Der irre Drang nach Überschüssen

Ein Mitarbeiter der MAN Turbo AG arbeitet am 14. Oktober 2009 an Dampfturbinen im MAN Werk in Oberhausen. Der Auftragseingang im deutschen Maschinenbau ist im Oktober 2009 um real 29 Prozent eingebrochen. Das teilte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) am Mittwoch, 2. Dezember 2009, in Frankfurt am Main mit. (AP Photo/Martin Meissner

Deutschlands Überschüsse sind ein Problem: Ein MAN-Fachmann arbeitet in Oberhausen (D) an einer Turbine. (AP Photo/Martin Meissner)

Zwei Zahlen:

  • Deutschland erwirtschaftete im März einen Leistungsbilanzüberschuss von knapp 20,2 Milliarden Euro. Das entspricht dem siebthöchsten Monatswert in der Geschichte des Landes.
  • Die gesamte Eurozone kam im März derweil auf einen Leistungsbilanzüberschuss von 25,9 Milliarden Euro.

Ist das gut?

Gemeinhin wird angenommen, es sei für einen Staat per se erstrebenswert, in seiner Leistungsbilanz – also im grenzüberschreitenden Handel mit Waren und Dienstleistungen – einen möglichst grossen Überschuss zu erzielen. Schliesslich, so die Annahme, bedeutet das nichts anderes, als dass das betreffende Land international enorm wettbewerbsfähig ist und seine Güter auf den Weltmärkten rege nachgefragt werden.

Bestes Beispiel dafür ist Deutschland, das derzeit je nach Wechselkursberechnung den in absoluten Zahlen gemessen grössten Leistungsbilanzüberschuss weltweit schreibt. Hier eine grafische Darstellung der deutschen Leistungsbilanz (monatliche Werte) seit 1970 (Quelle: Bundesbank):

Die Grafik zeigt klar, wie der Leistungsbilanzsaldo Deutschlands während den Neunzigerjahren die meiste Zeit im Defizit lag. Erst ab der Jahrtausendwende, mit der Einführung des Euro, wurde der Saldo wieder positiv – und seither klettert der Wert immer höher.

Ein klares Signal von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Dynamik. Beeindruckend.

Doch so simpel ist es nicht.

Der Saldo in der Leistungsbilanz ist nämlich nichts anderes als die Differenz zwischen den inländischen Ersparnissen und den inländischen Investitionen einer Volkswirtschaft. Die meisten von uns haben irgendwann mal die Gleichung S=I gelernt, Sparen gleich Investitionen. Das stimmt so nur in einer geschlossenen Volkswirtschaft. Aber in einer offenen Volkswirtschaft, die Handel mit anderen Ländern betreibt, gilt S=I nicht, sondern: Sind die Ersparnisse (S) grösser als die Investitionen (I), müssen die Überschuss-Ersparnisse ins Ausland exportiert werden. Und dieser Betrag entspricht per Definition genau dem Leistungsbilanzüberschuss des betreffenden Landes.

Man kann also anders sagen: Ein Land, das einen hohen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet, spart zu viel und investiert zu wenig. Wir haben das Thema in diesem Blogbeitrag mit dem Titel «Weshalb Sparen nichts mit Tugendhaftigkeit zu tun hat» schon einmal aufgenommen – und damals zahlreiche erboste Kommentare dafür erhalten.

Was soll schlecht sein an hohen Ersparnissen? Intuitiv werden hohe Sparquoten in einem Land als gut, tugendhaft eben, angesehen. Wer spart, sorgt vor. Wer spart, hat Reserven für schlechte Zeiten. Wer spart, verprasst nicht sein ganzes Einkommen, als gäbe es kein Morgen.

Das mag alles stimmen, doch bei dieser Argumentation geht eine elementare Unterscheidung vergessen: Die Sparquoten der privaten Haushalte eines Landes sind nicht dasselbe wie die Sparquote der gesamten Volkswirtschaft. Zu Letzterer, also der nationalen Sparquote, zählen nämlich nebst den privaten Haushalten auch die Unternehmen und die staatlichen Institutionen.

Eine hohe nationale Sparquote hat überhaupt nichts mit Tugendhaftigkeit zu tun. Wieso? Das wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, wie sich die nationale Sparquote errechnet: Sie definiert sich als die inländische Produktion von Waren und Dienstleistungen (also das Bruttoinlandprodukt BIP) minus den inländischen Konsum. Eine hohe nationale Sparquote sagt also nichts anderes aus, als dass im Inland viel mehr produziert als konsumiert wird. Unter dieser Betrachtung wird sofort klar, dass eine hohe nationale Sparquote per se keinen Wohlstand schafft. Nur wenn diese Ersparnisse in produktive Investitionen fliessen, erfährt die Volkswirtschaft einen Wohlstandszuwachs. Sind aber, wie eingangs erwähnt, die inländischen Investitionen deutlich niedriger als die inländischen Ersparnisse, wird die Überschussproduktion respektive werden die Überschussersparnisse einfach ins Ausland exportiert.

Das kann für ein Land nicht per se erstrebenswert sein. Ein hoher Überschuss in der Leistungsbilanz ist genauso ein Signal für ein massives Ungleichgewicht in der Volkswirtschaft wie ein hohes Defizit.

Wie der in Peking lehrende amerikanische Ökonom Michael Pettis (in diesem Beitrag haben wir ihn bereits vorgestellt) in seinem Blog einmal mehr sehr eindrücklich beschreibt, ist genau das das Grundproblem der aktuellen Krise in der Eurozone: Deutschland weist ein derart frappantes Missverhältnis zwischen seiner nationalen Sparquote und seinen inländischen Investitionen auf – abzulesen am rekordhohen Leistungsbilanzüberschuss –, dass es seine Überschussersparnisse den anderen Ländern in der Eurozone, etwa Frankreich, und dem Rest der Welt aufbürdet.

Damit die Eurozone wieder ins Lot kommt, ist es nach Ansicht von Pettis unabdingbar, dass Deutschland seinen Leistungsbilanzüberschuss senkt. Vollkommen fehlgeleitet sind dabei jedoch all jene Stimmen, die sich empören, Deutschland dürfe doch seine internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht schwächen. Darum geht es überhaupt nicht. Der Leistungsbilanzüberschuss ist nicht primär Ausdruck von Wettbewerbsfähigkeit, sondern, eben, von einer zu hohen nationalen Sparquote und zu niedrigen inländischen Investitionen.

Deutschland könnte also seine inländischen Investitionen erhöhen oder die nationale Sparquote senken – und beides liesse sich bewerkstelligen: Zu Ersterem zählen beispielsweise staatliche Infrastrukturprojekte (okay, lieber keine neuen Flughäfen in Berlin) oder, noch besser, steuerliche Anreize für Unternehmen, die in Deutschland in neue Produktionskapazitäten investieren. Und weil die nationale Sparquote als BIP minus Konsum definiert ist, kann sie gesenkt werden, indem der inländische Konsum steigt. Wie lässt sich das bewerkstelligen? Nichts einfacher als das: Berlin könnte die Mehrwertsteuer senken, die Steuern für Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen senken (da diese Familien den grössten Teil ihres verfügbaren Einkommens für den Konsum verwenden) oder einen generellen Anstieg des Lohnniveaus in der Wirtschaft zulassen (was derzeit bereits geschieht). All diese Massnahmen würden den inländischen Konsum erhöhen, die nationale Sparquote senken – und den Leistungsbilanzüberschuss verringern.

Keine dieser Massnahmen würde den deutschen Exportsektor wettbewerbs-unfähiger machen, und keine deutsche «Tugend» müsste dafür über Bord geworfen werden.

Das einzige, was dazu nötig wäre, ist ein Eingeständnis, dass Leistungsbilanzüberschüsse nicht primär ein Signal von Stärke, sondern ein Signal von Ungleichgewichten in der inländischen Wirtschaft sind.

Die Links zum Wochenende:

  • Hier ein Kommentar von Stephen Roach zur überraschend kräftigen Abkühlung in Chinas Wirtschaft.
  • Hier ein sehr lesenswerter Kommentar meines Redaktionskollegen Andreas Neinhaus zu den desolaten Arbeitsmarkt-Aussichten in den Euro-Peripherieländern.
  • Und für alle, die am Schweizer Immobilienmarkt interessiert sind: Hier ein erhellendes Interview mit Andreas Bleisch, Ökonom von Wüest & Partner. (Wir bleiben bei unserer bereits Anfang Jahr hier und hier geäusserten Meinung: Der Immobilienmarkt bewegt sich auf immer gefährlicheres Terrain zu.)