Beiträge mit dem Schlagwort ‘WM’

Die skurrilste Zeitmess-Panne

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. Februar 2019

Wie lange noch? An der WM 90 gabs noch keine elektronischen Zeitangaben. (Foto: iStock)

Das Zeitnahme-Theater bei den Weltcuprennen in Crans-Montana ist peinlich. Peinlich im Jahr 2019 und besonders peinlich für das Land der Uhrmacher. Wir sind ja nicht Nordkorea. Aber Pannen kommen vor.

Blenden wir 29 Jahre zurück. WM-Endrunde in Italien. Europa steht unter dem Hooligan-Schock, und die Fifa verbannt Englands Nationalmannschaft für die Vorrunde nach Sardinien. Die italienische Regierung erlässt während der Spieltage ein völlig überrissenes Alkoholverbot über das ganze Land, das erstaunlicherweise weitgehend eingehalten wird. Der gebotene Fussball ist ziemlich trostlos, aber das italienische Wetter und die gute Stimmung sorgen für eine schöne WM. Die Zuschauer stehen im Bann von grossartigen Spielern wie Diego Maradona, Roberto Baggio und Lothar Matthäus, alle im Zenit ihres Könnens. «Un’ estate italiana», der schönste WM-Song aller Zeiten mit Gianna Nannini und Edoardo Bennato, klingt in allen Radios und Stadien.

Italia 90 ist die erste WM mit mobilen Telefonen, schwere, unförmige Dinger, aber sie funktionieren. Ich stehe in Neapel am Spielfeldrand und rufe spasseshalber einen Freund an, der in Baden am Bildschirm sitzt. «Siehst du mich?» – «Ja, ich sehe dich, aber warum zum Teufel spielt ihr noch?» – «Was ist denn los?» – «Ihr spielt schon 8 Minuten zu lang!», schreit der Freund ins Telefon. Ich verstehe gar nichts, denn die Fifa lässt die Matchuhren nach 45 Minuten stoppen, und elektronische Anzeigen gibt es noch nicht. Was ein Videobeweis ist, weiss noch kein Mensch, und auf dem Feld spielen Italien gegen Argentinien. Napolis Maradona gegen den Gastgeber Italien, und dies in Neapel. Niemand schaut auf die Uhr.

Ein Schiedsrichter in Trance – und keiner merkts

Schiedsrichter Michel Vautrot schaut auf die Uhr, aber er merkt nicht, dass sie stillsteht. Der Franzose ist zu dieser Zeit der vielleicht beste seines Fachs und wurde deshalb nicht für den Final, sondern für diesen brisanten Halbfinal aufgeboten. Er ist wie in Trance, völlig absorbiert vom Spiel und den 60’000 Zuschauern im Stadion San Paolo. Er sieht und merkt nicht, dass sein Linienrichter Peter Mikkelsen verzweifelt ständig Zeichen geben will und mit dem Zeigefinger auf seine Uhr tippt. Michel Vautrot lebt sein eigenes Spiel. Irgendwann pfeift er ab, viel zu spät.

Phänomenal war, dass diese unendlich anmutende Überzeit in ganz Italien von niemandem bemerkt wurde, weder von den Zuschauern noch von den Journalisten und schon gar nicht vom Schiedsrichterinspektor. Und zum Glück für Michel Vautrot passiert in dieser Phantomphase nichts, kein Tor, kein umstrittener Entscheid, keine turbulente Szene. In der Garderobe merkt er, dass er auf seiner Uhr die Stopptaste gedrückt und nicht wieder gelöst hat.

Das Spiel endete nach Toren von Toto Schillaci und Claudio Caniggia 1:1, Argentinien gewann das Elfmeterschiessen. Und Michel Vautrot blieb der Tiefpunkt seiner glanzvollen Karriere als Schiedsrichter erspart. Ein Tiefpunkt, der sein Geheimnis blieb.

Wie der Sport mehr für Menschenrechte tun könnte

Guido Tognoni am Montag den 1. Oktober 2018

Alles klar in Katar? Gianni Infantinos Fifa könnte mehr für die Menschenrechtslage tun. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Wie seriös bei der Ausschreibung der Uefa für die EURO 2024 die Absicht tatsächlich war, auch die Menschenrechtslage einer Kandidatur zu berücksichtigen, muss im Nachhinein nicht mehr beurteilt werden. Deutschland war im Vergleich zur Türkei ohnehin die logische Wahl. Dass die Menschenrechte zumindest offiziell thematisiert wurden, ist immerhin erfreulich und lässt die Hoffnung aufkommen, dass die Uefa damit einen Markstein gesetzt hat. Die Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOK), um nur die beiden grössten Dachverbände zu nennen, müssen bei den kommenden Vergaben von Grossereignissen am Vorgehen der Uefa gemessen werden.

Würde die Menschenrechtslage in Kandidatenländern tatsächlich als massgebliches Kriterium berücksichtigt, wäre der Kreis möglicher Veranstalter mit einem Schlag stark eingeschränkt. Denn die Menschenrechte zu respektieren, ist in unserer Zeit für viele Länder ungleich viel schwieriger, als eine sportliche Grossveranstaltung durchzuführen. Andererseits sind es vor allem autokratisch geführte Staaten, die sich immer noch über sportliche Grossveranstaltungen zu profilieren versuchen.

Es braucht eine Kontrollfrist

Die Geschichte hat gezeigt, dass sich durch rein symbolische Akte des Sports die Menschenrechtslage in den betroffenen Ländern nicht ändert. Solange die Wirtschaft mit dem Sport nicht gleichzieht, ist der Druck auf autokratische Regimes zu wenig gross. Was vom Sport in regelmässigen Abständen gefordert wird, macht aber die Wirtschaft nicht mit. Allein schon die Huldigungen der offiziellen Schweiz gegenüber einer Wirtschaftsmacht wie China zeigen, dass der Sport mit seinen Bemühungen im bisherigen Stil allein bleiben wird.

Es gäbe allerdings eine Methode, mit welcher der Sport mit einem Schlag eine neue Ausgangslage schaffen könnte. Wenn beispielsweise die Fifa und das IOK einem Land mit problematischem Umgang mit Menschenrechten eine WM-Endrunde oder Olympische Sommerspiele nur unter der Bedingung zusprechen, dass sich die Menschenrechtslage innerhalb einer bestimmten Frist sichtbar verbessert, ansonsten die Veranstaltung dem betreffenden Land wieder entzogen würde, wären die Menschenrechte nicht ein Kriterium unter vielen, sondern das Wichtigste. Die Inspektoren müssten sich dann weniger um die Stadionbauten (Stadien-Bauen ist längst keine Hexerei mehr) als um die Verbesserung der Menschenrechte kümmern.

Die Grossen könnten einspringen

Zeit für Verbesserungen gäbe es genug. Der Zeitraum von der Vergabe bis zur Durchführung müsste von sechs auf acht oder zehn Jahre erweitert werden, die Spanne für die Verbesserung der Menschenrechtslage würde fünf oder sechs Jahre dauern. In der verbleibenden Zeit könnten Länder wie Deutschland, die USA oder Japan als Ersatzkandidaten jede Grossveranstaltung stemmen.

Es wäre interessant, zu beobachten, ob unter solchen Voraussetzungen sich ein Land wie China um die Fussball-WM 2030 bemühen würde. Und es wäre spannend, zu sehen, wie ein Regime mit dem Druck umginge. Zudem könnte sich der Sport endlich mühelos von der ohnehin unglaubwürdigen These verabschieden, Sport habe mit Politik nichts zu tun.

Wie Blatter die WM 2002 rettete

Guido Tognoni am Donnerstag den 7. Juni 2018

Die Lösung für das WM-2002-Problem hiess für den damaligen Präsidenten Sepp Blatter: Urs Meier. (Foto: Valerie Pinauda)

Jede WM-Endrunde bringt ihre besonderen Geschichten hervor. 1986 in Mexiko beispielsweise Maradonas unvergessliche «Hand Gottes» im Spiel gegen England, 1990 in Italien die Tränen Paul Gascoignes, 1994 in den USA Roberto Baggios Elfmeter in den Nachthimmel von Los Angeles, 1998 die unerklärliche Passivität Brasiliens im Endspiel gegen Frankreich, 2014 das monumentale 1:7-Debakel Brasiliens gegen Deutschland, als die Brasilianer schon bei der Nationalhymne vor dem Spiel zu heulen begannen.

Dazwischen lag 2002 mit dem wundersamen Durchritt der südkoreanischen Mannschaft. Sie beendete vor einheimischem Publikum die Gruppenspiele an erster Stelle. Danach schlug sie in den Achtelfinals Italien und warf in den Viertelfinals gleich auch noch Spanien aus dem Turnier. In beiden Partien spielten die Schiedsrichter eine höchst unrühmliche Rolle. Der später als Drogenschmuggler verurteilte Byron Moreno aus Ecuador benachteiligte Italien krass, der Ägypter Gamal Mahmoud Abdel Ghandour tat danach das Gleiche mit Spanien. Das deutsche Magazin «Focus» schrieb vom «Festival falscher Pfiffe».

Was war da los?

Die WM in Japan und Südkorea war vom Zeitpunkt der Vergabe an politisch belastet. Der damalige Fifa-Präsident João Havelange hatte die Endrunde 2002 längst Japan versprochen, doch die Europäer wollten diesen Alleingang des Brasilianers nicht akzeptieren und unterstützten im Exekutivkomitee den Südkoreaner Chung Mong-joon. Japan musste zähneknirschend in eine geteilte Endrunde mit dem Erzrivalen Südkorea einwilligen, um das Turnier nicht ganz zu verlieren.

Chung Mong-joon war zu dieser Zeit nicht nur Präsident des südkoreanischen Verbandes, sondern wollte das Land auch als politischer Präsident führen. Um seine Präsenz am Fernsehen zu erhöhen, begrüsste er wenn immer möglich die Mannschaften auf dem Feld, und da auch die anderen Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten, mussten die Spieler während des ganzen Turniers vor dem Anpfiff Händedrucke von ihnen völlig unbekannten Funktionären erleiden.

Kein Handschlag, richtiger Entscheid

Was gibt es Besseres für einen Politiker als eine erfolgreiche Nationalmannschaft? Der Durchmarsch der Südkoreaner war für Chung Mong-joon ein Geschenk. Über die Frage, wie dieser Durchmarsch gegen Mannschaften wie Italien und Spanien zustande kam, darf jeder Fussballfan auch heute noch nach Herzenslust spekulieren. Jedenfalls stand Südkorea nach skandalträchtigen Entscheiden der Schiedsrichter im Halbfinal gegen Deutschland. Sollte ein weiteres seltsames Ergebnis bevorstehen, würde es erneut kuriose Schiedsrichterentscheide geben? Diese Situation bereitete Sepp Blatter, der mittlerweile Präsident der Fifa war, einige Sorgen. Ein Finalist oder gar Weltmeister Südkorea wäre ein Ausgang der WM, der zu viele Fragen aufwerfen würde.

Blatter schritt zur Tat und wechselte für das Spiel Südkorea – Deutschland eigenmächtig den vorgesehenen Schiedsrichter aus und Urs Meier ein. Der Schweizer wurde zwar um die Chance des Finalspiels gebracht, verschonte aber dafür das Turnier vor weiteren negativen Schlagzeilen. Südkorea verlor den Halbfinal gegen Deutschland, Chung danach die Wahl zum Präsidenten Koreas. Bei der Verabschiedung der WM-Schiedsrichter gab Chung Mong-joon Urs Meier als Einzigem nicht die Hand. Sepp Blatter hatte richtig gehandelt.

Wichtiger als die Musik und guter Fussball

Guido Tognoni am Donnerstag den 10. Mai 2018

Wäre das Wetter nicht so gut gewesen, würde man die WM 2006 in Deutschland nicht als Sommermärchen bezeichnen. Foto: AP Photo/Markus Schreiber

Die Diskussionen um den musikalischen und vor allem literarischen Gehalt des neuen Schweizer WM-Songs wecken Erinnerungen an ein besonders schönes Lied: «Un’estate italiana» – ein italienischer Sommer, gesungen von den damaligen Stars Gianna Nannini und Edoardo Bennato, komponiert vom Südtiroler Giorgio Moroder. Wem anders als den Italienern kann der vielleicht schönste WM-Song aller Zeiten gelingen? Die WM war jedenfalls musikalisch bestens eingebettet, der Text weckte Träume, Bella Italia war Bella Italia und machte einmal mehr Bella Figura. Der Song wird heute noch gespielt.

Italia ’90 war nicht nur in musikalischer Hinsicht eine aussergewöhnliche WM-Endrunde. Die Fussballwelt stand 1990 immer noch unter dem Schock der Fan-Ausschreitungen, die Katastrophe von Brüssel wirkte auch fünf Jahre später noch nach. England wurde für die Gruppenspiele aus Sicherheitsgründen gleich nach Sardinien verbannt, und in ganz Italien herrschte an Spieltagen Alkoholverbot – eine kulinarisch verheerende Massnahme, aber sie wurde weitgehend eingehalten. Der gebotene Fussball war ziemlich schlecht, jedenfalls in keiner Weise vergleichbar mit dem Angriffsspiel unserer Tage.

Der frühere Schweizer Internationale und Meistertrainer Daniel Jeandupeux machte mit einer privaten Studie und einem Schreiben an den damaligen Fifa-Generalsekretär Sepp Blatter darauf aufmerksam, wie wenig der Ball effektiv im Spiel war. Blatter reagierte, und seither wird der Ball nach Fehlschüssen nicht mehr minutenlang von den Tribünen heruntergeholt, sondern es liegen reihenweise Ersatzbälle bereit. Es war die vielleicht wichtigste Konsequenz aus diesem spielerisch mickrigen Turnier, in dem übrigens Franz Beckenbauer als Bundestrainer mit dem Finalsieg über Maradonas Argentinien den Höhepunkt seines sportlichen Lebenswerks erreichte.

Das Niveau ist zweitrangig

Stören sich die Zuschauer an einer WM-Endrunde am schlechten Niveau? In Italien war das jedenfalls nicht der Fall. Viel wichtiger als guter Fussball ist an einem solchen Turnier das gute Wetter und eine halbwegs manierliche Leistung der Gastgebermannschaft.

Italia ’90 war in dieser Hinsicht ebenso schön wie etwa die WM 2006 in Deutschland, wo das Wetter so gut mitspielte, dass bisweilen der Verdacht aufkam, Gewitterwolken seien mit Wetterraketen vertrieben worden. Ohne dieses Wunderwetter würde man jedenfalls nicht vom legendären Sommermärchen sprechen, welches die Erinnerungen an dieses Turnier prägt.

Wünschen wir uns für Russland schönes, warmes Wetter. Nicht WM-Songs schaffen die Stimmung in den Städten und Stadien, sondern möglichst viel Sonnenschein. Sollte Russland dazu noch hie und da ein Spiel gewinnen, umso besser.

Trump bringt Spannung in die Vergabe der Fussball-WM

Guido Tognoni am Dienstag den 1. Mai 2018

Macht sich für die Kandidatur der USA im Verbund mit Kanada und Mexiko stark und droht den Verbänden, die sie nicht unterstützen wollen: US-Präsident Donald Trump. (AP Photo/Carolyn Kaster)

US-Präsident Donald Trumps Twitter-Mitteilungen werden dereinst in die Geschichte eingehen. Trump schiesst oft schneller, als er denkt, aber seine Botschaften sind zwischendurch erfrischend direkt und undiplomatisch. So bezeichnet er etwa Syriens Diktator Baschar al-Assad als «Tier» und nennt auch in anderen Bereichen Ross und Reiter beim Namen, anstatt sich hinter schwammigem Geschwurbel zu verstecken.

Mittlerweile twittert Donald Trump präsidial auch zum Thema Fussball, genauer zur Vergabe der WM-Endrunde 2026. Für diese sehen sich die Vereinigten Staaten im Verbund mit Kanada und Mexiko als bestens geeignete Kandidatin, auch wenn schon lange vor dem Jahr 2026 an der Grenze zu den Fussballfreunden in Mexiko eine Mauer stehen soll. Offensichtlich ist bis zu Trump vorgedrungen, dass die Kandidatur Marokkos allein schon aus politischen Gründen in der Kampfwahl vom 12. und 13. Juni in Moskau mit guten Chancen antritt. Vor diesem Duell ist Fussballkenner Donald Trump gleicher Meinung wie Fifa-Präsident Gianni Infantino: die USA und ihre Nachbarn sind für eine teure WM-Endrunde besser geeignet als Marokko, ein armes Land, das von Trump in seinem legendären Dreckloch-Staaten-Tweet sicher auch mitgemeint war.

Der Sport ist politisch geworden

Trump lobt nicht nur die Bewerbung der Amerikaner, er droht zugleich jenen Staaten, deren Verbände diese Kandidatur nicht unterstützen, mit Rache. «Warum sollen wir jene Länder unterstützen, die uns nicht unterstützen?», fragt der blonde Mann im Weissen Haus, und bezieht die UNO gleich auch mit ein. Es wäre ein «Schande», wenn jene Länder, die sonst auf die Hilfe der USA zählen, sich gegen deren Kandidatur richten würden.

Trumps Überlegung mag sehr simpe klingen, aber grundsätzlich falsch ist sie deswegen nicht. Dass Länder, die am Tropf der USA hängen, sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht zu einem Ja für die WM-Bewerbung Nordamerikas durchringen werden, könnte ein kurzsichtiges Verhalten sein. Trump ist einer jener Politiker, der sich sichtbar für sein Land einsetzt. Dass dies möglicherweise im Fussball völlig unerwartete Folgen haben könnte, zeigt nur, wie politisch der Sport geworden ist.

Offene Fragen vor der Abstimmung

Und nun wird das Thema interessant: Gibt es in Moskau eine elektronische oder papierene Abstimmung? Wird sie offen oder geheim sein, wird nur das Gesamtergebnis publiziert oder das Stimmverhalten eines jeden Verbandes? Eine elektronische Abstimmung birgt Risiken, da eine Nachzählung von Stimmzetteln nicht möglich ist und echte oder beabsichtigte Pannen nicht ausgeschlossen werden können. Und um die Frage der offenen oder geheimen Stimmabgabe wurde in den vergangenen Monaten hinter den Kulissen heftig gerungen. Ob juristisch bindende Versprechen vorliegen, ist unklar. Es dürfte letztlich im Machtbereich von Fifa-Präsident Gianni Infantino liegen, in diesen Fragen den Kongress am Wahltag mit einem Entscheid zu überrumpeln.

Jedenfalls geben Donald Trumps Drohungen der Wahl durch den Fifa-Kongress eine neue, ungeahnte politische Dimension. Die Beschaffung der Stimmen und deren Abgabe dürften mehr Spannung erzeugen als manches der 64 WM-Spiele.

25 Milliarden für Anlässe, die niemand will

Guido Tognoni am Mittwoch den 18. April 2018
Nachspielzeit

Die Club-WM war bisher eher Pflicht als Kür: Cristiano Rolando hat den Wettbewerb 2016 mit Real Madrid gewonnen. Foto: Yuya Shino (Keystone)

Tollhaus Fussball: Ein internationales Konsortium hat gemäss Enthüllungen der «New York Times» der Fifa den Betrag von 25 Milliarden Dollar – 25 Milliarden! – geboten, um im Gegenzug alle vier Jahre eine Clubweltmeisterschaft durchzuführen und dazu die Rechte an einem globalen Wettbewerb für Nationalmannschaften zu erhalten. Die Club-WM soll 24 Vereine, darunter 12 aus Europa, umfassen, das Format des interkontinentalen Wettbewerbs für Nationalmannschaften wird nicht näher beschrieben.

Zurzeit vermisst kein Fussballfan irgendwelche zusätzlichen Wettbewerbe, aber 25 Milliarden Dollar sind nun einmal auf den Rasen geworfen worden, und wenn Geld im Spiel ist, machen am Ende alle mit. Auch bei der wahnwitzigen Summe von 25 Milliarden werden zuerst die üblichen Einwände – keine Termine, überlastete Spieler – vorgebracht, aber das sind nur symbolische Reflexe, die sich spätestens dann legen, wenn die Verteilung des Geldes zur Sprache kommt. Fifa-Präsident Gianni Infantino wurde von seinem Council vorderhand einzig im Vorgehen gebremst. Angeblich soll die Offerte nur eine Bedenkzeit von zwei Monaten haben, und ein solcher Schnellschuss wurde Infantino nicht zugestanden.

Neid unter Nachbarn

Allein das geforderte Tempo müsste zu denken geben. Wenn zur Eile gerufen wird, ist immer Vorsicht geboten. Zumal der in der Offerte genannte Betrag Fragen aufwirft. Offensichtlich sind da keine Fussballkenner am Werk, denn die Club-WM, bisher mit acht Mannschaften eine wenig beachtete und mehr lästige Pflicht als fussballerische Kür, ist auch mit 24 Mannschaften niemals Milliarden wert. Zudem müssten die Milliarden von den gleichen Fernsehunternehmen wieder eingefordert werden, welche die bereits jetzt bestehenden Wettbewerbe nicht refinanzieren können, nicht zu reden von der immer schwierigeren Suche nach globalen Sponsoren. Und nicht zuletzt wird das beste Fussballprodukt unserer Tage, die Uefa Champions League, durch die Teilnahme von Mannschaften aus Afrika, Asien und Nordamerika keineswegs verbessert, sondern höchstens verwässert.

Was soll das Ganze also? Stecken politische Absichten hinter diesem Projekt? Mit Geld konnte im Fussball schon immer Politik betrieben werden. Man muss daran erinnern, dass die Fussball-WM 2022 in Katar bei den neidischen Nachbarn am Golf nach wie vor wie ein brennender Stachel im Fleisch steckt. Wenn nun gleichzeitig mit der Wahnsinnsofferte für eine erweiterte Club-WM aus dem arabisch-asiatischen Raum die Idee inszeniert wird, dass das Teilnehmerfeld der Endrunde bereits 2022 von 32 auf 48 Mannschaften aufgeblasen werden soll, kann das kein Zufall sein. An Katar 2022 wird hinter den Kulissen seit der Vergabe herumgesägt. Mit der Aufstockung auf 48 Mannschaften könnte das kleine Emirat gezwungen werden, einige Spiele in der Nachbarschaft bei den verfeindeten Brüdern auszutragen – es wäre eine Demütigung für Katar und ein Triumph für Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Früher herrschte das eiserne Prinzip, während des Spiels nicht die Regeln zu ändern. Die Geldsucht hat auch dieses Prinzip aufgeweicht. Man darf gespannt sein, was in Kürze noch alles auf den Fussball zukommt.

Katar und das Millionenversprechen der Fifa

Guido Tognoni am Mittwoch den 8. Februar 2017
Nachspielzeit

Die Fussball-WM 2022 ist etwas in Vergessenheit geraten: Baustelle des Khalifa International Stadium in Doha. Foto: Naseem Zeitoon (Reuters)

Dieser Tage wurde im Wüstensprengel Katar eine historische Tiefsttemperatur gemessen: 1,5 Grad Celsius, die niedrigste Temperatur seit Menschengedenken. Diesem klimatischen Ausreisser, den die Zweifler an der Erderwärmung ebenso bejubeln wie den kalten Januar in der Schweiz, entspricht im Emirat auch die Konjunktur. Sie hat sich in jüngster Zeit derart abgekühlt, dass es in Katar erstmals seit Beginn des Aufstiegs zum weltweiten Wirtschaftsfaktor Entlassungen gibt. Es ist kein Geld mehr vorhanden für zahllose Kongresse über belanglose Themen, nichts mehr für allerlei Verrücktheiten, die Banken sind trocken wie der Wüstensand, und selbst für das Grossprojekt Fussball-WM 2022 wird das Geld nicht mehr mit dem Feuerwehrschlauch ausgegeben. Man kann es auch so sehen: Katar lernt den Umgang mit wirtschaftlicher Vernunft. Das bisherige Überfluss-Paradies wird daran sicher nicht zerbrechen. Es gibt weiterhin Erdöl, und es wird noch sehr lange Erdgas geben.

Zurück zum Fussball: Es sind schon mehr als sechs Jahre vergangen seit dem bizarren Entscheid der Fifa, die WM-Endrunde 2022 in die Wüste zu vergeben. Und es ist ebenfalls sechs Jahre her, seit die Herren des Exekutivkomitees gleich nach der Abstimmung gemerkt haben, dass es Sommer in Katar ziemlich heiss ist. Die Mehrzahl der damaligen Entscheidungsträger ist – aus meist wenig rühmlichen Gründen – nicht mehr dabei, darunter der damalige Präsident Sepp Blatter, der zwar jahrelang mit dem Emir schäkerte, aber nicht für Katar stimmte, und Michel Platini, der als Einziger zugab, dass er den Stimmzettel für Katar einwarf, und dafür auch ausreichend Prügel bezog. Der frühere Spieler Platini war es auch, der sogleich die gloriose Idee aufbrachte, die WM-Endrunde in den Winter zu verlegen.

Bleibt das so? Unter dem aggressiven Polit-Marketing, das gegen Katar (aber nicht etwa gegen das viel repressivere Saudiarabien) seither betrieben wird, und unter der Ankündigung der Massen-Endrunden ab 2026 ist die Datumsfrage in den Hintergrund gerückt. Die seinerzeit lautstark lamentierenden Clubs wurden von Sepp Blatter mit einem Zahlungsversprechen von über 200 Millionen Franken besänftigt – der Vereinsverhandler Karl-Heinz Rummenigge nannte dieses Ergebnis konstruktiv.

Das Problem bleibt allerdings ungelöst: Spätestens, wenn die grossen Ligen sich ernsthaft bewusst werden, was ein mehrwöchiger Unterbruch der Meisterschaften im November und Dezember für ein Chaos hervorruft, ist mit Radau zu rechnen. Der Daten-Tsunami ist vorauszusehen, Sponsoren und Fernsehen werden sich einmischen. Der erfolglose Fifa-Präsidentschafskandidat Jérôme Champagne, ein Kenner des Fussballs, hätte im Falle seiner Wahl das Thema sogleich aufgegriffen. Gewählt wurde bekanntlich Gianni Infantino. Er ist in dieser Frage unbelastet. Dennoch sollte er sie aufgreifen. Selbst die Fifa schaut mittlerweile aufs Geld. Mit einer WM im Frühsommer könnte sich Infantino das 200-Millionen-Versprechen seines Vorgängers ersparen. Und einige weitere Probleme dazu.