Lehren aus der deutschen Krise von 1931

Kunden stehen vor einer Bank an, uzm ihr Geld abzuheben, 1931. (Foto: DPA)

Die jetzige Krise wird sich kaum entwickeln wie die Weltwirtschaftskrise von 1931: Kunden versuchen in Deutschland ihr Geld zu retten, 1931. (Foto: DPA)

Wenn man die heutige Krisenpolitik der Euroländer verfolgt, kommt einem immer wieder das Jahr 1931 in den Sinn. Auch damals galt es eine Währungs-, Schulden- und Bankenkrise zu entschärfen und eine europäische Zusammenarbeit zu erzielen, bei der jedes Land etwas geben musste, wenn es seine Ziele durchsetzen wollte.

Nur waren die Rollen vertauscht. Das starke Land war Frankreich, während Deutschland am Abgrund stand. Die Rolle Grossbritanniens war hingegen sehr ähnlich. Die britische Wirtschaft lahmte, und der Staatshaushalt war überschuldet (wegen der Kosten des Krieges). Die Londoner Regierung beobachtete die Krise aus der Distanz und wartete ab, bis sie sich auf eine Seite festlegte. Die US-Regierung interessierte sich lange Zeit kaum für Europa.

Wie wir wissen, scheiterte die Vermittlungspolitik. Im Juli 1931 brach die deutsche Krise aus. Die Banken brachen zusammen, die Regierung führte Devisenkontrollen ein, die Bezahlung der Reparationen wurde ausgesetzt. Einige Monate später wurde das britische Pfund vom Goldstandard weggefegt, und es setzte ein Run auf den Dollar ein. Darauf folgte eine Welle von Bankenzusammenbrüchen in den USA. Die weltweite Rezession kippte nun in eine Depression. Die europäische Krise riss die ganze Weltwirtschaft mit.

Warum musste es so weit kommen?

Ein Grund war die Komplexität der Krise. Deutschland war bereits 1929, noch vor dem Beginn der Rezession in den USA und dem Börsenkrach in New York, in einer prekären Lage. Die Banken finanzierten sich zu stark mit kurzfristigen ausländischen Krediten, die gesamte Staatsschuld ans Ausland – Reparationen an die Alliierten und angehäufte Schulden an ausländische Banken – betrug bereits fast 80 Prozent, und die grosse Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller war kaum in der Lage, die erforderlichen Sparmassnahmen durchzusetzen. Im Frühling 1930 zerfiel die Regierungskoalition, es folgte ein Präsidialkabinett unter Heinrich Brüning, das keine parlamentarische Mehrheit besass, und im Herbst 1930 gewannen die Nationalsozialisten aus dem Stand 15 Prozent bei der Reichstagswahl.

Aristide Brian

Hatte eine europäische Vision, aber scheiterte bei der Umsetzung: Aristide Brian, französischer Aussenminister (gest. 1932). Foto: Wikimedia Commons

Ein anderer Grund – und das macht die Episode relevant für die heutige Beurteilung – war die Unmöglichkeit, Innenpolitik und Aussenpolitik miteinander in Einklang zu bringen. In Deutschland bestand von links bis rechts ein grosser Konsens, dass man die Reparationen loswerden wollte, aber das war aussenpolitisch unmöglich. In Frankreich bestand zwar beim damaligen Aussenminister Aristide Briand – einem der Vordenker der europäischen Einigungsidee – die Bereitschaft zu einer engeren Zusammenarbeit mit Deutschland, aber er konnte bei den Reparationen aus innenpolitischen Gründen keine Zugeständnisse machen.

Erst im Juni, als Deutschland wegen der sich verschlimmernden Wirtschaftskrise damit drohte, keine Reparationen mehr zu bezahlen, reagierten die anderen Grossmächte. Am 20. Juni erklärte US-Präsident Hoover ein Zahlungsmoratorium für die deutschen Reparationen. Aber es gab nur eine vorübergehende Erholung, wie die folgende Grafik zeigt. Es handelt sich um den Kurs der Young-Anleihe, die im Zusammenhang mit einer Neuordnung der Reparationen 1930 emittiert wurde (u.a. auch an der Zürcher Börse). Der erste Strich markiert den Tag (6. Juni), an dem die deutsche Regierung das Zahlungsmoratorium androhte. Der zweite Strich markiert das Hoover-Moratorium (20. Juni). Der Kurs erholte sich sofort. Doch Mitte Juli, als die deutsche Krise ausbrach, gab es auf den Finanzmärkten kein Halten mehr.

Vielleicht gelingt es bei der aktuellen Krise besser, innen- und aussenpolitische Ziele miteinander zu vereinbaren. Dafür spricht, dass die internationalen Spannungen heute viel weniger gross sind als damals. Und mit der Europäischen Zentralbank (EZB) haben die Euroländer eine Institution, die in der Lage ist, eine Eskalation mindestens vorübergehend zu vermeiden.

Aber die Aufgabe ist immer noch formidabel, und die bisherigen Erfahrungen bestätigen, dass die Euroländer sich nur zusammenraufen, wenn es brennt. Die EZB hat zwar ein frühes Auseinanderbrechen des Euro verhindert, aber damit auch den Druck von der Politik weggenommen. Die Art und Weise, wie die Bankenunion verwässert wird, spricht Bände. Im Juni 2012 hiess es noch, man gehe jetzt ernsthaft daran, die verheerende Verbindung von Bankenkrise und Staatsschuldenkrise zu beseitigen. Davon ist heute kaum mehr etwas übrig geblieben. Wenn die Euroländer eine Wiederholung von 1931 verhindern wollen, müssen sie sich etwas mehr anstrengen.