten Menschen bis heute nicht nachvollziehbar ist, auch nachdem dadurch massive Blasen erzeugt wurden, welche beim Platzen jeweils enormen Schaden z.B. in der Form von Staatdefiziten für die Allgemeinheit hinterlassen.

        Meine Aussage schliesst Ihre Erkenntnisse nicht aus.

        • ueli der hecht sagt:

          Die Elite hat nichts gegen einen „schlankeren Staat“ – so lange bei denen abgespeckt wird, die sowieso schon nicht allzuviel besitzen.
          Der Staat ist nicht per se der „Feind“ – er ist nur ein Instrument. Die Frage ist – in wessen Hand befindet sich dieses Instrument?

          • Linus Huber sagt:

            @ Ueli

            Die Elite ist sehr wohl an einer regulierten Scheindemokratie interessiert, in welchem die Bürger glauben, sie hätten etwas zu sagen. Unangenehm wäre, wenn die gegenwärtige Machtstruktur in Frage gestellt würde, wenn Parteien an die Macht kommen, welche die Planwirtschaft hinterfragen würden. Nur über den übermässigen Ausbau der staatlichen Funktionen und Regulierung lässt sich die Gesellschaft gewaltfrei gut kontrollieren.

            Es geht nicht darum, ob der Staat Feind oder Freund ist, sondern um die relative Stärke des Staates, da bekanntlich Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut. Es ist daher unabdingbar, dass dieser natürlichen Tendenz eines Verwaltungsapparates Grenzen gesetzt werden, ansonsten wir schrittweise eine Art Verkalkung des gesellschaftlichen Systems erfahren dürften, indem immer weniger wirklich entschieden wird, die Flexibilität immer stärker abnimmt und ein plötzlicher Stillpunkt droht. Das Verschieben von wirklichen Lösungen unangenehmer Erkenntnisse beruht auf dem Konzept der Hoffnung und diese Entwicklung wird durch die Bürokratie gefördert, welche sich dadurch ihre eigene und persönliche Existenzberechtigung absichert.

            Na ja, die Staatsgläubigkeit ist noch extrem hoch, was auch nicht weiter verwunderlich ist, nachdem über 60 Jahre ein immer stärker ausgebauter Sozialstaat immer mehr Aufgaben übernommen hat und dies aufgrund der damit einhergehenden Konditionierung als normal empfunden wird.

          • Anh Toan sagt:

            @Linus Huber

            Hören Sie doch bitte auf, ständig die Ehre der Politiker („Elite“) pauschaliert und grundsätzlich nicht nur in Frage zu stellen, sondern zu verneinen. Zahlen Sie Ihre Wettschulden nicht (Cklick auf meinen Nick ermöglicht Ihnen Kontaktaufnahme), haben Sie zumindest genausowenig Ehre. Sie könnten sich natürlich (da Sie dieses Wort so gerne verwenden) entschuldigen damit, dass die Unehre der Politiker Sie entsprechend konditioniert hätte.

            Ja, das ist ein Angriff auf die Person.

          • ueli der hecht sagt:

            @Linus Huber
            Was ist denn so schlimm an einem Sozialstaat? Sind Errungenschaften wie die AHV, IV, ALV, der acht Stunden Tag, die Streikfreiheit, die Freiheit sich in Gewerkschaften sich zu organisieren, ein anständiger Mindestlohn, – für sie einfach nur blanker Irrsinn, welcher abgeschafft werden sollte?
            Natürlich würde Big Money / Wallstreet und co. am liebsten nur noch mit Technokratenregierungen, welche sie selber installiert haben – kommunizieren. Wir sind ja auf dem besten Weg. Mir ist jedenfalls schleierhaft wie sie Herr Huber „Demokratie“ als sinnvoll erachten können und trotzdem den Willen der Bevölkerung (Verteidigung des Sozialstaats!) in Frage stellen. Die grossen Hedge Fund Manager und auch die Chefs von Morgan Stanley und Nestle brauchen keinen Sozialstaat – die wollen nur eins: keine Steuern bezahlen und im Fall der Fälle vom ach so gehassten Staat gerettet werden!

          • ueli der hecht sagt:

            @Linus Huber
            Noch ein Wort zur „Bösen Planwirtschaft“ vs „der Illusion namens freier Markt“:
            Geplant wurde im Kapitalismus schon immer und der Nexus Staat-Kapital ist fundamental für dieses System. Das heisst aber nicht, dass der Staat nun das Kapital immer mehr beherrschen würde – ganz im Gegenteil. Als nach dem zweiten Weltkrieg der „grosse keynesianische Plan“ inklusive hohe Besteuerung der wohlhabenden Bevölkerung (in den USA war der Spitzeneinkommenssteuersatz bei 93%!) aufgegleist wurden erlebte das marktwirtschaftliche System seine Blütezeit. Als Reagan und Thatcher die wohlhabende Bevölkerung von Bürde der „Sozialpartnerschaft“ entlasteten, massive Budgetdefizite für Rüstungsgüter anhäuften und soziale Errungenschaften für den Rest der Bevölkerung rückgängig machten – erlebte das marktwirtschaftliche System seinen kontinuierlichen Niedergang (trotz Siegestaumel nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems und Höhenflügen der Wallstreet – dümpelte man bei Wachstumsraten von 2% vor sich hin und die Arbeitslosigkeit von einem Millionenheer wurde strukturell).

  • Zlatko Jukic sagt:

    Lettland ist nicht das einzige Land, aus dem Menschen auswandern und das Geld von ausländischen Banken bekommt. Beides gilt auch für die Südländer.
    Hier der Beweis: Auch die Südländer lassen ihre Banken Geld im Ausland einsammeln. Beispiel 1: Spaniens Banco Santander, die sich von ihrer deutschen Tochter „Santander Consumer Bank“ deutsche Spareinlagen überweisen lässt. Beispiel 2: Die italienische UniCredit SpA, die sich das Geld von ihrer deutschen Tochter Hypovereinsbank AG holt.
    Auswanderung, Beispiel 1: Viele Südamerikaner gehen aus Spanien zurück in ihre alten Heimatländer. Beispiel 2: Viele Portugiesen gehen z. B. in das prosperierende Angola.
    Vor allem aber ist die Austerität ein Märchen: Spanien hatte 2012 ein Defizit von 7,0 %. Griechenland von 8,2 % und Portugal von 6,4 %. Das ist das genaue Gegenteil von Austerität. Frankreich rechnet 2013 mit einem Defizit von 4,1 %. Auch das ist alles andere als Austerität. Trotzdem kommt die Wirtschaft in diesen Ländern nicht vom Fleck. Genausowenig wie in den USA und Japan, die seit Jahren Rekordschulden auftürmen. Selbst China hat mit seinen Riesen-Konjunkturprogrammen fast nichts ereicht.
    Lettland hat es mit Austerität und harten Reformen geschafft! Alle anderen Ländern schaffen es trotz Verschwendungsorgien aber nicht.
    Lettland taugt als Beispiel also sehr wohl, wenn man sich nicht nur oberflächlich damit beschäftigt. Die Slowakei und andere disziplinierte Länder auch.

  • Alfred Baumann sagt:

    Die Lehre ist wohl, dass ein kleines Land flexibler auf ändernde Rahmenbedingungen reagieren kann, wenn es will.
    Offenbar wurden die Rahmenbedingungen in Lettland derart anders, für Firmen günstig, dass sie konkurrenzfähig wurden. Die Auswanderung zeigt aber, dass die Löhne wohl unterdurchschnittlich sind. Vereintes Europa heisst auch Faktormobilität. In den „alten“ EU-ländern funktioniert das eben noch nicht richtig, da besteht ein Lohnanspruch und man ist sich noch nicht gewohnt, dass die Löhne auch massiv sinken können. Arbeit ist eine Überschussware geworden und lässt sich zu den jetzigen Preisen unzureichend absetzen. Die soziale Absicherungen behindern einen entsprechenden Wandel und verschuldet die künftigen Generationen. Über Arbeitslosigkeit verschwendete Arbeitskraft ist definitiv verloren und kann nicht nachgeholt werden. Wann merken dies unsere Konkurrenz fürchtenden Hoch-Fixlohn-lohnpolitiker? Nur eine hohe Produktivität ermöglicht hohe Löhne. Deshalb braucht man flexible, produktivitätsfreundliche Rahmenbedingungen, wenn man hohe Löhne will. Ohne Produktion kein Lohn, ganz einfach.

  • Holzherr Martin sagt:

    Austerität mitten in einer Krise ist sicher das beste Rezept für eine hohe Arbeitslosigkeit. Das war ja sogar in Lettland so und wurde durch Abwanderung gedämpft.
    Macht denn Austerität unter den heutigen Verhältnissen in der Eurozone Sinn? Für Deutschland vielleicht schon. Denn aus Spanien, Portugal und Italien wandern qualifizierte Leute (und auch andere), die keine Arbeitsstelle mehr finden ab und nicht wenige von ihnen finden dann in Deutschland eine Stelle. Deutschland hat ja einen zunehmenden Facharbeitermangel unter anderem aus demographischen Gründen und kann darum um jeden hochqualifizierten Spanier, Portguiesen, Italiener und wohl bald auch Franzosen froh sein. Für Deutschland ist die heutige Situation mit der hohen Arbeitslosigkeit in Ländern mit potenziellen Zuwanderern so gesehen gar nicht schlecht. Es fehlen lediglich noch die Deutschkenntnisse. Aber wer weiss. Vielleicht entwickelt sich ja Deutsch zur neuen lingua franca Europas. Wenns sein muss kann in Deutschland aber auch vermehrt englisch gesprochen werden.

  • Leon Stöckli sagt:

    Der Artikel, aber auch die Kommentare, beweisen doch nur eines: alles Mutmassungen und weit und breit keine einzige gesicherte Aussage. Das nennen gewisse Leute Wirtschaftswissenschaft. Wissenschaft?!

  • Klara Klar sagt:

    Tatsache ist, dass skandinavischen Banken die Kredite in andere Produkte eingewickelt haben und auf dem Markt verkauft. Die mussten dann zwar von den Inhabern dieser Produkte z.B. in der Schweiz zu 100 % Wert während der gesamten Laufzeit versteuert werden; nur ein Bruchteil des Kaufwertes wurde überraschenderweise dann aber am Verfallstag vom skandinavischen Produkt-‚Produzent‘ zurückbezahlt – begründet durch eine sehr raffinierte Verklausulierung im Produktprospekt bzgl. einer Haftung bei Wertzerfall. Diese Klausel hatte offensichtlich nicht einmal unser eidg. Steueramt bzw. die Teledata, von der das Steueramt die Daten für Ihre Steuertabellen bezog, verstanden.

    • Rolf Zach sagt:

      Wäre ein Angelegenheit der FINMA, sich hier für die Schweizer Anleger einzusetzen. Aber wir sind so etwas von diskret, dass wir das Ausland und hier Schweden und Dänemark keinesfalls verprellen möchten. Unsere Politik und unsere Behörden möchten sowenig wie möglich die EU als Nicht-Mitglied belästigen, wir leben ja alle auf einer einsamen Insel im Ozean Utopia.
      Als Mitglied in diesem Indianerstamm EU könnten wir sie beim grossen Palaver in Brüssel verpetzen und man kann sicher sein, es hätte Wirkung. So können wir vom Waldrand zusehen, wie die Schweden und Dänen bei angenehmen Lagerfeuer das von
      uns erlegte Wild verzehren.

  • Thomas Schmid sagt:

    Ein Wunder soll das also darstellen, wenn die eigenen Leute praktisch auf finanzieller Not zum auswandern gezwungen werden? Aber gut die Sozialleistungen sind dort so schlecht, dass sich deswegen auch die Immigration erträglich gestaltet, respektive ausser Russen (welche schon immer dort waren) praktische keine Einwanderung gibt. Die Arbeitslosigkeit exportieren funktionierte schon immer, aber nur dann, wenn es Länder gibt welchen es besser geht. Die Infrastrukturkosten in diesem Land sind ebenfalls überschaubar, keine Autobahn, wenige Eisenbahnlinien, Brücken, Tunnels etc. Der Luftraum wird von der Nato beschützt. Mit dem Beispiel Lettland ist auch das Märchen erledigt, wonach eine starke Einwanderung ( von Ausländern) für das Wirtschaftswachstum wichtig ist. Ein Gedankengut welches in der Schweiz noch nicht so verbreitet ist.

  • Reto Stadelman sagt:

    Fazit: Die Wirschatstheoretiker versuchen die Wirtschaft zu erklären und sogar zu steuern, diese macht aber dann doch was sie will…
    Das soll keine Kritik an den Wirtschaftblog sein den ich sehr gerne lese, einfach eine Erinnerung daran, dass Wirtschaft kein mathematisch berechenbares Phänomen ist.

    • Anh Toan sagt:

      Weil sie eben Theoretiker sind, schreiben sie hier und wurden nicht Finanzminister oder Notenbanker oder sind beim IWF, und darüber freue ich mich genauso, wie über die wissenschaftlich durchaus fundierten Beiträge.

  • H.Trickler sagt:

    Zwei Nachträge zu Lettland:

    Im Vortrag http://www.youtube.com/watch?v=x8QxdldkPNM erläutert Pauls Raudseps dass das Land sich nach dem 1. Weltkrieg aus totaler Verwüstung selber aufgerappelt hatte, dass es nach der langjährigen russischen Besetzung rasch wieder zur Selbständigkeit gefunden hatte und anschliessend wegen Inflation und Immobilienblase bereits ein Absturz zu erwarten war. Er verwendet die Bezeichnung „Cliffhanger nation“ in dem Sinne dass ein sehr starker Überlebenswille bisher geholfen habe und man aus Lettland keine einfachen Rezepte für andere Länder ableiten dürfe.

    In http://www.youtube.com/watch?v=APZ-E-X0Cow wird vorgetragen, dass die Pleitebank EBRD (vergleichbar mit Zypern) als Vehikel für korrupte Machenschaften russischer Oligarchen diente und staatliche Organe Lettlands dies wirksam vertuschen. Falls nur die Hälfte dieser Sache stimmt gibt es zu denken, würde aber erklären warum die Regierung trotz aller Probleme in der aktuellen Situation die eigene Währung aufgeben will…

  • H.Trickler sagt:

    Nur für blinde Theoretiker ist es ein Rätsel!

    a) Lettland hatte schon vor der Krise einen schlanken effizienten Staat. Auch die anderen für wirtschaftlichen Erfolg zwingend nötigen Rahmenbedingungen waren vorhanden.

    b) Die Arbeitslosenrate war vor der Krise erträglich. Dass die Auswanderung derart rasch angestiegen ist, zeigt die Entschlossenheit dieser Menschen, zu arbeiten!

    c) Der Anstieg der Produktivität ist ohne Weiteres durch grösseren Fleiss (und Einsatz geeigneter Mittel) erklärbar.

    Wie das Beispiel zeigt, kann eine solche Volkswirtschaft sogar einen SuddenStop ohne Hilfsprogramme der EU überstehen. Es ist sehr wohl ein Beweis, dass Austeritätspolitik funktioniert, sofern die die Rahmenbedingung stimmen.

    In den südlichen Krisenstaaten sind Mentalität und Rahmenbedingungen ganz anders und es ist völlig einleuchtend, dass dann Austerität allein nicht genügt. Solange aber Reformen z.B. durch einen verurteilten Cavaliere blockiert werden und ein anderer Komiker kräftig mitmischt, geht es eben wie mit der Costa Concordia…

    • Ben Zibble sagt:

      a:) Die Baltischen Länder hatten als Berater die EU (und deren Neoliberale Verfassung) und den IMF, ebenfalls Neoliberal. Dort gilt primär, alles profitable zu privatisieren, verlustreiches zu eliminieren. die Steurn zu senken, die Menschen sich selber zu überlassen. Schlanker Staat nicht ohne Preis für die dort lebenden.
      b:) Die Auswanderung zeigt nur, das diese Region nciht in der Lage ist für alle dort lebenden zu sorgen. Das sollte sie in einem sich als modern gebenden Staat aber möglichst tun. Leider werden auch hier Oekonomsiche Fehlentwcklungen individualisiert anstatt vergesellschaftet… nur beim Investitionsschutz greift man plötzlich und gerne in’s Stuersubstrat…
      c:) Austerität wird immer von jemandem bezahlt… die Rahmenbedingungen sind wie üblich Investorfreundlich, die bezahlen also eher nicht.

    • Rolf Zach sagt:

      Darf ich darauf hinweisen, dass 1/3 der Bevölkerung Lettlands waschechte Russen sind, vor 30 Jahren waren es noch mehr.
      Viele wanderten dort ein als Funktionäre und Rentner. Seit der Unabhängigkeit versucht die lettische Regierung konstant diesen Bevölkerungsanteil zu reduzieren. Sie hatte auch deshalb schwere Auseinandersetzungen, nicht nur mit Russland, sondern auch mit der EU-Kommission in Brüssel. Wer nicht lettisch spricht, hat es als Einwohner schwer und kann seine Diplome, die er in St. Petersburg erworben hat, anderswo besser verwenden. Die Austeritätspolitik Lettlands war für die niedergelassenen Russen schwerer zu ertragen als für die Letten selber, was auch für die interne Sicherheit Lettlands durchaus willkommen war.
      Trotzdem ist Lettland als Steuerparadies für Russland einiges wichtiger als Zypern und die russischen Kapitalisten brauchen es.
      Russland muss deshalb und auch wegen den Häfen mit Lettland pfleglich umgehen.

  • Sven E. sagt:

    Damit die Gemeinschaft und ihre Währung gerettet werden kann, bedarf es also der inneren Abwertung und der Migration. Das heisst, die Leute müssen zu grossen Teilen verschwinden und diejenigen die bleiben, müssen – wie in Deutschland – zu Hungerlöhnen ohne existenzsichernde Altersvorsorge arbeiten. Ich frage mich, welchen Preis man noch gewillt ist, für dieses Politprojekt zu bezahlen… und wohin denn die ganzen Leute aus den überschuldeten Ländern der EU auswandern sollen…

    • Walter Bär sagt:

      @ Sven E. : Meine Güte, woher haben Sie denn DIESE Gewissheiten über Deutschland? Und haben Sie mal TATSÄCHLICH die Wanderungsraten studiert?

    • Josef Marti sagt:

      Leute aus Spanien haben ja schon unsere Suppenküchen aufgesucht, und die Deutschen haben sogar schon Auswanderungsprämien vergeben um ihre Hartz-ler loszuwerden. Lettland scheint ähnlich wie Irland seine jungen Talente zu vertreiben. Vielleicht ist das das neue Erfolgsrezept, Strategie der verbrannten Erde in Kombination mit Abschaffung der öffentlichen Infrastruktur.
      Übrigens kam eine Abwertung für Lettland nicht in Frage weil die Auslandsschulden in Fremdwährung eingegangen wurden; das hatten wir schon bereits in einem früheren Blog zum sudden stop in den Schwellenländern.

  • Johnny Smith sagt:

    Danke an MDM, der hier einen für seine Verhältnisse recht ausgewogenen Artikel bringt.

    Wie Anh Toan oben sagt: ein Fall zeigt nicht, dass es immer so sein muss (viele Wege führen nach Rom), aber er zeigt, dass dieser Weg möglich ist. Auch wenn/weil der Staat spart, kann die Krise überwunden werden.

    Die Economist-Grafik lässt sich aus dem Bauch heraus wohl so deuten: Lettland hat die Lösung gewählt „lieber ein Ende mit Schrecken“, während GR wohl eher die Lösung wählte / aufoktryiert wurde „ein Schrecken ohne Ende“. Lettland hat den Mut gehabt, die kurzfristig schmerzhaftere Behandlung zu wählen, welche sich dafür aber bereits auszuzahlen scheint.

    Ich habe irgendwo eine Dok gesehen, die Lohneinschnitte beim Staatspersonal müssen EXTREM drastisch gewesen sein, so wie ich mich erinnere. Hut ab, dass das Land das durchgestanden hat. Bei uns in Westeuropa bringt es dagegen, nur so als Beispiel, Hollande in seiner unendlichen, verschwenderischen Weisheit fertig, das Rentenalter wieder auf 60 zurückzunehmen.

    Ein wichtiger Unterschied (wurde kurz angesprochen): Lettland hatte eine deutlich tiefere Verschuldung, was natürlich die Ausgangslage erheblich verbessert hat. Leider sind wir in Westeuropa/USA… viel zu hoch verschuldet.

    Zwei Aussagen dazu: erstens Schulden in normalen Zeiten abbauen (Keynes mal etwas anders, in seiner ursprünglichen Form), zweitens Zinsen erhöhen, was Schulden unattraktiv macht.

    • ueli der hecht sagt:

      @Johnny Smith
      Nicht WEIL der Staat „sparte“ wurde die Krise in Lettland einigermassen überwunden – sondern aus allen möglichen „Vorteilen“, welche die grösseren Peripherieländer NICHT haben. Dies ist die ganze Argumentation des Artikels!

      • Johnny Smith sagt:

        @ ueli

        „ihr Satz:”Ja, aber Lettland belegt, dass eine Verbesserung nicht unmöglich ist” – vollkommen sinnlos!“

        Der Satz von Anh Toan würde ja bedeuten, dass Sie ihr geistiges Modell anpassen müssten, deshalb muss der Satz“sinnlos“ sein 😉

        Da ist MDM minim offener, bleibt aber auch in seinem Bild stecken: „Die Entwicklung von Lettland bleibt beeindruckend und – vor allem mit Bezug auf die Produktivitätsfortschritte – auch ein Rätsel.“ Ein Rätsel, weil die Realität nicht dem Modell entspricht. Das Modell aber, ist ja richtig, deshalb „Sie belegt aber keineswegs, dass harte Sparmassnahmen mitten in der Krise zu einer Verbesserung führen“. Da ist es doch lieber ein Rätsel bzw. wird durch „alle möglichen Vorteile“ „erklärt“ 😉

        • ueli der hecht sagt:

          @Johnny Smith
          Nein, Herr Smith! Hier geht es nicht um irgendwelche „Weltanschauungsdiskussionen“, sondern um simple Logik. Die Produktivitätsfortschritte wurden NICHT durch Sparen bei den Beamtenlöhnen erreicht…sie wurden auch nicht dadurch ermöglicht, dass die Arbeitnehmer der Exportwirtschaft Lohnverzicht üben mussten – dieser Teil des Profits wird dann einfach an die Aktionäre verteilt. Das Problem der Arbeitslosigkeit wurde offensichtlich durch einen Massenexodus der gut ausgebildeten Jugend ermöglicht – ob dieser braindrain langfristig gut für die Volkswirtschaft ist – mag ich zu bezweifeln.
          Ein „Rätsel“ ist nur – wie gewisse Politiker immer noch nicht einsehen wollen – dass ihre „Sparmassnahmen“ ganze Volkswirtschaften an den Rand des Ruins getrieben haben. Aus diesem Grund wird ja jetzt auch das kleine „Wunder“ von Lettland so abgefeiert – endlich mal eine „Erfolgsmeldung“, die in Wahrheit überhaupt keine ist.

          • Josef Marti sagt:

            Dem würde ich auch zustimmen. Dass nur durch Zusammensparen des öffentlichen Dienstes aber ohne Lohnsenkungen in der Privatwirtschaft Produktivitätsfortschritte zu erzielen seien kann wohl nicht ernst gemeint sein. Hier ist noch einiges im Dunkeln. Was für eine Fiskalpolitik wurde denn betrieben? Inzwischen soll das Land schon eine Steueroase à la Zypern sein mit niedrigsten Steuersätzen; die Rolle des Finanz- und Dienstleistungssektors ist auch unklar.
            Fakt ist aber, dass das Land bis vor Kurzem auf Niveau Schwellenland anzusiedeln war mit massiv tieferem pro Kopf Einkommen als alle anderen Euro Länder, und schon von da her nicht mit den Pigs zu vergleichen ist.

          • Johnny Smith sagt:

            @ Ueli

            „…um simple Logik.“

            Ein bisschen Logik-Unterricht für Sie:

            Anh Toan’s Satz: „Lettland belegt, dass eine Verbesserung nicht unmöglich ist.“ ist nach vorgängigem Artikel eine logische Schlussfolgerung (und nicht etwa ’sinnlos‘). MDMs Satz „Sie belegt aber keineswegs, dass harte Sparmassnahmen mitten in der Krise zu einer Verbesserung führen.“ ist richtig, aber aus Sicht der Logik nicht sehr aussagekräftig, sondern quasi immer so. Ein schwarzer (weisser) Schwan kann nie belegen, dass alle Schwäne schwarz (weiss) sind. Ein scharzer Schwan kann aber belegen, dass nicht alle Schwäne weiss sind.

  • Ein Grund für die Innere Abwertung mittels Produktivitätssteigerung, entlassunge anstelle von Lohnsenkungen könnte sein:
    Im Kommunismuss hatte man 3 Leute eingestellt für eine Arbeit die eigentlich von 1’er Person gemacht werden hätte können.
    Diese Kultur der Verschwendung hatte sich womöglich bis zur Krise gehalten. Als die Krise kam mussten die Unternehmen um nicht Hops zu gehen sparen und es wurden Leute entlassen. Jetzt macht 1 Person die Arbeit für die es auch nur 1 Person braucht.

  • Anh Toan sagt:

    Ja, und Lettland widerlegt auch nicht die Theorie des doppelten Dilemmas, denn es ist nicht Realität, welche der Thorie widerspricht, es ist ein Wunder.

    Da wundere ich mich dann.

    • Anh Toan sagt:

      „Sie belegt aber keineswegs, dass harte Sparmassnahmen mitten in der Krise zu einer Verbesserung führen…“

      Ja, aber Lettland belegt, dass eine Verbesserung nicht unmöglich ist.

      Keine Entwicklung belegt an sich, dass dies immer so sein muss, nur aber immerhin jedoch, dass es möglich ist.

      • ueli der hecht sagt:

        @Anh Toan
        Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Dort wird klipp und klar aufgezeigt, dass das „lettische Wunder“ gar nix mit „harten Sparmassnahmen mitten in der Krise“ zu tun hat. Deswegen ist ihr Satz:“Ja, aber Lettland belegt, dass eine Verbesserung nicht unmöglich ist“ – vollkommen sinnlos!

        • Anh Toan sagt:

          @ueli der hecht

          Nein, habe nur lediglich das Fazit lesen, die Produktivitätsfortschritte beeindrucken MDM, bleiben ihm aber ein Rätsel.
          Und dann torotz er wioe ein kleines Kind, indem er eine Aussage nachschiebt, die eigentlich völlig selbstverstaändlich ist, dass damit nicht beweisen sei, dass die Produktionsfortschritte wegen der staatlichen Sparmassnahmen erfolgten.

          Letzteres ist direkt offensichtlich Humbug, staatliche Sparmassnahmen schaffen diekt keine Produktionsfortschritte, sie schaffen Vertrauen, Vertrauen ist Voraussetzung für Investion und Investition schafft Produktionsfortschritte: Das staatliche Sparen fördert mehr private Investion, als der Staat je selber schaffen könnte mittelks Defizitspending, da dann die privaten Investoren mangels Vertrauen abhauen.

          Kein Wunder, ist er er doch überzeugt, dass staatliche Sparmassnahmen zwingend alles schlimmer machen.

          • ueli der hecht sagt:

            @Anh Toan
            Ach so einfach ist das also: Sparen – Vertrauen – Investition – Produktionsfortschritte!
            Sozusagen die „Zauberformel“ des Produktionsfortschritts. Ja dann sind die faulen Spanier, Italiener, Portugiesen…selber schuld! Die wollten halt einfach keine Produktionsfortschritte durch „Vertrauen“ herstellen.

          • Anh Toan sagt:

            Ich sag ja, wir werden das nächste Wunder in Spanien sehen, die Leistungsbilanz soll wieder positiv sein.

          • Anh Toan sagt:

            Ich sage nur, ohne Vertrauen, keine Investition, kein Wachstum. Wenn die staatlichen Schulden oder Defizite das Vertrauen gefährden, sind sie kontraproduktiv, werden die staatlichen Defizite als richtige Massnahme angesehen, gefährden sie das Vertrauen nicht und sind nützlich. Ob zuviel oder zuwenig gespart wird, lässt sich nicht an BIP- oder Arbeitslosen- oder Defizitprozenten berechnen, in der Realität (und nicht der oekonomischen Theorie) relevante Masstab ist das Vertrauen der Menschen. Die Prozente werden dann als Proxy verwendet, 3% Defizit gefährdet das Vertrauen nicht, 10 Prozent aber beträchtlich, massgebend ist aber eben nicht der proxy, sondern letztlich das Vertrauen.

        • Anh Toan sagt:

          Ich könnte Ihnen eine Kurve mit dem Vertrauen malen in die Graphiken, dann würde sich das Rätsel lösen.

          Leider gibt es keine Möglichkeit Vertrauen zu messen und in Graphiken einzubauen und darum glauben die Dogmatiker, es existiere nicht. Da haben Sie Ihre was auch immer Position zum Universalienproblem: Was nicht messbar wahrgenommen werden kann, lässt sich nicht in Graphiken einbauen und existiert darum nicht.

          • Thomas Ernst sagt:

            @ Anh
            “ Leider gibt es keine Möglichkeit Vertrauen zu messen und in Graphiken einzubauen…“

            Dem muss ich widersprechen. Es gäbe sehr wohl Möglichkeiten, das Vertrauen (der Bevölkerung? der Investoren?) in eine Währung (eine Regierung? einen Währungsraum?) zu messen, mindestens indirekt, notfalls durch Befragung. DAs ist nicht schwieriger als eine Wahlprognose.

            Was korrekt ist: es wird heute offensichtlich nicht gemacht, oder jedenfalls nicht relevant publiziert. Das ist wirklich schade, weil ich – wie Sie – der Überzeugung bin, dass das Vertrauen der wichtigst singuläre Faktor für die Wirtschaftsentwicklung ist. Es wäre wünschbar, wenn eine der ökonomischen Fakultäten sich da mal drum kümmern würde. Prof. Ernst Fehr in Zürich kann ja nicht alles ganz alleine machen.

            Immerhin wissen wir seit einer Harvard-Studie, dass zB der singuläre relevante Faktor für die Entwicklung der Inflationsrate eines Landes — die ERWARTUNGEN der Leute/Märkte an die Inflationsentwicklung ist. Nicht harte Faktoren, sondern bloss die Erwartungen bestimmen, wie sich die Inflation entwickelt.

            „Expectation Management“ gehört darum auch zu den wichtigsten Fähigkeiten eines guten Verkäufers, Politikers und Notenbankers. Und Expectation Management ist eine der Zutaten zum Aufbau von Vertrauen. Die andere ist, gemäss den geweckten Erwartungen zu liefern. Das ist ein völlig anderes Thema. Gerade in der Währungspolitik.

        • Anh Toan sagt:

          Denjenigen, die davon ausgehen, der Mensch (und damit Investition, Konsum usw.) sei ein rationales Wesen, wird die Welt immer rätselhaft erscheinen. Sie wird immer ihren rationalen Theorien widersprechen:

          Ich kam irgendwann zum Schluss, dass Pi unendlich ist, weil es in der Natur keine Gerade, kein Rechteck, keinen rechten Winkel gibt, sondern nur (Teile von) Kreise(n). Apple beruft sich darauf, abgerundete Ecken erfunden zu haben, in der Realität gibt es keine Ecke, die nicht abgerundet ist.

          • ueli der hecht sagt:

            @Anh Toan
            Es behauptet hier auch niemand, dass das Unviersum „entschlüsselt“ vor uns liegt. Trotzdem muss man sich auch nicht in absoluten Relativismus und Irrationalität flüchten. Gewissen Dingen können auch wir „Sterbliche“ auf den Grund gehen – die Frage ist nur: ob man überhaupt die „Wahrheit“ wissen will.
            Produktivitätsfortschritte werden jedenfalls nicht durch Propagandalügen erzielt – so viel ist klar.

          • Anh Toan sagt:

            Unsere gesamte Denkweise basiert jedoch auf Geraden, Rechtecken usw. welche in der Realität so selten sind, wie Götter und Geister.

          • ueli der hecht sagt:

            @Anh Toan
            Also meine (bescheidene) Denkweise beruht nicht nur auf „Geraden“ und „Rechtecken“. Deswegen mache ich mir vielleicht auch nicht allzu viele Gedanken über „Geister“ und „Götter“.

          • Anh Toan sagt:

            @ueli der hecht: Bei Ihnen denk ich es oft, und jetzt sind die Stichworte da, um den Gedanken aufzuschreiben:

            Es gibt keinen Gott, ausser Karl Marx.

    • Anh Toan sagt:

      Vielleicht wiederholt sich das Wunder bald in Spanien.

      • Rolf Zach sagt:

        Ich bin überhaupt nicht einverstanden, dass die staatliche Verschuldung automatisch zum Vertrauensverlust führt. Jedermann ist erstaunt über die hohe Staats-Verschuldung von Japan. Hat es zu Inflation und Vertrauensverlust der japanischen Bevölkerung geführt. Keineswegs, da Japan immer ein Leistungsbilanz-Überschuss hat. Es hat sich selbst finanziert. Historisch hatte England 1815 eine wirklich kolossale Verschuldung, es hat gemeistert mit Leistungsbilanz-Überschüssen und mit der Erfindung der Zentralbank, die ihnen auch den entscheidenden Vorteil gegenüber dem viel grösseren Frankreich verschaffte. Wenn der EURO-Raum heute in seiner Gesamtheit kein Leistungsbilanz-Überschuss mehr hat und sich nicht selber finanziert, wird er es sowieso als Reservewährung mit seiner kurzen Historie schwer haben. Da dies nicht der Fall ist, bin ich zuversichtlich. Die Handelsbilanzen von Spanien und Italien entwickeln sich gegenwärtig positiv. Auch in Italien ist weniger Industrie-Schrott vorhanden als z.B. in England. Staaten mit Leistungsbilanz-Überschüssen bekommen in der Regel dann eine respektable Inflation, wenn sie sich im Krieg befinden.

        • Josef Marti sagt:

          Auch in den USA führt die Verschuldung nicht zu Vertrauensverlust weil alle Anleger immer wieder auf neue US Wunderinnovationen hoffen. Nur die grösste Volkswirtschaft der Welt kann sich dauernde Leistungsbilanzdefizite leisten. Kleine Länder und insbes. Schwellenländer laufen dagegen bei wiederholten Leistungsbilanzdefitziten wie wir gesehen haben schnell in den sudden stop.

        • Anh Toan sagt:

          @Rolf Zach: Ich habe nie behauptet, dass staatliche Verschuldung zu Vertrauensverlust führt, sondern nur, dass sie kontraproduktiv ist, wenn sie es tut.

          @Josef Marti: Ich meine, der Unterschied für die USA liegt darin, dass der USD die Weltreservewährung ist: Das meiste Wissen der Volkswirte kommt doch aus den USA, und werden unbesehen auf Staaten wie Lettland übertragen, und dann wid es zu Don’t know how.

  • Baer sagt:

    Vielen Dank für den Artikel. Hier ein passender Link; es handelt sich um einen Aufruf von ÖkonomInnen, mit der „expansiven Sparpolitik“ aufzuhören. http://www.theeconomistswarning.com/2013/09/test.html

  • Luzius Meisser sagt:

    Anders als Herr Meier nahelegt, anerkennen auch die meisten Befürworter der Sparpolitik, dass diese zumindest kurzfristig weh tut. Allerdings wird dort davon ausgegangen, dass es sich langfristig lohnt, tiefe Schulden zu haben, so dass die „Ausnüchterung“ zwar unangenehm ist, sich aber am Ende auszahlt.

    Dann gibt es natürlich auch noch die ethische Komponente: soll man jemandem, der einen Haufen Schulden gemacht hat, und mit dem Geld verantwortungslos umgegangen ist, noch mehr Geld geben? Belohnt man damit letztlich nicht verantwortungsloses Handeln? Für diese ethische Betrachtung sind die meisten Ökonomen blind, da sie sich schwer in Formeln und Statistiken ausdrücken lässt. Hingegen spielt sie zum Beispiel beim deutschen Stimmbürger eine grosse Rolle.

    • Zlatko Jukic sagt:

      Das beste Beispiel für ein erfolgreiches Land ist unsere wunderbare Schweiz. Die Schweiz ist sparsam, hat eine effiziente Verwaltung und vermeidet Defizite. Die öffentlichen Schulden sind niedrig und berechenbar. Deshalb rechnet niemand mit steigenden Steuern, und das Investorenvertrauen ist gross. Das alles sind wichtige Voraussetzungen für eine stabile Wirtschaft, wie man schon an der niedrigen Arbeitslosigkeit und dem stabilen Wachstum ablesen kann. Die Schweiz ist ein leuchtendes Beispiel für alle, die mit Schulden ihre Bequemlichkeit verbergen wollen: „Jetzt in die Luxusferien fahren, und irgendwann später vielleicht bezahlen“. Aber spätestens in der nächsten Rezession, die noch für dieses Jahrzehnt erwartet wird, bricht das Kartenhaus der Schuldenkönige endgültig zusammen. Übrig bleiben die, die solide gewirtschaftet haben und sich weigern, für andere zu bezahlen. Wie z. B. Deutschland.

      • Ben Zibble sagt:

        Deutschland wird eine grosse Ladung Probleme bekommen wenn andere Nationen zusammenbrechen weil ja ein grosser Teil der exporte durch Kredite von Deutschland and die Importnationen ermöglicht wurden
        .
        Italien meisterte seit 50 Jahren und mehr seine hohen Schulden. Probleme gab es in dem Land erst als man die von Investoren erzwungenen Spardiktate umsetzte. Italien hat nach wie vor die 5 grösste Wirtschaftsleistung.
        .
        Durch die Ideologie der Angebotsorientierung wurde zuviel einem fantaischen Sparwahn unterzogen u.a. eben auch die Löhne aber nicht die Preise. Dadurch wurdne in vielen Ländern die Binnenmärkte und das heimische lokale Schaffen durch Importe ersetzt. Die Importeure ersetzen aber heimisches Engineering, Kultur und Schaffen nicht sondern fürdern einen Konsum der sich nur noch nach niedrigsten Standards richtet.
        .
        Die Folgen sind, am Bodne liegende Gesellschaften mit immer höheren Anteilen prekarisierter und komplett Arbeitsloser. Eine neue Studie eines englischen Sozialwerkes schätzt die in Armut lebenden Europäer auf 120 Mio. und erwartet 25 Mio. mehr in den nächsten Jahren.
        .
        Auch in der Schweiz wurden in den letzten Jahren am Produktivitätsfortschritt partizipierende Löhne durch Kredite ersetzt wodurch der Wohlstandsgewinn nur nach oben transferiert wird. Beliebt sind, trotz permanenter Gewinne, auch unverbindliche Boni anstatt verbindliche Lohnerhöhungen. Die prekarisierung ist auch hier durch hohe Lebenskosten umfassend und weitet sich aus.

        • Anh Toan sagt:

          „Die prekarisierung ist auch hier durch hohe Lebenskosten umfassend“

          Gehen Sie zuerst zum Hausharzt, es könnten die Augen und Ohren sein.

          • Rolf Zach sagt:

            Auch wenn Ben Zibble mit dem Wort Prekarisierung im Gegensatz zur Situation in Deutschland zu schwarz malt, sollte man bedenken, dass viele KMU’S in der Schweiz mit wenig Eigenkapital arbeiten und gefährlich verschuldet sind. Hätten wir nicht die Reservewährung der Reservewährung, nämlich unseren CHF, würde man bei einem Länder-Untersuch unsere private Verschuldung, die weltweit an der Spitze liegt, kritischer betrachten. Wir haben in 90er Jahren des vergangen Jahrhunderts den Schweizer Vermögensverwaltungs-Banken mit der damals verfehlten SNB-Politik zur ihrer einzigartigen Stellung verholfen. Für ihre Kunden war CHF die beste aller Währungen, dafür haben wir keine Sulzer-Dieselmotoren und Textilmaschinen mehr, keine ABB-Gasturbinen und dazu noch viel mittlere Maschinenfabriken in der ganzen Schweiz. Dies Entwicklung zusätzlich zu Auszehrung der KMU. Ich weiss, es gibt auch andere Gründe die zählen, aber die Aufwertung und die hohen Zinsen waren wesentlich.

          • Anh Toan sagt:

            @Rolf Zach: Die Prekarisierung ist auch in Deutschland nicht UMFASSEND, fahren Sie mal auf der deutschen Autobahn und sehen sich die Prekarisierung an. Ja ich weiss, alles geleast, aber trotzdem sitzt man im S5.

            Im Übrigen verstehe ich Ihren Kommentar nicht: Einerseits beginnen Sie mit KMU’s mit angeblich zu wenig Eigenkapital, die sich andererseits darüber beklagen, keine Kredite (Fremdkapital) zu erhalten, dann schreiben Sie über ABB und Sulzer. KMU ist ein dehnbarer Begriffl, aber nicht so dehnbar, dass Sulzer und ABB darunterr subsummiert werden können, und dann kommt wieder etwas mit Auszehrung der KMU’s :

            Die KMU’s in der Schweiz werden ausgezehrt vor allem durch den Arbeitnehmerschutz: Es ist ein unglaublich schwerer Schritt für ein KMU, schon nur einen ersten Arbeitnehmer anzustellen: Ist es eine Frau, und diese wird schwanger, macht niemand die Arbeit (bzw soll der Unternehmer für zwei arbeiten, damit die kunden nicht unzufrieden sind). Wird ein zweiter Arbeitnehmer angestellt, und beide haben nicht das gleiche Geschlecht, müssen separate Klo’s vorhanden sein. Versucht der Arbeitgeber, auch nur einen Teil des Risikos auf den Arbeitnehmer zu verlagern, und bietet diesem nur ein3en Stundenlohnvertrag an, den beide unterzeichnen, sagt der Arbneitsrichter, nein nein, tatsächlich sei es eine Festanstellung, ein durchschnittlicher Monatslohn gecshuldet usw usw.

            Dazu kommen Rechnungen von Billag, pro Litteris, Abfallgebühren, La la la….

          • Anh Toan sagt:

            Ich habe Arbeitsrechtsprozesse gesehen, bei welcher der Richter den unterzeichneten Arbeitsvertrag nicht einmal zur Kenntnis nahm. Ich rate jedem Kleinunternehmer, niemanden anzustellen, das Risiko, damit ruiniert zu werden, ist viel zu gross. Verträge mit natürlichen Personen dürfen nur über Sachleistungen geschlossen werden, bei Arbeitsleistungen (Berater usw.) ist das Risko viel zu gross, dass die schriftlichen Verträge von den Gerichten ignoriert werden und das Verhältnis als Arbeitsvertrag qualifiziert wird.

          • Anh Toan sagt:

            Ich halte eine Liberalisierung des Arbeitsrechtes für Kleinst- und Kleinunternehmen (bis 3, bis 10 Angestellte, bis lOhnsumme von 1 Mio oder wie auch immer) für dringend notwendig: Was für den Staat, Grossunternehmen und auch die mittleren Unternehmen verkraftbar ist, verhindert die Anstellung von Arbeitnehmern in Kleinunternehmen:

            Seit 25 Jahren bin ich für Kleinunternehmen und einzelne bestenfalls mittlere Unternehmen tätigl. Ich masse mir an, deren Probleme zu kennen.

          • Josef Marti sagt:

            Wo ist das Problem Herr Toan? In der CH gibt es genügend Sklaventreiberfirmen (ich meine die Temporärbuden) wo man sich Leute mieten kann wenn man keine festen Bindungen mit dem Arbeitnehmer eingehen will.
            Das Problem ist eben: Erfolgreiches Unternehmertum geht irgendwann mal nicht ohne zusätzliche Mitarbeiter, deren Mehrwert abgeschöpft werden muss, ansonsten deren Anstellung sich ja nicht lohnt.

          • Anh Toan sagt:

            Ja die „Sklaventreiberbuden“ erhalten ihre wirtschaftliche Rechtsfertigung durch den Arbeitnehmerschutz, die können sich das Spezialwissen aneignen, wie sie dennoch das Risiko auf den Arbeitnehmer abwälzen.

          • Anh Toan sagt:

            @Josef Marti: Mitarbeiter deren Mehrwert abgeschöft werden muss:

            Ich bestreite nicht, dass Mitarbeiter arbeiten, der Mehrwert aus der Arbeit entsteht jedoch zumindest auch durch die Leistung des Unternehmers:

            Um es ganz zynisch zu formulieren: Wäre der Mehrwert ausschliesslich auf die Arbeit des Mitarbeiters zurück zu führen, könnte er ja ohne Unternehmer arbeiten und den Mehrwert in die eigene Tasche stecken.

          • Anh Toan sagt:

            Kleiner Nachtrag zu ausuferndem Arbeitnehmerschutz:

            Der Personalchef eines grossen Unternehmens in der Schweiz hat mir erzählt, sie hätten ein grosses Problem mit Schnupperlehrlingen: Die SUVA weigere sich, diese gegen Unfall zu versichern, da sie zu jung seien zum arbeiten.

          • Josef Marti sagt:

            Stimmt nicht ganz Herr Toan; die Sklaventreiberbuden dürfen gem. Gesetz ihren Sklaven keine schlechteren Bedingungen aufzwingen als im Einsatzbetrieb.
            Wenn die Arbeitnehmerschutzbedingungen so schlimm sind für die KMU dann ist das ja um so besser, müssen sie sich doch nicht den Kopf zerbrechen ob jemand eingestellt werden soll, der ja dem Unternehmer sowieso nur seinen Mehrwert wegstiehlt. Ganz zu schweigen von den Sozialabgaben die dann noch anstehen, das führt alles zusammen mit der MWST und der extrem ärgerlichen Vermögenssteuer am Ende zu einer Steuerbelastung von weit über 100%.
            Das ist genau der Grund dass die Patrons in der CH mittlerweile alle im Prekariat gelandet sind wie Herr Zibble schon erwähnt hat.

          • Anh Toan sagt:

            Umfassender Präkarisierung, ist letztlich eine contradictio adjecto ist, es sei denn, man bezieht sich auf einen absoluten Armutsbegriff und nicht einen relativen (in Eritrea ist die Präkarisierung umfassend).

            In einem Land mit umfassender Präkarisierung sind die Lebenshaltungskosten tief, es gibt niemanden, der hohe Lebenshaltungskosten bezahlen könnte, und darum können die gar nicht hoch sein. Es ist eine logische Unmöglichkeit, dass eine umfassende Prekarisierung durch hohe Lebenshaltungskosten entsteht. Wer zahlt die hohen Kosten wenn alle arm sind? Hohe Lebenshaltungskosten können zu einer relativen Präkarisierung einer Minderheit führen, was ich nicht bestreite.

          • Anh Toan sagt:

            Der 20 jährige Bruder meiner Frau arbeitet in einer Fabrik in Vienam, 7 Tage 12 Stunden pro Woche: Seine Sehkraft nimmt schnell ab, er hat jedoch Angst, zum Augenarzt zu gehen, er könnte seinen Job verlieren.

            Darum werde ich emotional, wenn jemand von umfassender Präkarisierung in der Schweiz schreibt.

        • Zlatko Jukic sagt:

          Ein Staatsbankrott im Süden würde Deutschland weniger treffen als die anderen Südstaaten:
          Die Staatsschulden von Portugal sind überwiegend im Besitz von spanischen und französischen Gläubigern.
          Die Staatsschulden von Italien sind überwiegend im Besitz von inländischen (italienischen) Gläubigern, usw.
          Das deutsche Auslandsvermögen wäre ja auch nicht auf einen Schlag verschwunden: Ein Grossteil wurde in Firmenbeteiligungen, Grundbesitz, Aktien und andere Sachwerte investiert und nicht in Staatsanleihen.
          Vor allem müssen Sie daran denken, dass Deutschland das mächtigste Land Europas ist. Kein anderes Land würde sich trauen, einfach seine Schulden an D nicht mehr zurückzuzahlen, denn die Folge wäre ein Ausschluss aus Euro und EU, keine EU-Subventionen und keine Investitionen von deutschen Unternehmen mehr usw.
          Sorgen würde ich mir eher um die Investitionen der Schweizer Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Unternehmen machen. Schweizer Gläubiger sind stark in Südeuropa engagiert. Die Schweiz hat aber keine Möglichkeit, die Schweizer Schuldner in der EU zu belangen.

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