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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Neymar’

Für einen Leonardo kriegt man zwei Neymars

Guido Tognoni am Donnerstag den 14. Dezember 2017
Nachspielzeit

Solange die Ölscheichs im Geld schwimmen, wird der Transferwahnsinn weitergehen: PSG-Star Neymar. Foto: Jean Catuffe (Getty Images)

Es war der Transfercoup des Jahres. Die Züglete des Brasilianers Neymar von Barcelona nach Paris schüttelte die Sportwelt durch, denn die Transfersumme von 222 Millionen Euro schien zu fabelhaft, um wahr zu sein. Eine Schnapszahl, die aus einer spassigen Laune in den Vertrag eingesetzt worden war in der festen Erwartung, dass eine solche Summe für zwei muskulöse Beine und Zauberfüsse ohnehin niemand bezahlen würde. Aber jene Manager und Clubverantwortlichen, welche in grösster Munterkeit diese Ablösesumme in den Vertrag eingesetzt hatten, rechneten nicht mit den Massstäben der Scheichs aus der Golfregion. Was gekauft werden kann, wird gekauft, und Neymar hatte einfach einen höheren Preis als andere Starspieler. Seither wird lebhaft darüber diskutiert, ob Neymar Paris schön findet und ob sich die Stars inner- und ausserhalb des Rasenvierecks lieb haben.

Dass die katarischen Eigentümer von Paris Saint-Germain mit dem Neymar-Transfer die Besitzer von Manchester City, ihre Rivalen aus dem benachbarten Abu Dhabi, finanziell übertrumpfen konnten, war ein durchaus willkommener Nebenaspekt. Die Rivalität zwischen Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist derart ausgeprägt, dass sie nicht nur sportliche, sondern auch politische Dimensionen annimmt. Ohne diese Rivalität gäbe es die aktuelle regionale Krise unter den arabischen Brüdern am Golf nicht.

Foto: Für den «Salvator Mundi» bezahlte ein Bieter 450 Millionen Dollar. VCG Wilson/Corbis (Getty Images)

Neymar ist wenigstens echt

Im Sport schaden solche Rivalitäten niemandem. In der Kultur ebenso nicht. Auch bei den schönen Künsten herrscht unter den neidischen Scheichs am Golf ein grosser Wettbewerb. Kulturpuristen mögen über die modernen Ausstellungspaläste und die zusammengekauften Bildersammlungen die Nase rümpfen, aber was ist dagegen einzuwenden, dass auch die Scheichs am Kulturbetrieb teilhaben wollen? Es gibt dümmere Formen des Geldausgebens. Auch für die Bildersammler wurde vor kurzem ein neuer Weltrekord gesetzt: 450 Millionen Dollar für einen bisher unbekannten Leonardo da Vinci. Das Bild soll für den neuen starken Mann Saudiarabiens, den Kronprinzen Mohammed Bin Salman, kurz MBS, ersteigert worden sein. Zur Schau gestellt wird das Werk «Salvator Mundi» in Abu Dhabi.

Grob gerechnet kostete der Leonardo zweimal so viel wie der Neymar. Hier, fast unvergänglich, Stoff und Farbe, dort ein Sterblicher aus Fleisch und Blut. Doch der Unterschied besteht nicht nur in der Materie und im Preis: Der Neymar ist echt, beim Leonardo, dem doppelten Neymar, kann der Höchstpreis die Echtheit nicht mitliefern. Sie ist umstritten.

Trainingsverbot für Neymar!

Guido Tognoni am Donnerstag den 3. August 2017

Grundsätzlich müsste Neymar über die Strassen getragen werden, um auch Verkehrsunfälle auszuschliessen. Foto: Mike Segar (Reuters)

Nun soll er also vollzogen werden, Neymars Gaga-Transfer von Barcelona nach Paris. Die 222 Millionen Ablösesumme, die in dieser Form wohl eher als Scherz denn als realistische Erwartung in Neymars Vertrag eingebaut worden waren, sind für die Erdgas-Krösusse aus Katar kein Problem. Und die Frage, ob diese Zahlung allenfalls gegen die Uefa-Vorschriften verstösst, wird sicher auch bald im Sinne der Araber gelöst werden, falls sie sich überhaupt stellt. Schliesslich kann wohl niemandem verboten werden, einem Club 222 Millionen zu schenken.

Kein Körperkontakt

Barcelona will gemäss Medienberichten auf der vollen Summe beharren und nicht über irgendwelche Rabatte verhandeln. Das ist normal, denn wozu soll Barcelona Geschenke verteilen? Stattdessen sollte Barcelona alles daransetzen, dass die 222 Millionen so bald wie möglich fliessen. Dazu gehört eine ganz simple Massnahme: Trainingsverbot für Neymar, bis der letzte Dollar oder Euro in Barcelona auf dem Konto liegt. Denn wenn zwei Beine so viel Geld einbringen, darf das Projekt nicht noch durch vermeidbare Unfälle gefährdet werden. Paris Saint-Germain soll keinerlei Möglichkeit erhalten, aus irgendwelchen Gründen plötzlich doch noch aus der Zahlungsverpflichtung auszusteigen. Also nur Dehnungsübungen für Neymar, kein Körperkontakt im Training, keine Schüsse aufs Tor, die eine Zerrung herbeiführen könnten. Grundsätzlich müsste Neymar über die Strassen getragen werden, um auch Verkehrsunfälle auszuschliessen. Bis er bezahlt ist, gehört der Brasilianer wie die kostbarsten Kunstwerke behandelt, wie die Van Goghs, Monets, Picassos oder Klimts, also nur noch mit Samthandschuhen angefasst und erdbebensicher aufbewahrt.

Zumal es bei Neymar keine Zweifel und Expertenstreite gibt: Neymar ist echt.

Wahnsinn mit Fortsetzung

Guido Tognoni am Donnerstag den 27. Juli 2017

Goldjunge: Was ist Neymar wert? 200 Millionen, 250 Millionen? Warum nicht 300 Millionen? Foto: Patrick Semansky (AP Photo, Keystone)

Zu den wenigen Vorteilen des Rentenalters gehört, dass man einigermassen den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat. Und wer den Überblick über die vergangenen Jahrzehnte hat, der stellt fest, dass sich in den letzten 50 Jahren tausendmal die Phase wiederholt hat, in der die Fussballpräsidenten und die Medien verlauten liessen, so gehe es nicht mehr weiter. Die wiederkehrende Phrase in der regelmässigen Phase also. Gemeint waren und sind vor allem die Transfersummen im Fussball, aber auch das Geschäftsgebaren in anderen Sportarten. Und obwohl der Europäische Gerichtshof 1995 versucht hatte, mit dem Urteil im Fall Bosman ein Exempel gegen die Transferzahlungen zu setzen, ging es bald danach mit den grossen Summen erst richtig los. Seither wechseln die Spieler den Verein nicht erst bei Vertragsende, sondern während eines laufenden Arbeitsverhältnisses.

Auch Bayern begrenzt sich nicht

«So kann es nicht weitergehen», lautet seither alle Jahre wieder die Losung. Dieses Pflichtbekenntnis glauben inzwischen nicht einmal mehr jene, die es regelmässig aussprechen. Auch Uli Hoeness, ebenfalls seit Jahrzehnten ein Mahner im Weltfussball, redet heute wieder einmal von «Wahnsinn». Aber Bayern München hat in der Vergangenheit nicht sonderlich viel getan, um die Ausgaben für den Einkauf von Spielern glaubhaft zu begrenzen. Zwar holen die Bayern keinen Messi oder Ronaldo oder Neymar, aber dafür zahlen sie für andere Spieler, die sie eiligst zu Hoffnungsträgern stilisieren, objektiv schwer vertretbare Summen. Falls man in diesem absurden Spiel überhaupt von objektiv reden kann, denn wenn Pep Guardiola oder ein Scheich einen Spieler zu welchem Preis auch immer will, ist das ein sehr subjektives Ereignis. So kostete beispielsweise der 18-jährige Renato Sanches (Benfica Lissabon) die Bayern 35 Millionen Euro. Hat jemand diesen Spieler in der vergangenen Meisterschaft gesehen?

Nichts mit der Basis zu tun

Der vielbeklagte Wahnsinn wird weitergehen, sei es mit den Transfersummen, den Salären oder gleich mit beidem. Offenbar gibt es ausreichend viele Leute, die leicht verdientes Geld ebenso leicht und ziemlich spekulativ auszugeben bereit sind. Gestern die Amerikaner, heute die Araber und Chinesen, morgen wohl die Inder, irgendwann die Mongolen. Der Fussball an der Spitze ist längst eine Industrie, die sich selbst antreibt und am Leben erhält. Mit dem Fussball an der Basis hat das nichts mehr zu tun. Aber die Bedenken, dass sich die Fans von diesem Treiben abwenden würden, waren bisher falsch. Der Fussball zieht gesamthaft mehr denn je zuvor.

Ist das alles so schlimm? 200 oder 250 Millionen für Neymar, oder warum nicht gleich 300 Millionen? Es ist in der Tat völlig absurd. Aber Wahnsinn hin oder her – es lässt sich bis heute niemand finden, der unter solchen Auswüchsen ernsthaft leidet.

Wann kommt die Transfersteuer der Fifa?

Guido Tognoni am Mittwoch den 5. April 2017

Neymar ist der aktuelle Kandidat für einen 200-Millionen-Euro-Transfer. Foto. Paulo Whitaker (Reuters)

Der erste 200-Millionen-Transfer der Geschichte ist nur eine Frage der Zeit. Der unter dem Namen Silva Santos Junior unbekannte und als Neymar sehr bekannte Stürmer des FC Barcelona ist der wahrscheinlichste Kandidat, um diese irre Summe zu bewegen. Und als Käufer kommt noch vor den englischen oder chinesischen Bietern Real Madrid infrage, dies allein schon, weil niemand den FC Barcelona lieber ärgern möchte als der ewige Rivale aus der Hauptstadt.

Neymars Transfersumme soll vorderhand noch auf 190 Millionen Euro festgeschrieben sein. Doch wer 190 Millionen für zwei gut trainierte Beine ausgibt, der kann gleich auch fünf Prozent mehr und damit 200 Millionen hinlegen und die entsprechenden Schlagzeilen ernten. Falls Fussball vernünftig wäre (er ist es nicht): Jeder Verein, dem für einen Star 200 Millionen Euro angeboten wird, müsste diesen Spieler sogleich mit einem Trainingsverbot belegen, damit er sich nicht noch verletzen kann, bevor der Transfer vollzogen ist.

Im obszönen Bereich

Es ist nutzlos, sich über das verrückte Treiben auf dem Transfermarkt auszulassen. Das Geld ist offenbar vorhanden, und seitdem China das Prestige des Fussballs erkannt hat, sind die Lohn- und Transfersummen ohnehin noch mehr in jenen obszönen Bereich gestiegen, in dem sie angelangt sind, seitdem das Fernsehen dem Fussball als Geldmaschine dient. Die Summen sind einzig halbwegs vergleichbar mit jenem Geld, das in der Kunst für angesagte Maler ausgegeben wird. Mit dem Unterschied allerdings, dass ein Neymar echt ist, was man nicht von jedem teuer erstandenen Van Gogh sagen kann.

Skala von 1 bis 5 Prozent

Was soll die Fifa machen? Soll sie eingreifen und Höchstlimiten ansetzen mit dem Ergebnis, dass sogleich Wege gefunden werden, um diese Vorschrift zu umgehen? Die Transfersummen gleich abschaffen würde die Falschen treffen und die Löhne nur noch mehr erhöhen. Zudem ist davon auszugehen, dass bei einem Verbot der Transfersummen die Gelder einfach unter dem Tisch die Hände wechseln würden. Es bleibt eine dritte, die wohl vernünftigste Option: Die Fifa besteuert die Transfers, und zwar möglichst progressiv, beispielsweise mit einer Skala von 1 bis 5 Prozent, je nach Höhe der Summe. Die Einnahmen wären beträchtlich, Projekte für die sinnvolle Verwendung des Geldes sind leicht zu finden.

Die Versuchung der Steuerhinterziehung wäre im Fussball natürlich nicht kleiner als anderswo. Aber die Fifa hätte es in der Hand, die Fehlbaren umso drastischer zu bestrafen. Sie müsste es nur wollen.