Maggie Thatchers stiller Helfer

10-Pfund-Note. (EPA/Andy Rain)

Margaret Thatcher war immer gegen eine Gemeinschaftswährung: Britische 10-Pfund-Note. (EPA/Andy Rain)

Es klingt verlockend: Die Härte, mit der Margaret Thatcher in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre die britische Wirtschaft auf Vordermann gebracht hat, könnte als Beispiel für heutige europäische Sklerose-Staaten wie Spanien und Italien dienen. Schliesslich geht es damals wie heute um die gleichen Probleme: verkrustete Strukturen, ein ineffizienter Staatsapparat, unflexible Arbeitsmärkte, unnachgiebige Gewerkschaften.

Verlockend, in der Tat. Nur besteht ein gewichtiger Unterschied zwischen Grossbritannien vor dreissig Jahren und den heutigen Euro-Peripheriestaaten.

Zunächst: In einer Sache besteht kein Zweifel. Margaret Thatcher, die am Montag 87-jährig verstorbene ehemalige Premierministerin Grossbritanniens (im Amt 1979-1990) war eine transformative politische Figur. Sie hat vieles richtig gemacht. Sie hat in den frühen Jahren ihrer Amtszeit die Inflation besiegt, 1982 im Falkland-Krieg den Operetten-Generälen aus Buenos Aires die Stirn geboten. Sie hat Staatsbetriebe privatisiert, den Fiskalhaushalt in Ordnung gebracht und, ja, die überaus mächtige Gewerkschaft der National Union of Mineworkers niedergerungen. (Den Big Bang, die Liberalisierung des Finanzsektors 1986, und dessen langfristigen Folgen lassen wir an dieser Stelle mal auf der Seite.)

Aussenpolitisch war Thatcher eine Fackel der Freiheit für die Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern – und sie erkannte weit vor ihrem Buddy Ronald Reagan, dass mit Michail Gorbatschow in Moskau ein verhandlungsbereiter Mann im Kreml sass, zu dem die Annäherung gesucht werden musste.

Sie unterstützte den Single European Act von 1986, der zur Schaffung eines geeinten, freien Wirtschaftsraums in der Europäischen Union führte.

Und sie war eine vehemente Gegnerin der Idee einer Gemeinschaftswährung. Für Margaret Thatcher war stets klar: Ein Staat gibt ein zu wichtiges Stück seiner Souveränität auf, wenn er seine Geldpolitik aus der Hand gibt.

Genau das müssen Italien und Spanien – auch Deutschland – heute schmerzlich erfahren. Sie haben mit der Euro-Mitgliedschaft die Autonomie über ihre Geldpolitik verloren. Und damit kommen wir zum Unterschied zwischen Grossbritannien in den Achtzigerjahren und den heutigen Euro-Problemstaaten. Die folgende Grafik zeigt den Wechselkurs des Pfundes zum US-Dollar (Quelle: St. Louis Fed):

Die relevante Bewegung spielte sich zwischen 1980 und 1985 ab: Im vierten Quartal 1980 kostete ein Pfund gemäss Daten der Bank of England im Mittel 2.39 US-Dollar. Im ersten Quartal 1985 waren es noch 1.12 Dollar. Der Wechselkurs des Pfundes zum Dollar ermässigte sich genau in den Jahren, in denen Thatcher ihren harten Austeritätskurs umsetzte, um 53 Prozent. Die USA waren damals mit einem Anteil von 20 Prozent der mit Abstand wichtigste Handelspartner Grossbritanniens.

Ähnlich sah das Verhältnis zu Deutschland, dem zweitwichtigsten Handelspartner, aus: Anfang 1981 kostete ein Pfund 4.82 D-Mark. Ende 1986 waren es noch 2.83 D-Mark. Das Pfund hatte 41 Prozent an Wert verloren. Gewichtet über alle Handelspartner sank der Aussenwert des Pfundes zwischen 1980 und 1986 um etwas mehr 30 Prozent.

(An dieser Stelle ein kleiner Exkurs: Zur gleichen Zeit machte in Washington der seit 1979 amtierende Vorsitzende der US-Notenbank, Paul Volcker, mit einer extrem restriktiven Geldpolitik der Inflation den Garaus. Das trieb die Zinsen in die Höhe, zog Kapitalflüsse aus dem Ausland an und liess den Dollar massiv ansteigen. Ronald Reagan, Thatchers Gesinnungsgenosse, hätte Volcker am liebsten abgesetzt, aber dazu hatte er keine gesetzliche Grundlage.)

Margaret Thatcher hatte für ihr Austeritätsprogramm einen stillen Helfer: den Wechselkurs. Nebst der internen Abwertung, d. h. den strukturellen Massnahmen zur Wiedererlangung der britischen Wettbewerbsfähigkeit, konnte sie also auch zum Instrument der externen Abwertung greifen. Genau das können die heutigen Euro-Peripheriestaaten nicht. Ihnen steht einzig der brutale Pfad der internen Abwertung offen – mit entsprechend hohen Arbeitslosenraten, die in diesem und diesem Blogbeitrag kürzlich behandelt wurden.

A propos Arbeitslosigkeit: Trotz der stillen Hilfe des Wechselkurses stieg die Arbeitslosenrate in den ersten sieben Jahren der Ära Thatcher stetig an, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: St. Louis Fed):

Als Thatcher 1979 in 10, Downing Street einzog, betrug die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenrate 4,9 Prozent. Ihren Höhepunkt erreichte sie erst im September 1986 mit 11,3 Prozent. Diese lange, zähe Entwicklung ist ein mahnendes Indiz dafür, wie lange es dauert, bis Strukturreformen – auch wenn sie noch so konsequent durchgesetzt werden – sichtbare Früchte tragen. Zu glauben, Italien und Spanien würden das ohne die Hilfe einer externen Abwertung innerhalb von zwei, drei Jahren schaffen, ist absurd.

Die Links zum Wochenende:

  • Mein Redaktionskollege Alexander Trentin zeigt in dieser Analyse anhand der Taylor-Regel, dass die Zinspolitik der EZB gegenwärtig deutlich zu restriktiv ist.
  • Mein Kollege Tommaso Manzin geht hier der Frage nach, weshalb die Zinsen auf französischen Staatsanleihen in den letzten Wochen so deutlich gesunken sind. Eine Erklärung könnte in der Politik der Bank of Japan liegen.
  • In diesem Blogbeitrag haben wir Ihnen im Dezember 2012 gezeigt, wie Japan Europa den Weg weisen wird. Das damals beschriebene Drehbuch – der Yen wird sinken, die japanische Börse kräftig steigen – ist genau wie erwartet abgelaufen. Mein Kollege Gregor Mast zeigt in dieser Analyse, wie das nächste Kapitel des japanischen Drehbuchs aussehen dürfte.
  • Und noch unsere aktuelle Leserumfrage: Nachdem Luxemburg eingeknickt ist – wird das Bankkundengeheimnis auch in der Schweiz, für inländische Kunden, bald fallen? Hier geht’s zur Abstimmung.