Warum gibt es so wenige Schweizer Führungskräfte?

Wo bleibt die Verstärkung: Zurich-CEO Martin Senn ist einer der wenigen Schweizer in der Führungsebene der globalen Schweizer Unternehmen. (Keystone/Laurent Gillieron)

Wo bleibt die Verstärkung: Zurich-CEO Martin Senn ist einer der wenigen Schweizer in der Führungsebene der globalen Schweizer Unternehmen. (Keystone/Laurent Gillieron)

Es ist schon lange bekannt, aber bisher kaum systematisch erforscht: der kleine Anteil an Schweizer Führungskräften auf der obersten Etage. Vor 25 Jahren dominierten die Schweizer alle grossen Unternehmen, heute sind sie eine Minderheit. Wie lässt sich dieser schnelle Wandel erklären?

Im Prinzip gibt es nur drei Antworten:

  1. Der Schweizer Pool ist zu klein. Es ist unrealistisch zu glauben, dass die kleine Schweiz die Führungspositionen in den grossen Globalunternehmen zu besetzen vermag. Je stärker die Globalisierung voranschreitet, desto grösser wird der Anteil von ausländischen Managerinnen und Managern werden.
  2. Die Schweizerinnen und Schweizer sind zu bequem und überlassen die anstrengenden Topjobs freiwillig den Ausländern, die ehrgeiziger und besser ausgebildet sind. Umgekehrt machen die talentierten Schweizerinnen und Schweizer häufig Karriere bei ausländischen Grossunternehmen.
  3. Ausländische Seilschaften verhindern den Aufstieg der Einheimischen. Seit die Schweizer sich selber in die Minderheit versetzt haben, haben sie keine Möglichkeit mehr, die Rekrutierung von Führungskräften zu beeinflussen.

Vermutlich sind alle drei Faktoren wichtig, aber man wüsste doch gerne einmal etwas genauer, warum die Schweizer Führungskräfte in den letzten 20 Jahren so stark und so schnell an Einfluss eingebüsst haben. Ich bin um jeden Hinweis auf international vergleichende Studien dankbar. (Ich habe bisher nur die Studie von Eric Davoine aus dem Jahr 2005 gefunden.)

Aus historischer Sicht könnte man einwenden, dass die Frage falsch gestellt ist. Denn in der rund 150-jährigen Geschichte der Schweizer Grossunternehmen spielten Ausländer in wichtigen Phasen immer wieder eine entscheidende Rolle. Die komplette Verschweizerung der obersten Führungsetagen setzte erst wegen der beiden Weltkriege ein. Dass der Nationalisierungseffekt in der langen Friedensphase seit 1945 irgendeinmal wieder abflauen würde, war zu erwarten. Die Dominanz der Schweizer in den Führungsetagen war die Ausnahme, nicht die Regel.

Dazu ein Beispiel. Die Swiss Re, die vor 150 Jahren gegründet wurde, hatte in den ersten 50 Jahren keinen einzigen Schweizer CEO. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand der Verwaltungsrat nach mehreren gescheiterten Anläufen einen geeigneten Schweizer Kandidaten, der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die oberste Stufe erklomm. Von da an war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Direktion hauptsächlich von Schweizern geführt wurde. In den 90er Jahren verschwand dieses ungeschriebene Gesetz wieder.

Allerdings erklärt dieser historische Rückblick nicht, warum die Niederlande und Schweden, die ebenfalls einen hohen Anteil an Grosskonzernen haben, einen deutlich höheren Inländeranteil aufweisen. Vielleicht haben es die Schweizer Firmen schlicht und einfach versäumt, den eigenen Nachwuchs gezielt zu fördern, weil sie immer auf geeignete ausländische Führungskräfte zurückgreifen konnten.