Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion

Beiträge mit dem Schlagwort ‘Russland’

Wichtiger als die Musik und guter Fussball

Guido Tognoni am Donnerstag den 10. Mai 2018

Wäre das Wetter nicht so gut gewesen, würde man die WM 2006 in Deutschland nicht als Sommermärchen bezeichnen. Foto: AP Photo/Markus Schreiber

Die Diskussionen um den musikalischen und vor allem literarischen Gehalt des neuen Schweizer WM-Songs wecken Erinnerungen an ein besonders schönes Lied: «Un’estate italiana» – ein italienischer Sommer, gesungen von den damaligen Stars Gianna Nannini und Edoardo Bennato, komponiert vom Südtiroler Giorgio Moroder. Wem anders als den Italienern kann der vielleicht schönste WM-Song aller Zeiten gelingen? Die WM war jedenfalls musikalisch bestens eingebettet, der Text weckte Träume, Bella Italia war Bella Italia und machte einmal mehr Bella Figura. Der Song wird heute noch gespielt.

Italia ’90 war nicht nur in musikalischer Hinsicht eine aussergewöhnliche WM-Endrunde. Die Fussballwelt stand 1990 immer noch unter dem Schock der Fan-Ausschreitungen, die Katastrophe von Brüssel wirkte auch fünf Jahre später noch nach. England wurde für die Gruppenspiele aus Sicherheitsgründen gleich nach Sardinien verbannt, und in ganz Italien herrschte an Spieltagen Alkoholverbot – eine kulinarisch verheerende Massnahme, aber sie wurde weitgehend eingehalten. Der gebotene Fussball war ziemlich schlecht, jedenfalls in keiner Weise vergleichbar mit dem Angriffsspiel unserer Tage.

Der frühere Schweizer Internationale und Meistertrainer Daniel Jeandupeux machte mit einer privaten Studie und einem Schreiben an den damaligen Fifa-Generalsekretär Sepp Blatter darauf aufmerksam, wie wenig der Ball effektiv im Spiel war. Blatter reagierte, und seither wird der Ball nach Fehlschüssen nicht mehr minutenlang von den Tribünen heruntergeholt, sondern es liegen reihenweise Ersatzbälle bereit. Es war die vielleicht wichtigste Konsequenz aus diesem spielerisch mickrigen Turnier, in dem übrigens Franz Beckenbauer als Bundestrainer mit dem Finalsieg über Maradonas Argentinien den Höhepunkt seines sportlichen Lebenswerks erreichte.

Das Niveau ist zweitrangig

Stören sich die Zuschauer an einer WM-Endrunde am schlechten Niveau? In Italien war das jedenfalls nicht der Fall. Viel wichtiger als guter Fussball ist an einem solchen Turnier das gute Wetter und eine halbwegs manierliche Leistung der Gastgebermannschaft.

Italia ’90 war in dieser Hinsicht ebenso schön wie etwa die WM 2006 in Deutschland, wo das Wetter so gut mitspielte, dass bisweilen der Verdacht aufkam, Gewitterwolken seien mit Wetterraketen vertrieben worden. Ohne dieses Wunderwetter würde man jedenfalls nicht vom legendären Sommermärchen sprechen, welches die Erinnerungen an dieses Turnier prägt.

Wünschen wir uns für Russland schönes, warmes Wetter. Nicht WM-Songs schaffen die Stimmung in den Städten und Stadien, sondern möglichst viel Sonnenschein. Sollte Russland dazu noch hie und da ein Spiel gewinnen, umso besser.

Ein WM-Boykott ist keine gute Idee

Guido Tognoni am Donnerstag den 22. März 2018

Derzeit der grosse Bösewicht: Viele wollen Wladimir Putin bestrafen – mithilfe der WM 2018. (Foto: Getty Images)

Wieder einmal sollen Sportler eine Grossveranstaltung boykottieren. Diesmal die Fussball-Weltmeisterschaft in Russland vom kommenden Sommer. Der Ruf wird laut, um Wladimir Putin zu bestrafen, dem die Verantwortung für die Giftattacke auf einen Doppelagenten in England zugeschoben wird. Putin ist zurzeit der grosse Bösewicht, und es gibt einige Gründe dafür, dass ihm diese Rolle zu Recht zugesprochen wird.

Bis jetzt hat Englands Premierministerin Theresa May angekündigt, dass keine Vertreter der Politik an die Endrunde reisen werden. Das ist für Putin keine Strafe, sondern eine Erleichterung; denn die Politiker, die man an einer WM jeweils hegen und pflegen muss, damit sie sich auf der Ehrentribüne dem weltweiten Publikum darstellen können, sind organisatorisch nichts anderes als eine Strafaufgabe. Zudem interessiert sich kein Fussballfan rund um den Globus dafür, welche Politiker einem Fussballspiel beiwohnen und so tun, als ob sie der Ausgang von Russland – Saudiarabien interessieren würde.

Wenn England die WM tatsächlich boykottieren würde (es wird nicht geschehen), könnte sich Wladimir Putin darüber amüsieren, wie sich andere Verbände darum bemühten, die Engländer zu ersetzen. Erster Kandidat wäre Italien, sicher mindestens ein gleichwertiger Ersatz für England und letztlich eine unverhoffte Bereicherung des Turniers.

Sportboykott als einfachste Lösung

Aber der bei politischen Krisen immer wieder auftretende Boykott-Reflex für Sportler ist vom Ansatz her falsch. Grundsätzlich kann ja jeder Fussballer für sich selbst überlegen, ob er an einer Veranstaltung mitspielen will oder nicht, die – je nach Optik – einem missliebigen Politiker oder einem missliebigen System als Propaganda-Veranstaltung dient. Dass jedoch der Sport jedes Mal als Variante für eine solche Demonstrationen herhalten soll, ist die billigste Variante einer Polit-Show.

Es gäbe beispielsweise gute Gründe, Saudiarabien oder die Türkei mit einem weltweiten Waffenembargo zu belegen, aber daran denkt niemand, denn das Geschäft und politische Interessen gehen vor. Der Verzicht auf russisches Erdöl und Erdgas würde Vladimir Putin ernsthafte Probleme bereiten, aber ein solcher Verzicht ist praktisch nicht möglich. Auch bei China, die Diktatur mit dem freundlichen Gesicht, denkt niemand an Embargos und Boykotte. Das Gegenteil ist der Fall, China wird weltweit hofiert. Und wenn US-Präsident Donald Trump gegen einzelne Staaten in seinem Stil auch dort Radau macht, wo es angebracht ist, wird er mehr belächelt als unterstützt.

Wenn also Politiker die Sportler leichtfertig zum Boykott aufrufen, ist grösste Vorsicht angezeigt. Ein Sportboykott ist immer die einfachste Lösung. Sie ist leicht durchzuführen, kostet die Politiker nichts, und umgeht das Risiko, den mächtigen Interessen der Industrie Schmerzen zuzufügen. Aber eben: ein Sportboykott hat die Welt noch nie verbessert.

Der Zar lenkt von der WM ab

Guido Tognoni am Montag den 19. März 2018

Hält den Ball flach: Wladimir Putin drei Monate vor der WM in Russland: Foto: Alexei Druzhinin (Epa, Sputnik/Kremlin Pool)

Diesmal bleibt die Katastrophenberichterstattung weitgehend aus. Während üblicherweise vor Fussball-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die Medien sich mit Meldungen über unvollendete Wettkampfstätten, Korruption, Arbeits-, Umwelt- und Finanzskandale überbieten, bleibt es vor der Fussball-WM in Russland auffallend ruhig, obwohl drei Monate vor Beginn der Endrunde die meisten Stadien noch Baustellen sind.

Für diese Schonung gibt es mehrere Gründe. Einerseits ist es für Journalisten nicht besonders lustig, nach Russland zu fliegen und die Stadien nach dem Bauverzug abzuklappern. Zudem bleiben interne Probleme in Russland auch wirklich intern, und nicht zuletzt sorgt Russlands unumschränkter Zar Wladimir Putin ausserhalb des Sports für derart viele Schlagzeilen, dass die Medien mit Negativthemen über Russland bereits ausreichend versorgt sind. An Russlands Stelle bietet sich zusätzlich Katar 2022 weiterhin für negative Berichterstattung an. Damit kann die kritische Dosis gewahrt werden: Das bissige Riesenreich wird zwar geschont, dafür der unbeholfene Mikrostaat am Golf medial geprügelt.

Die WM ist ein TV-Event

Ungeachtet der negativen Begleitmusik haben alle Grossereignisse der vergangenen Jahrzehnte planmässig stattgefunden, und die wahren Probleme, insbesondere die fragwürdige Hinterlassenschaft in Form von unbrauchbaren Stadien und anderen Millionengräbern, verblassen hinter der Jagd nach neuen Themen. Das wird auch in Russland und Katar so sein. Russland wird als WM der vielen Reisen in Erinnerung bleiben, Katar als Kontrastprogramm als Turnier der kurzen Wege, an dem trainierte Fussballfans die drei Spiele pro Tag gleich mit dem Velo besuchen können.

Und seien wir ehrlich: Ob bis zum ersten Anpfiff einer Fussball-Weltmeisterschaft die Stadien bis zur letzten Rille baulich vollendet sind oder nicht, spielt keine Rolle. Die sportlichen Mega-Events sind längst Fernsehspiele geworden. Einerseits sieht der Zuschauer den Sport am Fernsehen besser als an den Wettkampfstätten, andererseits muss ein Sportfest vor allem am Bildschirm einen guten Eindruck hinterlassen, wofür im Fussball bei Bedarf auch der Rasen grün bemalt wird oder die Tribünen nur dort gezeigt werden, wo sich Zuschauer befinden. Was für die Werbung und die gesamte Ausstrahlung eines grossen Sportereignisses zählt, ist nicht der Komfort der Zuschauer in den Stadien, sondern die Anzahl Millionen, die sich zu Hause am Bildschirm amüsieren. Die Fans in den Stadien dienen vor allem als Kulisse: Sie sollen Eintritt zahlen, reichlich Bier konsumieren und für gute Stimmung sorgen.

Das tönt zynisch, ist es aber nicht. Jeder, der für sein Fussball-Erlebnis ins Stadion geht, tut das freiwillig. Zudem hat jeder Fussballfan auch eine masochistische Ader, ob er nun nach Moskau, St. Petersburg, in den Letzigrund oder ins Stade de Suisse pilgert. Die wahren Helden der kommenden WM fliegen nach Jekaterinburg, um sich Ägypten – Uruguay anzusehen. Oder nach Saransk für den Kracher Panama – Tunesien. Und die Erwartung, Schweiz – Costa Rica in Nischni Nowgorod würde weltweit die Massen in Bewegung setzen und automatisch das Stadion mit 44’899 Zuschauern füllen, wäre auch etwas gewagt.

Sind 50’000 Zuschauer wenig oder viel?

Guido Tognoni am Dienstag den 20. Juni 2017

Tolle Kulisse: Das Confederations-Cup-Spiel Russland gegen Neuseeland in St. Petersburg am 17. Juni 2017. (Foto: Reuters/ Carl Recine)

Man kann über den Confederations Cup denken, wie man will, man kann ihn als gut, schlecht oder einfach belanglos bewerten. Der als WM-Hauptprobe deklarierte Wettbewerb hatte es in Europa schon immer schwer, Anerkennung zu finden. Und Europa gibt im Fussball nun mal den Takt an.

Wenn ein solches Turnier wie dieser Tage zudem im politisch belasteten Russland stattfindet, regnet es aus vielen Ecken noch mehr Kritik. Allerdings ist nicht jede Kritik nachvollziehbar. So wurde in den Medien mehrfach genüsslich rapportiert, dass beim Eröffnungsspiel Russland – Neuseeland das Stadion in St. Petersburg nicht voll war. Dass Wladimir Putin in den Rängen Lücken sehen musste.

Mit oder ohne Putin?

Das Stadion war tatsächlich nicht voll. Aber um Himmels willen, wer will denn Russland gegen Neuseeland spielen sehen, mit oder ohne Putin? Russlands Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren eine jammervolle Negativbilanz hingelegt, und Neuseeland trat mit der grossartigen Referenz eines Ozeanien-Meisters an, also als Meister jener Konföderation, aus der das Gründungsmitglied Australien im Jahr 2006 geflüchtet ist, um gegen asiatische Konkurrenz besseren Fussball zu erleben, statt gegen Fidschi, Tonga, Kiribati und Papua-Neuguinea nette Reiseabenteuer hinter sich zu bringen. Und bei Russland gegen dieses Neuseeland wollten in St. Petersburg immerhin über 50’000 Zuschauer dabei sein. Das Glas war also weit mehr als halb voll. Und 33’000 Fans bei Kamerun – Chile in Moskau sind auch nicht so schlecht.

Nochmals die Frage: Würden Sie für die Schlager Mexiko – Neuseeland, Kamerun – Australien oder Neuseeland – Portugal in Zürich, Basel oder Bern Eintritt bezahlen? Würden Sie wenigstens hingehen, wenn Sie ein Gratisbillett erhielten? Würden Sie, im Schweizer Sommer, immerhin am Fernseher sitzen, wenn Mexiko für den Fussballschocker gegen Neuseeland aufläuft?

50’000 Zuschauer für ein Spiel wie Russland – Neuseeland sind eine tolle Kulisse. Dies in einem Land, in dem die grosse Mehrheit der Leute weder vom Fussball noch vom Leben verwöhnt wird. Ob das Stadion nun voll war oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle.