Ben Bernanke ist kein Idiot!

Von überall hagelt es heftige Kritik auf den Chef der US-Zentralbank. Selbst Sarah Palin fühlt sich mittlerweile dazu berufen. Grund ist die in der letzten Woche gefällte Entscheidung, mit weiteren 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen aufzukaufen – das so genannte «Quantitative Easing». Auch «Never Mind The Markets» hat sich dem momentan auf den Märkten dominierenden Thema zwei Mal gewidmet (hier und hier).

Nach all dem Trommelfeuer an Kritik hier die Verteidigung: Ben Bernanke ist kein Idiot!

Dass die Deutschen und die Chinesen die US-Politik kritisieren, ist nachvollziehbar: Die zusätzliche Geldschwemme schwächt den Dollar, das heisst deutsche und chinesische Exportprodukte verteuern sich für die Amerikaner.

Ist ein schwächerer Dollar denn ein Übel für die Welt? Die Amerikaner haben bis zur Krise die Weltwirtschaft durch Konsum auf Pump auf Trab gehalten. Ein schwächerer Dollar ist daher ein Schritt hin zu einem grösseren weltweiten Gleichgewicht. Blöd nur: Exportnationen wie Deutschland und China müssen sich dann umorientieren – hin zu mehr Inlandkonsum. Ein schwächerer Dollar macht die Bevölkerung dieser Länder zwar reicher (sie können sich mehr US-Güter leisten), aber der einflussreiche Exportsektor leidet. Ein solcher Wandel braucht Zeit und führt zu Spannungen, national wie momentan vor allem international. So viel zur friedensstiftenden Wirkung von internationalen Wirtschaftsverflechtungen

Kritik kommt aber auch aus den USA selbst und von einigen Ökonomen. Drei Argumente werden am meisten ins Feld geführt:

Argument 1: Die Übung verfehlt ihre Wirkung auf die reale Wirtschaft
Argument 2: Die Übung führt zu einer hohen Inflation
Argument 3: Die Übung führt zu spekulativen Blasen in aufstrebenden Volkswirtschaften

Zuerst eine Klärung: Alle Wirkungen, die man dem «Quantitative Easing» ankreidet – auf die Währung, aufs Preisniveau, auf internationale Kapitalströme –  würden sich schon bei einer ganz gewöhnlichen expansiven Geldpolitik über tiefere Leitzinsen zeigen. Wer will denn eine solche Politik einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von fast zehn Prozent ankreiden?

Um zu verstehen, warum die US-Notenbank diesmal anders vorgeht, muss man wissen, in welcher besonderen Lage sich die grösste Volkswirtschaft der Welt befindet. Sie lässt sich mit dem Begriff «Liquiditätsfalle» umschreiben, hier mehr dazu. Die Leitzinsen sind fast bei null und Banken wie Unternehmen horten das Geld, statt dass sie es in die Wirtschaft fliessen lassen – über Investitionen im Fall der Unternehmen oder über Kredite im Fall der Banken. Die ideale Lösung wären unter diesen Umständen zusätzliche Investitionen des Staates, doch das ist seit den Wahlen in den USA ausgeschlossen.

Argument 1 ist daher das grösste Risiko: Die Geldspritze hat nicht viel Wirkung – am ehesten noch, dass die Aktienkurse steigen und der Dollar fällt. Die US-Notenbank erhofft sich wenigstens über diese Kanäle mehr Nachfrage.

Argument 2 ist die Hoffnung, nicht die Gefahr, auch wenn das Ben Bernanke bei jeder Gelegenheit dementiert (hier oder hier) – immerhin gilt jede Inflation als Teufelszeugs (Thema für ein andermal). Wird wirklich eine höhere Inflation erwartet, lohnt sich das Horten des Geldes nicht mehr und die realen Zinsen sinken. Es wird mehr konsumiert und investiert, das Wachstum legt zu und die Arbeitslosigkeit sinkt – Ziel erreicht! Die Zentralbank muss dann – erst dann – das Geld wieder abschöpfen. Bisher tut sich an der Inflationfront allerdings nichts – leider. (Mehr dazu in diesem und diesem Beitrag von Paul Krugman).

Argument 3 stellt ein Risiko dar, das aber überschätzt wird. Dass Kapital aus reichen Ländern in die aufstrebenden flutet, ist auch eine Folge der deutlich besseren Konjunkturlage bei letzteren (dazu Weltbankchef Robert Zoellick). Das «Quantitative Easing» der US-Notenbank ist die einzige wirtschaftspolitische Massnahme, die den USA noch bleibt. Die ganze Welt kann nur hoffen, dass sie Wirkung zeigt.

Unter dem Strich verbleibt das Fazit:  «Quantitative Easing» ist nicht sexy, die Wirkung dieser Politik bleibt unbestimmt und ist mit Risiken verbunden. Aber:

Ist es eine schlechte Politik, wenn man sie mit ihrer Alternative vergleicht: Gar nichts zu tun?