Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle erscheinen keine weiteren Beiträge. Auf alle bereits erschienenen Artikel können Sie nach wie vor zugreifen.
Herzliche Grüsse, die Redaktion

Beiträge mit dem Schlagwort ‘Nachwuchs’

Die ständigen Hoffnungen aus der Ferne

Guido Tognoni am Donnerstag den 31. Januar 2019

Es ist noch kein Meister auf den Rasen gefallen: Letzikids-Camp des FC Blue Stars und des FC Zürich. (Foto: Keystone/Gaetan Bally)

Das Zürcher Fussballpublikum sollte sich – so ist zu hoffen – in der Rückrunde an neue und junge Spieler gewöhnen: Aly Mallé (Grasshopper), Salah Aziz Binous, Leven Kharaladze und Nicolàs Andereggen (alle FCZ) heissen die Hoffnungsträger, von denen nur Nicolás Andereggen vom Namen her an Nachfahren der Schlacht am Morgarten erinnert. Aber auch er kommt aus fernen Landen, nämlich aus Argentinien. Alle diese Spieler sind 18, 19 oder 20 Jahre alt. Die beiden Zürcher Clubs machen nur das, was von Bayern München bis Liverpool alle Vereine tun: Sie schürfen im Ausland nach Rohdiamanten. Solche sind bekanntlich selten, und ob ein Spieler vom Rohzustand zum Schmuckstück geschliffen werden kann, bleibt offen. Die Ausfallquote, gleichbedeutend mit zerstörten Hoffnungen von jugendlichen Spielern, die Nachfolge Messis und Ronaldos antreten zu können, ist sehr gross.

Wenn man sich die Namen der neuen Spieler von GC und des FCZ vor Augen hält, drängen sich zwei Fragen auf: Ist das Reservoir an förderungswürdigen Nachwuchstalenten, die aus dem Balkan stammen, in der Schweiz zu Fussballern ausgebildet worden sind und unseren Fussball immer noch prägen, am Versiegen? Wenn ja, würde das heissen, dass der Heisshunger auf Fussball bei der neuen, in der Schweiz aufgewachsenen Generation bereits gestillt ist? Anders gefragt: Hat unser Wohlstand die jungen Sportler aus dem Balkan bereits ebenso geprägt wie die ursprünglichen Schweizer?

Zu wenig Geduld mit dem eigenen Nachwuchs?

Es ist ein seltsames und bemerkenswertes Phänomen, wie sehr im Clubfussball die Mannschaften von ausländischen Spielern geprägt werden. Wenn etwa die Grasshopper keinen Schweizer Namen in der Startelf aufführen, stehen sie und andere Schweizer Clubs beileibe nicht allein da. Legendär sind die Aufstellungen von Arsène Wenger bei Arsenal, in denen sich oft kein britischer Spieler befand. Aber auch etwa bei Borussia Dortmund sind die Schulzes und Kunzes mittlerweile fast seltener als die Schweizer Namen. Und wie viele eigene Spieler bringt Bayern München aus der aufwendigen und als vorbildlich bezeichneten Nachwuchsbewegung in die erste Mannschaft hervor? Sie sind über Jahre hinweg an einer Hand abzuzählen. Stattdessen kaufen auch die Bayern für Millionen Jugendliche aus dem Ausland.

Die Debatte, ob sich eine Nachwuchsabteilung lohnt (sie lohnt sich rein kaufmännisch nicht), ist nutzlos. Allein als Fabrik der Träume für die Jugend hat die Nachwuchsarbeit eines jeden noch so kleinen Clubs eine wichtige soziale Aufgabe, ganz abgesehen von den sportlichen Ergebnissen. Der Unterschied zwischen Nachwuchsspielern aus den eigenen Reihen und zugekauften vermeintlichen oder echten Talenten besteht vor allem in der Geduld. Wenn die Jungen aus dem eigenen Nachwuchs auf gleich viel Geduld und Nachsicht zählen könnten, wie die Clubs mit eingekauften Spielern üben, wäre die Erfolgsquote grösser. Nicolás Andereggen ist Mittelstürmer, 19 Jahre alt und bringt statistische Werte mit vielen Nullen in die Schweiz mit. In einigen Monaten werden wir die Frage beantworten können, ob Willi Huber aus Schwamendingen, Benjamin Meier aus Wiedikon oder Peter Rüdisühli aus Affoltern die gleiche Chance wie der zugekaufte Hoffnungsträger aus San Jeronimo Norte verdient hätten.

Das Märchen von Youssoufa Moukoko

Guido Tognoni am Freitag den 15. September 2017

Youssoufa Moukoko beim U-16-Match Österreich-Deutschland (13. September 2017). Foto: Jakob Gruber (Keystone)

Erinnert sich noch jemand an Freddy Adu? Das war jener junge Mann, der als 14-Jähriger in den USA und danach weltweit als Fussball-Wunderkind gefeiert wurde. Die Sportjournalisten überschlugen sich vor Begeisterung und kündeten Freddy Adu als neuen Pelé an. Adu, gemäss eigenen Angaben am 2. Juni 1989 in Ghana geboren, erhielt als Teenager von Nike einen bestens dotierten Ausrüstervertrag. Man hätte glauben können, der Weltfussball habe einen neuen Messias gefunden.

Der damals vermeintlich 14-Jährige Freddy Adu. Foto: Mitch Jacobson (EPA, Keystone)

Freddy Adu spielte für die USA gleichzeitig in der Nationalmannschaft U-16 und U-20 und nahm an beiden von der Fifa organisierten Weltmeisterschaften teil. Niemand fand das aussergewöhnlich. Das heisst: Niemand wagte, auszusprechen, dass da mit dem Alter etwas nicht stimmen könnte. Dabei würden 9,9 von 10 Fussballtrainern bestätigen, dass ein 16-Jähriger nicht auf Weltebene in der Auswahl der besten 20-Jährigen eine Rolle spielen kann. Aber das Märchen von Freddy Adu und die Marketing-Begleitmusik vernebelten jeden Ansatz von Kritik. Freddy Adu musste die neue Fussball-Ikone sein.

Vor 10 Jahren erhielt Adu folgerichtig einen Vertrag in Europa, von Benfica Lissabon. Was folgte, war ein einziger Abstieg, eine Ausleihe nach der anderen, und heute ist Freddy Adu mit offiziell 28 Jahren vereinslos. Als er mit Erwachsenen spielen musste, war er ohne Chance. Anders ausgedrückt: Er hatte (aus juristischen Gründen muss man sagen: vermutlich) bald einmal keinen Altersvorsprung mehr und reihte sich in die vielen afrikanischen Spieler ein, die sich mit falschen Altersangaben und dem im Jugendbereich entscheidenden biologischen Altersvorsprung eine Karriere in Europa ebnen wollten und wollen.

Es ist bizarr

Heute heisst das neue Wunderkind Youssoufa Moukoko. Seine Vorfahren lebten zu Bismarcks Zeiten sicher noch nicht in Deutschland, aber nun spielt er als Kamerun-Deutscher für Borussia Dortmund und wird als 12-Jähriger gefeiert, weil er im Juniorenbereich nach Belieben Tore erzielt. Seine Bilanz in der U-17-Bundesliga steht nach fünf Spielen bei 13 Toren. Wie gesagt, als 12-Jähriger, der sich auch in der germanischen U-16-Nationalmannschaft als Torjäger bejubeln lässt!

Es ist bizarr: Alle tun so, als ob ein 12-Jähriger in der Altersklasse U-17 eine dominierende Rolle spielen könnte. Fragen zu seinem Alter sind offenbar unschicklich. Interessant wäre, zu erfahren, was seine Mit- und Gegenspieler über ein Phänomen denken, das angeblich fünf Jahre jünger ist als sie und ihnen den Ball zwischen den Beinen durchspielt und sie im Strafraum stehen lässt.
Jeder würde Youssoufa Moukoko eine Karriere gönnen. Aber niemand darf überrascht sein, wenn sie frühzeitig endet. Wie jene von Freddy Adu, und wie jene des gefeierten Nii Lamptei, 1991 in Italien mit Ghana U-16-Weltmeister und wie Adu aus Tema stammend. Auch Lamptei machte keine aufsteigende Karriere: Anderlecht, Aston Villa, PSV Eindhoven, Coventry City, Venezia, Unión Santa Fe, Ankaragücü, União Leiria, Greuther Fürth, Shandong Luneng, Al-Nassr, Asante Kotoko and Jomo Cosmos hiessen seine Clubs.

Wer glaubt, Youssoufa Moukoko sei ein Wunderspieler, soll das glauben. Wer denkt, ein 12-Jähriger könne unter 17-Jährigen aufgrund seines aussergewöhnlichen Talents selbst international bestehen, soll so denken. Und wer sich wundert, dass sich in Deutschland fast niemand darüber wundert, wie ein 12-Jähriger auf dem Fussballplatz die Alterslücke von fünf Jahren locker überwindet, wundert sich zu Recht.