Der grösste Investor aller Zeiten

John Maynard Keynes.

Hat Aktien salonfähig gemacht: Ökonom John Maynard Keynes. (Foto: Keystone/DPA)

Wenn von erfolgreichen Investoren die Rede ist, fallen meist Namen wie Warren Buffett, George Soros oder Sir John Templeton. Sie sind erstklassig, ohne Zweifel. Doch der Titel des grössten Investors aller Zeiten muss an einen anderen Mann gehen.

Sein Name ist derzeit allgegenwärtig. Als Ökonom wird er vergöttert oder verteufelt, doch sein Leben als Investor und Börsenspekulant ist in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt: John Maynard Keynes (1883-1946).

Keynes war ein überaus aktiver und erfolgreicher Börsianer, er handelte mit Rohstoff-Futures, Aktien und Termingeschäften auf Währungen. Mit seinem privaten Verdienst finanzierte er mehrere Mitglieder der lebhaften Bloomsbury-Gruppe, einer bunten Künstlerclique, der nebst Keynes unter anderen Duncan Grant, Vanessa Bell und Virginia Woolf angehörten.

Von 1922 bis zu seinem Tod im Jahr 1946 war Keynes während 25 Jahren ohne Unterbruch für das Investment-Management der Stiftungsgelder seiner akademischen Heimat, dem King’s College an der Cambridge Universität, verantwortlich. Dort lieferte er einen eindrücklichen Beweis seines Anlagegeschicks.

Die Finanzprofessoren David Chambers (Cambridge und Harvard) und Elroy Dimson (London Business School) haben in einer aktuellen Studie, die im «Journal of Economic Perspectives» veröffentlicht wurde, erstmals Keynes‘ Anlageperformance und -Strategie systematisch untersucht.

Hierzu ist wichtig zu wissen: Als Keynes den Stiftungsfonds 1922 übernahm, waren die Anlagemöglichkeiten durch uralte Statuten stark eingeschränkt. Der grösste Teil der Gelder war in Anleihen und Immobilien wie Agrarland angelegt. Keynes überzeugte den Stiftungsrat, ihm für einen Teil des Vermögens eine Sonderbewilligung zu erteilen und ihm freie Hand in der Auswahl der Investments zu gewähren. Mit dieser Freiheit tat Keynes etwas, was damals unter seriösen Investoren verpönt war: Er kaufte Aktien.

Aktien galten in den frühen Zwanzigerjahren als niederwertige Anlage, die Börse war ein Spielplatz für zwielichtige Zocker; die typische Versicherungsgesellschaft oder Pensionskasse in Grossbritannien war damals fast ausschliesslich in Obligationen und Immobilien investiert.

Keynes argumentierte dagegen, mit Aktien kaufe man einen Anteil an einem Unternehmen, einen realen Wert also, der für die Ewigkeit ausgerichtet ist – genau das Richtige also für eine ebenfalls für die Ewigkeit bestimmte Stiftung wie jene des King’s College.

Keynes erhielt die Bewilligung, ein diskretionäres Portfolio zu führen und machte sich an die Arbeit.

Die folgende Grafik von Chambers und Dimson zeigt das Resultat in Form des jährlichen Anlageertrags, den Keynes auf diesem diskretionären Portfolio erreicht hat:

NMTM_Keynes_1_Aug13

Die schwarzen Balken zeigen die Jahresperformance seines Fonds in Prozent, die grauen Balken zeigen den Vergleichsindex des britischen Aktienmarktes. In 19 von 25 Jahren hat Keynes den Index geschlagen, indem er entweder in Aufwärtsbewegungen mehr verdiente oder in Verlustjahren weniger einbüsste als der Index. Einzig in den Jahren 1923, 1926-1928, 1938 und 1942 schnitt er schlechter ab als der Vergleichsindex.

Über die gesamte 25-jährige Laufzeit seines Wirkens für den Stiftungsfonds erreichte er mit dem diskretionären Portfolio eine durchschnittliche jährliche Anlagerendite von 16 Prozent. Der englische Aktienindex kam im Vergleich dazu nur auf 10,4 Prozent. Der Teil des Stiftungsportfolios, der immer noch nach den alten, restriktiven Regeln in Obligationen angelegt war, kam gemäss Chambers und Dimson bloss auf eine durchschnittliche Jahresleistung von 6,8 Prozent.

Ein Renditeunterschied zwischen 6,8 und 16 Prozent mag auf den ersten Blick nach wenig klingen. Aber 100 Pfund, die 1922 im «aggressiven» Portfolio von Keynes angelegt wurden, wuchsen bis 1946 auf 4087 Pfund an. Aus 100 Pfund im Obligationenportefeuille wurden dagegen über 25 Jahre bloss 518 Pfund.

Keynes ging mutige Wetten ein: Chambers und Dimson haben errechnet, dass er von 1922 bis 1929 einen Portfolio-Anteil von 75 Prozent in Aktien angelegt hatte. Von 1930 bis 1939 waren es 57 Prozent, und von 1940 bis 1946 wieder 73 Prozent.

Ebenso mutig waren die Positionen, die Keynes in einzelnen Sektoren und Unternehmen am Aktienmarkt einging, wie die folgende Grafik von Chambers und Dimson zeigt:

NMTM_Keynes_2_Aug13

In den Zwanziger- und der zweiten Hälfte der Dreissigerjahre hatte Keynes bisweilen die Hälfte des Fonds in Aktien des Rohstoffsektors investiert («Mining»). Das Indexgewicht des Sektors betrug im Vergleich dazu nur 5 bis 10 Prozent. In den Dreissigern setzte er vor allem mit grossem Erfolg auf Goldminenbetreiber in Südafrika. Sein zweiter bevorzugter Sektor waren Industriewerte («Commercial & Industrial»), wo er unter anderen auf die damaligen «Technologie-Champions» Austin Motors und Leyland Motors setzte.

Über seine ganze Karriere hinweg praktisch durchwegs gemieden hat Keynes die Aktien von Banken. Der Finanzsektor, der rund 20 Prozent des Indexgewichts ausmachte, ist in obiger Grafik nirgends zu finden. Damit blieben Keynes herbe Verluste im Bankenkrisenjahr 1931 erspart.

Von effizienten Finanzmärkten, die an den Börsen zu «fairen» Preisen führten, hielt Keynes gar nichts. In Kapitel 12 seiner 1936 erschienenen «General Theory» schrieb er über das irrationale Verhalten von Marktteilnehmern, und 1938 sagte er in einer Ansprache in seiner Funktion als Chairman der National Mutual Insurance Company:

“[Markets] are governed by doubt rather than conviction, by fear more than forecast, by memories of last time and not by foreknowledge of next time. The level of stock prices does not mean that investors know, it means they do not know. Faced with the perplexities and uncertainties of the modern world, market values will fluctuate more widely than will seem reasonable in the light of after-events”

Nun liesse sich vielleicht noch argumentieren, Keynes habe bloss dank der Inkaufnahme massiver Risiken in 19 von 25 Jahren den breiten Aktienmarkt geschlagen. Doch dem ist nicht so: Je eingegangener Risiko-Einheit hat Keynes eine signifikant höhere Überrendite erwirtschaftet als der britische Aktienindex. Die so genannte Sharpe Ratio, die diesen Sachverhalt bewertet, lag in Keynes‘ Portfolio gemäss Chambers und Dimson auf 0.73. Der Index kam derweil bloss auf 0.49.

Keynes‘ Anlagestrategie hatte übrigens Folgen, die bis heute nachwirken: Ende der Vierzigerjahre übernahm ein Mann namens George Ross Goobey, der damals in London den Pensionsfonds von Imperial Tobacco verantwortete, die Philosophie, dass Aktien für den langfristigen Anlagehorizont einer Pensionskasse die geeignetste Anlage darstellen. Er stellte die Anlagepolitik seines Pensionsfonds radikal um und verdiente für seine Versicherten über die nächsten zwanzig Jahre (als die Bondmärkte herbe Verluste verzeichneten) ein Vermögen. Mit Goobey schafften Aktien endgültig den Durchbruch in den Kreis der „seriösen“ Anlageklassen.

Gewiss: Es lassen sich Investoren finden, die über 25 Jahre mehr als 16 Prozent Jahresrendite erwirtschaftet und in mehr als 19 Jahren den Gesamtmarkt geschlagen haben. Doch für seine Anlageleistung, für die Begründung des Behavioural Investing und vor allem für seine Pionierrolle, die Aktienmärkte salonfähig gemacht zu haben, hat Keynes den Titel des «grössten Investors aller Zeiten» verdient.

Einige Themen in eigener Sache:

  • Eine der spannendsten Entwicklungen an den Weltfinanzmärkten ist derzeit die Kapitalflucht, von der Emerging Markets wie Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien oder Südafrika heimgesucht werden. Einige von ihnen stemmen sich verzweifelt gegen den Verfall ihrer Währungen (mehr dazu hier).
  • Die Gefahr des so genannten Sudden Stop hat wieder enorm an Bedeutung gewonnen. In diesem Blogbeitrag ist mein Kollege Markus Diem Meier bereits näher auf das Thema eingegangen.
  • In diesem Beitrag haben wir den Sudden Stop im Zusammenhang mit der Eurokrise thematisiert.
  • Und hier noch ein kleines Aperçu meines Kollegen Peter Rohner, das bitter für den türkischen Nationalstolz sein dürfte: Erstmals seit mehr als drei Jahren muss die Türkei am Bondmarkt höhere Zinsen bezahlen als Griechenland.
  • Hier eine eindrückliche Grafik, die zeigt, wie stark die US-Notenbank mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik den Aktienmarkt beeinflusst.

26 Kommentare zu «Der grösste Investor aller Zeiten»

  • Martin Hark sagt:

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel! Ich beschäftige mich gerade mit den Möglichkeiten von Aktieninvestments. Aktien stellen wahrscheinlich die beste und rentabelste Möglichkeit der langfristigen Geldanlage dar. Das wichtigste hierbei ist, dass man bevor man in diese Anlageklasse investiert, genau über deren Chancen und Risiken Bescheid weiß. Es gibt unterschiedliche Arten wie man hierbei in Aktien investieren kann. Je nach Risikotyp kann jeder unterschiedlich in den Aktienmarkt investieren. Grundsätzlich muss man hierbei jedoch die Absicht eines längeren Engagements mit sich bringen. Als Investor muss man sich im Klaren sein, dass ein Aktieninvestment Geduld und Zeit beansprucht. Sicherlich kann man auch kurzfristig in Aktien investieren – hierbei dienen diese jedoch nicht mehr zur Geldanlage sondern lediglich zur Spekulation. Obwohl die Aktienmärkte jetzt bereits über zehn Jahren seitwärts laufen bzw. gewisse Indizes ihre Höchststände nicht wieder erreicht haben oder sie diese nicht massiv überschreiten konnten, sind Aktien langfristig betrachtet noch immer die rentabelste Möglichkeit der Geldanlage. Vielleicht bieten gerade so Zeiten, die Zeiten in oder nach einer langen Seitwärtsbewegung, wieder große Chancen für zukünftige Aktieninvestments. Jedoch muss man sich hierbei im Klaren sein, dass man die Zukunft nie von der Vergangenheit ableiten kann.

  • Linus Huber sagt:

    Wenn Keynesianer dies auch nicht wahr haben wollen, heisst es noch lange nicht, dass es kein Fakt ist. Staatsschulden sind zukuenftige Steuern. Ob diese nun in der Form der Umverteilung durch Geldentwertung bezahlt werden, oder durch eigentliche indirekte oder direkte Steuern, ist grundsaetzlich nicht von Bedeutung. Der Unterschied liegt einzig darin, welche Teil der Bevoelkerung staerker belastet wird. Geldentwertung und indirekte Steuern (wie z.B. Mehrwertsteuern) belasten die schwaecheren Mitglieder der Gesellschaft verhaeltnismaessig hoeher als z.B. direkte Steuern, da diese einer Progression unterworfen sind. Warum geht es der Schweiz verhaeltnismaessig gut? Wer hat die Politik zu nachhaltigerem Haushalten gezwungen? Wenn man diese Frage naeher analysiert, kommt man zum Schluss, dass dies das Resultat der DIREKTEN Demokratie ist, welche es dem Volk erlaubt, wirklich mit zu entscheiden. Das Volk ist nicht so dumm, wie oft angedeutet wird, sondern spuert oft intuitiv, wie zu handeln ist. Natuerlich sind die Medien fuer Meinungsbildung mit verantwortlich und sie sollten sich ihrer Aufgabe verstaerkt wieder bewusst werden und nicht einzig als Sprachrohr der Regierungen funktionieren.

  • Anh Toan sagt:

    Auf Handelsblatt.com lässt sich ein fiktives Interview mit Kostolani zu den aktuellen Problemen finden: Poste ich den gesamten Link, gehts nicht, also selber suchen. Der beste Absatz, insbesondere der Letzte Satz, daraus ist:

    „Letztlich ist alles eine Frage des Vertrauens. Wenn es gelingt, das Vertrauen in Europa, die Institutionen, die Finanzmärkte zu erhalten, kann nichts passieren. Ist das Vertrauen kaputt, geht alles kaputt. Übrigens völlig unabhängig davon, wie hoch der Schuldenstand ist.“

    • Linus Huber sagt:

      Das Vertrauen beruht langfristig darauf, dass man sich nachhaltig verhaelt. Vertrauen ist nicht einzig eine Angelegenheit der Kommunikation oder des Geld druckens.

      Wie schon oft ausgefuehrt, verhaelt sich ein Verwaltungsapparat wie ein krebsartiges Geschwuer, welches immer nur wachsen will. Dies beruht auf den menschlichen Attributen derjenigen, welche in solchen Organisationen arbeiten, eine nicht zu verurteilender Fakt. Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist, und andauernd Gegensteuer gibt, ansonsten der Parasit den „Host“ schrittweise erwuergt. Dies fuehrt automatisch zu Vertrauensverlust gegenueber Entscheidungstraegern, welche immer und ueberall eine erhoehte Machtkonzentration anstreben, denn es handelt sich langfristig betrachtet um eine Spirale Richtung Diktatur, wobei natuerlich andere Worthuelsen fuer diesen Ausdruck verwendet werden. Das hohe Kreditvolumen (Schuldenstand) ist Ausdruck dieser Entwicklung, indem sich die Zentralplanung der Wirtschaft als eine ebenfalls nicht nachhaltige Entwicklung entpuppte und dies nun schrittweise sichtbar wird.

  • ast sagt:

    „Hier eine eindrückliche Grafik, die zeigt, wie stark die US-Notenbank mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik den Aktienmarkt beeinflusst.“

    Der Brite John Maynard Keynes versuchte zu verhindern dass die USA alleine über die Weltreservewährung verfügt. Er wollte eine internationale Währung einzuführen, den Bancor. Leider ist er damit gescheitert und seither ist der weiterhin geläufige Begriff Keynesianismus eine Irreführung ( den Ökonomen blind und ohne zu überlegen einsetzen). Die Grundlage für seine früheren Wirtschaftstheorien wurden in Breton Woods und später durch Nixons Loslösung von US$ -Goldstandard in weiten Teilen relativiert. Die FED operiert nach nationalen Bedürfnissen, beeinflusst aber das gesamte Weltfinanzsystem und erzeugt damit ausserhalb der USA ständig für unkalkulierbare Parameter und Währungs -Risiken. Keynes Theorien werden dadurch für andere Staaten ad absurdum geführt, wenn man trotz der geänderten Umstände dort „Keynesianismus“ diskutiert, ohne die geänderten Regeln im Weltfinanzsystem zu berücksichtigen.

    • Linus Huber sagt:

      Die heutigen „Keynesianer“ und auch viele andere Oekonomen sind fast ausnahmslos Kuenstler der Manipulation. Sie glauben, das Wohl der Wirschaft durch Gelddrucken beeinflussen zu koennen und sind sich der langfristigen Konsequenzen nicht einmal im Ansatz bewusst. Das Beste was diese Menschen tun koennten, waere 24 Stunden im Tag und 365 Tage im Jahr schlafen.

  • Hans Ernst sagt:

    Mag sein, dass Keynes als Anleger oder Spekulant erfolgreich war. Allerdings gibt es wohl viele andere genauso erfolgreiche Anleger, von denen man heute nichts mehr weiss, weil ihr Namen weniger bekannt ist.

    Überhaupt Keynes Anlageerfolge sind heute wenig relevant. Denn solche Erfolge sagen nichts über die Richtigkeit oder Falschheit seiner ökonomischen Theorien aus. Man sollte nicht den häufig gemachten fundamentalen Fehlschluss begehen, dass wenn jemand in einem Bereich kompetent ist, dass dies auch für alle andere Themen gilt, die diese Person bearbeitet. Keynes Anlageerfolge taugen nichts und auch gar nichts um seine theoretischen Arbeiten zu belegen oder zu widerlegen.

  • J.Stern sagt:

    Mit Verlaub, Investoren sind als solche niemals „gross“, sondern höchstens erfolgreich mächtig und geschickt. Sie gehen mehr oder weniger verantwortungsvoll einer unendlichen Akkumulations-Tätigkeit nach. Da soll man dieses Bewunderung andeutende Adjektiv ‚gross‘ doch besser beiseite lassen. Ob sie daneben auch noch ‚Grosses‘ tun ist eine andere Frage.

    Zweitens: „Mining“ bzw fossile Energienträger waren offenbar eine hochgeschätzte Anlageklasse von Keynes. Das diese profitträchtig waren u sind ist unbezweifelt. Entsprechend hat die industrielle Wachstumszivilisation (kapitalist. und sowjet. Couleur) in den Jahrzehnten seit dem 2.Weltkrieg mehr Ressourcen der Erde ausgehoben und ‚verbraten‘ als die ganze Menschheit seit den Hominiden bis dahin (s.zB Bücher von John R McNeill oder James G Speth.) Bei der geologischen Plünderung und planetarischen Vergiftung als Investor zu partizipieren, gerade wenn man die Externalitäten aussen vor lässt, verdient auch nicht gerade Wertschätzung als „grosse“ Errungenschaft. Es passt ins Bild, dass das Thema Externalitäten – für die Menschheit mit jedem Tag von grösserer, Existenz-entscheidender Wichtigkeit – Keynes nie sehr gekümmert hat, wie Amartya Sen mal bemerkte. Man lese dagegen seinen Kollegen AC Pigou, der das Thema wirschaftswiss. etablierte (man könnte auch weiter auf Marx‘ Konzept des Metabolismus zurückgehen) und der in ‚Never mind the markets‘ meines Wissens noch nie besprochen wurde.

  • Anh Toan sagt:

    „Keynes ging mutige Wetten ein: Chambers und Dimson haben errechnet, dass er von 1922 bis 1929 einen Portfolio-Anteil von 75 Prozent in Aktien angelegt hatte.“

    Prämisse: Aktien rentieren langfristig höher, weil das Risiko grösser ist

    Ein Aktienanteil von 100% ist nicht mutig, sondern strategisch die einzig richtige Konsequenz für langfristige Anlagen. Eine Reduktion des Aktienanteils unter 100%, kann nur mit kurzfristigen taktischen Optimierungen gerechtfertigt werden, der Aktienanteil wird abgebaut, um ihn später wieder aufzubauen.

    Ein Aktienanteil unter 100% ist in einer langfristigen Anlage eine kurz- oder mittelfristige Spekulation!

    (Ich glaube das nicht unbedingt, kann aber keinen Fehler in meiner Überlegung finden)

    Der grösste Investor aller Zeiten, er hat sich selber als Spekulanten bezeichnet, ist für mich Kostolani.

    • Anh Toan sagt:

      Meine Überlegung deckt sich übrigens mit der grundlegen Anlegerempfehlung Kostolanis:

      Aktien kaufen und schlafen, lange lange schlafen.

      • Julia Ebner sagt:

        Survivorship bias – Wer vor der Revolution russische Aktien gekauft hat, hat alles verloren. Warum sollen Aktien langfristig immer steigen? Nur USA/Europa anschauen ist statistisch gesehen falsch. Vielleicht gibt es die USA in 50 Jahren gar nicht mehr. Wer weiss das schon?

    • Josef Marti sagt:

      Langfristig sind wir alle tot; das stammt glaube ich auch von Keynes

      • Anh Toan sagt:

        Selbstverständlich ist keine Anlage absolut langfristig, aber eine Stiftung, welche nur die Erträge zur Erfüllung des Stiftungszweckes verwenden darf, kommt dem schon sehr nahe.

    • Berner sagt:

      Sie verkennen die Situation:

      – Keynes hat eben nicht „nur“ einen Portfolio-Anteil von 75% in Aktien angelegt
      – Keynes hat mit Devisentermingeschäften (u.a. Rohstoffe) einen ziemlich starken Hebelfaktor im Portfolio
      – Andere Autoren / Studienersteller sprachen von Hebeln bis zu 3:1.
      – Dementsprechend wäre alles andere als eine „Outperformance“ gegenüber dem Index eine Riesenenttäuschung.
      – Schliesslich investierte Keynes eben nicht wie es aussieht 75% in Aktien sondern bedeutend mehr!

  • Johnny Smith sagt:

    „Als Ökonom wird er vergöttert oder verteufelt…“

    Das Problem ist bei Keynes wie bei anderen ‚grossen Denkern‘: ihre Jünger sind viel einseitiger und fundamentalistischer als der Denker selber. Gemäss seinen Schriften war Keynes wohl wesentlich ausgewogener als seine heutigen Gefolgsleute. Das Problem sind mMn die heutigen ‚Keynesianer‘. Sie nehmen (wie Politiker) nur die einfachen Ankurbelungsrezepte von Keynes zur Hand und ‚vergessen‘ bzw. unterschlagen den zweiten, schwierigeren Teil, den Keynes durchaus gesehen hat: in guten Zeiten wieder zu sparen und die vorher angehäuften Schulden wieder abzubauen.

    • Josef Marti sagt:

      Würde das antizyklische Verhalten befolgt so wären die Politiker plötzlich überflüssig und arbeitslos, das darf aber nicht sein.

  • Cornelis Bockemühl sagt:

    Autos sind vor allem dann eine tolle Erfindung, wenn man zwar die Infrastruktur von heute hat, aber ausser mir niemand Auto fährt! Wenn’s dann plötzlich alle tun gibt’s so lästige Nebeneffekte wie Staus, Luftverpestung usw. usw.: Hätten diese Leute doch lieber weiterhin auf’s Auto verzichtet dann wäre die Welt doch viel besser!

    Wozu dieser Vergleich? Mir scheint dass es halt doch ein Unterschied ist, ob ein einzelner geschickter „gambler“ in einem Umfeld operiert wo alle anderen mit Geld sehr viel vorsichtiger (und verantwortlicher!) umgehen als wenn das dann plötzlich alle tun! D.h. wenn ich als einziger spekuliere wird die Wirtschaft eben noch durch die anderen einigermassen stabil gehalten.

    Dass Aktien ihren Wert typischerweise täglich im Prozentbereich ändern bzw. „herumzappeln“ zeigt doch allein schon: Dieser „Markt“ ist in erster Linie hysterisch gesteuert! D.h. auf jeden noch so kleinen Aufwärts- oder Abwärtstrend springen sofort viele andere auf und verstärken ihn so. Solange es gut geht kann man von einem „labilen Gleichgewicht“ sprechen – mit der täglich gegebenen Möglichkeit, in einem Crash zu enden.

  • Reto Baumer sagt:

    Interessant… und von Interessenskonflikten usw keine Spur. Der Mann war also Investor und zeitgleich auch noch einer der wegweisendsten Berater der Policymaker: heute würde man das Insider Trading nennen.

  • Berner sagt:

    Was nicht erwähnt wurde:

    – Keynes hatte nicht einfach „EINE“ Strategie, zuerst versuchte er sich im Top Down Investment Management (Timing versch. Anlageklassen) etwas später fokussierte er auf das Bottom Up Value Stock Picking (ähnlich zu Graham Dodd)
    – Analysen des damaligen Portfolios erlauben den Umkehrschluss, dass das Portfolio bis zu 3-mal die Index-Volatilität (Risiko) aufwies (3:1 Leverage).
    – Das Sharpe Ratio Argument ist absoluter Blödsinn, zumal für das damalige Portfolio kaum brauchbare Daten (tägliche Renditen) vorlagen (!)
    – 5% der Käufe waren in IPOs, die er relativ schnell gleich wieder veräusserte. Keynes verliess sich teilweise auf Insiderwissen durch seine persönlichen Kontakte (vor allem im Mining-Sektor)
    – Keynes‘ Portfolio war alles andere als gut diversifiziert bzw. es fand kaum Rebalancing der Anlageklassen- / Sektor- / Ländergewichte vor.
    – Perfid: Aus heutiger Sicht dürfte kein einziger institutioneller Anleger vergleichbar grosse Risiken eingehen, da die gängigen Anlagerichtlinien (BVV2, Basel II/III) diese verbieten.

    => Summa summarum war die Anlageleistung auf Keynes Portfolio okay, aber keineswegs grossartig gemessen am eingegangenen Risiko (mit vergleichbarem Risiko hätte Keynes nicht 16% p.a. sondern einiges mehr erzielen sollen). Der Titel dieses Artikels suggeriert eine ausserordentliche Anlageleistung, was in der Tat nicht vorlag. Nicht zu vergessen, dass Keynes persönlich durch seine Investments mehrmals nahe dem Bankrott stand.

  • Jablonski sagt:

    „… die Börse war – damals – ein Spielplatz für zwielichtige Zocker“ : What goes round comes round …

    • Greg Müll sagt:

      @Jablonski:
      “… die Börse war – damals – ein Spielplatz für zwielichtige Zocker” : What goes round comes round …

      Tragischerweise funktioniert dieses „Börsenspiel“ nur, wenn sich genügend „Dumpfbacken“ tummeln, dessen Geld abgezockt werden kann.

      Klar, wer sich überschätzt ist selber schuld, doch wenn man durch Zwangsobligatorien verpflichtet wird oder durch Hochglanzprospekte und Scheinwissenschaft „verführt“ wird, ist und bleibt das Ganze eine unlautere, unfaire Geschichte zugunsten der Finanzindustrie und dessen Eigentümer.

  • Marcel Senn sagt:

    Keynes lebt – oder zumindest eine Variante davon – in Axel Kicillof – argentinischer Vizeminister für Wirtschaft (und Liebling von „Königin“ Kristina Fernandez de Kirchner) – hat seinerzeit seine umfangreiche Doktorarbeit über Keynes geschrieben – daneben ist er auch sehr marxistisch beeinflusst. (Essaytitel z.B.: „Keynes oder der Kapitalismus ohne Kapital“!!)
    .
    Er ist der einzige der Minsiter und Vizeminister der keine Krawatte trägt, mit seinen Elviscoteletten wirkt er eh schon speziell zumal er auch erst 41 ist.
    .
    Aber was der Mann alles für ökonomische Zaubertricks ausprobiert – es ist unglaublich: Vom Kunstdollar (Cedin) der seit 1.7 bis zum 30.9. läuft und eine straffreie Dollardeklaration sein soll – Dollar Scheine gegen eine arg. Wertpapier…4Mrd sollten kommen – bislang in 2 Monaten kamen magere 45Mio…

    Beim Dollar gibt es etwa 9 verschiedene Wechselkurse inkl. all der Schwarzmärkte resp. des „blue“

    http://www.dolarblue.net/

    Inflation offiziell ca 10% – real 25 -30% – ein riesige ökonomische Wundertüte hat dieser Keynes-Jünger und seine Gehilfen aus Argentinien gemacht – und die Devisenreserven schmelzen bedrohlich (akt 37 Mrd), einige Provinzen sind teilweise schon pleite oder kurz davor

    Für mich ist das alles ein bisschen zuviel Voodoo-Economics was der argentinische Shooting-Star Kicillof da probiert – aber noch hat er die Gunst der Königin – schaun wir mal wie lange noch…

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