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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Schiedsrichter’

Die skurrilste Zeitmess-Panne

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. Februar 2019

Wie lange noch? An der WM 90 gabs noch keine elektronischen Zeitangaben. (Foto: iStock)

Das Zeitnahme-Theater bei den Weltcuprennen in Crans-Montana ist peinlich. Peinlich im Jahr 2019 und besonders peinlich für das Land der Uhrmacher. Wir sind ja nicht Nordkorea. Aber Pannen kommen vor.

Blenden wir 29 Jahre zurück. WM-Endrunde in Italien. Europa steht unter dem Hooligan-Schock, und die Fifa verbannt Englands Nationalmannschaft für die Vorrunde nach Sardinien. Die italienische Regierung erlässt während der Spieltage ein völlig überrissenes Alkoholverbot über das ganze Land, das erstaunlicherweise weitgehend eingehalten wird. Der gebotene Fussball ist ziemlich trostlos, aber das italienische Wetter und die gute Stimmung sorgen für eine schöne WM. Die Zuschauer stehen im Bann von grossartigen Spielern wie Diego Maradona, Roberto Baggio und Lothar Matthäus, alle im Zenit ihres Könnens. «Un’ estate italiana», der schönste WM-Song aller Zeiten mit Gianna Nannini und Edoardo Bennato, klingt in allen Radios und Stadien.

Italia 90 ist die erste WM mit mobilen Telefonen, schwere, unförmige Dinger, aber sie funktionieren. Ich stehe in Neapel am Spielfeldrand und rufe spasseshalber einen Freund an, der in Baden am Bildschirm sitzt. «Siehst du mich?» – «Ja, ich sehe dich, aber warum zum Teufel spielt ihr noch?» – «Was ist denn los?» – «Ihr spielt schon 8 Minuten zu lang!», schreit der Freund ins Telefon. Ich verstehe gar nichts, denn die Fifa lässt die Matchuhren nach 45 Minuten stoppen, und elektronische Anzeigen gibt es noch nicht. Was ein Videobeweis ist, weiss noch kein Mensch, und auf dem Feld spielen Italien gegen Argentinien. Napolis Maradona gegen den Gastgeber Italien, und dies in Neapel. Niemand schaut auf die Uhr.

Ein Schiedsrichter in Trance – und keiner merkts

Schiedsrichter Michel Vautrot schaut auf die Uhr, aber er merkt nicht, dass sie stillsteht. Der Franzose ist zu dieser Zeit der vielleicht beste seines Fachs und wurde deshalb nicht für den Final, sondern für diesen brisanten Halbfinal aufgeboten. Er ist wie in Trance, völlig absorbiert vom Spiel und den 60’000 Zuschauern im Stadion San Paolo. Er sieht und merkt nicht, dass sein Linienrichter Peter Mikkelsen verzweifelt ständig Zeichen geben will und mit dem Zeigefinger auf seine Uhr tippt. Michel Vautrot lebt sein eigenes Spiel. Irgendwann pfeift er ab, viel zu spät.

Phänomenal war, dass diese unendlich anmutende Überzeit in ganz Italien von niemandem bemerkt wurde, weder von den Zuschauern noch von den Journalisten und schon gar nicht vom Schiedsrichterinspektor. Und zum Glück für Michel Vautrot passiert in dieser Phantomphase nichts, kein Tor, kein umstrittener Entscheid, keine turbulente Szene. In der Garderobe merkt er, dass er auf seiner Uhr die Stopptaste gedrückt und nicht wieder gelöst hat.

Das Spiel endete nach Toren von Toto Schillaci und Claudio Caniggia 1:1, Argentinien gewann das Elfmeterschiessen. Und Michel Vautrot blieb der Tiefpunkt seiner glanzvollen Karriere als Schiedsrichter erspart. Ein Tiefpunkt, der sein Geheimnis blieb.

Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Guido Tognoni am Montag den 22. Oktober 2018

Nach Konsultation des Video-Schiedsrichters: Craig Pawson gibt Liverpool einen Penalty gegen West Bromwich Albion – was dessen Grzegorz Krychowiak missfällt. Foto: Phil Noble (Reuters)

Es ist etwas faul mit dem Elfmeter. Elfmeterpfiffe, erfolgte oder ausgebliebene, sind die folgenschwersten Entscheide der Schiedsrichter, und entsprechend herrscht bei der Hälfte der Elfmeterszenen grosse, aber unnötige Konfusion. Mit der Auslegung der Elfmeterregel stimmt zu vieles nicht. Ob Frankreich gegen Deutschland oder Sion gegen die Grasshoppers – jede Woche geben rund um den Globus zahllose Strafraumentscheide zu reden. Und es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Hälfte der Entscheide als falsch einstuft.

Gemäss Regelbuch müsste ein Elfmeter gepfiffen werden, wenn ein verteidigender Spieler in seinem Strafraum ein Foul begeht, das ausserhalb des Strafraums mit einem direkten Freistoss bestraft würde. Das tönt sehr einfach, ist es aber offensichtlich nicht. Anders ist nicht zu erklären, dass selbst Spitzenschiedsrichter grösste Mühe haben, in den Strafräumen einwandfreie Entscheide zu fällen.

Diese Mühe ist erstens eine Folge des Spieltempos, dem das menschliche Auge in unübersichtlichen Situationen, oft mit Fallsucht von Spielern angereichert, kaum mehr folgen kann, zumal fast alle Strafraumszenen unübersichtlich sind. Zweitens lastet bei Strafraumszenen auf den Schiedsrichtern ein immenser Druck, da die Folgen eines Pfiffes ungleich krasser sind als bei irgendwelchen Entscheiden im Mittelkreis. Und drittens ist der Ermessensspielraum des Schiedsrichters beim Elfmeter viel zu gross.

Das subjektive Empfinden des Schiedsrichters

Wenn ein Schiedsrichter-Experte wie Urs Meier am Fernsehen die Elfmeterregel erklärt, tönt alles sehr plausibel. Theoretisch. Praktisch sieht das ganz anders aus. Wenn ein verteidigender Spieler bei einer Grätsche im Strafraum aus einem Meter Distanz einen Ball an den ausgebreiteten Oberarm geschossen erhält, pfeift die Hälfte der Schiedsrichter Elfmeter, die andere Hälfte aber nicht. Anzufügen ist, dass kein normaler Fussballer im Lauf mit den Armen am Körper eine Grätsche anbringen kann.

Ein Fan sieht rot: Schiedsrichter Herbert Fandel pfeift einen Penalty für Schweden in der Qualifikation für die Euro 2008 und wird darauf von einem Anhänger Dänemarks angegriffen. Das Spiel wird abgebrochen und als 3:0-Sieg für Schweden gewertet. Foto: Anders Wiklund (Keystone)

Es gäbe noch mehrere ähnliche Beispiele, bei denen allein das subjektive Empfinden des Schiedsrichters und nicht der objektive Sachverhalt entscheiden. Solches subjektive Empfinden mag in einer Amateurliga zu verschmerzen sein, im professionellen Spitzenfussball, wo einzelne Schiedsrichterpfiffe über Millionen haben oder nicht haben entscheiden, geht das nicht mehr. Natürlich gehören die Diskussionen um die Elfmeter zum Fussball, aber letztlich ist ein fairer Wettbewerb wichtiger als emotionale Aufwallungen, die den Fussball bereichern sollen.

Der Video-Assistent ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel. Umso erstaunlicher ist, wie zögerlich im Milliardenbusiness Fussball eine solche technische Selbstverständlichkeit eingeführt wird. Selbst mit Videobeweis gibt es noch zweifelhafte Entscheidungen. Diese können und müssen hingenommen werden, da es keine besseren Lösungen gibt. Aber die Zeiten, in denen ein einsamer Schiedsrichter als Folge fehlender technischer Unterstützung krasse Fehlentscheide trifft und damit den Spielausgang beeinflusst, müssten im professionellen Spitzenfussball vorbei sein. Den Verzicht auf den Video-Schiedsrichter mit fehlendem Geld zu begründen, ist kein Argument.

Ob er wirklich richtig liegt? Bastian Dankert lässt seinen Penaltypfiff für Bayern München vom Video-Assistenten bestätigen. Foto: Michael Dalder (Reuters)

Vom dem Schiedsrichter sind nicht alle gleich

Guido Tognoni am Donnerstag den 22. Februar 2018
Nachspielzeit

Jeder weiss, wie schnell Arjen Robben zu Boden geht: Der Bayern-Spieler wird am 17. Februar von Wolfsburg-Verteidiger Gian-Luca Itter am Ärmel gezupft. Foto: Swen Pförtner (Keystone)

«Too big to fail» – zu gross zum Scheitern. Dieser Begriff wurde in der Öffentlichkeit vor allem in der Zeit der Finanzkrise mit den wankenden Banken bekannt und sollte erklären, dass Grossbanken auch trotz des Versagens der hoch bezahlten Manager für das Wirtschaftssystem derart wichtig sind, dass man sie nicht in den Konkurs schlittern lassen darf. Hierzulande erinnern wir uns an die UBS, die mit einem kühnen staatlichen Eingriff gerettet worden ist.

Wer sich regelmässig Fussballspiele anschaut, kommt immer wieder nicht um den Eindruck herum, dass es das «Too big to fail» auch im Sport gibt. Zwei Beispiele aus jüngster Vergangenheit: Im Champions-League-Spiel FC Basel – Manchester City wird der Basler Dimitri Oberlin mit dem Ball am Fuss vom Argentinier Nicolàs Otamendi im Strafraum der Engländer rüde gerammt. Im Mittelfeld wäre dieser Bodycheck zweifellos gepfiffen worden, und die Spekulation ist erlaubt, dass das gleiche Foul eines Baslers mit einem Elfmeter bestraft worden wäre. Aber der Pfiff gegen Manchester blieb aus. Statt Elfmeter für Basel, der das Spiel vielleicht in eine andere Richtung gelenkt hätte, folgt der Torreigen der Weltauswahl aus Manchester.

Oder am Wochenende bei Wolfsburg – Bayern München: In der letzten Spielminute dringt der renommierte Bayern-Spieler Arjen Robben in den Strafraum der Wolfsburger ein und wird dort vom unbekannten Verteidiger Gian-Luca Itter am Arm gezupft. Im Mittelfeld hätte Robben diese Berührung kaum gespürt und wäre mit dem Ball am Fuss weitergelaufen. Im Strafraum hingegen bricht der Holländer gleich zusammen, und der Schiedsrichter fällt darauf rein. Nicht zum ersten Mal hat auch der renommierte Franck Ribéry einem Gegner einen Schlag ins Gesicht versetzt, diesmal traf es den wenig bekannten Renato Steffen. Und nicht zum ersten Mal kam Ribéry vom renommierten FC Bayern mit einer Gelben Karte davon.

Der Videobeweis hat nichts geändert

Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Strafraumszenen von den Schiedsrichtern nach wie vor bewertet werden. Das Hilfsmittel Video hat da nicht viel verändert. Und es ist ebenso erstaunlich, wie unterschiedlich die Schiedsrichter einzelne Spieler behandeln. Jeder weiss, wie leicht Arjen Robben in den Strafräumen zu Boden geht, und jeder kennt mittlerweile die unbeherrschten Reaktionen Franck Ribérys. Da wird ein Bodycheck durchgelassen und ein Schlag ins Gesicht ebenso, dort ein Zupfer mit Elfmeter bestraft. Aber Basel ist eben nicht Manchester City, und Wolfsburg ist auch nicht Bayern.

«Too big to fail» gibt es – leider – auch im Fussball. Man könnte darüber Bücher schreiben.

Der Videobeweis ist noch nicht WM-tauglich

Guido Tognoni am Donnerstag den 1. Februar 2018
Nachspielzeit

Das System funktioniert noch nicht reibungslos: Schiedsrichter Patrick Ittrich zieht während des Bundesliga-Spiels zwischen Stuttgart und Bayern München den Videobeweis zurate. Foto: Marijan Murat (Keystone)

Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte eigentlich eine gute Idee, die er mehrfach verkündete: Bei der kommenden WM-Endrunde in Russland soll der Videobeweis zur Anwendung kommen. Der Videobeweis an sich ist eine gute Idee, eine sehr gute sogar, selbst wenn das noch nicht überall so gesehen wird. Aber wie die Dinge liegen, passen diese gute Idee und das wichtigste Turnier des Weltfussballs noch nicht zusammen.

Überall, wo der Videobeweis bis anhin zum Einsatz gekommen ist, gab und gibt es teils überaus heftige Diskussionen. Auch nach zwei Jahren Anwendung ist die Praxis in keiner Weise gefestigt. Allein in der deutschen Bundesliga, der vermutlich bestorganisierten Meisterschaft unserer Zeit, löst eine Debatte die andere ab. Es ist noch immer nicht klar, bei welchen Situationen der Videobeweis zum Zuge kommen soll, und es ist offensichtlich, dass die Verfeinerung der praxisgerechten Anwendung noch einige Zeit beanspruchen wird. Wenn aber in den wichtigsten Ligen der Welt mit den bestausgebildeten Spielleitern jede Woche Diskussionen um die Anwendung des Videobeweises ausbrechen, wie soll das System in Russland funktionieren?

Minutenlange Unterbrüche darf es nicht geben

Selbst wenn die Fifa nur Schiedsrichter aus Deutschland, England und Italien aufböte, würde das nicht klappen. Doch die Fifa muss schon aus politischen Gründen Spielleiter aus aller Welt engagieren. Aber selbst die besten Schiedsrichter Afrikas beispielsweise kennen den Videobeweis nur vom Hörensagen. Dass diese Schiedsrichter ein derart sensibles Thema noch kurz vor der WM-Endrunde in einer Schnellbleiche erlernen und beherrschen können, ist illusorisch. Normalerweise stehen viele Spielleiter allein schon wegen der letzten Instruktionen, die vor einem solchen Turnier für die üblichen Regelanwendungen herausgegeben werden, am Rande der Überforderung. Am Druck, der bei einer WM auf ihnen lastet, sind schon manche Schiedsrichter zerbrochen.

Die Fifa kann sich nicht eine Weltmeisterschaft leisten, bei welcher das Videosystem nicht reibungslos funktioniert. Minutenlange Unterbrüche für die Auswertung der Bilder und Kommunikationspannen unter den Offiziellen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, darf es an einer WM nicht geben. Das erste Palaver würde von den Medien gleich gnadenlos skandalisiert, und Fehlentscheidungen – der Videobeweis vermindert die Fehlentscheidungen, kann sie aber nicht ausschliessen – würden unter diesen Umständen grosse Schatten auf das Turnier werfen.

Der Videobeweis ist eine gute Sache für den Fussball. Aber für das kommende Finalturnier kommt das System zu früh, es fehlt an Erfahrung, klaren Instruktionen und am Personal. Das Absturzrisiko ist für die Fifa zu gross. Das System ist ganz einfach noch nicht WM-tauglich.

Ein Mann statt einer Mauer

Guido Tognoni am Mittwoch den 20. September 2017

Suchte beim Freistoss das Mann-gegen-Mann-Duell: Torhüter André Ter Stegen. (Foto: Reuters/Darren Staples)

Das Bild kennen wir seit ewigen Zeiten: Freistoss aus 18 Metern, die verteidigende Mannschaft bildet eine Mauer, der Torhüter schreit herum und dirigiert, der Schiedsrichter versucht, die reglementarische Distanz von 9,15 Metern durchzusetzen, zwei Schritte zurück, drei nach vorn, wieder zurück. Diskussionen, stossen, schieben, die Spieler stehen sich auf den Füssen herum und rangeln um ihre Positionen, helle Aufregung. Inzwischen kann der Schiedsrichter mit seiner Spraydose das Theater etwas verkürzen. Aber es bleibt jedes Mal ein Theater, das meistens mit einem Fehlschuss endet.

Was erstaunt: Die Leibermauer gehört zum festen Bestandteil des Fussballs, obwohl sie dem Torhüter weitgehend die Sicht verdeckt. Es gibt dann die «Mauerecke» und die «Torhüterecke». Für die Torhüterecke ist der Schlussmann verantwortlich, und wenn der Ball dank Schussfertigkeit des Schützen per Mauerecke ins Netz segelt, war das eben Pech für die verteidigende Mannschaft. Franz Beckenbauer, unter vielem anderem auch als Trainer Weltmeister, hat vor einiger Zeit auf die Frage, was er von der üblichen Leibermauer halte, die dem Torhüter weitgehend die Sicht verdeckt, in seiner für ihn typischen Art geantwortet: «Nu, wo soll ich denn sonst hin mit all den Spielern?»

Direktes Duell zwischen Torhüter und Schütze

Die Mauer gilt offenbar als sakrosankt. Nun aber gab es in Spanien eine Art Weltpremiere, zumindest auf höchster Ebene: Barcelonas Torhüter André Ter Stegen, allein kraft seiner Clubzugehörigkeit sicher kein Anfänger, forderte am Wochenende gegen Getafe nur einen Mann als Hindernis. Dies offensichtlich nicht als Mini-Schutzwall, sondern wohl eher als irritierendes Ärgernis für den Freistossschützen. Also weitgehend freie Schussbahn aufs Tor, dafür auch freie Sicht für den Torhüter. Ein Frei-Stoss eben. Ter Stegen überstand die kleine taktische Revolution ohne Schaden.

Man darf gespannt sein, ob er Nachahmer finden wird. Für den Zuschauer ist ein Freistoss ohne Leibermauer, also ein direktes Duell zwischen dem Schützen und dem Torhüter, sicher spektakulärer als die traditionelle Barrikade vor dem Tor. Und es ist nicht einzusehen, weshalb der Torhüter bei freier Sicht auf den Ball nicht grössere Abwehrchancen haben sollte, als wenn er den Schuss erst im letzten Moment sieht – falls er ihn überhaupt sieht. Rein mathematisch gesehen, dauert die Flugzeit des Balles von der Strafraumgrenze aus 16,4 Metern (18 Yards, genau gemessen) mindestens 33 Prozent länger als beim Elfmeter aus 10,92 Metern (12 Yards), und sie nimmt bekanntlich bei jedem weiteren Meter Distanz zum Tor zu. André Ter Stegen war also nicht nur mutig, sondern er liegt auch physikalisch richtig.

Die Grenzfälle der Masochisten

Guido Tognoni am Montag den 13. Februar 2017
Nachspielzeit

Der richtige Reflex: Dortmunds Goalie Roman Bürki hält einen Penalty im Spiel gegen Hertha Berlin (8. Februar 2017). Foto: Martin Meissner (Keystone)

Gewiss, Roman Bürki hat hervorragend reagiert, als er am späten Mittwochabend im Cupspiel gegen Hertha Berlin nach der Verlängerung den Elfmeter Daridas abwehrte. Nur: Bürki verhielt sich dabei nicht regelkonform und hatte die Torlinie bereits vor der Schussabgabe verlassen. Es gibt nicht viel, auf das die drei Spielleiter bei einem Elfmeter achten müssen, aber die korrekte Position des Torhüters gehört dazu. Ein Goalie darf sich vor dem Schuss zwar bewegen, doch nur seitlich auf der Torlinie und nicht nach vorne.

Die Frage, die sich aufdrängt: Gibt es einen Schiedsrichter, der den Mut hat, in Dortmund vor 80’000 Zuschauern einen vom Dortmunder Torhüter abgewehrten Elfmeter wiederholen zu lassen?

Das Gleiche am Vortag bei Bayern München – VfL Wolfsburg: der bereits verwarnte Münchner Arjen Robben lässt die Wolfsburger einen Freistoss nicht ausführen und schlägt den Ball weg. Ein Spieler aus Freiburg, Darmstadt, Ingolstadt oder Mainz wäre mit einer zweiten Gelben Karte gleich vom Platz geflogen, Arjen Robben hingegen geniesst den typischen Bayern-Schutz, den man beispielsweise bei Franck Ribérys Entgleisungen seit Jahren feststellen kann, und bleibt auf dem Rasen.

Dass die renommierten Teams bevorteilt werden, ist ein weltweites Phänomen und könnte bestimmt statistisch belegt werden. Zwar ist jeder Fussball-Schiedsrichter bis zu einem gewissen Mass ein Masochist, aber muss er sich ohne grosse Not auf dem Platz noch mehr Probleme einhandeln, als er ohnehin hat? Schliesslich hat jeder Spielleiter einen Ermessensspielraum. Weshalb soll er ihn nicht ausgerechnet bei Bayern München wohlwollend ausnützen, wozu soll er in Dortmund das wildeste Stadion Deutschlands gegen sich aufbringen?

Auch Masochisten setzen sich ihre Grenzen.

Der Rüpel hat immer recht

Christian Andiel am Dienstag den 22. März 2016

Wenn Sion-Präsident Christian Constantin schon nicht die ganze Welt erobern kann, will er wenigstens dem Schweizer Fussball jeden Anstand rauben (das Foto entstand bei der Sion-Gala im Februar 2015). Foto: Keystone

Wo ist der Trainer, der einen Spieler nach einer ungeahndeten «Schwalbe» vom Feld nimmt und den Wechsel genau damit begründet, dass er dieses unsportliche Verhalten in seinem Team nicht duldet? Noch besser wäre es, den Spieler dann zusätzlich intern für ein halbes Jahr zu suspendieren.

Wo ist der Sportdirektor des Clubs, der seinen Trainer nicht schützt, sondern kritisiert, wenn er sich offensichtlich daneben benimmt? Wenn er sich also zum Beispiel weigert, auf die Tribüne zu gehen, weil er vom Schiedsrichter dazu aufgefordert wird? Man darf dem Angestellten dann ruhig auch eine Abmahnung erteilen.

Leverkusens Trainer Roger Schmidt legt sich mit dem vierten Offiziellen an. Später sollte er in dieser Partie gegen Dortmund auf die Tribüne, weigerte sich aber und provozierte damit eine Spielunterbrechung. Foto: Keystone

Wo ist der Verband, der einen Clubpräsidenten so hart wie möglich bestraft, wenn er eine Art Kopfgeld auf einen Schiedsrichter aussetzt, ihn nach einem Fehler wegen Betrugs anzeigen will? Am besten zieht man dem Verein empfindlich viele Punkte ab, im Wiederholungsfall wird zwangsrelegiert.

Ach so… diese Strafen sind zu hart, und dann treffen sie auch noch die Falschen … hm, ist natürlich blöd. Aber wer ist denn der Richtige?

Klar, der Schiedsrichter. Wer keine Lobby hat, ist eine arme Sau. Wer aber im Millionenspiel der Suche nach dem eigenen Vorteil den Job hat, die Regeln einzuhalten, der hat keine Lobby. Der darf keinen Fehler machen, selbst wenn man ihn erst in der zehnten Super-Zeitlupe sieht. Der ist höchstens der Hofnarr, der zwar auch dafür angestellt ist, um die bittere Wahrheit zu sagen – der aber halt auch immer Gefahr läuft, geköpft zu werden. (Nicht dass wir hier Christian Constantin auf dumme Gedanken bringen.)

Renato Steffen hingegen, der öffentlich erklärt hat, dass eine «Schwalbe» nicht nur korrekt, sondern dem Erfolg des Teams sogar geschuldet sei, darf weiterspielen. Wo ist also jetzt der Clubpräsident, der den Spieler rauswirft und sich vor den Schiedsrichter stellt, so wie er sonst so gerne die prügelnden Fans seines Clubs verteidigt, weil sie doch Hundertschaften von Einzelfällen sind, die vielleicht noch eine schwierige Jugend hatten?

Fussball verroht nicht wegen mehr Fouls oder zu hartem Einsteigen beim Zweikampf. Fussball verroht, weil der Eigennutz über allem steht, weil rüpelhafte, betrügerische Mittel den Zweck heiligen. Dass das ein Abbild der Gesellschaft ist, stimmt, machts aber nicht besser.


Die «Schwalbe» von YB-Spieler Miralem Sulejmani (die entscheidende Szene ab Minute 3:05). Aber war Sulejmani hinterher der Böse? Nein, natürlich der Schiedsrichter. Quelle: SRF/Youtube

Bleibt noch die Frage: Haben die Blatters, Hoeness’, Platinis und bin Hammams den Fussball nach ihrem Abbild, Denken und ihren moralischen Grundsätzen gestaltet? Sind also die Miralem Sulejmanis und Steffens nur die Vollstrecker all dieses niederträchtigen Lügens, Betrügens und Verarschens aller anderen? Oder verwandelt der Fussball mit seinem Geld, seiner Macht, seiner weltweiten Faszination an und für sich integre Menschen in rücksichtslose Ego-Maschinen und charakterlose Haderlumpen?

Haben wir noch rasch Zeit für das Thema Rudelbildung? Gut, denn wo bleibt der Schiedsrichter, der sich diese Missachtung allen Anstands nicht gefallen lässt und dann halt in einer Partie mal sechs Spieler vom Platz schickt?

Wir werden darauf lange warten müssen. Auf Sky hat Deutschlands einstiger Vorzeige-Schiedsrichter Markus Merk letzthin nach einem Fehlentscheid fast schon vorwurfsvoll gesagt, die betroffene Mannschaft habe schliesslich nicht reklamiert … Steffen, Merk, Sulejmani, Constantin… nur der Rüpel hat im Fussball recht.

FIFA referee Markus Merk pauses before receiving the ethics award of sports of Germany's catholic sports organisation Deutsche Jugend-Kraft (DJK) from Cardinal Karl Lehmann during a ceremony in Mainz June 29, 2007. Merk is honoured for his efforts as soccer referee and his social engagement. REUTERS/Alex Grimm (GERMANY) - RTR1R9TC

Aufruf zur Rudelbildung: Markus Merk war mal Schiedsrichter, jetzt ist er TV-Experte (eine Aufnahme von 2007). Foto: Reuters

Im Reich der wilden Fussballer

Ueli Kägi am Donnerstag den 17. September 2015
Swiss defender Stephan Lichtsteiner, right, speaks to Baris Simsek, Additional assisant referee, left, during the UEFA EURO 2016 qualifying match Switzerland against England at the St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, Monday, September 8, 2014. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Er ist der Rohrspatz auf dem Spielfeld: Stephan Lichtsteiner «diskutiert» mit dem Schiedsrichter. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Der Fussball bedient sich gern Grzimeks «Reich der wilden Tiere». Lionel Messi ist ein Floh (okay, ein kleines wildes Tier). Sven Hotz wollte einen schwedischen Bullen. Gennaro Gattuso war das Nashorn. Berti Vogts der Terrier. Frank Rijkaard ein Lama. Carlos Valderama sah wenigstens aus wie ein Löwe. Stefan Effenberg nannten sie Tiger. Pippo Inzaghi machte die Schwalbe. Edgar Davids spielte den Pitbull. Emilio Butragueño war ein Geier, Sepp Maier die Katze von Anzing, Jack Charlton eine Giraffe und Herbert Prohaska das Schneckerl. Und Stephan Lichtsteiner? Der schimpft nach fast jedem Schiedsrichterpfiff gegen seine Mannschaft wie ein Rohrspatz.

Zugegeben. Auch der Rohrspatz ist so wenig wildes Tier wie das Schneckerl. Spielt aber auch keine Rolle. Der Rohrspatz ist in diesen Zeilen nur Mittel zum Zweck, um endlich auf den Punkt zu kommen.

Es ist mit dem Rohrspatz im Fussball ja wie mit dem Spatz auf der Dachterrasse des Migros-Restaurants. Er hat sich breitgemacht. Rudelbildung kommt vor. Er holt sich, was er kann. Und was er sich einmal an Raum genommen hat, das lässt er sich nur schwer mehr nehmen.

Wer mit Schuld daran ist an diesem Reich der wilden Fussballer? Die Schiedsrichter. Einst wollten sie mit verschärften Regeln antreten und die Faucher, Kläffer, Rammler und Rudelbildner schnurstracks mit Gelb bestrafen. Das war 2005 und 2006. Und erneut 2012. Sie haben leider wenig umgesetzt von ihrem Vorsatz, eigentlich fast nichts. Und so brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es auf dem Fussballplatz manchmal weiterhin zu und her geht wie im Urwald.